Ausgabe 
6.10.1928
 
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Jahrgang 1928

Somstag, den 6. Oktober

Nummer 80

GietzeimKiimlienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

I c »Mit mir werden Eie keine machen", fertigte sie ihn ab, nun aleick- I auf englisch, und wandte ihm den Rücken. 9

"2?' ic^ hoffe doch. Nutzen Sie die Chance, die ich Ihnen gebe!" °,nn*e ^as wohl für eine sein?" meinte sie geringschätzig.

I sTn/n?'°rt't ®l*L polten. Nicht im Straßenstaub, in meinem | Wagen konnten Sie nach der Stadt zurückkehren.

ben".f)erni?'f td)? $ltoen 6ie fi$ ein' id) führe im Wagen eines frem- I f(! meinen Namen nenne James Bailey Common,

I ^öfchiachwrei, Ehikago bin ich Ihnen kein Fremder mehr."

Tischendorfftheiße^" id) ^nen !n9e- ich Gräfin

Ä£bt' -u m-ch-». Wefpetlvoll

'ISJ* *,0Si"m =" A- .«

3n Ihrem Wagen? Unmöglich!" Und sie ging davon.

. .Doch hartnäckig blieb er an der Seite der Dame, die so schön und schick und überdies eine Gräfin war. Beflissen zog er seinen Baedeker au?, der h,nteren Hosentasche und las ihr die Erklärungen der Sehens-

n e' sn^.aor, die ihrer hier noch warteten, erreichte nach längerem I aaa. .ihm durch den Ziergarten, das Theater mit

dem Orgelwerk und die verschiedenen Grotten begleiten ließ

I nst ch.beendetem Rundgang wies er mit dringlicher Gebärde auf sein

I Auto. Sie erklärte aufs entschiedenste: ' 1

"®enn es mein eigener Wagen wäre, ließe es sich vielleicht machen.

So aber wandere ich lieber zu Fuß." 1 , -

Sie"wollen!""" mein Wagen Ihnen. Behalten Sie ihn, solange

re,i!r!" f^ie sie kurz.Ich werde ihn nur für meinen Aufent- halt in Salzburg brauchen." Stieg ein und winkte gnädig, neben ihr Platz zu nehmen. Dem Chauffeur nannte sie als Ziel ihren Gasthof

I zweiten langes. 1 1

iw/'^ochken Sie nicht lieber umziehen in ein besseres Hotel?" fragte Mr. Common mit galanter Betonung. 1 u

»rs '(''s'11;' ^Efo? Mir genügt es. Sie müssen wissen, daß der deutsche ^ldieser Zeit stolz ist auf seine Bedürfnislosigkeit. In unseren Kresen

I schändet Reicytum mehr als Armut.

Verblüfft nahm er diesen Grundsatz zur Kenntnis, steckte ihn ein wie efue Ohrfeige, die ihm unverdient und sinnlos vorkam, aber gleichwohl Achtung einfloßte. ö w v

wenigstens nachher das Diner in meinem Hotel einktehmen? brachte er ungelenk hervor.

M1nn<£iw.^Uns9en ^ne" "eh'ne ich nicht an, das sagte ich Ihnen doch schon. Äußerem bin ich für heute Abend mit einem meiner Freunde

I verabredet. Natürlich kann ich mit ihm auch im Restaurant Ihres Gast­hofs speisen i dann habe ich nichts dagegen, daß Sie mein Gast sind."

Dankend und sichtlich beftiedigt nahm er an. Was für ein Gentleman ihr Freund wäre, wollte er wissen.

.. .-'Ew ganz hervorragender Gentleman! Ein geistiger Mensch! Aber dieser Begriff ist Ihnen wohl unbekannt?"

Indeed. Bin in den Staaten noch keinem begegnet."

Natürlich nicht. Die machen ja auch kein Geld. Gebildete Männer gibt es ja noch ziemlich viel; von denen haben Sie wohl auch drüben gehört Die nächste höhere Klasse sind die Intellektuellen, gewiß schon

Ahnen. Die höchste und rarste aber sind die Geistigen, selbst in Deut chland dünn gesät: unsere exklusivste Gesellschaft, eigentlich noch exklusiver als der Adel.

