Ausgabe 
17.3.1928
 
Einzelbild herunterladen

iftongt, bevor wir eigentlich tanzen, ist {eine Schmerz zweigeteilte Seele. Der Geist und die

ic auch die Kunst des Gioron, m» "*> aristokratische ist. Die Kunst «nes

$Der Geist veredelt die Seele und deckt ihre Blähen zu. Er leiht ihi

'^Gin geistiger Vorgang, also, zu dem es geistiger Mittel bedarf ..." Eine Ekstase, die uns nicht von ungefähr überfällt, sondern herbei- geführt wird durch nüchterne, trockene Technik, mathematische Genauigkeit und einen wohldurchdachten Apparat strenger Hebungen, die wir Exer­zitien nennen, ja, eine Entrückung, zu der es solcher aus das sorg­fältigste geregelter Vorbereitungen bedarf, ist kein bloß körperlicher Rausch­zustand, sondern gesteigertes Bewußtsein. Der Geist spielt gleichsam mit seinem Gesäß, dem Körper. Er meistert sich selbst und beherrs^ auch, was nicht er selbst ist: die geäderte, atmende, von ihm beseelte Materie. Das Schwerste ist zugleich das Schönste für den Tänzer, indem er es nämlich überwindet. Ein müheloser Gehorsam des Leibes die Be­lohnung vieler Mühen." .....

,Sie sprechen von der tänzerischen Entrückung, als wäre sie ein Vorgeschmack der ewigen Glückseligkeit in der geistigen Anschauung Got­tes. Auch diese steht am Ende eines Weges voller Mühen und Prüfungen.

Sie haben ganz recht. Das letzte Ziel des menschlichen Geistes ist do- beseligte Ausruhen in Gott. Im Angesicht Gottes sind alle Rätsel, die uns peinigen, gelöst. Der Zustand der Seligen ist nichts anderes als ein Zustand vollkommener Erkenntnis, ein Teilhaben an der Erkenntnis Gottes. Ich als Tänzerin darf aber wohl darauf Hinweisen, daß es dazu nicht nur einer Unsterblichkeit der Seele, sondern auch einen Auferstehung des Fleisches bedarf ..." ,,

Und die Tänzerin, könnten Sie hinzufugen, ubt stch gleichsam schon in diesem Leben in der Auferstehung. Sie wird die erste sein, die ans- ersteht " «

Das ist eine schmeichelhafte Uebertreibung", antwortete lächelnd die Karsawina.Ich möchte es lieber so ausdrücken, daß der Tanz uns übet uns selbst emporhebt und uns läutert. Ich fühle mich, tanzend, cm besserer Mensch werden. Es ist nämlich nicht so, daß der Geist allem den Tänzer beherrscht. Was in uns auftanzt, bevor wir eigentlich tanzen, ist seim Schwester: die in Luft und Schmerz zweigeteilte Seele. Der Geist und di, Seele, animus und anima, vermählen sich, damit das wahre Kunstwm

Grenzenlose, hineingeht. Unterhalb dieses geordneten Kosmos rumort freilich das Ungeheuere, Unheimliche und Dämonische: das Chaos. Ich will es nicht leugnen, weil ich nicht tanzen würde und nicht tanzen könnte, wenn ich es nicht in mir spürte. Ich spüre es vornehmlich in der Form der Erdenschwere, der Unfreiheit, der Verstrickung in den Alltag ..."

Sie bauen sich, tanzend, eine Brücke darüber hinweg? ...

Ja, der Tanz ist nur ein Mittel, wie die Poesie oder die Wissenschaft/ das gähnende Nichts, von dem unsere menschliche Laufbahn allerseiten umgestellt ist, gleichsam zu ü b e r {i n g e n , das Leben zu meistern und die Welt zu überwinden. Wenn ich tanze, schwebe ich über den Din­gen. Man nennt dieses gewichtlose Schweben Ekstase Entrückung. Es ist die Entrückung aus dem Schmerz in die Schiiwrzlosigkeit, aus der Zeit, die vergeht, in den Augenblick, der verweilt. Das großeVerhallen von Allem" wird gleichsam aufgehalten in jenem schönen, sich selbst glori­fizierenden Augenblick, den kein Stachel der Erinnerung noch der Sehn­sucht verwundet. Es ist derselbe Augenblick, den Faust zu bannen ver­

rinne. Neben mir liegt der Blatternarbige, geduckt zum Sprung, in der Faust einen langen Bootshmen wie eine Lanze.

Der Zitterrochen inmitten des Schiffes tanzt, tanzt. Er ist auf ferner tödlichen Runde wieder in den Haufen seiner erschlagenen Netzgefahrten geraten und wirbelt das Chaos kleiner Leider wie Schlamm mit mäch­tigen Schwanzschlägen auf in die Luft. Krabben, Schollen, wie Wurf­geschosse geschleudert, klatschen tot da und dort an das Holz oder fliegen in weitem Bogen ins Meer. Das Tier tanzt.

