Ausgabe 
14.12.1928
 
Einzelbild herunterladen

Pilgers in die himmlische Stadt, erbaut sich der Gereifte an der in schlichter Sprache dargebotenen Lebenserfahrung und tiefen Weisheit, die enge Kirchlichkeit weit zurückläßt und auf den Höhen allgemeinsten, in seiner Schwäche und Stärke klar und innig erfaßten Menschentums dahinwandelt. Und selbst da, wo Bunyan sich streng an das kalvinistische Dogma hält, hat er Momente von wahrhafter Großartigkeit, die wie ein Blitz die psychologischen Tiefen christlicher Dogmatik erhellen. So etwa in dem berühmten Schlußsaß, in dem der selbstsicheren Anmaßung des noch in letzter Stunde der Verdammnis geweihten Begleiters Christians das Urteil gesprochen wird:Da erkannte ich, daß auch von den Pforten des Himmels, gerade so wie aus der irdischen Stadt der Zerstörung, ein Weg zur Hölle führt". Eine spätere Fortsetzung der Allegorie, die Chri­stina, die christliche Pilgerin, mitsamt ihrer Kinderschar die gleiche Straße zum Himmel ziehen läßt, ist als nicht erlebtes sondern gewolltes und absichtlich wiederholtes Kunstwerk wesentlich schwächer.

Das eigentliche Gegenstück zu Christians himmlischer Reise, und in seiner Art ein Werk von beträchtlicher Bedeutung, istDas Leben und Sterben des Herrn Schlecht", ein Mittelding zwischen Crbauungsbuch und dialogisierter Erzählung, das den Laster- und Höllenweg eines typischen Vertreters der englischen Mittelklasse zum Vorwurf hat. Mit seiner un­mittelbaren, auf jede künstlerische Ausarbeitung verzichtenden, oft brutalen Schilderung kleinbürgerlicher Umwelt ist das Buch eine wichtige Vorstufe des bürgerlich-realistischen Romans des 18. Jahrhunderts und eine Fundgrube für soziologische Literaturbetrachtung; aber das didaktische Beiwerk, die Ueberwucherung des dürftigen Handlungsfadens durch dogmatisterende Ethik und die allzu geradlinige Psychologie zeigen immer wieder, wie dem Puritaner Bunyan eineinteresselose" Kunstübung gänzlich ferne lag. Sein letztes großes Werk, die umfangreiche, verwickelte und an­spruchsvolle AllegorieDer Heilige Krieg", unternimmt nichts Geringeres, als die zentralen christlichen Heilswahrheiten von der Erlösung der Sünde durch Christi Opfertod, vom Kampf des Teufels und der Gottheit um die Menschenseele, in den Rahmen einer umständlichen Kriegs- und Schlachterhandlung einzuspannen. Selbst zu Milionischer Maschinerie, zu Teufelsversammlungen und Gottheitsberatungen, versteigt sich hier sein Ehrgeiz. Da aber auch hier der Stil und die Allgemeinvorstellung des Dichters im Bürgerlich-Tatsächlichen oder Buchstäblich-Biblischen und Dogmatischen haften bleibt und sein Gedankenflug zu mythosschasfenden Höhen sich nicht erheben kann, ist der Eindruck des Ganzen, trotz einiger eindrucksvollen Szenen, ein ausgeklügelter und gekünstelter.

So hat sich also auch bei Bunyans Werken, die durch zahlreiche Pre­digten, Traktate und Streitschriften einen stattlichen Umfang erreichten, di« sondernde Zeit als eine gerechte literarische Richterin erwiesen. Sein Gesamtwert ist eines der weitestausludenden Denkmäler des bürgerlichen Frühpuritanismus und entwicklungsgefchicktlich von größter Bedeutung für die Entfaltung religiös bedingter Profanliteratur. In das Bewußt­sein der Weltliteraten ist er freilich nur mit seinem ewig frischen Pilgrim's Progress" eingezogen. Daneben aber verdiente seine Seelen- beickteGra~e Abounding in the Chief of Sinners", die ein lebendiges Besitztum aller religiös interessierten Angelsachsen bildet, ob ihrer tra­gischen Wahrhaftigkeit auch außerhalb der englisch sprechenden Völker einen Ehrenplatz in der Literatur echter, ungeschminkter Lebens- dokumenie.

Auf dem $crum her Trierer Temvelstsdt.

Ausgrabung und Erhaltung des Tempelbejirks.

Von Kurt H o tz e l.

