SiehenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Samstag,-en 2t. Juli Nummer 58
Mittagszauber.
Von Hermann ß i n g g.
Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle Auf Tal und Höh' in Stille sich gebreitet, Man hört nur, wie der Specht im Tannicht schreite^ Und wie durch Tobel rauscht die Sägemühle.
Und schneller fließt der Bach, als such' er Kühle, Die Blume schaut ihm durstig nach und spreitet Die Blätter sehnend aus, und trunken gleitet Der Schmetterling vom seidnen Blütenpfühle.
Am User sucht der Fährmann sich im Nachen Aus Weidenlaub ein Sonnendach zu zimmern Und sieht ins Wasser, was die Wolken machen.
Iekt ist die Zeit, wo oft im Schilf ein Wimmern Den Fischer weckt: der Jäger hört ein Lachen, Und golden sieht der Hirt die Felsen schimmern.
Die Ehrung.
Von Julius Kreis.
Der Bürgermeister Simon Moosrieder hielt ängstlich — verlegen — ratlos ein Schreibats in den großen, braunen Händen.
Es kam nicht vom Bezirksamt, nicht von der Finanz, nicht vom Bauamt, nicht vom Bezirkstierarzt — es kam von ganz „G'spassigen", von Leuten, mit denen die Gemeinde Egertsham noch nie was zu tun gehabt hat — überhaupt's...
Der Simmerl hielt das Schreiben, als wäre eine Pulverladung für den Böller darin und die Zündschnur brennt schon. — Solchen« Bluats- g'schichten!
Da schrieb ein Künstlerverein aus der Stadt einen so haarigen Brief!
Der Moosrieder rückte die Brille auf die Nasenspitze, hielt das Schreibats weit von sich und las zum drittenmal.
Die schrieben: Daß die Gemeinde Egertsham einen ganz großen gottbegnadeten Künstler geboren hätt', nämlich, der wo leinen fuchzigsten Geburtstag feiert — aber draußt in Egertsham — in der Stille will er es feiern, in der Heimat, wo ihn geboren hat, und dieser Künstler war der Professor Georg Bachwieser, und die Gemeinde Egertsham soll ihm am Vorabend — da tarn’ er nämlich nach Egertsham — eine sinnige Ehrung bereiten, indem daß der kleine Ort Egertsham stolz auf seinen großen Sohn sein könnte. So deutschte es der Moosrieder dem Beigeordneten Jakob Lohrer aus, der aufmerksam die Hand an seinen halbtauben Luser hielt. Der Moosrieder legte das Schreiben vorsichtig auf den Tisch und strich es mit der Hand glatt.
„Vostehst mi, Jackl! — O'feiern soll'» ma an Bachwiesergirgl! Emp- fanga! A sinnige Ehrung — steht do!"
„A — woos?"
„A Ehrung — a Eehrung! Vostehst!"
„Wia?"
„A Eeeehrung halt, wia ma's epper bei a Priminz hat oder so ..."
Der Lohrer schüttelt bedächtig den Kops. „Da Bachwiesergirgl Hot do koa Priminz, Simmerl, der Hot do net auf seine alten Tag auf Geischtli schtudiert — er is do a Maler."
„Rindviech! Aber sein fuchzigsten Geburtstag hat er und da schreibn s' aus der Stadt, daß 'n Gunoa o'feiern soll, bal er kimmt!" —
„A so!" sagte der Lohrer und schwieg und leckte an seiner zerblätterten Zigarre.
„Na, feiern ma'n holt o, an Girgl!" —
„Wia dös na?" fragte der Bürgermeister.
„Sauf' ma' halt und stell' nut’ eahm a Trumm Haxn hi! — Dösell Han i degerscht no nia net g'hört, daß ma' an Maler o'feiert. An Girgl!" , „San ma* mit eahm in d' Schul ganga! — G'schpassige Einfäll' Ham i’ da scho in da Stod drinna! — Pfüa God, ©immer."
Der Bürgermeister Moosrieder setzte sich ins Ofenbankeck und zündete die Pseife an. — Blieb nichts anderes über! —
„Ma' mag fi dengerscht net in der Stadt o’schaug'n lass’n, als kam s ms drauf o. — Aber gschpassig war das schon.
Wo der Girgl doch vom Bachwieserhäusl war und Überhaupts ... Wenn er wenigstens ein geistlicher Herr wor'n wär — Dechant oder Prälat.
No, Professor — dös is a nix Schiachs! — Freilich, freilich: geworden is As dem Girgl schon was!
. Aber er war halt eigentlich doch ein Maler — net — und was brauchts »° a O’feiern! -
«o, feiern ma holt o." —
„Eine sinnige Ehrung!" wiederholte der Moosrieder das unheimliche Wort für sich, und er brummte eine sinnige Einladung an den Künstlerverein hinterdrein, der auf „solchane Danz" kam.
