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- Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Dietzen-
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot.
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(Fortsetzung.)
An, Morgen wird Rene Cardillac durch einen Dolch,totz
ermordet aufgefunden. Niemand ist bei ihm, als sein Geselle Olivier Bruston und die Tochter. In Oliviers „ Kammer, unter andern, findet man einen Dolch von frischem Blute gefärbt, der genau in dieWunde patzt. — Cnrdillac ist, sprach Olivier, in der Nacht vor meinen Augen niedergestoßen worden. — Man wollte ihn berauben? — Das weitz ich nicht! — Du gingst mit ihm, und es n>ar dir nicht möglich, dem Mörder zu wehren? Ihn festzuhalten? Um Hilfe zu rufen? — Fünfzehn, wohl zwanzig Schritte vor mir ging der Meister, ich folgte ihm. Warum in aller Welt so entfernt? — Der Meister wollt' es so. — Was hatte überhaupt Meister Cardillac so spät auf der Strotze zu tun? — Das kann ich nicht sagen. — Sonst ist er aber doch niemals nach neun Uhr abends aus dem Haus« gekommen? — Hier stockt Olivier, er ist bestürzt, er seufzt, er vergießt Tränen, er beteuert bei allem, was heilig, daß
Cardillac wirklich in jener Nacht ausgegangen sei und seinen Tod gefunden habe. Nun merkt aber wohl auf, mein Fräulein. Erwiesen ist es bis zur vollkommensten Gewißheit, daß Cardillac in jener Nacht das Haus nicht verließ, mithin ist Oliviers Behauptung, er sei mit ihm wirklich ausgegangen, eine freche Lüge. Die Haustür ist mit einem schweren Schloß versehen, das bei dem Auf- und Zuschließen ein durchdringendes Geräusch macht, dann aber bewegt sich der Torflügel widrig knarrend und heulend in den Angeln, so daß, wie es angestellts Versuche bewährt haben, selbst im obersten Stock des Hauses das Getöse widerhallt. Nun wohnt in dem untersten Stock, also dicht neben der Haustür, der alte Meister Claude Patru mit seiner Aufwärterin, einer Person von beinahe achtzig Jahren, aber noch munter und rührig. Diese beiden Personen hörten, wie Cardillac nach seiner gewöhnlichen Weise an jenem Abend Punkt neun Uhr die Treppe hinabkam, die Tür mit vielem Geräusch verschloß und verrammelte, dann wieder hinauf stieg, den Abendsegen laut las und bann, wie man es an dem Zuschlägen der Tür vernehmen konnte, in sein Schlafzimmer ging. Meister Claude leidet an Schlaflosigkeit, wie es alten Leuten wohl zu gehen pflegt. Auch in jener Nacht konnte er kein Auge zutun. | Die Aufwärterin schlug daher, es mochte halb zehn Uhr sein, in der Küche, in die sie über den Hausflur gehend gelangt, Licht an und setzt? sich zum ' Meister Claude an den Tisch mit einer alten Chronik, in der sie las, während der Alte seinen Gedanken nachhängend bald sich in den Lehnstuhl setzte, bald wieder austtand, und um Müdigkeit und Schlas zu gewinnen, im Zimmer leise und langsam aus und ab schritt. Es blieb alles still und ruhig bis nach Mitternacht. Da horte sie über sich scharfe Tritte, ! einen harten Fall, als stürze eine schwere Last zu Boden, und gleich darauf ein dumpfes Stöhnen. In beide kam eine seltsame Angst und Beklommenheit. Die Schauer der entsetzlichen Tat, die eben begangen, gingen bei ihnen vorüber. Mit dem hellen Morgen trat bann ans Licht, was in der Finsternis begonnen. Aber, fiel die Scuderi ein, aber um aller Heiligen willen, könnt Ihr bei allen Umständen, die ich erst weitläufig erzählte, Euch denn irgendeinen Anlaß zu dieser Tat der Hölle denken? — Hm, erwiderte la Regnie, Cardillac war nicht arm — im Besitz vortrefflicher Steine. — Bekam, fuhr die Scuderi fort, bekam denn nicht alles die Tochter? — Ihr vergeßt, daß Olivier Cardillacs Schwiegersohn werden sollte. Er