Ausgabe 
28.7.1928
 
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Die Alte »lckte:Ja, ja, Dagmar, die Dogge; ja, bas geht! Da zogst ihr neulich auch den Dorn aus ihrer Tatze, wie Androklns dem Löwen! Du kennst doch die Geschichte?"

Sie sah sich um; aber da war Dagmar schon hinausgeschliipft, und die Glocke stand luieber auf dein Tische.Ei ja," sagte die Alte seufzend,da läuft sie mit dem Hunde in die Nacht hinaus, imb ich kann hier im Mond« schein meine lieben Schatten $n mir labe»; wir brauchen keine Lichter!"

Der Nachtschein fiel durch die kleinen Scheiben; mib mitten int Gemache faß die alte Dame tntb sah mit geisterhaften Augen in die Dämmerung: nur mitunter eine leise Handbewegung, als sei es ein Willkommen.

--Dagmar aber war hoch aufatmeitd die Treppe hinabgeflogen; unten in dem großen Flur erhob sich die Dogge und sprang frettdig ihr ent- gegen.Heudan, mein Hund, komm, komm mit mir!" rief sie ängstlich, und das Tier drängte sich an die schmächtige Gestalt, daß sie dem Ungestüm kaum tvehren konnte.

Sie schritten aus einem Hinteren Tore durch einen weiten Hof, an dessen Ende ein Gelaß zur Absonderung bissiger oder netter Hunde war; imb Heu­dan sah verwundert zu dem Mädchen auf, als sie dort eingetreten waren. Dagmar aber schlug daS Herz bis in den HalS hinauf, da sie eine der ledig Hangende» Ketten faßte imb baS Halsband beS Tieres baran befestigte. Es war nur Liebes von bei jungen Hand gewohnt und leckte mit der roten Zunge nach ihr hin; da schlug sie die Arme um seinen rauhen Nacken:O Heudan, ich bin treulos, aber du, du bellst auch gar zu schreckbar!" Und eilig lief sie hinaus und schob den Riegel vor; dann ging sie durch eine Pforte in den Garten, durch Lindengänge und zwischen düsteren Taxus­büschen; da kam vom Hof ein Winseln, und einen Augenblick stand ihr der Atem still; aber sie drückte beide Hände vor die Ohren, und als sie auf den Platz hinaustrat/Ivo die Würzebeete tvaren und wo das volle Mondlicht ihr entgegenquoll, da hörte sie nur noch die Nachtigall, die drüben am Waldesrande schlug. Der Atem ging heftig durch ihre offenen Lippen; sie setzte sich auf die Bank und blickte vor sich auf de» Wipfel der hohen Pap­pel, deren Blätter im Nachthauch sich bewegten. Doch aus den beklomme­nen Atemzügen wurden Worte:Was ivoliteft du hier, Dagmar?" sprach sie leise.Die Nachtigall?" Sie horchte eine Weile, und der Bogel fang, als müsse er einen Preis ersingen aber Dagmar schüttelte das Köpfchen und ihre Lippen flüsterten, indem sie die Hände vor die Auge» schlug:O heilige Jungfrau, wen» du mir hold sei» wolltest!"

Da rauschten neben ihr die dichte» Pappelzweige; und ehe sie es fasse» konnte, schtvang ein Mann sich auf die Mauer und hinab bann in ben Gar­ten. Ein Schrei rang sich aus ihrem Munde, aber sie erstickte ihn; denn schon lag er zu ihren Füßen, jung und schön, und sah mit flehende» Augen zu ihr auf:Seid milde, Fräulein! O, wie hold seid ihr! Ich sah noch nim­mer Euresgleichen!"

Sie sagte nichtsmit kindisch weit geöffneten Augen blickte sie ihn an, erschreckt und doch entzückt, als wollte sie die Worte ihm von ben Lippen lesen. Doch bas Winseln bei Dogge scholl vom Hof herüber burch bie Büsche, imb des Ritters Hand fuhr jäh »ach einem Jagdstahl, der an seinem Gürtel hing.