Der im Weichbild der Stadt Trier, im Altbachtale zwischen den Ruinen der Kaiserthermen und des Amphitheaters, aufgefundene römische Tempelbezirk erweist sich im Laufe der seit 1924 ununterbrochen vorgenommenen Grabungen immer mehr als ein geschichtliches Denkmal von höchster Bedeutung. Professor Siegfried L o e s ch ck e . dem Ausgrabungsleiter, ist es gelungen, hier in dem un­bekannten Gelände zwischen einer Bahnlinie und einigen Fabriken auf einem Gebiet von 300 mal 300 Meter eine vollständige T e m p e l st a d t in ihren Grundrissen, Mauerresten, Säulenhallen, Denkmälern usw. zu­tage zu fördern. Es hat sich in den letzten Monaten mit Sicherheit er­geben, daß diese Tempelstadt sich um ein Forum gruppierte, das seiner­seits wiederum auf der Stätte eines prähistorischen Marktes liegt. Und auf dem nach neuesten Feststellungen in den Jahren 270 bis 275 durch die Germanen zerstörten Dempelbezirk erheben sich dann die ersten fränkischen Bauten so daß hier in einzigartiger Weise ein bisher wenig bekanntes Zeitalter rheinischer und deutscher Geschichte im voll­ständigen Zusammenhang durch interessante Zeugnisse ausgehellt wird.

Bisher hatte man eine große Anzahl einzelner Tempel in diesem Gelände ausgegraben: meist Heiligtümer in der Art der Feldkapellen der christlichen Zeit. Auch Umoangtempel mit Holz- oder Steinsäulen, nor­dische Bauformen mit hohem Giebeldach oder Pultdach waren zutage getreten. Daneben erschienen rein hellenistische Reste. An Götterbildern sanden sich neben den römischen Göttern, den olympischen also, vor allem einheimische Gottheiten, die uns hier zum ersten Male mit Namen genormt wurden. Inschriften verzeichneten an weiblichen Segens- und Mutdergottheiten die bisher unbekannten Aveta, Ritona, Icovellauna, dazu die Pferdegöttin Fpona. Besonders interessant war der Fund eines gut erhaltenen Steinbildes des stiergestaltigen einheimischen Wassergottes, das in der Tempelumrahmung stand, nahe bei dem Heiligtum einer der Segensgöttinnen, deren Sitzbild auch noch an der ursprünglichen Stelle und zwar vor dem zweizelligen Tempel gefunden wurde. Die Schlüße, die sich anaesichts dieser Götterbilder auf die Seelenverfassung unserer rheinischen Porfahren ziehen lassen, sind für die Volkskunde sehr wichtig. Die bäurische Kultur ist danach hochentwickelt gewesen, und der Bilder­reichtum des Kultes üvertrjfst in manchem Sinne den römischen.

Etwa dreißig solcher Kapellen-Tempel hat man im Laufe der Jahre gefunden. Die Zahl vermehrt sich noch dauernd. Nun schließen sich aber

nach den neuesten Grabungen im Nordwesten an diese Kleinbautei, große Vierecke an, die in sich geschlossen sind. Säulenhallen umzogen diese weiten Höfs, deren Bestimmung verschieden ist. Inmitten des Mauergewirrs der Kleinbauten liegt der nördlichste dieser Großbauten. Man fand an dieser Stelle im vorigen Jahre den Mithras-Tempel. Im Kellergeschoß eines großangelegten, zweiflüglichen Priesterhauses von Mariius Martialis erbaut lag das Mithräum, das erst in konstantinischer Zeit durch die Christen zerstört wurde: ein Zeugnis für den schweren Endkamps de» Christentums mit der durchaus verwandten Mithras-Religion, ein Kampf, der im ganzen Abendlande ausgekochten wurde bis weit in den Orient hinein. Das hier gefundene Sockelrelief des Mithras-Altars ist übrigen» von ganz besonderer Schönheit. Cs stellt die Geburt eines Mtthrasknaben dar. Unter diesem Mithras-Priester-Haus und Mithräum traten nun rost- artig gelegte schwere längliche Sandsteinblöcke zutage, die sich als Sitz­reihen eines Theaters im Kultbezirk herausstellten. Diese» Theater füllte einen der großen in sich geschlossenen Viereckräume im Tempelbezirk aus. Eine verhältnismäßig kleine Podiumbühne wurde darin, nach Nordwesten gelegen, auch gefunden. Auf den erwähnten primitiven Sitzsteinen, die amphitheatralisch geordnet |inb, findet matt vielfach die Namen der Sitzinhaber.

Parallel zur nördlichen Außenmauer des Theaters läuft in größerer Entfernung ein neugesundener Aquädukt. Er brachte das Wasser von den Bergen, die Trier auf dieser der Mosel entgegengesetzten Seite umrahmen. Weiterhin läuft diesem Zuge parallel die Umfassungsmauer des ganzen Tempelbezirks, der eine Säulenhalle vorgelegt war, die rund um die Tempelstadt lief.