mußte vielleicht teilen oder gar nur für andere morden, sprach la Regnie. — Teilen, für andere morden? fragte die Scuderi in vollem Erstaunen. Wißt, fuhr der Präsident fort, wißt, mein Fräulein, daß Olivier schon längst geblutet hätte auf dem Greveplatz, stünde seine Tat nicht in Beziehung mit dem dicht verschleierten Geheimnis, das bisher so bedrohlich über ganz Paris waltete. Olivier gehört offenbar zu jener verruchten Bande, die alle Aufmerksamkeit, alle Mühe, alles Forschen der Gerichts- Höfe verspottend ihre Streick)e sicher und ungestraft zu führen wußte. Durch ihn wird — muß alles klar werden. Die Wunde Cardillacs ist denen ganz ähnlich, die alle auf den Straßen, in den Häusern Ermordete und Beraubte trugen. Dann aber das Entscheidendste, seit der Zeit, daß Olivier Brufson verhaftet ist, haben alle Mordtaten, alle Beraubungen aufgehört. Sicher sind die Straßen zur Nachtzeit wie am Tage. Beweis genug, daß Olivier vielleicht an der Spitze jener Mordbande stand. Noch will er nicht bekennen, aber es gibt Mittel, ihn sprechen zu machen wider seinen Willen. — Und Madelon, ries die Scuderi, und Madelon, die treue, unschuldig« Taube. — Ei, sprach la Regnie mit einem giftigen Lächeln, ei, wer steht mir dafür, daß sie nicht mit im Stomptottjft. Was ist ihr an dem Vater gelegen, nur dem Mordbuben gelten ihre Tränen. — Was sagt Ihr, fchrie die Scuderi, es ist nicht möglich: den Vater! dieses Mädchen! — Oh, fuhr la Regnie fort, oh, denkt doch nur an die Brinvillier! Ihr möget «s mir verzeihen, wenn ich mich vielleicht bald genötigt sehe, Euch Euren Schützling zu entreißen unb in die Gonciergerie werfen zu lassen. — Der Scw beri ging ein Grausen an bei diesem entsetzlichen Verdacht. Es war ihr, als könne vor diesem schrecklichen Manne keine Treue, feine Tugend bestehen, als spähe er in den tiefsten, geheimsten Gedanken Mord unb Blutschuld. Sie stand auf. Seid menschlich, das war alles, was, sie beklommen, muh- sam atmend hervorbringen konnte. Schon im Begriff, die Treppe hinabzu- fteiqen bis zu der der'Präsident sie mit zeremoniöfer Artigkeit begleitet hatte, tarn ihr, selbst wußte sie nicht wie, ein seltsamer Gedanke Ward es mir wohl erlaubt fein, den unglücklichen Olivier Brufson zu sehen? So fragte sie den Präsidenten, sich rasch umwendend. Dieser schaute sie nut bedenklicher Miene an, bann verzog sich sein Gesicht in jenes widrige Lächeln das ihm eigen. Gewiß, sagte er, gewiß wollt Ihr nun, mein würdiges Fräulein, Euerm Gefühl, der inner» Stimme mehr vertrauend als dem, was vor unfern Augen geschehen, selbst Oliviers Schuld oder Unschuld prüfen. Scheut Ihr nicht den düstern Aufenthalt des Verorechens, ist es Euch nicht gehässig, die Bilder der Verworfenheit in allen Abstusun- qen zu sehen, so sollen für Euch in zwei Stunden die Tore der Goncicrgene offen fein. Man wird Euch diesen Olivier, dessen Schicksal Cure Teilnahme erregt, vorstellen. . __
In der Tat konnte sich die Scuderi von der Schuld des jungen, Menschen nicht überzeugen. Silles sprach wider ihn, ja kein Richter in bet Welt hätte anders gehandelt wie la Regnie, bei solch entscheidenden Tatsachen. Aber das Bild häuslichen Glücks, wie es Madelon mit den lebendigsten Zügen der Scuderi vor Augen gestellt, überstrahlte jeden bösen Verdacht, und so mochte sie lieber ein unerklärliches Geheimnis annehmen, als daran glauben, wogegen ihr ganzes Inneres sich empörte. . s
Sie gedachte, sich von Olivier noch einmal alles, wie es sich in jener verhängnisvollen Nacht begeben, erzählen zu lasten, und soviel.möglich in ein Geheimnis zu bringen, das vielleicht den Richtern verschlossen geblieben, weil es wertlos schien, sich weiter darum zu bekümmern.