Aber sie schüttelte nur.leise mit dem Köpfchen, ba ließ er bie halb ge­zogene Waffe wieder fallen.Wer seid Ihr?" fing et.Wollet Ihr mir's sagen?"

Und sie antivortete:Ich bin Dagmar, bes Hauses Tochter; imb wer seid Ihr?"

Er erschrak und wollte schon eine Mär erzählen, lvie er zu ander» Zeiten wohl getan; doch ba er in bieses Kinderantlitz blickte, so komite er es nicht; er sagte nur:Ich, süße Fraue, ich bin ei» selig unseliger Mann, seitbem ich Euch gesehen habe I"

Aber, Herre, bas ist nicht rechte Antwort!"

Da hob er bie Hände bittend zu ihr auf:Berlauget nicht Weiteres; es wär' auf Rimmerwiederkehr!"

So redet nicht!" rief sie hastig; aber ein Zug bet Angst flog dennoch übet das zarte Antlitz, und sie setzte bei:Nur, um der Gottesmutter Lei­den, schlveigt nicht zu lang; es täte mir weh!" Und wie durch körperlichen Schmerz getrieben, drückte sie die Hand auf ihre linke Brust. Da er sorg­voll mit den Augen folgte, sprach sie:Ihr ivisset, das große Sterben, als das ins Land kam... aber"- unterbrach sie sichwo tvaret Ihr denn damals?"

In Paris," sagte er leise, als wolle et den Laut ihrer Stimme nicht verlieren;in Prag dann später, auch dort am Königshof."

Sie sah ihm in sein schönes Antlitz, auf den gestickte» Sammetrock und wie die goldene» Knöpfe im Mondlicht blitzte».So wisset Ihr nichts von uns o herzliebe Mütter! Süße Schwester Heilwig !" tief sie;o meine Brüder alle sind sie gestorben!" Plötzlich ergriff sie seine Hand:Kommt!" tief sie und zog ihn mit sich auf eine kleine Höhe, von wo man seitwärts bei dem Walde in das flache Land hinaussehen konnte. Er glaubte eine Niederung zu gewahren und einzelne Pfähle, durch dunstigen Nebel schim- rnernd, der dort umzog.Dort!" sprach sie kaunt hörbar und geigte mit ansgestreckter Hand dahin.

Er schwieg: er wußte, das sei bet Pestacker, wohin sie gewiesen hatte. Ein Nachthauch kam und hob ihr dunkles Haar ein wenig von dem schmalen Antlitz und wehte das Gewand um ihre» zarten Körper; ihm war auf ein» mal, als sei auch sie uuhaltbat auf der Erde.Wenn dort Eures Blutes einer ruht, so gönnet ihm die Ruhe!" sprach er zitternd.

Doch sie streckte die Arme aus und rief:Mein Sätet! Mein armer Batet! Wir werben nimmermehr vorn Tobe geheilet!"

Das klang hart von Eueren junge» Lippen!" sprach bet Man».

Da wandte sie ihr Haupt und sah bett Schmerz in seinen Auge».Ich wollte Euch nicht leid tun!" sprach sie bittend;nur sagen: von all dem Sterben habe auch ich meinen Teil behalte»!" und sie faßte wieder mit bet Hand nach ihrem Herzendes Königs Arzt, der spanische Jude, ich horte ihn einst zur Base sagen, es fei zu groß, ich könnte einmal so hin­gehen; starkes Leid und Freude könnte ich nicht ertragen. Und bie gute Bas', toiHJie tritt liebtun, so sagt sie, ich hätte weiße Rosen auf den Wangen!"