Der Professor Georg Bachwieser hatte nicht weit außerhalb seines Heimatdörfl's ein kleines Häusl. Wenn ihm die Stadt verdroß, wenn er ausruhen wollte oder auch besondere Sammlung zum Schaffen brauchte, zog er sich dorthin zurück. Er war nicht für ßärm und Getu. Nicht im Leben, nicht in der Kunst. — Wo er als Bauernbub die Geißen gehütet und Kartoffeln geharkt, da war ihm heut noch wohl. Er kannte Sie Menschen aus seiner Jugend, die fern von Stadt und Welt einem sauberen Bauerntagwerk nachgingen. Sie ließen ihn gelten — er sie. — Er war daheim. —
Behaglich saß er auf dem breiten Ledersosa und rauchte. Draußen fiel früh der Winternachmittag ein. Nach zweistündiger Bahnfahrt und drei Marschstunden durch den Schnee tat ihm die Wärme und Ruhe wohl. Er war vor seinem Geburtstag aus der Stadt geflüchtet. — Freilich, gefreut hatten ihn die herzlichen und begeisterten Aufsätze und Glückwünsche der Presse, die Briefe der Verehrer schon. — Aber jetzt wollte er Ruhe davon haben. Es war genug.
Die Tür geht auf und herein sichert der Moosrieder.
Er stampfte den Schnee von den Stiefeln und sagte: „Grüaß God, Girgl. — Bist wieder da."
„Grüaß di, ©immer", sagt der Maler und bietet dem Besuch die Hand. — „Hock di zuawa!" —
Der ©immer setzt sich in die freie Sofaecke.
„An schiach’n Winter hot’s Heuer!"
„Wohl, wohl!"
,,D' Has'n tömman bis an d' Kuchltür ..
„Magst an Zigahr, ©immer?"
„Geltsgott, Girgl!"
Der ©immer beiß das ©pitzl ab und spuckt es in die Stube.
Dann qualmen beide Mannsbilder und schweigen.
Nach einer Weile klopft der ©immer dem Girgl auf den Schenkel. „A so geht's Girgl."
„Ja, so geht's, ©immer."
Schweigen.
Die Tür geht auf. Herein kommt der Lohrer Jackl. — Griiaßt, setzt sich ins andere Sofaeck — — raucht. —
Der Maler sagt: „Ja, jetzt Hot ma die best Zeit zum Hoa'gartn." „Wohl, wohl!"
Der Lohrer Jackl klopft die Tabakasche aus, stochert umständlich in seinem Kloben und sagt bann: „Ja, Girgl — a so geht's!" —
Und herein kommt der Kramer und legt nach der Begrüßung ein halb Dutzend Heringe, in fettes Zeitungspapier gewickelt, auf den Tisch. —-
Der Kramer ist kein Mann vieler und großer Worte. Er nimmt vom Girgl eine Zigarre und dampft. —
„Kalt is halt jetzt zum Roas'n! Kalt!" sagt er, um die Unterhaltung zu beleben.
Der Dialer kennt sich nicht recht aus. Soviel Besuch — die Häringe —?
Indes geht die Tür auf, und der Wirt kommt herein und hinter ihm der Dienstbub mit einem Zwanzgerfaßl. Der stellt’s ins Eck auf den Hocker und zapft es an. — Dann langt der Wirt einen Kranz Dick- g'selchtes aus der Brusttasche und legt sie auf den Tisch. — Der Wirt ist der Gesprächigste, der hot a Mäuil, sagen sie von ihm.
Und der Wirt sagt es dem Girgl:
Indem, daß er also da ist, nämlich, indem er fünfzig Jahr wird — und ein Sohn der Gemeinde ... Der Wirt fällt in der hochdeutschen Sprache wie auf einer Straße voll Löcher und Rinnen im Stockfinster», und weil er eigentlich gar nicht einsieht, warum er vor dem Vachwiefer- girgt sich da Mäuilzerreißen soll — — er sagt es lieber pfeilgrad:
„O'feiern soll ma' di, Girgl."
Der Maler begreift — schmunzelt — nicht.
„Hätt's nit braucht, Manner!" —
Schweigen. x
Der Dienstbub bringt fünf volle Maßtrüge und verschwindet. —«
Man trinkt und raucht.
Allmählich kommt zwischen den vier Gemeinderäten ein Diskurs H1 De'? Maler hört Bruchstücke daraus.--„Freili, freist", sagt der
Lohrer: A Grob muaß eahm d' Gmoa dengerscht scho geb'» — a Grob kriagt er. Des hot er vodeant, der Girgl!" —
Und -er Kramer: „I man an der Mauer, sell neben dem Dechant (eins fein ..
Der Wirt fährt dem Kramer in die Rede. Die zwei mögen sich nicht.
„RindviechI Do is dich koa Platz mehr für <t Grob! Ueberharrpts g’hört dös an Eingang hi, wo ma’s fiagtr —
Der Kramer: „Du mit dein Ei'gang! An d* Mauer g'hörts. Der Dechant —"


