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Btückenivmige! Und wieder, wieder, endlos wieder, Gassen mit braunen Manerrr und braunenr Staube. Schwer und oft unmöglich ist es, an einem hinwärts fahrenden Wagen radfahrend vorbei und ihm vorauf zu gelangen, denn der Radkasten streift auf der Seite, auf der man überholen muß, die Mauer, der Kutscher schläft und würde auch, wenn er wachte, das Radglöckchen vor dem Gebimmel der hundert Glocken feines Zugtiers nicht hören. Dann bleibt nichts andres übrig als abzuspringen, auf der andern Seite im Staubstrom, das Rad führend, vorbei- ituö voraufzulaufen.
Kasten- und höhlenartige Häuser schauen mit vorgelegten grünen oder roten Fensterläden über die Mauern herüber. Die Mauern strahlen auf der besonnten Seite Hitze aus. Bald steht das Gestirn so hoch, daß die Mauern keinen Schatten mehr werfen. Es riecht stark und spezifisch nach Staub.
Die Gummiräder rauschen sanft in der Pulverbrüune. Sie tasten nach festem Grunde. Als ob sie ein eignes Pfadfindergehirn hätten. Trotzdem findet sich der Fahrer, über verborgene Karrenrillen gestürzt, da und dort im Staube. Unsre Hände, unsre Gesichter nehmen die braune Farbe des Landes an. Wir überholen Esel, mit riesigen Reisiglasten von Lorbeer für den Backofen quer beladen, es sieht aus, als Hütten die Bündel vier Beine, denn vom Esel sieht man sonst nichts, die Reisigs kehren rechts und links die Mauern — überholen? Ja, endlich, aber vorher heißt es klingeln, schreien, brüllen, bis der vorauftrottende Treiber aufmerksam geworden ist; dann wird das Tier zur Straße quer und also das Bündel parallel zur Straße gestellt, und es gibt mit geschobenen Rädern ein Vorbeikommen.
Endlich harte Lava, köstliche Fahrt aus großen, gut an- und ineinandergefügten Platten. Aber wir find in einer kleinen, lauten Aetnastadt. Una donna in bicicletta! Die Männer stehen auf der Piazza im Schatten und befchauen mit dein dreisten Blick des Südländers die nordische Frau, doppelt verwundert, denn zu ihrer weißen Schönheit gesellt sich ihre Verrücktheit. Die Weiber der Stadt arbeiten. Die Männer stehen auf der Piazza und lassen die Porzellankugeln ihrer Rosenkränze, hart eine auf die andre fallen. Sie stehen da — erstaunlich, daß sie reicht Wurzel schlagen.
In alleir kleinen Orten gehen die öffentlichen Uhren vor.
Ein Junge liegt schlafend rücklings auf der Straße, die Beine in die Fahrbahn hinausgestreckt, den Kops und die in Faulheit gekreuzigten Arme auf dem Gehsteig.
Kirschen werden, in Koppeln zusanrnrengebunden, zürn Preise der kleinsterr Kupfermünze ausgeboten. Ein kleines Mädchen hat einen Laden von fünf Sardinen auf dem Bordstein aufgemacht. Ein Mann verkündet drrrch einen Trompetenstoß, daß er — Süßigkeiten zu verkaufen hat. Der Trinkwafscrhändler (es schwimmen Limonenscyeiben im Wasser) geht mit gleißender Goldkannc umher. Auf einer beschirmten Auslage in der Straße werden „Meerfrüchte" ausgebvten, in einer Schüssel von lebenden Hetz- inrrscheln dreht es und rührt es sich; ab und zrr und hier und dort spritzt ein kleiner Wasserstrahl aus den Muscheln auf. Eine Garküche ist da, die Kutteln bereitet, mir gefällt die stolze Inschrift, die der Händler auf seinen weißlackierten Tisch gentalt hat: „Das Glück soll mir beistehen, und der Neid soll krepieren."