Ste schwieg, und er antwortete ihr nicht; aber sie sahen sich in die Augen, und drimkeii aus der Tiefe schlug die Nachtigall.Frühling!,,

sprach er leise und öffnete die Arme ihr entgegen. Da lag sie au fehlet Brust, die Auge» geschlossen, bie Hänbe um seinen Hals gestrickt; imb für die Worte, welche ihnen fehlte», sang bie Nachtigall, als müsse ihr bie Brust zerspringe» und nun eilt To», lang ausatmend, ohne Ende.Sie stirbt!" rief Dagmar, warf das Haupt zurück und schaute i» des Mannes Augen.O, kann man auch vor Siebe sterben?" Er aber, in dem Tö­richttun der Minne, hob ihre leichte Last gegen de» Silberschein des Mon- des und küßte ihre Wangen:O meine weißen Rosen! O heilige Jung, frau, beschütze mit mein ganz unfaßlich Glück!"

Da erscholl vom Schlosse her das Klirren einer Pforte, und sie wand sich jäh aus seinen Armen.Scheiden!" tief sie schmerzlich; dann nahm sie seine Hand, doch mit für eines Atemzuges Dauer.Nein, fort! fort! tief sie in Schrecken.C, vergiß nicht mein; ich müßte fterben!"

Sie fühlte einen heißen Kuß auf ihrem Mund; bann rauschte es in den Pappelzweigen, und sie loar allein. Sie staub, als wäre sie nicht lebend; ihre Wagen waren blaß, von ihren Lippen aber schiinmerte es rot: das war die Minne, die dort des andern Paares harrte.O Herzliebe, o seh. »ende Not!" seufzte das Kind und sank auf ihren Sitz.Und wie heißet er den» nun? Er? Er? Und lächelnd antwortete sie sich:Das'weiß ich nicht o heilige Jungfrau!"

Da kamen Schritte nähet, imb ans ben Büschen sprach ein altes Stimm- chen:Nein, nicht borthiu; hier, Grete, hier bei bei» Taxus! O heilige Mutter Gottes!" Und bie Base in ihrem Marderpelz, den Kopf mit einem dicken Tuch vermuimnt, trat mit der alten Grete in den Mondschein hinaus! Kind, Kind, wo bleibst du!" rief sie.Muß deine alte Base dich suchen gehen!"

O Bas', es ist so schön hier!"

lind" die Alte sah sich umdu bist ja ganz allein: wo ist der Hund, der Heudan?"

Der Hund?" sprach Dagmar hastig.Ist der nicht hier?"

Ei, Kind, das mußt du ja doch selber wissen!"

O Bas', bu hättest bie Nachtigall nur hören sollen!" Hub wie gerufen brang bet Vogelschau von neuem aus bet Tiefe, imb bas Monblicht glitzerte auf ben Blättern bet Hülsen und ben Nabel» bes Taxus; von Düften schwamm es in bet Lust. Eine» Augenblick stand die Alte, das Ohr geneigt: Ja, ja; bu heil'get Gott, bas wäre ein Plätzchen für bie Minne hier!" sprach sie mutmelnb vor sich hin.Bot Zeiten; ach, vor langen Zeiten!" Daim aber trieb sie zu rascher Rückkehr in bas Haus, beim ein Abendwinb hob sich und rauschte durch die Wipfel der Bäume.

Dagmar ging mit unhörbaren Schritten, ba sie an bei» Gelaß vorbei­kamen, worin sie Heudan, die Dogge, eingesperrt hatte.Morgen, mein Hund," sprach sie leise gegen die verriegelte Tüt:ich hol dich früh!" Aber der Hand schien zu schlafen; es blieb alles still.

Und bald lag sie in dem schmalen Veilchen in der Kemenate der Base: aus dem großen Himinelbette scholl bald baS gleichmäßige Atmen einer ruhig Schlafenden; von bem jungfräulichen Saget hob sich in bei» zweifelhaften Monblicht noch ein blasses Köpfchen, das schwarze Haar in ein iveißeS Seibennetz gehüllt.O Mutter bet Gnaben," flüsterte bas Kind,ich habe sie beibe belogen, Heudan erst, ben Hunb, und bann bie gute Base l Ach, Heilige, aber wenn man erst so alt ist! Sie verstäuben bas doch beide nicht!" Dann legte sie die Hände übet die junge Brust, und sanft lvie eine Wolke kam bet Schlaf.

