Ausgabe 
11.8.1928
 
Einzelbild herunterladen

Büchse anzieht. Weißt du, Jimmy, ich bin kein ängstlicher Mensch, aber damals lief mir ein kalter Schauder am Rücken herunter.

Gut also, nach einer Stunde, als ich das Gefühl habe, daß der Lowen- jäqer sich wieder entfernt hat, krieche ich aus meiner Höhle, natürlich m das Fell gewickelt und springe wie ein Karnickel von Busch zu Busch. Auf einmal..." , . , ,

Billy trocknete sich den Schweiß von der ettrn..Auf einmal, was soll ich dir sagen, habe ich einen Schuß im Bein. Ich werfe das Fell fort, lege mich auf den Rücken und wage nicht, einen Laut von mir zu geben. Nichts rührte sich. Am folgenden Tage bringen mich mitleidige Buren auf ihrem Karren nach Kapstadt. f .

Dann habe ich den Vudy zehn Jahre nicht gesehen. Nach zehn Jahren habe ich ihn auf der Straße getroffen hier ganz in der Nähe, und habe ibn gefragt, was sich damals begeben hat."

Mensch!" sagte er.Wer hätte das gedacht, dieser Mann namens Nimmons war ein Kunstschütze aus Oklahama. Er hat zehn erste Preise gewonnen."

Und das Geld?" frage ich. . ,,,

Geld? Mensch, ich war froh, daß mich der Mann nicht totgeschlagen hat. Er wollte mich ins Zuchthaus bringen wegen Betrugs, und ich habe ibn nur mühsam besänftigt." Als Budy das gesagt hatte, druckte er mir die Hand und verschwand schnell um die Ecke. Ich habe ihm lange nach- qefchen. Und nun, siehst du, habe ich ein lahmes Bein. Himniel und Donner, Jimmy, es ist die höchste Zeit, daß wir noch einen Whisky trinken ..."

ArbeUsbörfe in Konstantinopel.

Von Robert N e u m a n n.

Gemeint ist nicht die amtliche Vermittlungsstelle in Pera und nicht die des französischen Konsulats. Gemeint ist nicht der türkische Matrosen, nachweis am Kai der Douane und nicht das Bureau des englischen See­mannsheims. Die große Arbeitsbörse, die wirkliche, die Arbeitsbörse derer, die nicht mehr zu den Behörden gehen wollen, oder die aus dem und diesem Grunde gar nicht zu den Behörden gegangen sind, die große Arbeitsbörse der Außenseiter liegt drunten in Galata, in der Grande Rue, ihr Amtslokal ist über zehn, zwanzig Kneipen, Bars, Anumer- lokale verteilt und ihre Amtsstunden reichen von neun, zehn Uhr abends bis in das Morgengrau. Auf die nächtliche Gasse, mitten in das Gewirr von Matrosen, Hausierern, Dirnen, Hafenarbeitern, Kindern, fällt aus einer Tur grelle Musik. Ein halbhoher Vorhang, zugezogen, wehrt den Blick in den Raum. Aber über ihn hinweg erschaut man unter papiernen Wimpeln, Girlanden, Lampions einen großen schrägen Spiegel und in ihm einen Ausschnitt der Kneipe: junge Mädchen, zwei drei Paare, zucken im Charleston. Ist man eingetreten, erweist sich das Arrangement als Atrappe, bis auf jene tanzenden Mädchen, die weiter planvoll auf dem nach außen gllviegelten Teil des Parketts sich bewegen, und bis auf eine dürftige IFazKand rechts hinten im Winkel, und bis auf einen Kellner und einen kleinen, kränklich aussehenden Mann in abend­ländischer Kleidung links hinter der Bar ist das Lokal durchaus leer.

Ich bin der einzige Gast. Es mag zu früh fein erst eine halbe Stunde nach Mitternacht. Ich fetze mich an ein Tischchen, eines der Mädchen kommt zu mir, mustert mich, fragt:E di un bastimento?' und, ohne eine Antwort abzuwarten, auf deutsch (zwischen diesen beiden Polen ihrer Jnternationalität bin ich nun einmal offenbar durch mein Aeutzeres festgelegt):Sie arbeiten auf einem Schiff?" Da ich verneine, ruft eine andere herüber:Mais cest pour trouver de louvrage! Und schon sehe ich mich quer durck) den leeren Raum geleitet, an der Jazzband vorüber, nach einer niederen Tür und in ein Hinterzimmer des großen Lokals.

