Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1928 Dienstag, den 2l. Hebruar Nummer }5
Tanzlied.
Von Gustav Falke. Lachendes Kind, drolliges Kind, Blitzblick und Grübchen in Wangen, Nur einen Walzer noch. Nicht zu geschwind. Seliges Wiegen so, la la la, la la la. Will es im Himmel nicht besser verlangen. Munter im Kreise. Bald sind verstummt Brummbaß und Fiedel und Flöten. Eh' uns der Werkeltag wieder umsummt, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la. Warum unschuldige Höflichkeit töten.
Mutter, bevor sie den Vater nahm, Hat es nicht anders getrieben. Wenn nach der Arbeit der Sonntag kam. Ach, einen Walzer nur, la la la, la la la, Und nun sollt' es die Tochter nicht lieben?
Taschen voll Lebenslust, Geld grab genug. Gilt noch ein Zaudern, ein Fragen?
Fangen wir heute die Freuden im Flug, Nur einen Walzer noch, la la la, la la la, Morgen heißt's wieder sich placken und plagen.
Das Römische Karneval.
Bon S. W. v. Goethe.
Die nachfolgenden Abschnitte sind der klassischen Schilderung des Faschings in Rom durch Goethe im zweiten Teil der „Italienischen Reise" entnommen.
Das Römische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Straße beschränkt und bestimmt die öffentliche Feierlichkeit dieser Tage. 2ln jedem andern Platz würde es ein ander Fest sein: und wir haben daher vor allen Dingen den Korso selbst zu beschreiben.
Er führt den Ramen wie mehrere lange Straßen italienischer Städte von dem Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend schließt und womit an andern Orten anders Feierlichkeiten, als das Fest eines Schutzpatrons, ein Kirchweihfest, geendigt werden.
Die Straße geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den Venezianischen Palast. Sie ist ungefähr viertehalbtausend Schritte lang und von hohen, meistenteils prächtigen Gebäuden eingefaßt. Ihre Breite ist gegen ihre Länge und gegen die Höhe der Gebäude nicht verhältnismäßig. Rn beiden Seiten nehmen Pflastererhöhungen für die Fußgänger ungefähr sechs bis acht Fuß weg. Sn der Mitte bleibt für die Wagen an den meisteir Orten nur der Raum von zwölf bis vierzehn Schritten, und man sieht also leicht, daß höchstens drei Fuhrwerke sich in dieser Breite nebeneinander bewegen können.
Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste Grenze dieser Straße: der Venezianische Palast die obere.
So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.
Sn diesem Augenblicke legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Sahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine Bedächtigkeit auf einmal ab.
Die Plasterer, die bis zum letzten Augenblicke gekläppert haben, packen ihr Werkzeug au? und machen der Arbeit scherzend ein Ende. Alle Ballone, alle Fenster werden nach und nach mit Teppichen behängt, auf den Pflastererhöhungen zu beiden Seiten der Straße werden Stühle herausgesetzt, die geringem Hausbewohner, alle Kinder sind auf der Straße, die nun aufhört, eine Straße zu fein; sie gleicht vielmehr einem großen Festsaal, einer ungeheuren ausge- fchmückten Galerie.
Denn wie alle Fenster mit Teppichen behängt sind, so stehen auch alle Gerüste mit alten gewirkten Tapeten beschlagen: die vielen Stühle vermehren den Begriff von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert selten, daß man ohne Dach sei.
Dun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Sunge Männer, geputzt, in Festtagskleidern der Weiber aus der untersten Klasse, mit entblößtem Dusen und frecher Selbstgenügsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen. Sie liebkosen die ihnen begegnenden Männer, tun gemein und vertraut mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder An art eingeben.
Wir erinnern uns unter andern eines jungen Menschen, der di« Rolle einer leidenschaftlichen, zanksüchtigen und auf keine Weif« zu beruhigenden Frau vortrefflich spielte und so sich den ganzen Korso hinab zankte, jedem etwas anhängte, indes seine Begleiter sich alle Mühe zu geben schienen, ihn zu besänftigen.
Da die Frauen ebensoviel - Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die Männer, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie die beliebte Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und man muß bekennen, daß es ihnen gelingt, In dieser Zwittergestalt oft höchst reizend zu sein.
