Ausgabe 
10.4.1928
 
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I wMsturm der fordernde Schrei deines rauhen Freundes dich zur Liebe Winqt wenn deine Kinder, junge starke Hirsche, in die Berge springen "immer wird die dunkle Erinnerung an diesen Strick an deinem Halse bedrucken und dich bescheiden aus der alten, stolzen Gemeinschaft der toten. Ketten hinterlassen ewige Narben, wer wüßte das besser als wir | ^Als^ich im Frühjahr wiederkain, stand die Hirschkuh noch immer im 6ta!l rund und stark geworden, mit dunklen, traurigen Augen. Ich löste ibr den Strick, als die Stunde der Freiheit schlug und sah sie über die braune Erde bergwärts fliegen, in die Wälder zurück.

Aber ich glaube, ich bin ihr ein Jahr danach noch mal begegnet. Als Mi über brüchigen Frühjahrsschnee auf lautlosen Skiern durch einen Laischenhang glitt, sprang ein Rudel Hochwild vor mir auf und brach burchs Dickicht davon. Nur eine Hirschkuh blieb ein paar Sekunden stehen, b-n dunklen Blick mir zugewandt, als wüßte sie um den Menschen und Ante ihre Tierseele nicht mehr aus seinem Reiche lösen.

? Dann folgte sie in zögernden Fluchten den andern.

Ostern in der modernen Makerei.

Von Dr. Paul Weiglin.

Was die Romantiker gespürt hatten, suhlten wir ähnlich hundert Jahre später: mit dem gesunden Menschenverstand allein waren die Weli- räisel nicht zu lösen. Wir begannen uns wieder nach dem lange belächelten religiösen Erlebnis zu sehnen. Das Osterwunder einer Auferstehung voll- B! sich in uns, und wir folgten nicht mehr befremdet den Künstlern, die mühsam den Weg zu den Höhen religiöser Kunst bahnten.

Einer tieferen Inbrunst genügte nicht mehr, was noch um dis Jahr­hundertwende die Herzen ergriffen hatte: Eduard von Gebhardts bürgerlicher Ernst, Friß o. Uhdes sanfte Menschlichkeit, Hans Tho­mas gottinnige Einfalt, Wilhelm Steinhaufens spätes Nazarener- bim. Erschreckt und dennoch gebannt standen wir vor der blutrünstigen Kreuzigung" Lovis Corinths. Das war nicht, wie empfindsame Ge­müter klagten, barbarischer Naturalismus. Aus dieser aufgeregten Häß- «chkeit dröhnten uns die feierlichen Klänge unseres gewaltigsten Passions- tiedes entgegen:O Haupt voll Blut und Wunden ..."

Unsere Passion stand uns noch bevor. Die Künstler waren Propheten, und die Formnuslösung, die sich dem allgemeinen Urteil als eine Folge von Krieg und Revolution darstellte, setzte ein, als mir noch in tiefem Frieden und ungestörter Ordnung lebten. Als dann die große Weltwende eintrat, sah sich die künstlerische Umwälzung durch die Ereignisse gerecht­fertigt, und je toller es zuging, desto unwiderstehlicher meldete sich bei vielen der Drang, den Gott zu suchen, der hinter den Wolken verborgen thronte. Es entstand eine neue religiöse Kunst.

Diese Kunst war nicht kirchlich. Sie wollte nichts aufs neue abbilden, was unzählige Male und oft in unübertreMicher Vollendung^gestaltet worden war. Sie war erfüllt von den Schauern einer Endzeit. Sie suchte ein Symbol für die Schrecken, die auf den Menfchen mit der Wucht der apokalyptischen Reiter eindrangen. Frei von jeder dramatischen Bindung glaubte der Künstler wie kein anderer vor ihm das Leiden und Sterben Christi nachempfinden und nacherleben zu können, und es entstanden in überreicher Zahl malerische und graphische Darstellungen aus der Pas- sionsgeschichte des Herrn. Willy I a e ck e l schuf (1919) seine große Kreu­zigung; in diesem gemarterten Christus erblickten wir die leidende Mensch­heit. Im gleichen Jahre entstand sein Gethsemanebild, und in dieselbe Zeit fallen seine RadierungenGottmensch-Gott-Menschgott", seltsam märchen­hafte Blätter, die technische Phantasien zu Hilfe rufen, um das Wunder der Auferstehung zu verdeutlichen.