Da schnellt sich mit einem Heisern Laut der Blatternarbige vor und stößt den Bootshaken nach dem zuckenden Fischleib. Er gleitet ab, und die Stange kollert, von Schlägen des verkrampften Körpers gepeitscht, dahm, dorthin im Boot, mit ihrem grausig abgelösten Geklapper den stummen Kampf des erstickenden Tieres begleitend. Eine Viertelstunde, eine Halde Stunde vergeht. Das viereckige Fleisch wirft sich schwer und wird matt. Schon schieden sich Sekunden, Viertelminuten zwischen Zuckung und Zuckung. Ich gehe hinüber mit meiner Laterne. Da liegt es im Winkel an der Bootswand halbausgerichtet, und atmet. Es hat ein Gesicht! Wie Kinder Menschengesichter zeichnen, Augen, Nase und Mund, so ist diesem Drachen eine schreckliche und vereinfachte Fratze halslos auf den panther- haft rot und bläulich geflammten Körper gesetzt. Das Meergespenst stöhnt. Schaut mit liderlosen Kugelaugen gräßlich ins Licht. Zittert nur mehr. Sperrt bebend in stummem Röcheln den dreieckigen Mund auf.

Da stößt ihm der Blatternarbige mit einem Jagdruf den Bootshaken durch das Maul ins Gehirn. _

Wind weht. Frost vor Tag. Willst du schlafen? Hinten über dem Boden des engen, übelriechenden Bretterverschlages schieben sich ge­flüchtete Krabben. Noch ist es Nacht. Nur der Wagen hat sich, bis zum Horizont hinuntergedreht und die Leuchtfeuer blinken blasser und überwacht. ,

Hattest du die Augen geschlossen? Die Sonne flammt mit halber Scheibe über der Kimmung, heiß, weiß. Netz auf! Eine Last See­sterne, träge, widrig bewegt. Mit einer Verwünschung werden sie wieder in die Tiefe geschickt. ..

Heimfahrt! Im Osten ist Wind aufgesprungen, weht landwärts. Wir reiten mit den Wellen auf unser Dorf zu, das zwölf Kilometer entfernt als kleiner, weißer Fleck herüberleuchtet. Die Netze liegen braun in wirrem Haufen im Boos. Auf dem Hintersteven hat Dante friedlich nebeneinander die Körbe geordnet. Der Blatternarbige hilft ihm. Er hat den Leib des Rochens zu Unterst gelegt und darauf die schlanken Fische in Kolonnen und Staffeln zierlich geschichtet.Soldaten", sagt er.

Habe ich die Kreatur nicht eben noch zucken gesehen? War's nur ein Albdruck? Die Sonne scheint.

Volle Fahrt gegen Land. Das Ufer rückt nah. Fischerbarken, Gruß, Gelächter, ein derbes Scherzwort von Bord zu Bord.

Sand knirscht unterm Kiel. Zwei Frauen kommen den Strand ent­lang auf uns zu. Die vordere, eilends, ein schwarzes, stattliches Weib, watet geschürzten Kleides ins Wasser, ruft dem Patron etwas zu, nimmt zwei Körbe mit Fischen auf Schulter und Kopf und geht hinüber ins Dorf. _

Inzwischen ist auch die zweite lässigen Schrittes nähergekommen. Des Blatternarbigen Weib. Siebzehnjährig vielleicht, schlank, schön, mit dem klaren Ebenmaß der Züge einer Madonna. Den Sand hinschreitend biickt sie sich plötzlich, um besser zu sehen, wirft mit der Spitze des nackten Fußes an einer leife gehügelten Stelle den feuchten Sand auf, faßt eine Krabbe, die darunter liegt und eilends davon will, und hält das angstvoll um sich greifende Tier einen Augenblick prüfend ins Licht. Dann faßt sie mit ihren zarten Fingern eine der Scheren, dreht sie, renkt sie aus und reißt sie vom Leib. Dann die zweite. Dann die Glieder, eines und noch eins. Sie wirft Stück um Stück mit zierlichem Schwung in die leicht anschäumenden Morgenwellen zu ihren Füßen. Nur der Rumpf bleibt hilflos lebendig. Da faßt sie ihn und schiebt ihn mit einem ernsten Lächeln in den rotlippigen Mund.

Ordnung der Mell durch den Tanz.

Gespräch mit Tamara Karsawina.

Von Bernard G u i l l e m i n.

Tamara Karsawina ist nicht nur aus der Bühne, wenn sie tanzt, ein Wunder an Genauigkeit; sie ist es auch außerhalb der Bühne, im Gespräch. Der Geist dieser Frau ist nicht weniger geschult als ihr Körper. Freilich handelt es sich hier umSchule" im allerhöchsten Sinn: um eine allseitig durchgebildete Ordnung der Schritte und der Gedanken. Alle Eigenschaften der ruhenden wie der bewegten Ordnung sind hier bei­sammen, vornehmlich aber das Licht, die Linien, die scharf gezogenen Grenzen. Das im wachen Gespräch sich mitteitenbe Denken dieser Frau ist wie ihr Tanz selber: ein unaufhörlicher, immer neu zugespitzter Sieg über das Ungefähre und Verschwommene. So wie es eine gelehrte Poesie gibt, gibt es auch einen gelehrten Tanz. Niemand verkörpert heute den Typus der gelehrten Tänzerin in vollkommenerer Weise als die Karsawina.

