Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, ®i« e j
in der Tasche hatte, nahm er Fougeres mir in die Oper. Aber Fangöres ßah nichts von dem Ballett, hörte nichts von der Musik; er entwarf Bilder, er rvatte. Noch während der Vorstellung verabschiedete er sich von feinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreißig Bilder voll von Reminiszenzen und hielt sich für ein Genie. , , ,, . . . „ <
Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen j Größen. Brot und Käse stellte er auf den Tisch, füllt« den Krug mit < frischem Wasser und hüuite Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. ! Er hatte einige Modelle und Magus lieh ihm ein paar Gewänder. Rach i zwei Monaten völliger Zurückgezogenheit hatte der Bretone vier Gemache : vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef > Bridau dazu «in. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue . Kopien der Holländischen Landschaften und der Interieurs von Meisu, ivährend bas vierte eine mißratene Rachbildung von Rembrandts Ana- ; romi« sei. — .
„Nichts als Nackzahmungen," sagte Schinner; „Fougeres wird es schwerlich dazu bringen, etwas Eigenes zu geben."
„Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagt« Bridau.
„Was denn?" fragte Fougeres.
„Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau.
Fouqtzres ließ den Kopf hängen wie ein Schaf im Regen. Dennoch ließ er sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an ; seinen Bildern, bevor «r sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm fünfund- , zwanzig Francs für das Stück. FougLres verdiente dabei nichts, verlor aber auch nichts, denn er lebt« sehr anspruchslos.
Wieder nahm er nun feine Spaziergänge auf, nm das Schicksal seiner Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwürdige Halluzination: feine so klar r.nd genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des Eisenblechs und glänzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem grauen Nebel überzogen; sie glichen alten Gemälden. Elias war ausgegangen und fo konnte sich Fougsres keine Eiklärung dieses Phänomens einholen. Er dachte, es müsse eine Täuschung sein. Er kehrt« heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen. . ,,
Rach sieben Jahren unermüdlicher, eifriger Arbeit brachte yongeres es so weit, daß er erträgliche Bilder komponieren und austtchven tonnt«. Er leistete etwas Mittelmäßiges wie viel« andere Maler auch. Elias kaufte und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jährlich mühsam hundert Louis verdient«, während er kaum zwölfhundert Francs verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Vorn, t Schinner und Bridau, die von großem Einfluß waren und an der Spitze der künstle rischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit j und der Armut ihres einstigen Kameraden, daß sie eines ;«lner Bilder j zum großen Salon der Ausstellimg zuließen. Dies Gemälde zeigte einen > jungen Sträfling, dem die .Haare geschoren wurden. Er faß zwischen einem Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, wiibrend em Schreiber ein gestempeltes Schriftstück laß. Unberührt standen aus einem schmutzigen Tisch« Speisen; zwischen den Gitlerstäben eures hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Em Etwas in diesem Bilde muhte die Bürger erschauern lassen — und sie erschauerten. Unverkennbar war Fougeres von Gerard Daus- bekanntem Meisterwerk < beeinflußt worden; er hatte die Gruppe im Gemälde „Die wassersüchtige | Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des flämischen Arztes hatte i er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner kalten Amtsmiene hinge- ■ malt, und dem Mädchen auf dem Bilde Görard Dous ein greises Weib ! zuge elli. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal gleichgültigen - Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert ousgeführt und niemand ■ erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte: „Ro.518. Grassou de szou - gtzres, Pierre, 2. Rue de Ravarin. Toilette eines Nm Jahre 1809 zum Tode , verurteilten Verbrechers." , '
Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das Publikum sammelte sich Tag für Tag vor dem Bilde, das die Sensation von Paris bildete. Auch KarlX. blieb davor stehen. Madame, der man von dem kümmerlichen Dasein des Bretonen erzählt hatte, begeisterte sich für ihn. Der Herzog von Orleans bemühte sich um das Gemälde. Von Prälaten hörte Madame la Dauphine, daß das Bild eine gute Moral enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religiösen Gedanken erfüllt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den Mauersteinen gemalt fei, worin er übrigens irrte, denn Fougeres hatte ; durch grünliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Wände andeuten ’ wollen. Madame erwarb das Bild für tausend Francs und der Dauphin ■ erteilte dem Künstler den Auftrag auf ein zweites, ähnliches. Fougöres, I dessen Baler 1799 für die Sack-e des Königs gefochten hatte, wurde von Kart X. durch Verleihung lies Ehrenkreuzes ausgezeichnet, während Jofef Bridau, der große Künstler, leer ausging. Der Minister des Innern übertrug Fougeres die Ausführung zweier Kirchengemälde. Somit bedeutete diese Ausstellung des Salon für Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und Zukunft. Schöpfer sein, heißt, am langsamen Feuer schmoren; nachahmen, Sas heißt leben!