Viele standen dieser neuen Epoche fremd gegenüber. Ihn sie vertraut erscheinen zu lassen, erinnerte man an G r ü newald oder Greco. Besser fuhr, wer unbeschwert von geschichtlichen Vergleichen die Bilder auf sich wirken lieh und ihnen nicht den Rücken wandte, weil sie den überkommenen Vorstellungen religiöser Malerei widersprachen. Cs war und ist diesen Karl Kaspars, Dietz Edzard, Ewald Vetter, Felix Baumhauer bitter ernst mit ihrer Sendung. Sie wollen keine An­dachtsbilder schaffen. Es liegt ihnen nicht in erster Linie cm der Bewäl- ügung malerischer Probleme. Sie offenbaren uns die Not ihres Herzens, und in dieser Not sehen sie sich immer von neuem gezwungen, jenes er­schütternde Ereignis zu gestalten, das auch der Urheim unseres Dramas gewesen. Weit seltener fühlen sich unsere Künstler von der Idylle der heiligen Nacht, von dem Glanz der Anbetung der Könige angezogen. Der leidende Heiland steht ihnen näher, als der Lehrer der Bergpredigt, und "lc schicksalsdüstere Nacht des Abendmahls packt sie weniger als der ver­zweifelte Aufschrei des Gekreuzigten. Die meiften, die heute malen, kennen die Schrecken von Not und Tod. Sie glauben zu ahnen, wie bitter der Kelch unverschuldeten Leidens schmeckt, und des Gottessohnes heroisches Mrbild ist ihnen ein Trost.

Verhältnismäßig selten begegnen wir Darstellungen des eigentlich österlichen Ereignisse, der Auferstehung des Herrn. Enthüllt sich hier ein "'fest vom Rationalismus, der stärker ist als der leidenschaftliche Trieb, ZU suchen, Gott nahe zu fein? Der Oesterreicher Gustav Jngers- hat eine Auferstehung gemalt. In steifer Feierlichkeit schrvebt chrlstus, von einem Engel geleitet, durch die Glorie nach oben und laßt , ? Wter des Grabes in dunkelem Entsetzen zurück. Dieser Christus ist M ^uumphator wie auf unzähligen alten Bildern. Aus feinem ernsten 7,B- seiner gebundenen Haltung spricht die Anklage gegen eine ver- wenbeie Menschheit, die ihr Heil ans Kreuz geschlagen hat. Wir sind r;,cr »och nicht auferstanden, und wenn wir auch alle auf das Wunder

*)er Künstler vermag es noch nicht, mit unbeschwertem Herzen M gestalten.

t, ®itö eine Zeit kommen, und vielleicht ist sie schon nahe, wo un- s,7" Künstlern nicht nur die Leidensmacht, sondern auch der SiegesMel in, Osterwoche wieder gegenwärtig werden wird. Die Ekstasen, die viel- | ,r9 krampfe waren, haben sich beruhigt. Wir finden in unseren Aus­

stellungen Bilder, die sich eine ost peinliche Naturbeobachtung zum Ziele setzen. Die Treue und die Klarheit alter Meister sind hoch im Ansehen gestiegen. Schon gilt cs als verdienlich, an Stelle des Chaos der er­regten Seele die schöne Ordnung dieser Welt zu malen. Man traut sich noch nicht recht und übertreibt deshalb mit pedantischer Trockenheit. Aber das Faustwort besteht:Die Erde war auch diese Nacht beständig." In dieser neuerwachten Liebe zu den Dingen, mit denen wir leben, zu der Natur, die uns umgibt, sehen wir ein österliches Werden, dem sich auf die Dauer auch die religiöse Malerei nicht verschließen wird. Der Schrei des Schmerzes, der aus tiefer Not erscholl, wird nicht verklingen, aber er wird zu den seligen Klängen führen, die Christi Auserstehung verkünden. Der Münchener Karl Kaspars hat die drei Frauen am Grabe gemalt, flüchtig, fahrig, mehr auf 6ns Gefühl denn aus Anschaulichkeit gestellt. Und dennoch spricht aus diesem Blatt, was uns alle erfüllt: das Glück und die Unruhe des Ostermorgens.

Die Entdeckung DeutschlLnds.

Bon Professor Dr. Friedrich Behn, Mainz.

Während an den Rändern des Miitelmeers und im Orient Kulturen aufblühten und wieder verblühten, von denen uns ein reich entwickeltes Schrifttum kündet, lag der Norden Europas noch im Dämmerlicht der Prähistorie", das kein Strahl geschriebener Geschichte erhellt. Doch Prähistorie ist.nicht gleichbedeutend mit Kulturlosigkeit oder auch nur Kulturarmut, die Funde zeigen uns ein reiches Kulturleben vor allem in den Gebieten, die von den Germanen bewohnt waren. Es ist besonders die Stufe der jog.Bronzezeit", die rund dem zweiten Jahrtausend v. Chr. entspricht, mit ihrer unerhörten Pracht selbst in den Dingen des täglichen Lebens. Es war wohl die Stärke dieser Kulturen, daß sie sich ungestört vom Strome derklassischen" Lebensformen in ihrer Eigenart voll ent­falten konnten. Daß trotzdem manche Verbindung zwischen Süd und Nord bestanden hat, verraten uns wiederum die Funde. Die sog.jüngere Steinzeit", die um 2000 zu Ende geht, ist eine Zeit größter Volke r- umsiedelungen von weit größerem Umfange als die bekannte Völker­wanderung, mit der man nach altem Brauch das Altertum abschließen läßt. Und mit dem ersten Kulttirmetall, der Bronz e, kamen auch die technischen und künstlerischen Formen in den Norden, der sie bereitwillig aufnahm und sich aus dem Grunde einer neuen Technik wieder fein eigenes Formengebiet schuf.