Westlich von diesen Anlagen fand man schon vor längerer Zeit den größten der Jnnenhöfe, der Binnenvierecke des Bezirks: einen noch nicht ganz durchforschten Raum, dessen Westwand in zwei Apsiden ausgebuchtet war. Inmitten der Mauer zwischen diesen Apsisbauten fand sich ein um­fänglicher Torbau, der als der Haupteingang zum Tempelbezirk anzu­sehen ist. Das mit Apsiden versehene Viereck aber wurde als das Forum, als der Markt der Tempelstadt erkannt. Es liegt in dem rechtwinklig gehaltenen Fluchtlinienplan der augusteischen Stadtgründung Triers. Wahrscheinlich ist dieses Forum und dieser Temvelbezirk von den Römern auf altem Kultbvden der Einheimischen, der Bauen, errichtet worden, um der Landbevölkerung vor der eigentlichen neuen römischen Regie­rungsstadt einen schon gewohnten Sammelplatz zu geben. Kluge römische Kolonialpolitik schuf also hier ein unsterbliches Denkmal einheimischen Kultes. In derselben Fluchtlinienrichtung fand ma.n auch letzthin einen in der ersten r m-schen Zeit errichteten Tempel mit Umgang aus Holz­fäulen, deren Steinfundamente noch vorhanden sind. Neben dem Forum aber, nach Westen, entdeckte Professor Loeschcke einen Binnenhof von nahezu d-rselbev Größe wm das Forum. In seiner Mitte fanden sich Reste eines größeren Tempels. Die Umfassungsmauer dieses Vierecks zeigte im Westzuge sehr gut erhaltene Nischenbauten, über deren Bestimmung noch keine Klarheit herrscht. Der ganze Hof war innen wieder von einer Säulenhalle umzogen, l^tb parallel zu ihm entdeckte man noch einmal Mauerreste, die auf eine ähnliche Hofanlage schließen lassen.

Angesichts der Großartigkeit dieser Funde erscheint es dringend ge­boten, die vollständige Ausgrabung des Tempelbezirkes zu ermöglichen. Das Gelände ist zugänglich. Die Mittel sind bisher vom Reich, Land und anderen Stellen aufgebracht worden. Die Notgemein­schaft der deutschen Wissenschaft, die auch das Erscheinen her ersten Buch­veröffentlichung von Loeschcke über die AusgrabungenDie Erforschung des Temvelbezirkes im A'Uachtale zu Trier" ermöglichte, hat sich be­sonders darum bemüht. Möchten die betreffenden Stellen das große wissenschaftliche Werk nun auch zum Ziele führen lassen!

Die Grabungen haben nun bereits eine Fülle von Museumsstücken ergeben, die zwei neueingerichtete Räume des Trierer Provinzialmuseums füllen. Biele Kleinfunde sind noch nickt geordnet und aufgestellt. Aber schließlich besteht doch der Wert und Reiz dieser Ausgrabungen In den an Ort und Stelle sichtbaren Funden, in den Bauten des Tempelbezirks selber. Es sind jetzt schon zwischen den hochgetürmten Hügeln der aus« geschachteten Erde eindrucksvolle Mauerzüge sichtbar.

Wenn nun das Erdreich planiert würde, so wären die Reste allein schon eine einzigartige Sehenswürdigkeit zumal sie nicht unüberseh­bare Züge eines von der Phantasie des Laien schwer zu rekonstruierenden Gesamtbaues sind, sondern jeder in sich ein deutlich erkennbares Bauwerk ist. Professor Loeschcke schlägt nun vor, einen der charakteristischen Um- gangtempel im Bau zu rekonstruieren. Ein vollständiges Modell dasllr ist in einer kleinen Plastik erhalten, die, in Stein gehauen, einen solchen Temvelbau darstellt. Ferner könnte die Umfassungsmauer mit einigen Säulen aufgerichtet werden, das Forum wäre im, wesentlichen leicht zu rekonstruieren und das Ganze als Grünanlage zugänglich zu machen.

Damit würde nicht nur der Stadt Trier, sondern der ganzen Nation und weiterhin der schon heute sehr interessierten Kulturwelt im Rheinland ein Denkmal heim-'scher und römischer Vorgeschichte geschaffen, dessen Einzigartigkeit durch die welthistorische Bedeutung der römischen Kaiser­stadt Trier zum Beginn der geschichtlichen Zeit Nordeuropas bezeichnet wird. Hier durchdringen sich, jedem sichtbar, die Kulturelemente, aus denen die spätere eurovöische Kultur erwuchs. Hier an Rhein und Mofel liegt die Wurzel, von hier ans breitete sich das Frankenreich aus, dessen erste Siedlung in römischen Mauern hier im Trierer Temvelbezirk deut­lich erkennbar ist.

In allen anderen Städten römischen Ursprunaes an Rhein und Donau liegen die zweitausend'ährigen Bauten, meist Kirchen, wohl auf immer verborgen. Hier in Trier hat die Gunst des Schicksals d>e Erde offen gelassen. Eine durch diesen Bezirk geplante Straße läßt sich ieid)t* legen. Die Vorbedingungen einer großzügigen Erhaltung sind issgeven. Und gerade hier an der umkämpften deutschen Westmark wäre diese er« Haltung eines antiken Nationalheiligtums eine historische Tat.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyrtot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Stetndruckerei, 3$. Lange, Gieße».