Ein Mann ruft feine schäbigen Kirschen mtS, eine Handvoll für zwei Kupfer, und behauptet, sie feien „besser als Erdbeeren".
Wir finden einen gefchickien Schmied, der einen Radschaden ausbessert. Wahlaufrufe, das Faszistenzeichen und der Mussoliniknopf (der die „volonta“ ausdrücken soll) tausendfach auf die Mauern gemalt. Die fchwarze Farbe ist beim Schablonieren abgelaufen, mrd Mussolini scheint Tinte zu weinen. Aber auch andre Ausmalungen, Anschreibungen gibt cs, verschmähte Liebhaber tun da und dort ztt wissen, daß dieses und jenes Mädchen „schlecht" sei: Cattiva Elvira Reri, Maria Sabattini.
Mit absteigender Somce kommen wir in ein Dorf, ein malerisches, doch architekturstarkes Gewirre von braunen und schwarzen Häusern wie oberirdischen Höhlen. Die Frau stürzt mitten im Dorf über eine verschüttete Spur (auch das Radgehirn scheint müde zu werden) und verletzt sich. Während der Ruhepause, welche die Verstauchung erfordert, wird der Marktplatz aus Rache aquarelliert. Dann trinken wir in einem Hausloch, in dem — eS hat nur eine Kammer — ein Efel, das Schwein und die Hühner mit bett Menschen wohnen, aus klobigen Totschlägerglafern dickflüssige Weintinte. Man hat schon lange einmal austreten wollen, aber zwischen den schnurgeraden Gassenmanern fand sich nirgendwo ein einsamer Winkel. Wir fragen — die Frau fragt — die Wirtin. Sie weist in Dorf und Land hinaus. Aber nein, wir sind nicht solch öffentliche „politische" Menschen — nun also, sie schließt, verwundert über soviel Verzärtelung, einen Fruchtgarten auf, mag man sich „bedienen".
Allmählich rückt der Aetna von der Rechten in den Rücken. Die ausgesprochen vulkanische, braune und schwarze Landschaft verschwindet. Auch die Mauern fallen mt§, sogar ein paar offene Gerstenfelder find da, die Wachtel schlägt darin. Ihr Name Qnaglia ist fast wie ihr Schlag.
Große, belsernd-angreiferifche, doch feige Hunde streifen umher.
Wieder Lavapflaster, denn eine Stadt kündet sich an mit Vororthäusern überfüllten Straßenbahnen, toll-schnellen Fuhrwerken. — Una donna in bicicletta! Sono pazzi questi! Tedeschi! Catania. Eine schöne Stadt mit schwarzen Lavahäusern, schimmernden Marmorbrunnen, ruinenhaften Kirchen — ich finde in San Nicolo mit den Riesensäulen der Front, die nur als halbe Stümpfe dastehen, ein prächtiges Beispiel von „Architektur, die nicht gebaut wurde". Wir schlafen nun im Hotel an der Piazza beim Rauschen des Stadtbrunncus köstlich müde, herrlich erschöpft ein.
Wir haben im Speifchaus, zur größern Ehre Deutschlands, viel Geld ausgegeben, dieses Volk soll nicht glauben, daß „questi Tedeschi“, die auf Fahrrädern ankommen, arme Teufel sind.
Später in andrer Gegend, wo der Stanb, vorn Kalkgebirge blendend weiß, feinster Schnee ist, und wo es seiner nicht weniger gibt als jenes braunen, während wir in glühenden Vormittagsstunden die Räder einen Berg hinaufschieben, finden wir unter Steineichen eine mit großer architektonischer Kunst gefaßte Quelle und eine Tafel, die in prächtiger monumentaler römischer Majuskelinschrift das von heiterer Weltwollust gedichtete Distichon trägt: , .....
Praebet aquam fons, arbor amieam sufficit umbram.
Quod cupias ultra, lasse viator? Babes?
Wasser spendet die Quelle und freundlichen Schatten der Eichbaum. Müder Wandrer, was du mehr wünschst, besitzest dir das?
