Ausgabe 
11.2.1928
 
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So trug Leonhard seine Liebes- und Berlobungsgeschichte vor, und die Freude verklärte sein Gesicht.

Da kann man gratulieren", sagte der Rendant und rückte an seiner Brille, wie er immer tat, wenn er von einer wannen Empfindung hin- genommen ward. Diesen Leonhard mochte er doch wohl zu streng be­urteilt haben. Kein Zweifel, daß Herr Grützner in Greiz als ein vor­sichtiger Geschäftsmann über den Verehrer seiner Nichte Erkundigungen eingezogen und eine günstige Auskunft erhalten hatte. In der Tat, wer es zuwege brachte, sich solch ein tüchtiges und wohlhabendes Mädchen zu er­obern, war kein Windbeutel, uxir ein ganzer Mann. Vor den Augen des alten Herrn stieg das Glück des bräutlichen Paars wie ein glänzender Stern empor und er pries sein Geschick, daß ihm vergönnte, nun auch jein Sorgenkind geborgen zu sehen. Die Vergangenhe-it war ausgelöscht, die Gegenwart war erfreulich und von der Zukunft durfte man das Beste hoffen. Drum fort mit den Bedenklichkeiten, fort mit den Grübeleien, die ihm das Leben vergällten.

Wie zur Bekräftigung dieses Entschlusses erhob er sich und durchmaß mit raschen Schritten die Stube. Plötzlich unterbrach er seine Wanderung. Das war alles recht gut und schön, aber da war doch noch eine Wolke, die die freie Aussicht verwehrte. In Plauen ging es flott her, das hörte man aus Leonhards Worten heraus. Allem Anschein nach hatte er manches liebe Mal über die Stränge geschlagen. Sollte ihn da nicht wieder der Spiel­teufel ins Garn gelockt haben? Oder hatte der feine Macht an ihm ver­loren? Jetzt, wo er vor einem neuen Lebensabschnitt stand, wo er im Begriff war, das Schicksal eines braven Mädchens an das feine zu ketten, mutzte man sich darüber Gewißheit verschasfen. Das war Pflicht, war Gewisfenssache. Das Mitztrauen, kaum eingeschläfert, wurde in dem alten Herrn wieder wach. So trat er vor seinen Sohn und sprach:

Du weißt, was hinter dir liegt, hab ich in keinem Brief an dich be­rührt. Ich möchte dich aber jetzt etwas fragen. Sage mir die Wahrheit! Hast du in Plauen wieder gespielt?"

Eine jähe Röte überflammte Leonhards Gesicht.

Ja, Vater," antwortete er,ich habe wieder gespielt."

Der Rendant trat unwillkürlich ein paar Schritte zurück.

Also doch!"

Ich habe gespielt," wiederholte Leonhard,habe gewonnen und ver­loren. Aber ich gebe dir mein Ehrenwort: von der Stunde an, daß ich nach Greiz gefahren bin, habe ich keine Karte mehr angerührt."

Der Rendant schien diese Versicherung zu überhören.Du hast mir er­zählt, wie offen deine Braut gegen dich gewesen ist. Hast du Gleiches mit Gleichem vergolten? Hast du ihr gesagt, daß du in einen Spielerprozeß verwickelt warst und deinen Leichtsinn hast teuer bezahlen müssen?"

Leonhard senkte den Kopf.

Nein, Vater, das habe ich ihr nicht gesagt."

Der Rendant zog die Brauen zusammen, seine Stimme klang hart und rauh.

Offen gegen offen. Das Fräulein hat ein schönes Vermögen. Ehe sie sich einem Spieler anvertraut, wird sie sich das noch zweimal überlegen."

Vater, der Wille tut alles. Ich habe den festen Willen, nicht mehr zu spielen."

Der Rendant machte eine Handbewegung.

Das habe ich schon einmal von dir gehört. Wie lax du in deinen Vor­sätzen bist, bas hast du bewiesen!"

Leonhard sprang auf. Die Adern schwollen ihm an der Stirn.

Nimm's wie du willst. Mich schlecht zu machen bei meiner Braut, das brauch ich nicht. Und tu' ich nicht!"

Du hast die Wahl," entgegnete der Rendant mit erzwungener Ruhe, entweder du schenkst ihr reinen Wein ein ober tu ich's."

