Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. - Druck und Berta«: Brühl',che Universitäts-Buch. und Steindruckerei. A. Lange. Gieße"-
Die Abnagung der Küsten scheint verhältnismäßig noch schneller vor sich zu gehen, als man im allgemeinen annimmt. Friedrich berichtete Zu Anfang dieses Jahrhunderts, daß ein großer Steinblock am Bröthener Ufer bei Travemünde, der im Jahre 1880 nachweislich im Steilufer zuerst vom Wasser bloßgelegt wurde, einige zwanzig Jahre später schm siebenundzwanzig Meter vom Steilabfall und fünfzehn Meter vom User entfernt mitten im Meere lag. Ein anderer Stein in der Nähe, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts am Strande lag und von badenden Kindern zur Kleiderablage benutzt wurde, befand sich einige fünfzig Jahre spater bereits in vierzig Meter Entfernung im Meer, so daß hier olljähr- lich im Durchschnitt ein Meter Küste dem Meer zum Opfer gefallen sein muß. Trotz allen Vorsichtsmaßregeln kann dieser Vernichtungsprozeß nur aufgehalten, aber nicht verhindert werden. Die Zeit wird z. B. wohl kam sehr fern sein, wo die heutige Insel Usedom, die übrigens schon im Anfang des 14. Jahrhunderts ihren ganzen einstigen Nordwestgau in einer riesigen Sturmflut am Allerheiligentage an das Meer verloren hat, in Zwei Teile zerrissen ist. Westlich Coserow ist schon zweimal in großen Sturmfluten die Ostsee durch die schmale Landbrücke ins nahe Achterwasser der Peene hindurchgebrochen, am 13. November 1872 und in der Silvesternacht 1904. Angestrengte menschliche Arbeit hat die Durchbruchsstelle wieder verstopft, aber in etwa hundert Jahren mag sie in neuen Nuten doch so groß geworden sein, daß sie sich nicht mehr flicken läßt und zu einer dauernden Erscheinung wird. Eine heftig bedrohte Stelle bei starkem Nordoststurm, der glücklicherweise nur selten vorkommt, i[l auch die sog. Schabe, jene langgestreckte, schmale Landenge, die den Nar- den der Insel Rügen mit der Hauptinsel zusammenhält ... Die heutigen Nordseeinseln Borkum, Memmert, Juist und Norderney, bildeten ehemals eine einzige zusammenhängende Insel, bis die riesige Sturmflut vom 3. November 1170 sie in mehrere Teile auseinandersprengte. Aehnlich waren die ostfriesischen Inseln Nordstrand und Pellworm samt den hob ligen, Südfall und Hamburger Hallig, ehedem zu einer einzigen 9n[cl vereinigt, die ihrerseits sogar anscheinend — nach den Berichten der Thro- niken — bis zum Jahre 1240 als Halbinsel mit dein Festland zusammen- hing. Das im Jahre 1240 zur Insel gewordene Nordstrand wurde dann schon einmal in der großen Meeresflut vom 16. Januar 1362 äußerst hart mitgenommen: sein Hafen, das reichste Marschendorf der friesischen 3J1 feln, Rungholt, an der Stelle der jetzigen Hallig Südfall gelegen, wurde damals vom Meer verschlungen. Noch grauenhafter aber spielte die ungeheure Flut vom 11. Oktober 1634, eine der schwersten in der Geschichte der Nordsee, der Insel mit; diese mrurde in vier Teile auseinandergerissen uni die größere Hälfte von ihr ganz vom Meer hinweggespült. Die letzte, besonders folgenschwere Zerreißung einer deutschen Insel von Dauer ereignete sich am Silvestertage 1720 auf Helgoland. Bis zu jenem Tage hrug die aus rotem Sandstein bestehende Hauptinsel, mit der heuW" um eine halbe Ruderstunde entfernten Düne durch das sog. Weiße W! zusammen. Dieses wurde am genannten Tage durch eine Sturmflut gestört und die Insel in zwei Stücke von verschiedenem Charakter zerrtsse^
dergrund des Interesses stehenden körperlichen Krankheitserscheinungen zu lenken. Mag es sich nun um Lähmungen, um Magen- oder Darm-Erkrankungen, um Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, um allgemeine körperliche und geistige Leistungsunfähigkeit handeln, bei Frauen und Mädchen auch um Unterleibsleiden, die Grundursache ist in Tausenden von Fällen die hysterische Konstitution und nervöse und psychopatische Veranlagung der Patienten. In den tiefsten Tiefen ihres Unterbewußtseins ahnen oder wissen sie diese Zusammenhänge. Da sie sie dem Arzt aber verschweigen, gehen sie auch an all seine Verordnungen mit einem gewissen Mißtrauen heran. Dazu kommt, daß der Arzt gewöhnlich Forderungen in bezug auf Lebenshaltung, Tageseinteilung, Ernährung, vernünftige Ausnützung der Ruhezeit, Arbeitseinteilung und sonstige in den Tagesablauf einschneidende Verhältnisse stellt, die den Patienten so umwälzend, so schwer durchführbar, so unbequem erscheinen, daß sie meist gar nicht erst versuchen, diese Ratschläge zu befolgen. Nun kommen sie nach solchen selbstverschuldeten Mißerfolgen ärztlicher Behandlung zu einem Kurpfuscher, der im Gegensatz zu den Aerzten meist mit tönender Reklame, mit berauschender Selbstbeweihräucherung, mit suggestiv wirkender Sicherheit des