Es ist vielleicht das vorzüglichste Kennzeichen des geschulten und ge­lehrten Geistes, daß er nicht vor den Rätseln seiner eigenen Tiefe zuruck- schauert, sondern die Geheimnisse, auf die er stößt, zu enträtseln ober wenigstens zu beschreiben unb zu benennen versucht. So wie bem unge­schulten religiösen Geist bie ungenaue Mystik, so entspricht dem geschulten religiösen Geist bie genaue Theologie. Der mystische Geisterlebt" Gott, der theologische Geist beschreibt und benennt Gott sehr genau in seinen Eigenschaften.

Auch die Kunst, jede Kunst, insbesondere die Kunst des Tanzes, kennt eine Myystik und eine Theologie. Die mystische Kunftbetrachtung läßt das eigentliche Wefen der Kunst zugedeckt; bie theologische Kunstbetrachtung deckt es auf, soweit sie es vermag. Die Karsawina ist keine Pythia, son­dern eine Aspasia der Tanzkunst. Sie verbirgt sich nicht hinter Schwefel­dämpfen und Orakelsprüchen. Sie lebt, denkt und spricht in der philo­sophischen Helle des Gastmahls.

Der Tanz, wie ich ihn verstehe," so begann sie,ist etwas Rundes und Vollkommenes, ein geordneter Kosmos, in den alles, selbst das

leicht! Wo die öcgranre oer :oinuu|uui lucggciuuim Tummelplatz für jedermann. Der große Tanz aber ist eine Run] wenigen eine aristokratische Kunst."

"In dem nämlichen Sinn, wie auch die Kunst des Clown, **,lf den Tanz gern vergleiche, eine aristokratische ist. Die Kunst eine ober der Fratellini streift ans Absolute. Der große Clown der Tänzer, in unanfechtbarer Heiterkeit über den Singen tes Diese Ueberlegenheit, die nicht jedem gegeben ist, nenne ich an,wir

Ihre Auffassung vom tänzerischen Kunstwerk erinnert mich , klassische Tragödie der Franzosen. Sie erscheint mir ganz unnyn

Die Welt Dostojewskys ist nicht bie ganze russische Welt. Aw sieht in Europa gemeinhin unsere anbere, byzantinische Seite, formelhaften Einschlag. Byzanz ist immer noch in Rumäne> Denken Sie nicht gering von Byzanz! Das, was man in Lupt tismus nennt, ist nur ein Zerrbild des wahren byzantlNi,cyei> ,

"^Ja° Er reinigt, läutert, ordnet das Gefühl. Er prüft jede EmM düng auf ihre Würdigkeit. Er läßt nichts Unreines hindurch. Er tritt ch! auf den Plan, wenn alles Uebrige schon da ist, aber er unterwirft was das ist. Er bringt das Recht, die Regel, die Ordnung. Er ist der M- mat,herr'iftbeäiemffiegd,ftiflgen Sie. Läßt er dann auch den gen» Funken gelten, den Blitz der Intuition, das Himmelsfeuer des Einfalls, ö«

Gewiß,'"denn er schließt nichts aus, aber er prägt jeglichem fti»- Form auf, auch dem regellosen Zufall. Unb weil er nichts ausMick sondern alles in eine harmonische Orbnung zusammenfugt, m bet n Maß ist unb lächelndes Gleichgewicht, ist er dem besänftigten Apolnch als dem zerrissenen Dionysos. Der klassische Tanz, rote ich ihn ube unb * ^°^Äber°qcht°de°nn"in^bie^apollinische Sorin bes klassischen Tanzes (# wirklich alles hinein? Geht bie Seele ihrer Natur nicht teilweise lustig, wenn sie sich von ber Regel einschnuren laßt?

Die Seele verliert nicht ihre Natur, sondern lediglich ihre herrschtheit. Sie gewinnt mehr als sie verliert. S.e wird aus dem o stand der Anarchie in den Zustand der Sainmlung gehoben. Wen tanze, bin ich nicht vom Gesühl beherrscht, sondern ich beherrsch eg Gefühl. Ich bin nicht ärmer darum. Ich weiß wohl, daß der Tanz heute mannigfachen Widerstanden begegnet. Ich will) einer dionysischen Entartung der Tanzkunst sprechen. Aber ich Wj dennoch, daß, wo man die Regel verschmäht, die Gefahr nicht abzuw ,.. ist, daß bas Gewöhnliche ungeläutert sich austanzt. Das ist au« leicht! Wo die Schranke der Virtuosität roeggeraumt wird, ent,W