Mit schnellen Schritten, deklamierend wie vor Gericht, drängt sich ein Advokat durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt maskierte und unmaskierte Spaziergänger an, droht einem jeden mit einem Prozeß, macht bald jenem eine lange Geschichtserzählung von lächerlichen Verbrechen, die er begangen haben soll; bald diesem eine genaue Spezifikation seiner Schulden. Die Frauen schilt er wegen ihrer Cicisbeen, die Mädchen wegen ihrer Liebhaber; er beruft sich auf ein Buch, das er bei sich führt, produziert Dokumente, und das alles mit einer durchdringenden Stimme und geläufigen Zunge. Er sucht jedermann zu beschämen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er höre auf, so fängt er erst recht an; denkt man, er gehe weg. so kehrt er um; auf den einen geht er gerade los und spricht ihn nicht an, er packt einen andern, der schon vorbei ist; kommt nun gar ein Mitbruder ihm entgegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad.
Besonders suchen und wissen die Mädchen und Frauen sich in dieser Zeit nach ihrer Art lustig zu machen. Sede sucht nur, aufl dem Hause zu kommen, sich, auf welche Art es sei, zu vermummen, und weil die wenigsten in dem Fall sind, viel Geld aufwenden zu können, so sind sie erfinderisch genug, allerlei Arten auszudenken, wie sie sich mehr verstecken als zieren.
Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen; schöne Haare werden vorzüglich dazu erfordert; dann eine ganz weiße Gesichtsmaske, ein irdenes Töpfchen oder Fläschchen an einem farbigen Bande, ein Stab und ein Hut in der Hand. Sie treten mit demütiger Gebärde unter dis Fenster und vor jeden hin und empfangen statt Almosen Zuckerwerk, Düsse und was man ihnen sonst Artiges geben mag.
Andere machen sich es noch bequemer, hüllen sich in Pelze oder erscheinen in einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie gehen meistenteils ohne Männer und führen als Off- und Defensiv» wafse ein Bestachen aus der Blüte eines Rohrs gebunden, womit sie teils die Aeberlästigen abwehren, teils auch, mutwillig genug. Bekannten und Anbekannten, die ihnen ohne Masken entgegen» kommen, im Gesicht herumfahren.
Man Werse nun einen Blick über die lange und schmale Straß«, wo von allen Balkonen und aus allen Fenstern über lang herab» hängende bunte Teppiche gedrängte Zuschauer auf die mit Zu» sch auern an gefüllten Gerüste, aus die langen Reihen besetzter Stühle an beiden Seiten der Straße herunterschauen. Zwei Reihen Kutschen bewegen sich langsam in dem Mittlern Raum, und der Platz, den allenfalls eine dritte Kutsche einnehmen könnte, ist ganz mit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin und wieder gehen, soirdern sich hin und wieder schieben. Da die Kutschen, solang' als es nut möglich ist, sich immer ein wenig voneinander abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren, so wagen sich viele der Fußgänger, um nur einigermaßen Luft zu schöpfen, aus dem Gedränge der Mitte zwischen die Räder des vorausfahrenden und die Deichsel und Pferde des nachfahrenden Wagens, und je größer die Gefahr und Beschwerlichkeit der Fußgänger wird, desto mehr scheint ihre Laune und Kühnheit zu steigen.
Da die meisten Fußgänger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen sich bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Räder und Achsen sorgfältig vermeiden, so lassen sie gewöhnlich mehr Platz zwischen sich und den Wagen, als nötig ist; wer nun mit der langsamen Masse sich fortzubewegen nicht länger ausstehen mag und Mut hat, zwischen den Rädern und Fußgängern, zwischen der Gefahr und dem, der sich davor fürchtet, durchzuschlüpfen, der kann in kurzer Zeit einen großen Weg zurücklegen, bis er sich wieder durch ein anderes Hindernis aufgehalten sieht.
Wahrscheinlich hat einmal zufällig eine Schöne ihren vorbeigehenden guten Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu machen, mit verzuckerten Körnern (wirklichem Konfetti) angeworfen, da denn nichts natürlicher ist, als daß der Getroffene sich umkehre und die lose Freundin entdecke; dieses ist nun ein allgemeiner Gebrauch, und man sieht oft nach einem Wurfe ein paar freundliche Gesichter