Rolf Lembeck wanderte indessen mit langsamen Schritten heimwärts; et wußte wohl, auf Dorniug erwartete ihn auch ein schönes Weib, und sch luar fein mit allen ihre» Wonnen; aber ihn überfiel es, als fürchte er die starken Weibetatme, und ging de» Weg hinab lvie in ein Tal des TodeS,

Durch alle Gefahren aber fand die Minne ihren Weg. Rolf, der Leicht- lebende, wie das schuld- und truglose Kind, sie waren'beide vlötzlich klug geworden und reich au Pläne» und an Listen: denn Minne schärfte ihre Sinne und gab ihnen zum Schild die träumerische Vorsicht, llnb alles fügte sich, als ob es helfen sollte: bie Base hatte bei dein Nachtgang ihren Fluh im Kopf verschlimmert; ben Schloßhauptmann hielt bet König noch in Worbiugborg. Rolf Lembeck zwar erkaufte sich bei seinem Weibe nur durch erzwungene Zärtlichkeit die flüchtige» Stunde» seines echten Miuneglückes; und mitunter, wenn et sie umfangen wollte, setzte sie ihre schöne Faust gegen seine Brust und sah ihm prüfend in die Augen, ob seine Seele auch dabei sei; und so geschah es unteriveilen, daß sie plötzlich seine Arme von sich ivarf und schweigend aus der Tür schritt. llnb als zu Haderslevhuus der Schloßhauptmaim ans Wordingborg heimkam, ba trug ihm wohl die Tochter ei» schweres Herz entgegen, und als er ihr die Wangen strich und frag:Was ist mit meiner Dagmar?" ba schüttelte sie nur ben Kopf unb sah zu Boben unb nicht wie früher in bas geliebte unb gefurchte Ant­litz über ihr; unb zu sich selber sprach sie:O btennenb Leib! Wem soll ich teben, wem soll ich schweigen?" Doch es warb nicht laut; sie schwieg nur für ben fremden Mann, unb ein Weh durchflog sie wie einstmals tu der Pestzeit, als sei sie nicht mehr ihres Vaters Kind; doch war es heute nicht ihres Vaters Schuld. '

So schien die Heimlichkeit geborgen: aber ein Durchblick von eines Sand­korns Umfang konnte sie vertaten. Schon mehrmals hatte Frau Wiist- hild ihre» Schreibet angehalten:Run, Gaspard, wo bleibt bie Puppe? unb et hatte geantwortet:Verzeihet, Frauenwünsche sinb schneller nodi als Mannesarbeit!" Gleichwohl trug er schon etwas in seine» Sinnen: nut wollte er es unreif nicht Herausgebern Er hatte auch einmal vom Wege ans des Schloßhauptniauns Tochter über bie Gartenmauer lehnen sehen; und auch zu ihm hatte bie Dogge, bie mit bett Borbertatzen zwischen den Zinnen stand, das gewaltige Gebell hinabgesandt.Hm, ein Kind noch! hatte er bei sich gemurmelt;ein Kind mit einem Hunde! llnb doch auch bald nicht mehr; wer weiß?"

llnb eines Morgens sprach et zu dem Ritter:Wisset, Herr, drunten m Haderslev hat ei» junger Schmied, der eben aus bem Reich gekommen w, ein neues Schießwerk heimgebracht: es ist ei» eisern Rohr unb wird einem Pulver draus geschossen! So's Euch gefällt, wir könnten etnina hinüberreiten!"

(Fortsetzung folgt.) ___

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrioi. Druck und Verlag: Vrühl'fche Aniverjitäts-Vuch- und Eteindruckerei, A. Lange, Vietzen.