Von dem papierenen Festschmuck des Vorderraumes ist hier nichts zu sehen. Sechs, acht nüchterne Vartischchen, vierzig billige Sessel stehen die Wand entlang. Jener Kellner erscheint für einen Augenblick und schiebt mir lässig und ungefragt ein winziges Schälchen mit schwarzem Kaffee hin. An einem Tisch mir schräg gegenüber sitzen drei Manner und spielen Karten. Zwei von ihnen, gekleidet mit einer gewissen derben Sauberkeit, sind unverkennbar deutsche Arbeiter Eisendreher, wie ich ihrem Sprechen entnehme. Ihr Spielpartner, in schwarzem Anzug, sorg- fäitia gescheitelt, mit ausgeschnittener Weste und weißer Hemdbrust, hat das "Aussehen eines stellenlosen Kellners. Da ich mich setze, wendet er mir ein gelbes Gesicht zu und sagt deutsch, wienerisch:Suchen Sie einen Saxophonblüser?" Nein, ich werde ihm keine Arbeit geben, ihm nicht und den andern nicht, die hier warten. Der kleine Franzose am Nebentisch weih das auch und winkt ab, mit einer dürren, braunen Raucherhand, auf der ein Ring blitzt.Je viens de Batoum, sagt er. Jy suis de passage. Und er warte eigentlich aus eine Passage nach Rouen, Cherbourg. Oder auch nad) Marseille, in Gottes Namen. In­zwischen suche er irgendeine Beschäftigung.Man will nicht müßig gehen", sagt er. Und:Sie kennen Paris?" Dann wieder: als Korre­spondent, als Buchbalter. Oh, aud) als Handlungsdiener. Es sei ja nur für den Augenblick, sagt er mit einer weltmännischen Handbewegung und bestellt nachlässig einen zweiten Kaffee für sieben Piaster.

Aus einem Winkel kommt ein massiger, farbloser Mensch, mit völlig farblosen Haaren, setzt sich zu mir und stellt sich vor.Ich heiße Lever­sohn, Leversohn aus Charkow", sagt er in einem kaum mehr verständ­lichen Jiddisch. Er kommt aus Palästina, aus Tel wiw.Man hat uns gesagt, wir sollen hinuntergehen. Wir sind hinuntergegangen, viele Menschen. Es war kein Brot, es war keine Arbeit. Es war kein Handel, es war kein Geld. Viele sind gestorben. Viele find nach Rußland zurück. Mit einem Frachtschiff bin ich gekommen nad) Zypern. Mit einem andern Frachtschiff bin ich gekommen nach Smyrna. In Smyrna hab' ich kein Geld gehabt, hab' gearbeitet im Hafen ein halbes Jahr lang. Zu Fuß fein ich von Smyrna gekommen bis Konstantinopel. Hier bin ich. Ohne Arbeit, ohne Geld. Hier find wir hundert und hundert so wie ich. Wir wollen zurück nach Rußland." Er hebt den langen Arm und deutet mit feiner plumpen zitternden Hand nach einem schlanken, straffen, dunkel­

gekleideten, slawischen Mann mit gestutztem Schnurrbart, der abseits itztAuch die er Herr ist aus Rußland", sagt er. Der andere merkt, daß von ihm die Rede ist, hat offenbar nicht verstanden, lächelt verbindlich mit weißen Zähnen, verbeugt sich. , .

Inzwischen ist Streit ausgebrochen. Jener Kleine, den ich im vor­deren Raume hinter der Bar gesehen hatte und der offenbar der In­haber des Lokals ist, steht dünn, mager, unscheinbar vor den beiden Metallarbeitern, die sich drohend erhoben haben und auf ihn einreden, Das sei ein Schwindel, erklären sie. Nun seien sie schon drei Nachh hier und kein einziger Arbeitgeber sei noch gekommen.Man ver' mki ein Geld und hat nichts davon", sagt der ältere. Der Kleine erregt sich, Nachmitmtags, gegen sieben, sei einer gekommen, em Herr, em In­genieur aus Angora, und habe Arbeiter gesucht. Aber da sei selbstver- tändlich niemand zugegegen gewesen. Ob das etwa seine schuld fei? cknd er wendet sich an die anderen die Herrschaften alle könne« bezeugen, daß erst vor vier Tagen jene griechischen Mädchen, die drei, vom Platze weg hier im Lokal engagiert worden seien. Der Franzose bestätigte das mit einem wissenden Lächeln. Für griechische Mädchen ei immer Nachfrage, sagt er. Die andern zucken die Achseln. Anderswe st es nicht aussichtsreicher. Besser, man bleibt schon hier im Lokal.

Der Inhaber wendet sich inzwischen nach dem dunklen Winkel neben der Toilette und sagt:Et vous?" Nun erst bemerke ich, daß dort o« einem Tischchen zwei Frauen sitzen. Die ältere, schwarz gekleidet, füns- undvierziq vielleicht, mit einem gelbbraunen, ungewöhnlich mageren, seh, strengen Gesicht. Aufreckst fitzend, wachen Blicks und bewegungslos. Di« jüngere, offenbar ihre Tochter, weißen Seidenschal um das Haar, hat den Arm auf den Tisch und das rosig junge, ein wenig zu volle Ge­sicht auf den Arm gelegt. Sie schläft. Sie atmet in langen, unbeschwerten Atemzügen, halb offenen Mundes. Unter dem Anruf ist die Mutter einen Augenblick hochgezuckt. Doch sie antwortet nicht. Sitzt, wachen Blicks. Sitzt und wartet.Armenierinnen", sagt mir der Franzose ins Ohr.Fliichl- linae von den Massakers. Sollen Aristokratinnen sein. Aber kann man das wissen? Sie leben allein. Alle Männer sind von den Türken utn= gebracht worden. Siebzehn Männer aus ihrer Familie haben sie massakriert." Der Inhaber hat sich mit einem Achselzucken nach dm vorderen Raume gewandt. Einen Augenblick lang schlagt durch die ze- össneie Tür Gelächter, Kreischen und das Hämmern der Jazzmusik