Leonhard trat ans Fenster und schaute mit düsteren, zornerfüllten Blicken hinaus. Ein guter Vater, ein vortrefflicher Vater, der den eigenen Sohn in der Achtung der Braut erniedrigen wollte. Mit welchem Rechte maßte der Alte sich an, die Vergangenheit aufzurühren? Gewiß, er hatte wieder gespielt, doch seit die reine, keusche Liebe in sein Leben getreten war, hatte sich alles um ihn und in ihm verändert. Aus einer neuen Kraft und Festigkeit heraus hatte er die Höhe gewonnen, daß er feine Spielwut von Grund aus verdammte. Nun, da er ein anderer geworden war, sollte er Beichte ablegen bei seiner Braut, sollte sich demütigen und belasten? Die Folgen waren unberechenbar. Vielleicht, daß diese törichte Aufrichtigkeit sein ganzes Glück zerstörte. Aber war das wirklich möglich? Seine Braut liebte ihn, vertraute ihm von ganzem Herzen. Was er ihr auch gestehen mochte, ihre Gesinnung gegen ihn blieb dieselbe. Davon war er fest über­zeugt. Wenn der Alte sich letzt einbildete, er werde als seines Sohnes An­kläger erscheinen, sollte er sich gründlich täuschen.

Er wandte sich um.

Du wirft nicht in die Verlegenheit kommen, Vater, mich bei meiner Braut zu vermafeln. Ich selbst werde ihr alles sagen!"

Nun, bann sind wir ja einig", versetzte ber Rendant trocken.

Den Rest des Abends sahen Vater und Sohn steif wie Pfähle einander gegenüber. Ihr Gespräch berührte dies und jenes, aber ein herzlicher Ton klang nicht dazwischen.

Am andern Morgen trat Leonhard die Rückreise nach Wauen an.

Das Haus des Optikers und Instrumentenmachers Grützner in Greiz war ein alter Fachwerkbau, dessen Fassade auf acht Feldern stark ver­blaßte Fresken aus der Geschichte Johannes des Täufers schmückten. Die Vergnügungsreisenden, die die Stadt besuchten, wurden unfehlbar vor das Grütznersche Haus als eine Sehenswürdigkeit geführt. Ehemals Eigentum der Kirche, war es zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in den Besitz einer Beamtenfamilie gelangt. Von dieser hatte es der Optiker erworben. Im Erdgeschoß befanden sich ber Laben unb bie Werkstütte, ben oberen Stock hatte Herr Grützner mit seiner Nichte inne. Die kleinen Räume waren behaglich eingerichtet. In der Wohnstube mit dem weit vorsprin­genden Erker hatte aus einfachem Gestell eine Büchersammlung Platz ge­sunden. Herr Grützner las viel und bevorzugte erd- und völkerkundliche Werke. Wer nicht lieft, pflegte er zu sagen, weiß nicht, warum er lebt

Ein wenig von seiner Leselust war auf seine Nichts übergegangen. Dich war zuerst auf einen Journalzirkel abonniert und las die in Fortsetzung erscheinenden Romane, wobei sie durch die Vielseitigkeit der Gsschehnch und die Menge der Personen keineswegs verwirrt wurde, sondern einer Erzählung zur andern wie aus einer Stube in die andere schrch Mit einem Male war sie der Unterhaltungsschriften überdrüssig und g® zu den Büchern ihres Onkels. Mancherlei darin erneuerte das Andenken ti ihren Vater, dessen wundersame Reiseberichte noch wie fernes Meern brausen in ihrem Ohr klangen. Obzwar ber Hoffourier die halbe M burchwanbert, hatte er mit einer großen, ja leidenschaftlichen Liebe m seinem Vogtland gehangen, von dem er behauptete, daß man es desto mei schätzen lerne, je weiter man sich von ihm entferne. Dies starke Gefühl ft die Heimat lebte in seiner Tochter fort. Während ber guten Jahreszeit oti ging keine Woche, daß sie nicht die Umgebung der Stadt durchstreifte uij auf ihre Weise die Natur belauschte, wobei alles für sie eine höhere D®, hing gewann. Der Kreis ihrer Kameradinnen war von Jahr zu Ich kleiner geworden. Die einen waren verzogen, die andern hatten sich t» heiratet. Wie überall liefen auch in ber guten Stabt Greiz die Herren d« Schöpfung ben hübschen Lärvchen nach. Hermine, die weder schön w« noch es scheinen wollte, stand unbeachtet neben den Mädchen, deren Rch Augen und Sinne der Männer bezauberten. Höchstens, daß sich ihr eii paar Geldgierige näherten, die ihr Vermögen ausgewittert hatten, bete Absichten aber so durchsichtig waren, daß sie von vornherein abgewich wurden. Ungeachtet dieser traurigen Erfahrungen war Hermine teinesroeji verbittert, sondern schaute mit klaren, fröhlichen Augen ins Leben h.nim An jenem Pfingsttag in Jocketa hatte die Liebe ihr Herz beschlichen, ui! die Stunde im Schloßpark, da der junge Kaufmann ihr seine Neiguq gestanden, hatte ihr Schicksal besiegelt. Vor vierzehn Tagen war Lew Hard aus der Heimat zurückgekehrt. Als guter Sohn hatte er feinet Baker gebeten, ben Bund zu segnen, den er eben geschlossen. Das hch der Vater getan, wie Leonharb sagte. Allein die seltsame Erregtheit, bi sich seit seiner Wiederkehr bei ihm bemerkbar machte, beunruhigte he» mine. Billigte Herr Schmittborn die Verlobimg nicht und scheute ft Leonhard, die Wahrheit zu gestehen? Letzten Sonntag hatte es ihr c ber Zunge gelegen, daß sie ihn fragen wollte, ob er etwas vor ihr w berge. Hernach hatte sie doch an sich gehalten. Unterdessen war ein Bch von ihm eingetroffen, worin er über seinen Gesundheitszustand tlagk Er sei, schrieb er mit zitteriger Hand, von heftigen Kopfschmerzen » plagt, so daß es ihm schwer falle, seiner Arbeit im Geschäft gerecht zi werden. Das alles steigerte ihre Angst. Wenn er heute kam darüb« war sie mit sich einig geworden würde sie offen mit ihm sprechen.