Auftretens, arbeitet. Ganz gleich, was für Klagen der Patient vorbringt, die Methode des Kurpfuschers, seine Heilmittel helfen „garantiert" gegen alles! So wird der hysterische Organismus eines solchen Patienten gewissermaßen überrumpelt, von der meist irgendwie imponierenden Persönlichkeit des Kurpfuschers eingefangen, und es stellt sich das ein, was dem nüchtern, sachlich und wissenschaftlich arbeitenden Arzt gegenüber manchmal versagt: nämlich der Glaube an den Erfolg. Und damit ist meistens alles gewonnen. Glubt der hysterische Patient selbst, daß er durch diese oder jene Methode geheilt werden könne, so ist es ganz gleichgültig, ob man ihm destilliertes Wasser tropfenweise, Kochsalz löffelweise oder Zucker pillenweise fünfmal am Tuge, Bäder zu jeder Tages- und Nachtzeit verordnet und verabreicht, ob man ihn operiert ober hypnotisiert, ob man ihn massiert, elektrisiert oder sonst welche Manipulationen an ihm vornimmt, der Glaube macht ihn gesund!
Von den Mißerfolgen freilich erfährt man nichts. Wenn ein Arzt einen Kunstfehler begeht, so kann er gerichtlich belangt werden. Nach deutschem Recht (im Gegensatz zu den meisten ausländischen Staaten!) kann ein nicht approbierter Heilkünstler erst dann belangt werden, wenn er nachweisbar einen Menschen vom Leben zum Tode befördert hat. . Die Schulmedizin erkennt alles an, was an Vernünftigem und Gefunden! in den vielfältigen Methoden wie Homöopathie, Biochemie, Suggestionstherapie, den vielfältigen physikalischen Heilmethoden und lonfttgen Heilverfahren enthalten ist. Sie verurteilt aber mit Recht alle Auswüchse dieser unberechtigt stark propagierten und dem Laienpublikum angepriesenen Methoden. Die Schulmedizin hat in den letzten Jahrzehnten ganz ungeheuere und früher ungeahnte Fortschritte gemacht, deren Erfolg in der ständig sinkenden Kurve der Säuglingssterblichkeit, der allgemeinen Sterblichkeit und der Erkrankungsziffern, sowie in der Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters sich dokumentieren. Es sei nur erinnert an die auch in Laienkreisen allmählich bekannter werdenden Forschungen über „Innere Sekretion , „Organ-Therapie", die „Serum- Therapie', die „Eiweiß-Reizkörperchen-Therapie", di« „Psychoanalyse", die „Psychotherapie" und andere therapeutische Anschauungen. — Das Laienpublikum kann einen gewissen Einfluß auf die Leistungsfähigkeit und die Leistungssteigerung des ärztlichen Standes ausüben, wenn es zuruckkehrt zur einst selbstverständlichen Gewöhnung an einen ständig beratenden, ständig bewachenden und sorgenden Haus- und Familienarzt. Gerade nach unseren modernen Anschauungen, die nicht die einzelne Krankheit, sondern den Gesamtorganismus eines jeden Menschen zum Ausgangspunkt der ärztlichen Maßnahmen nehmen, ist es unmöglich (von Sonderfällen natürlich abgesehen), durch einmalige kurze Untersuchung und vorübergehende Behandlung eine Beseitigung der unangenehmen Krankheitserscheinungen zu erreichen.
Küsten, die das Meer verschlingt.
Von Prof. Dr. R. Hennig.
Vor einiger Zeit wurde aus Dänemark gemeldet, daß die Höjerup- kirche auf Stevns am Möensklintkap plötzlich ins Meer gestürzt fei. Mit dieser Kunde wurde uns erneut zum Bewußtsein gebracht, wie an den Steilküsten der Ost- und Nordsee unablässig das Meer nagt, wie bald t)tcr bald dort ein Stück der Küste dem unablässigen Anprall der Wogen i und den Einwirkungen von Wind und Weiter zum Opfer fällt. An '
unserer deutschen Küste haben wir ja gerade auch eine Kirche, ober, rich
tiger gesagt, eine Kirchenruine, bi« seit Jahrzehnten ihrer Bestimmung entzogen ist, weil ber Grunb und Boden, auf dem sie stand, unter- :
waschen und abgebröckelt ist, Jo daß die Kirche eingestürzt ist. Es ist der 1
liest der Kirche von Hoff westlich vom hinterpommerschen Seebad Rewahl, I ber davon Kunde gibt, daß eine ganze Ortschaft allmählich vom Abstürzen der Steilküsten in Mitleidenschaft gezogen werden kann. In den weitaus meisten Fällen werden sich die Abbrüche nur auf ozu sagen t namenloses Land erstrecken. Bald stürzt ein Stückchen Wiese, bald Waldoder Felsgestein ober Lehmwand ober (auf Helgoland!) Sandstein in ' di« Tiefe hinunter und wird alsbald von den Wellen zernagt. Die große Oefsentlichkeit pflegt auf derartige Vorkommnisse kaum zu achten, ja, sie erfahrt nicht einmal davon und wird nur dann einmal aufmerksam, wenn irgendein bekannter, bei den Touristen und sommerlichen Badegästen berühmter Pmckt von dem Unheil betroffen wird. Was alljährlich in ^goland an Land verloren geht, wird vom Publikum kaum jemals veachtet, aber sollte eines Tages der bekannte „Mönch" oder das Nord-
io Ed mit einem Schlage die gesamte deutsche ^ent chkcü auf die Tribute aufmerksam, die unser Küstenland dem zornigen Meere fortgesetzt darbringen muß.