Keiner der beiden Grundstoffe der Bronze, weder das Kupfer noch das Zinn, kommen im germanischen Norden in solchen Mengen vor, daß sie die technische Grundlage einer Metallkultur bieten konnten, beide mußten eingeführt werden. Kupfer kommt im hohen Altertum an drei Stellen vor: auf der Jnfel Zypern (die daher ihren Namen hat, ober die umgekehrt dem Metall seinen Namen gegeben hat), in den Ostalpen und in Spanien. Der Zinnlieferant des Altertums waren die britischen Inseln, die schon bei Homer mit ihrem einheimischen 'Nameii Kassiteriden, Zinn­inseln genannt werden. Der rege Zinnhandel hatte schon eingesetzt, als die Helmatinseln des Melalles selbst noch in der Kulturlage der Steinzeit beharrten; er hat in der Literatur der klassischen Welt seinen Niederschlag gefunden in den Märchen von den Hyperboräern, im Norden selbst viel­leicht in einer merkwürdigen Gruppe von mächtigen Steinbauten, die ohne Zusammenhang mit einheimischer Baugesinnung stehen und ihre Analogien im Süden und Osten haben.

Ein im Altertum heiß begehrter Handelsartikel des Nordens war das Gold des Nordens", der Bernstein, der in der Urgeschichte des Han­dels eine ungeheuer große Rolle spielt. Zu diesen Quellen führten sowohl Land- wie eeeroege, jene entlang de» großen Flußtälerii. Die Seefahrer hatten ein drastisches Mittel, sich unliebsamer Konkurrenz fernzuhalten, in dem sie fürchterliche Dings erfanden von unglaublichen Gefahren und Ungeheuern" aller Art. Die Erzählungen der Odyssee haben uns eine ganze Anzahl solcher Schiffermärchen überliefert. Ein wirkliches geo­graphisches Juteresfe hat das klassische Altertum nicht gekannt. Man machte es sich recht leicht: alle nördlich von Griechenland wohnenden Völ­kerschaften warenSkythen". Ms dann durch die jonische Kolonisation in Frankreich (Massilia) und Spanien (Emporion) auch der Westen mehr in den Gesichtskreis zu treten begann, kamen dieKelten" hinzu. Als Grenze dieser beiden Nordvölker nahm man die Elbe an. Was noch weiter nördlich wohnte, nannte manKeltofkythen."

Die wirkliche Entdeckung des germanischen Nordens knüpft sich an den Namen des Pytheas von Massilia. Er ist einer der größten Entdeckungsreisenden der Geschichte gewesen. Seine Fahrt ging aus von Massilia (Marseille), berühmte Gades (Ladix) und folge dann den Küsten des Ozeans. Man hat darauf hingewiefen, daß eine solche Reise erst aus der geistigen Umstellung heraus erklärlich fei, die nach des großen Alexan­der Kriegsfahrten tief in den unbekannten Osten hinein einfetzte und das Jnterelse an Ländern und Völkern weckte, die bisher außerhalb des Ge­sichtskreises gelegen hatten. Das mag für andere Unternehmen zutreffen, die Fahrt des Pytheas mutz aber aus allgemein geschichtlichen Er­wägungen früher angefetzt werden, da bald nach der Mitte des 4. Jahr­hunderts die Karthager die Durchfahrt durch die Meerenge von Gibraltar für fremde Schiffe gesperrt haben, um den europäischen und afrikani­schen Seehandel für sich zu monopolisieren.

Die Expedition des Pytheas war ausgerüstet von massaliotlschen Kau,- herren, hatte also wohl nicht bloß wissenschaftliche Ziele, sondern sicher auch wirtschaftliche. Doch immer ist ja die Erweiterung des Seehandels auch der Erweiterung des geographischen Wissens zugute gekommen. Jedenfalls hat sich Pytheas lange an den Küsten des Atlantischen Meeres aufgehalten und Messungen an Ebbe und Flut oorgenommen; die ja im Mittelmeere kaum merkbar find. Sein Ziel war angeblich, das Land zu jinden, in dem die Sonne im Sommer nicht untergeht. Das klingt sehr glaublich, findet sich doch bereits in der Odyssee eine Nachricht von den langen nordischen Nächten.

Das spätere Altertum hat Pytheas vielfach angefeindet und ihm fastche Zeitangaben vorgeworfen, die allerdings durchweg doppelt zu lang sind.