Geheim Zamilieiiblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang {928 Samstag, den 28. April Nummer 34

Von Katzen.

Von Theodor Stör m.

Vergangenen Maitag brachte meine Katze Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen! Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen! Die Köchin aber Köchinnen sind grausam, Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche Die wollte von den Sechsen fünf ertränken, Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen Ermorden wollte dies verruchte Weib.

Ich half ihr heim! Der Himmel segne Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen, Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem Erhabnen Schwanzes über Hof und Herd,' Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah, Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster Probierten sie die allerliebsten Stimmchen. Ich aber, wie ich sie so wachsen sähe, Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen, Und Maitag ist's! Wie soll ich es beschreiben, Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet! Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel, Ein jeder Winkel ist ein Wo- ,enbettchen! Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen, In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen, Die alte gar nein, es ist unaussprechlich, Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette! Und jede, jede von den sieben Katzen Hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen! Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers; Ersäufen will sie alle neunundvierzig!

Mir selber! Ach, mir läuft der Kopf davon D Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren! Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen?

Pe er besucht mich.

Von Sofie v. Ahde.

.. Ich muß doch einen recht zuverlässigen Eindruck machen, daß mir »tc Menschen immer so subtile Dinge anvertrauen wie kleine Kinder und junge Rassehunde. Eine etwas peinliche Auszeichnung und sehr aufregend.

Neulich bringt mir mein guter Freund Karl seinen jungen Schäfer-- 9un& für einen halben Tag, Peter, genannt Mulle. Man muß nur Wen, was das heißt! Peter ist sur ihn das A und das O der Vchvpfung, Peter ist der edelste aller Schäferhunde. Peter ist der zu­künftige Champion Deutschlands, Peter ist das Glück der Welt. Karl not eigentlich von und für Politik, aber er pfeift auf sämtliche Frak- nonen, wenn Peter vor ihm steht, und er läßt den beschwingtesten Leitartikel mitten im Satze liegen und stehen, um Peter die Aase zu E«en oder auch nur, um ihn voll stiller Liebe zu betrachten. Es gibt 'ur Karl überhaupt nichts, was schöner, besser, liebenswerter, voll- ^kskknener wäre als. kein Hundekindchen, und wenn er es kommt nn cm bor ~ km Eifer des Gespräches, versehentlich Peter oder ?"klle zu mir sagt, so denke ich mit erschüttertem Herzen: Gott, ""e der Mann mich schätzt!

& 9t aber auch ein Prachtkerl, schwarz wie der Teufel, mit s.n un$ einer Rute, daß einem Hundekenner das Herz im Leibe m ll1 einem Stammbaum wie ein Merowinger und einem Gemüt wie kSDlo,

®iefe8 Kronjuwel also übergibt mir Karl für einen halben Tag Ntzt.dkner schenkenden Geste, die wahrhaft königlich ist. Daß er dazu- a~er auch anständig, Peterle!", ist nichts weiter als eine k'jnen Heucheleien der Zivilisation, er würde wohl viel lieber wynungen an mich richten, und ich ziehe mir seine aufrichtige

Verachtung zu, als ich geradeaus, wie ich nun mal bin, frage:Ist er aber auch stubenrein?" Es kostet allerhand Mühe, ihn diese Injurie vergessen zu lassen.

Zugleich mit dieser schönen jungen Vollkommenheit übergibt et ,,eine Holzkugel, denn sie muß was zum Spielen haben, einige Taschentücher, denn sie hat kaum die Staupe überstanden und die Aase rinnt, und einige Anweisungen, wie man den Maulkorb so befestigt, daß das zarte Haar hinter den Ohren des künftigen Cham- pions keinen Schaden leidet. Auch werde ich ermahnt, mich ruhig zu verhalten, wenn Peter schläft, denn er braucht noch viel Ruhe.

er-21- £ann Seht Karl höchst ungern. Der Handkuß für mich ist flilchtig, denn er muß Peters schönes Gesicht noch einmal an sich drucken, dann entfernt er sich kummervoll. Dreht sich aber auf der Schwelle noch mal um und fragt stolz:Glaubst btt nicht auch, daß er fabelhaft wird?