In der Conciergerie angekommen, führte man die Senden in ein großes, Helles Gemach. Nicht lange darauf vernahm sie Keitengeras eu Olivier Brusfon wurde gebracht. Doch sowie er in die Tür trat, sank auq die Scuderi ohnmächtig nieder. Als sie sich erholt hatte, war Olivier ve schwunden. Sie verlangte mit Heftigkeit, daß man sie nach bem .wage» j bringe, fort, augenblicklich fort wollte sie aus den Gemächern der frevem I den Verruchtheit. (Fortsetzung folgt.)^
starb. Er erzeugte mit Auguste Reifenstein, der anerkannten Tochter des Prinzen Carl zu Solms - Braunfels und der Luise Christine Kunz zu Braunfels vier stattliche Söhne, die von der Mutter in Gießen erzogen wurden. Wilhelm, der älteste, war zuerst Hofgerichtsrat in Gießen, bann Reichsoberhandelsgerichtsrat und feit 1879 Reichsge- ridjtsrat in Leipzig. Er führte die Tochter des Hofgerichtsrats Muller, einer alteingesessenen Gießener Familie entstammend, heim. Von deren Söhnen war Friedrich Buff ebenfalls Reichsgerichtsrat in Leipzig und trat 1927 in den Ruhestand: der Sohn Carl aber widmete sich, nachdem er in Gießen unb Leipzig Jura studiert und fleißig den Schläger geschwungen hatte, der Gesangeskunst. Als lyrischer Tenor entzückte Carl Buff, der aus Anhänglichkeit an die Heimatstadt den Künstlernamen Hans Gießen angenommen hatte, in so manchem Konzert das Gießener Publikum, reichen Beifall erntend. Allzu früh schied dieser begabte, liebenswürdige Künstler 1907 aus dieser Welt. Sius der Ehe des zweiten Sohnes des Hofgerichtsrats Suff, des Apothekers Carl Buff in Gladenbach, mit einer Tochter des Gymasiallehrers Völker zu Gietzen ging nur eine Tochter Julie hervor, die feit langen Jahren in Gießen lebt. Der jüngste Sohn Ernst, der als Bergoerwalter in Dux in Böhmen starb, war ein bildhübscher Mensch unb schneidiger Student. Er ist vereinigt auf dem bekannten Gießener Studentenbild, eine Mensur auf dem Schiffenberg darstellend, bei der er einer der Paukanten ist. Der zweitjüngste Sohn starb als K. K. Lieutenant schon in den sechziger Jahren. Ein Sohn des zweiten Nieder-Wöllstädter Pfarrers war auch Ernst Buff, der 1883 starb und der letzte Pfarrer aus dieser Familie in dieser Wetterauer Gemeinde war.