Ich werfe einen Blick auf eine im Schatten einer Hauswand sitzende „,id io eifrig nahen.de Frau, daß sie uns, die wir unhörbar im dämpfenden Staub fahren, nicht gewahr wird. Sie gehört wohl zn den schönste!,, die man gesehen hat. Sie beißt gerade einen Faden ab.
Und bald sehen wir, selbst wieder unbemerkt, eine junge Frau ihrem Wanne, der ein ganzes Schwein am Feuer brät und mit schmierigen kehligen Händen dasteht, den Schweiß vom Gesicht trocknen; aber im Handtuch steckt eine Nähnadel... ! Und ich rufe: „Eine Nähnadel!" Man sieht sie, man nimmt sie heraus, man sieht uns, man bedankt sich lächelnd — svir sind fort.
Nachtigallen in kleinen Wasserrissen und Fiumaren, Nachtigallen hin #nb wieder und immer.
Lockerer wird die Folge der Ortschaften. Wir fahren durch Haine von Mronen, nur Zitronen. Die Ernte ist im Gang (im Mai). Auf den Land- Mßen verkehren die hochbeladenen knatternden Erntekarren. Ueberall liegen die Früchte im Staube der Straße. Man stopft die Taschen, aber sm Ende ist der Durst nicht damit zufrieden, nur mit Zitronensäure gelöscht zu werden.
Die Küste stößt phantastisch mit gelben Kaps (im Abendschein, rote fabelhafte Burgruinen stehen darauf) ins blaue Meer. Immer wieder ei» neues Kap und dm,eben ein Ausstieg der Straße über den Rücken des Kaps, die Orangen duften betäubend, man wird trunken von diesem süßen- Kedüft. Man winkt Wein, dick und schwarz wie Tinte. Man ist glücklich.
Zickzacklinig wie starrgewordene Blitze hangen an den Bergen die Straßen, die zu den Passt drinnen und hoch im Lande führen.
Es^wird Nacht. In stillen Buchten zwischen Hartgesteinkaps, denen aber Sturm und Brandung scharf zufetzten, laufen vom Meere heinr- kehrende Boote auf den Kies. Der Mond kommt herauf. Wir biegen um eine Bergnase — da, hoch oben, ganz unwahrscheinlich, unbegreiflich hoch in der Luft ein rotes Feuer! Was kann es sein? Der Aetna! Das Spitzen- feuer des Aetnas! Die Flamme schlägt aus dein Kamin dieses Hochofens der Natur! Wir stehen, neben den Rädern, in Mondschein und Orangendust, vor diesem Naturwesen überwältigt da...
Der Aetna steht in geisterhaftem Lichte. Der untere Teil verschwimmt in einem weißen Dunst, der den Bergfuß tilgt, über der weißen Schicht wie von ihr als einer neuen Weltebeile aus und nicht zu der unsern gehörig, erhebt sich der ungeheure Berg. Wo gibt es Größeres in der Natur? Das starke warmrote Feuer loht in der Mondnacht auf der Spitze auf, sinkt zurück und loht wieder auf wie das Feuer aus den Besseineröfen unsrer stahlgießenden Werke ...
Eine Unterkunft gibt es nur oben auf dem Berglande, ivohin eine Blitz-Zickzack-Straße führt. Aber wir sind so erschöpft von. Fahren im ermüdenden Staube, daß wir auf dem nackten rissigen Boden eines Oel- baumhains bei den laut geigenden Zikaden zur Ruhe gehen.
Es geigt und zirpt. Das kleine Raubzeug geht um. Die Nacht wird weiß und kalt.
Die Sonne erscheint über dem östlicher, Meere. Immer wieder ist es seltsam und fast unbegreiflich, daß die Soui,e, die eben — denn der Erschöpfte schlagt wie ein Stock — hinter deinem Rücken nnterging, vor deiner Nase aufgeht.