(Eine Goldquelle hatte sich Gvafsou eröffnet. In seinem skrupellosen Mißbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafür, daß die überwältigende Mehrheit der Unfähigen in unfern Tagen überall das Auskommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen Kampf gegen das wirkliche Talent führt. Fougöres wunderte sich selbst über seinen Erfolg, und feine Bescheidenheit und Schlichtheit liehen Neid und Mißgunst verstummen. Außerdem hatte er alle Grassous, die schon ihr Glück gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene, die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes, den nichts hatte niederwerfen können, begeistert und sagten: „Man muß seinen Willen zur Kunst anertennen! Grafsou hat sein Glück nicht gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum geschunden!" Alle Glück- !
wünsche, die dem Maler dargebmcht wurden, klangen aus in diesem & I ruf: „Der arme Kerl!" Bom Mitleid wird ja ebensoviel MittelmStzigke» \ erhoben, als vom Neid Gröhe und Bedeutung gestürzt. Di« Zeitung hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer Schärfe gespart, aber Fonger« I schluckte sie, ebenso wie di« verbessernden Ratschläge seiner Kameraden'! mit Engelsgeduld hinunter.
Nachdem er sich nun im Besitz von fünfzehntausenü Francs sah, k sauer genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Nm-om [ seine Wohnung und fein Atelier ein und gab sich an das vom DauM k in Auftrag gegebene Gemälde. Auch die vom Ministerium bestell!,n beiden Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, baH der Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Pünktliches des Künstlers aufs höchste überrascht und in Berlegenheit gebracht rourbt, Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glück wohlgefonnen. Grasfon mit der Ablieferung gesäumt, so wäre er wohl infolge der 9ufi,» revolution niemals bezahlt worden.
Mit siebenunddreißig Jahren hatte Fougeres für Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert. Sie blieben zwar gänzlich unbekannt, alter war zufrieden damit und diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum HoiÄ werk gemacht, daß die Künstler die Achseln zuckten. Die Bürger lieblet * ihn. Die Freunde schätzten Fougöres wegen seines biederen und mitsch ( lenden Wesens, wegen seiner Freundlichkeit und Anhänglichkeit. Währet s sie seine Palette mißachteten, achteten sie doch den Mann, der si« M ■ „Ein Jammer, daß Fougeres dem Lasier des Malens verfallen ist,'! sagten die Freunde untereinander.
Trotz seiner Talentlosigkeit war Grasfon ein schätzenswerter Berater,: wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst fein brauchbares Buch; zustandebringen, aber einen guten Blick für die Fehler anderer Werl« haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und der geres ein Unterschied; Grassou war im höchsten Grade empfänglich für bat ‘ Schöne, er roar dankbar dafür und fo kamen seine Ratschläge aus eine» aufrichtigen Empfinden, dem man Wirklich vertrauen durste.