Von den weiteren Söhnen des ersten Nieder-Wöllstädter Pfarrers war Ludwig Buff, Kcimmerassestor in Listen heim. Dessen Sohn Georg wurde 1832 Hofgerichtsassessor, 1835 Hofgerichtsrat und 1862 Hosgerichtspräsident in Gießen. Er war langjähriger Präsident der 2. Kammer, so namentlich 1870/71 und später lebenslängliches Mitglied der 1. Kammer. Auch war er Ehrendoktor der Landesunioersität — eine Würde, die damals höher als heute bewertet wurde. Er war der letzte Präsident des Gießener Hof- gcrichts, das 1879 aufgehoben wurde und starb, 86 Jahre alt, 1890. Seine Frau, eine Tochter des Kirchenrats und Gymafialdirektors Keller in Büdingen, war bereits 1839 dem damals in Gießen grassierenden Typhus, gleichzeitig mit ihrer Mutter, zum Opfer gefallen. An Gießen unb feiner Umgebung, namentlich am Schiffenberg, ben er allsonntäglich aufzusuchen pflegte, hing G. Buff mit großer Liebe unb schlug deshalb wiederholt Berufungen in höhere Stellen aus. Seine älteste Tochter Marie, die 1921 im Alter von 87 Jahren starb, heiratete den Domänrat Schliephake in Gießen, deffen Sohn, Sanitätsrat F. Schliephake, heute noch als praktischer Arzt in Gießen tätig ist. Die Ehefrau des letzteren, eine geb. Zoppritz, ist eine Enkelin des bekannten Profestors der Chemie, Dr. Will und eine Urenkelin des Professors der Medizin Balser in Gießen, der einer alten Gießener Familie angehört und dem die Baiserstiftung in der Wilhelm- straße in Gießen ihre Entstehung verdankt. Auch ein Urenkel Georg Buffs, Dr.-Jng. Alf Schliephake, ist feit kurzem wieder in dem lieben Gießert tätig. m
Der einzige Sohn des Hofgerichtspräsidenten Buss war der Oberstleutnant a. D. Georg »uff, der im Kriege 1870/71 die Leibkompagnie des 2. Hest. Regiments Nr. 116 mit Auszeichnung führte und nicht nur wegen feiner militärischen Tüchtigkeit, sondern auch wegen seiner Stattlichkeit, großen Stärke und Trinkfestigkeit bekannt war.
Ein Sohn des erstell Pfarrers Buff in Nieder-Wöllftadt war ferner ber geistliche Inspektor Karl Buff in Battenberg. Einer seiner Urenkel, Hermann Suff, ist, ebenso wie fein Sohn, Kaufmann in Gießen, wahrend dessen Bruder Carl, der in Gießen seine Ausbildung erhielt, als Pfarrer in ben Bereinigten Staaten wirkt. Ob noch weitere Nachkommen des geistlichen Inspektors Beziehungen zu Gießen haben, ist mir nicht bekannt 1 Nur einen kleinen Auszug aus ber Geschichte ber Familie Suff konnte ich hier geben. Mitglieder der Familie, die weniger bekannt geworden sind oder keinerlei Beziehungen zu Gießen gehabt haben oder haben, mußte ich übergehen und mich im wesentlichen auf eine genealogische Auszählung beschränken. Aus ihr dürfte sich alles schon ergeben, wie nahe die Familie seit über 200 Jahren mit Gießen verbunden ist, insbesondere wenn berücksichtigt wird, daß die Mehrzahl auch der hier nicht genannten männlichen Familienglieder die Universität Gießen besuchte und häufig auch die Bänke des Pios in den Neuen Säuen ober des Gymastums nm Brand ober in der Südanlage mit mehr ober weniger Erfolg drückt«.
Die meisten Leute, die an Gießen kein gutes Haar lasten, haben Gießen nie tennengelernt. Unsere Buffs aber kannten und kennen und deshalb liebten und lieben sie die alte an ber Lahn zwischen Gleiberg und Schissenberq malerisch gelegene Stadt. Möge sie blühen und gedeihen unb möge sie uns trotz ber Ungunst ber Zeiten auch als Universitätsstadt erhalten bleiben!
Das Fräulein von Scnderr.
Von E. T. A. H o f f m a n n.