h.,rA ’e!lUerEabe °'"em Vierteljahrhundert ein Aufhorchen
durch die Kreise der Ostseefreunde. Vor fünfundzwanzig Jahren, im Früh
ling, fand bei heftigen, Nordsturm eine nicht unbedeutende Siurmklm s Wee statt Diese rannte besonders heftig gegen das berühmte Nott«7 Rügens. Arkona an und brachte dort jene bekannte, „Adlerlwrll-- " nannte Schlucht der Steilküste zum Einsturz, deren Name besonders Schenksndorfs vielgesungenes Lied dem Publikum wohl vertraut a-m? den ist: Auf Arkonas Bergen steht ein Adlerhorst, wo vom Schlag ®ogen ferne Spitze borst". Obwohl in unseren Tagen an gefährde Steilküsten naturgemäß ein sehr sorgfältiger Küstenschutz unter Auiw? düng bedeutender finanzieller Mittel durchgeführt wird — der Streck , berg auf Usedom ist hierfür eine besonders charakteristische Stelle lassen sich derartige Zerstörungen bemerkenswerter Punkte der Küste ni*i völlig vermeiden. Schmerzlicher noch als ber Verlust bes „Adlertwrb' wog die Einbuße, die die dänische Insel Möen am Weihnachtstaq M m einem außergewöhnlich schweren Sturm erlitt. Die Ostufer dieser IM sind durch eine Großartigkeit der Kreidefelsen ausgezeichnet, die um 6Ü Vielfaches über das hinausgeht, was die Insel Rügen mit ihrem h, rühmten Königsstuhl und ihren Wissower Klinken darbietet. Der fto, Zeste Schmuck des Möener Kreidegebirges und sein höchster Punkt woi nun bis 1868 ein Felsen, der dem machtvollen „Bronnongeftolen" (@s, nigsstuhl) aufgesetzt war, „Königin Margarethes Auge" genannt Die!« Spitze stürzte im genannten Weihnachtssturm ins Meer. In die em Iah . hundert fand auf Möen am 5. November 1905 ein anderer bemerken?, werter Einsturz in ber großartigen Kreibemauer ber Küste statt.
Sie Gesamtwirkung solcher Vorgänge tritt zumeist nur bort zutaae wo man ausnahmsweise in ber Lage ist, die Wirkung des Annagens de, Küste im Laufe von mehreren hundert Jahren zu verfolgen. Die charakteristischste Stelle dieser Art ist das schon genannte Kap Arkona. hiei stand ehedem, sechzig Meter hoch über dem Meer, das höchste Heiligtum der Wenden, der großartige Swantewit-Tempel, den die Dänen auf ihren verschiedenen Kriegszügen gegen die heidnischen Wenden der pomiiiev schen Küste am 15. Juni 1168 eroberten und niederbrannten. Noch weis! das Gelände Spuren jener berühmten Tempelanlagen auf, besonders einen erheblichen Teil des ehemaligen Tempelwalls. Aber man Dermal auch zu erkennen, daß in den 760 Jahren, die seit jenem kriegerischen Ereignis verflossen sind, der größere Teil des kreisförmigen Tempelwalls und dazu der Boden, auf dem das Hauptheiligtum mit dem Götzenbild selber stand, ins Meer gestürzt ist: die Enden des nicht mehr zur Halste vorhandenen Walles hängen über den leeren Abgrund. An solchen Stellen ahnt man, wie stark der Landverlust der Küsten in einigen hundert fahren ist. Eine ähnliche Vorstellung gewährt der berühmte Königs-1 stuhl auf Stubbenkammer. Nach Friedels Feststellungen trägt diese, ein Hünengrab, und es kann wohl kaum zweifelhaft sein, daß diese- Grab dereinst in grauer Vorzeit im tiefen Waldesfrieden, nicht an der offenen Küste angelegt worden ist. Allmählich aber hat sich das Meer soweit in das Land hineingefressen, daß das Grad jetzt auf die Ostsee hinausblickt und in abermals einigen Jahrhunderten voraussichtlich darin versinken wird.