Frühstück: Hartes Brot aus dem Sack, Pferdekäse und Zitrone!,, und bei guter Stunde die Fahrt des neuen Tages. Es ist- schon ein Wunder, dieses Gesperre von ein paar eisernen Röhren und zwei Rädern daran, das Fahrrad! Wie lange hat diese Erfindung gebraucht, um zu werden, wie lange ivährte es, ehe man die Erfahrung, daß drehende Scheiben die Tendenz der Erhaltung der Drehbewegung in ihrer Ebene haben, aufrecht also dem Umfallen entgegenwirken, zu diefem Meisterwerk von Maschine zu gestalten wußte! Und dann wurde der antike Flügelschinh Wirklichkeit! Denn der Radfahrer gehört zu den Fußgängern; er fügt sich ein Eifengestänge an den Fuß und verfünffacht seine Geschwindigkeit.
Wir fahren bei guter Stunde und in guter Saune am heerrlichsten Morgen weiter. Der Aetna, heute bis zum Fuß entkleidet und also dieser Welt gehörig, steht breit im Lande und am Meer. Auf dieser unsrer Nord- jeite liegt fein Kops im Schnee, der seidig glänzt. Ein gemütliches Rauch- söhnchen fommt aus feinem Kamin.
Wir fahren bei ein wenig Gegenwind, was tut’S! Das Gebirge hört auf (bet Aetna hat es an seinem Ort im Aufsteigen zerstört), ich verspreche für heute gute Straße, denn wir werden über den breit- und flachbreiigen Bergsuß fahren, über Lavaströme, alte und junge, aber alle werden sie hart sein, hart, wie Lava nur ist. (Gut, daß man nicht für jedes leichtsinnige Versprechen zur Verantwortung gezogen werden kann!)
Wir kreuzen wohl noch einige trockene Fiumaren, schottet- und kiesvolle Betten, die Brücken find vom letzten Ftühlingswasser zerstört, man trapst durch den knirschenden Kies — aber wo bleibt die Lava? O höchst fürchterlicher Weg! Zwar haben wir jetzt Mitwind, aber es geht stundenlang zwischen ©attenmauern hin, Mauern aus porigem Klingstein, womit alle diese Limonen-, Orangen-, Mispel-, Granatbaumgärten und -gütet eingefaßt sind. Marmorschildchen neben den wackligen Toren verkünden jedesmal, wessen proprietä das ist. Und bet Staub! Der Staub! Die Lava ist von den Hunderten von Limonenkarren, denen wir heute begegnen, und von den Zehntausenden dieses Geschlechts zerpflügt, zerfahren, zerkrümelt. Schuhhoch liegt der Staub. Die Kutscher der Karren schlafen unter bet zum Mittag steigenden Sonne auf ihren gelben Lasten. Die Maultiere suchen sich selbst den günstigen Weg im Bett des Staubstroms. Sie torkeln hin und her zwischen den Wagengabeln und mit diesen zwischen ben Gasscnmcmern. Oft müssen wir uns au eine Wand drücken, der auf lein Können stolze Radfahrer steigt nicht ab, er pirscht sich langsam an die Mauer heran und bremst mit der Hand an der Mauer das Rad, aber er beriefst die Hand an den harten, spitzig vorstehenden Mineralien dieses Vulkangestems. Die Landschaft — ioenu man in diesen Gassenschächten bon Landschaft sprechen kann — ist mittagsstill, nur daS Knattern der üsagen ist zu hören und das Gebimmel voit hundert und tausend Glöckchen, wovon die Maultiere Rosenkränze auf langen, Meuternden Lederriemen üagen. Manche Maultiere scheuen vor ben ihnen wie den Menschen gleich unbekannten und wunderlichen Radfahrern. Auf einer über eine Finmare Renben, nicht zerstörten Steinbrücke drängt mich die Deichsel eines wesahrts mibet die Brückenwange — Sprung aus dein Ledetsattel auf bie