Seit der Julirevolution schickte Fougeres zu jeder Ausstellung eit I Dutzend Bilder, von denen vier oder fünf durch die Jury zugelassen wurden. Der Maler lebte äußerst bescheiden und hielt sich zurBedieimq! nur eine Haushälterin, ©eine einzige Unterhaltung fand er in Besuche« | bei seinen Freunden, int Anschauen von Kunstsammlungen und hin uni > wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie über die Grenzen Front reichs hinausführte. Er beabsichtigte aber, sich demnächst in der Schweiz t neue Anregung zu holen. Unser Künstler war ein durchaus einwandfrei« t Staatsbürger, "der feiner Wehrpflicht genügte, sich zu den Musterwiza . einstellte und seine Steuern ebenso wie sein« Miete mit peinlichster Pimlt lichkeit entrichtete.
Da fein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er feint | Zeit gesunden, an die Liebe zudenken. Dem armen Junggesellen kam « auch gar nicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da n nicht wußte, wie er fein Geld nutzbringend anlegen könne, brachte er je weils die Ersparnisse des Quartals zu feinem Notar Cardot. Als bii Summe auf tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erflil Hypothek an. Der Maler wartete auf bett glücklichen Augenblick, wo jeine | Papiere die imposante Summe von zweitausend Francs Rente abnwi I würden, um sich das otium cum dignitate des Künstlers zu geben urä Bilder zu malen, oh, wirkliche, vollendete Kunstwerke. Sein« Zukoni seinen Traum vom Glück, feiner Hoffnungen Superlativ — wollt ihr qu hören? Mitglied des Instituts werden und die Rosette ber Offiziere Ehrenlegion erwerben. Seit« an Seite mit Schinner und Leon de Lm! sitzen, früher als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welch- Traum! — Welch kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt! ...
Als Fougeres Schritt« auf der Treppe vernahm, fuhr er sich M| das Haar, knöpfte feine flaschengrüne Sammetweste zu und mar nm wenig entsetzt, als er gleich daraus ein Gesicht vor sich sah, das men n i ber Sprache der Ateliers treffend „Melone" nennt. Diese Frucht auf einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehänge Ml gender Berlocks geschmückten Kürbis, dem zwei Steckrüben, die man 1 nur irrtümlichertveise als Seine bezeichnen konnte, zum Gehen dienm Die Melone schnaufte wie ein Walroß. Ein echter Künstler hätte ch hiermit charakteriesierten kleinen Flaschen Händl er unverzüglich vordie si«« gesetzt, mit dem Bedauern, daß er leider kein Gemüse male. Fongern i ober sah sich feine Kundsti-aft erst einmal, ohne ein« Miene zu verzieh«- k an, denn im Vorhemd des Herrn Bervelle prangte ein Diamant «k tausend Talern Wert. Der Blick, den hieraus Fougeres dem Magus i- i warst bedeutete etwa: „Ein feister Brocken!", während Herr Bervelle s k Stirn runzelte. . . mjUI|
Der Ehrenmann führte noch zwei andere Gemüseforten in ■ seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit | mahagonifarbendn Gesicht einer auf unförmigen Füßen stehenden nutz, die nur mit einem Kopf gekrönt und von einem Gürtel eingttchm > war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen. Ihre geschwollen - Hände staken in unvorstellbaren Fausthandschuhen, die einem Korpo r hätten gehören können. Ihren riesigen ^Hut überfluteten J’JK! Straußenfedern und ihre runden massigen Schultern waren mit geschmückt. Dergestalt war die elsenhafie Erscheinung der Kokosnutz. Füße, di« man trefsender als Wurzelklötze bezeichnen würde, quollen Z sechs Wülsten über die Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur m "> I Schuhs hineingekommen?! Man weiß es nicht. J|
Ihr folgte ein junger, grün-gelber Spargel, dessen Heinen I von Schleifchen gehaltene, rübenrote Sodenfrifur ziert«. Sie hatte IP1 ' dürre Arme, einen leidlich weihen Teint, der mit Somme rss-rohen i
sät war, große Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast 9°r Augenbrauen, einen Florentiner Strohhcit, den züchtig zwei von we^ Satinlitzen eingefaßte Rosetten garnierten, die roten Hände der r « | und die Füße der Mutter.
(Schluß folgt.) . I