Peter tobt als er feinen Vater entschwinden sieht, trotzdem ich voll tiefem Erbarmen meine Arme um ihn schlinge, er springt an der L-iire hoch und rast. Aber plötzlich findet er die frische Anbekümmertheit seiner Jugend zurück, denkt:ich kann's nicht ändern, er wird schon wiederkommen!' und steigt mit rührender Anbebolfenheit auf die ^valselongne; die Hinterbeine muh er ertra nachholen. Aber als er glücklich oben ist, installiert er sich mit viel Selbstverständlichkeit, seufzt und entschlummert. And ich kann sehen, wo ich bleibe. i

2ch schleiche auf Zehenspitzen umher, um das Kind nicht zu Wecken, werfe ab und zu einen Blick auf seine Aase, ob sie nicht rinnt ja, das tut sie, aber ich soll ihn doch nicht stören wärme vorsorglich Milch und komme mir ziemlich wichtig vor als Hüterin dieser Kost- barkeit. Leise wie ein Hauch lasse ich mich neben ihm nieder, um mich den Lkkorpralinen zu widmen, die Karl hinterlassen hat, aber kaum habe iu> die Schachtel in der Hand als Peter, wie von unsichtbarer Saust emporgefchnellt, neben mir sitzt, hellwach, zitternd vor nackter Gier, seine hinreißend schönen Ohren bis zum Himmel gespitzt und seme leuchtenden Augen starr aus das Eßbare gerichtet.

Er hat leider schon etwas von Amgangsformen gehört, denn ohne nach mir hmzublicken, fuchtelt er mir mit seiner großen, undiszipli­nierten Pfote vor dem Gesicht herum, was wohl:ich bitte schön!" v^ven soll. Ich komme in große Bedrängnis, denn Pralines sind wirk- lrch nichts für einen jungen Hund, aber er überhebt mich aller Zweifel, indem er mir mit seiner immer unbeherrschter werdenden Pfote die - ganze Schachtel aus der Hand stößt, so daß bas Glück in alle Winkel des Zimmers fliegt.

Wie ein Blitz rollt Peter von der Chaiselongue herab, und ohne auch nur ein einziges Akal zu kauen, verschlingt er. was er findet mitsamt Staniol und Seidenpapier. Mir wird ganz schwach vor Ent­setzen. Wenn Karl das sähe, daß sein kaum der Staupe entronnener Augapfel Staniol frißt, nicht auszudenken!! Ich werfe mich ihm in den Weg, aber ganz umsonst, er ist von katastrophaler Geschwindigkeit, er schluckt nach rechts und links, und nun hat er noch eines unternt Schrank entdeckt. Eins, zwei, drei verwandelt er sich in einen See­hund, er steckt die Vorderbeine rechts und links vom Körper weg, dehnt die Hinterbeine nach rückwärts und begibt sich flach auf dem Bauch unter den Kasten, fängt dort aber sofort zu weinen an, weil er wahrscheinlich nicht mehr zurück kann. Mir steht das Herz still! Denken Sie doch, der Champion von Deutschland unter meinem Kleiderschrank erstickt!! Die Angst verleiht mir Riesenkräfte, es ge­lingt den Schrank zu heben, und Peter kommt hervor.

Er bleibt ein wenig verstört sitzen, die filbeme Hülle eines Kognak­bonbons noch zwischen den Zähnen, erholt sich aber rasch und will, angeregt von den diversen Schnäpschen, die er zu sich genommen hat, ein Spiel machen. Wir fangen also an, die Holzkugel durchs Zimmer zu rollen, und sausen beide hinterdrein. Der Lärm, den wir erzeugen, begeistert mich, ich schwärme zuweilen für einen frischen, gesunden Krach, und den kann man haben mit Peter. Aach einer Viertelstunde klopft's schon von oben und unten an die Wände Peter, um Gotteswillen, man wird mir kündigen, und ich bin doch eben erst eingezogen! And ich fange den Wildling und putze ihm die Aase, was ihn sofort still und nachdenklich macht.

And dann unternehmen wir einen kleinen Spaziergang. Peter sieht mit dem Maulkorb wie ein mittelalterliches Turnierpferd aus und fühlt sich seelisch durch ihn bedrückt, läßt sich nach­ziehen wie ein Kalb und blickt unentwegt nach der Haus­türe zurück. Aber die herrliche Holzkugel bringt auch hier Leben in die Sache, er wird völlig rasend, segelt den Leuten zwischen die Beine, reimt unter Kinderwagen, fliegt gütiger Gott! haarscharf vor Autos vorbei und wirkt durchaus verkehrsstörend. Aachdem wir uns dergestalt rund um den ganzen Rüdesheimer Platz herum unbe­liebt gemacht haben, gehen wir wieder nach Hause,

Aber kaum in der Stube, fällt ihm der eigentliche Zweck seines Spazierganges ein, den wir alle beide über der faszinierenden Holz-