Hier ist inzwischen große Lebendigkeit eingezogen; Matrosen all« Farben und Rationalitäten auf Landurlaub, ein paar kleine Handlung-- gehilfen in allzu abendländischer Kleidung, dann dienstfreies stotet- personal aus Pera, das sich eine gute Nacht machen will. Man tanzt. Die Dunkelhaarige, die mich empfangen hat, setzt sich zu mir.Atrovato?* fragt sie und bestellt einen Kognak. Ob sie Italienerin sei?No, Spaniol. Da ich weiterfrage: Spanierin aus Barcelona. Als Kind herubsrM- kommen, dann, nach dem Tod der Eltern, und obwohl doch die reichst! Tante in Barcelona ... Warum wohl alle Mädchen an allen Orten 6er Erde die gleiche Geschichte erzählen? Erst später fällt mir cm, daß st offenbar Spaniolin ist, spaniolische Jüdin aus Konstantinopel, und dch nur meine ungeschickte Frage sie die Geschichte von Barcelona erzähle» ließ. Die anderen Mädchen sind durchweg Griechinnen, meist aus AM fröhliche schwarzhaargie, plumpe Geschöpfe ohne jedes klassische Gben- maß. Eine aber die ist zugleich auch Trommlerin bet der JgWiM stammt aus Odessa. Oh, sie haben Arbeit gefunden, sie trinken Kognak sie warten nicht in den Hinterzimmern.

Der Inhaber setzt sich zu mir, noch immer erregt über jenes A- Ömit den Eisendrehern. Er lagt:Warum kommen die Leute nad;

antinopel? Warum gehen sie nicht nad) Haufe? Well man st an der Grenze sestnehmen würde! Glauben Sie dock) nicht, wo- st fugen. Alle haben sie etwas ausgefressen. Leichtsinn und Leichtsinn. 3a - feben Sie! Sehen Sie!" In einem wirbelnden Zweifchritt, schlanke M zerin um die Taille gefaßt, dreht fid) jener Straffe Verbindliche E dem Hinterzimmer vorüber. Er lächelt weißzahmg unter dein 1)®^ Schnurrbart, tanzt tanzt.Da sehen Sie!" sagt der Lokalinhaber. ,,U» rufst eher Offizier, vor den Bolschewisten geflohen. Sie können ihn eM gieren als Dolmetsch. Sie können ihn engagieren als Kammerdiena- 11 nb wahrscheinlich aud) für Schlimmeres. Das nimmt jede Arbeit, hat kein Hemd am Leibe. Aber das tanzt." Der Rufst merkt daß ° ihm die Rede ist. Im Tanze bückt er sich verbindlich, lächelt h-nM« Die Jazzmusik dröhnt, man lacht, ruft, redet, Zigarettenrauch W in der Luft. .... . ,

Die Tür tut sich auf und aus dem Hinterzimmer kommt.die ätw Hierin mit ihrer Tochter. Die beiden gehen Arm in Arm sehr lang!« den Blick geradeaus gerichtet, durch die Menge und treten aus Gasse hinaus.

Rundsunksensationen.

Von Frank Warschauer.

Telepathie im Rundfunk. v

Eigentlich hat ja der ganze Rundfunk etwas Magisches;

nicht magisch, wenn ich plötzlich in meiner Stube emen Hern London ober Wien sprechen höre, ober, wenn, wie es kurzmy mn plötzlich Stimmen aus Reuyork da sinb? Also ist es gar nid) !i liegenb, baß man aud) einmal ben Versuch gemacht Hot, > Feststellungen zu machen, bic gleichsam bie wisienschiistliche ö treffen. Freilich in ber Wissenschaft hat das natürlich andere .a im Mittelalter, man sagt jetzt Telepathie unb $) eil t en® gemerkt: nicht Fernsehen, denn das fällt bereits in die Ka S technischen Möglichkeiten. . , Mr(

Schon vor einiger Zeit ist in Englanb ein Versuch dieser K worben. Es handelte sich barum, festzustellen, ob babci ni jji,

Uebertragung klanglicher Wesensäußerungen des Mensche" » sondern auch die von Gedanken und Vorstellungen, die miy ~ oder Bilder gebunden sind. Denn dies versteht man ja unt das Vermögen, Gedanken anderer Menschen.kennenzulernen, Situationen, in denen sie sich befinden und ähnliches, oyn