lieber der Stadt schwebte Glockenklang. Arbeiter unb Handwerksleutz sonntäglich gefleibet, zogen in Scharen durch die Marktstraße, in der toi Haus des Optikers lag. In der Erkerskube schaute Hermine nach ihn«' Bräutigam aus. Sie hatte ihn früh um neun bereits am Bahnhof (t wartet. Er war nicht gekommen. Sollte er am Ende ernstlich ertranü fein? Aber warum gleich das Schlimmste denken! Er mutzte sich wohl tw jpätet haben. Vor einer Viertelstunde war der Elsuhrzug von Plami eingelaufen. Den hatte er sicher benutzt. Richtig, da bog er um die Bit Trug ein Bukett in der Hand, sorgsam in Seidenpapier eingehüllt. Sie [loj ihm entgegen. Ein paar Minuten später saßen sie traulich beisammen.

Wie gebt dir's denn?" fragte sie besorgt.

Mir geht's wieder gut", behauptete er, aber sein bleiches Aussehen fein müder Blick bekundeten das Gegenteil.

Sie sah ihn forschend an.

Ich habe rechte Angst um dich gehabt."

Er streichelte ihre Wange.

Du bist gut, Minele! Ein paar Tage war ich wirklich bös baiteto Eigentlich war ich mehr verärgert als krank. Na, was vorbei ist, soll mm vorbei fein lassen. Jetzt wollen wir mal von was anberm sprechen. Hoff zu: eine Neuigkeit! Ich habe ein Nest für uns zwei."

Sie schlug die Hände zusammen.

Herr Jemersch, wo denn?"

In der Tischendorfftraße, Nummer sechzehn."

Das ist nicht weit vom oberen Bahnhof."

Ganz recht. Die Wohnung ist im dritten Stock. Drei schöne grch Zimmer mit allem Zubehör. Und nicht teuer. Vierhundert Mark."

Nu gar!"

Unb was viel wert ist, wir sind gleich im Freien."

Das ist famos!" !

Gelt, das paßt dir? Die Sache hat aber noch einen Haken. Md müssen per ersten Oktober mieten."

Schatz, das geht nicht", sagte sie bestimmt.

Er runzelte die Stirn.

Warum geht's nicht?" ,

Erstens werde ich bis dahin mit meiner Ausstattung nicht fertij unb zweitens will ber Onkel nicht, daß wir vor Weihnachten Hochzei machen."

Der Onkel, immer ber Onkel", fuhr er auf.Ich denke, du bist dck eigner Herr."

Das bin ich," erwiderte sie ruhig,deshalb weih ich doch, was ff meinem Pflegevater schuldig bin."

Gut," sagte er großmäulig,dann werde ich die drei Monate Mied bezahlen."

Ein Schatten flog über ihr Gesicht.

Das wirst du nicht hm, Leonhard. Zum Wegwerfen haben mir* nicht. Wir suchen einfach eine andere Wohnung."

Bleiben gelassen!" brach er los,du kennst die Verhältnisse ® Plauen nicht. So schön und so billig unb so nah beim Geschäft triej) ff so leicht keine Wohnung wieder. Ich lasse mir da nichts hereinschwätz» lind geschieht, was ich will!"

Er sprang auf unb schritt in großer Erregung hin unb her. Hermine fühlte, wie ihr das Blut zum Herzen strömte.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. Druck und Verlag: Drühl'sche Anivers itäts-Vuch. und Steindruckerei. 3L Lange, Giehe«.