»Ach!" machte Mr. Common ratlos und ließ den Mund offen

Ich muß ihn erst fragen, ob er gegen Ihre Gesellschaft nichts ein­zuwenden hat. Es gibt so vieles, was ihm den Appetit verdirbt/

Mr. Common dachte: eine verdammt anspruchsvolle Aristokratie!"

Von ihrem Gasthof aus fuhr die Gräfin mit dem Chauffeur, der auf Anordnung feines bisherigen Herrn nun in ihren Diensten stand, zu Dr Graff, demgeistigen Menschen". Mr. Common trollte sich zu Fuß Er tat es mit beglückter und hoffnungsvoller Miene; fein Wohlgefallen an der bezaubernd aparten, stolzen Frau hatte sich inzwischen zur Leiden- schafr gesteigert. Der Freund mußte für diesen Abend eben mit in Kauf genommen werden.

Auftragsgemäß bestellte er in seinem Restaurant einen Tisch für drei Personen und ein Diner mit erlesenem Menu.

Zur festgesetzten Stunde fuhr die Gräfin in diskret geschmackvoller Abendtoilette mit ihrem anderen Gaste vor. Da dieser einen gutgefdjnit-- tenen Smoking trug, schien er wirklich ein Gentleman zu fein.

Aber auch als ein ausgezeichneter, heiterer Unterhalter erwies sich Dr. Graff, der von Salzburg und Umgebung, von den Festspielen und den Kunstschätzen der Kirchen und Schlößer mehr wußte als der Baedeker, freilich über alles und jedes, sogar über Amerika seine eigenen originellen

Die Begegnung.

Von Gottfried Keller.

Schon war die letzte Schwalbe fort und wohl feit manchen Tagen auch die letzte Rose abgedorrt, nach altem Erdenbrauch.

Es flimmerte der Buchenhain

wie Rauschgold rot im Buchenlicht;

Herbstsonne gibt gar sondern Schein, der in die Herzen sticht.

Ich traf sie da im Walde an,

nach der allein mein Herz begehrt, mit Tuch und Hut weiß umgetan, von gütbnem Schein verklärt.

Sie war allein; doch grüßt' ich sie verschüchtert kaum im Weitergehn, weil ich so feierlich sie nie, so still und schön gesehn,

Es blickt' aus ihrem Angesicht

ein vornehm' Etwas neu hervor, und ihrer Augen Dellchenlicht glomm hinter einem Flor.

Ein fremder Hirt, ein blasser, ging

im Schatten dieser Huldgestalt;

im Gurt ein silbern' Sichlein hing, das klang: Ich schneide bald!

Es scheint mir ein Rival erwacht!

sprach ich und schaut' ins Abendrot;

bis es erlosch und bis die Nacht

die dunkle Hand mir bot.

Die Gräfin.

Bon Kurt Martens.

Während der letzten Salzburger Festspiele fuhr an einem sonnigen nachmittag einer der vielen Amerikaner, die ihr Europa-Trip im Hoch­sommer unweigerlich auch zu dieser Gegend verpflichtet, in seinem präch­tigen Auto die Allee nach Schloß Hellbrunn hinaus. Er war ein unter« egter, öerber »ufinesman in vorgerücktem Alter; breitbeinig lehnte er tm Polster, paffte eine dicke Zigarre und glotzte mit leerem, unbeteiligtem Ausdruck vor sich hin.

Nahe dem Park überholte der Wagen eine junge Dame, die am wabenranbe in ber gleichen Richtung einsam ihres Weges schritt. Mr. wmmon roanbte faul seinen Quabratschäbel nach ihr um, unb weil sie vorkam, rief er bem Neger-Chauffeur ein herrischesStop!" »u, sprang auf bie Straße unb marschierte auf bie Dame los.

e.r cine Weile neben ihr her, sie von Kops bis zu Füßen S: Die Prüfung konnte nur zu ihren Gunsten ausfallen: eine sehr Moschs, sehr distinguierte Erscheinung, ber bas schlichte Sportkostüm mit «em grünen Gamsbarthütchen vorzüglich staub. Das unverschämte An- hnn161! fremden Mannes erwiderte sie mit einem erst verwunderten, iff hochmütig ablehnendem Seitenblick, woraus sie nicht die geringste (Fr t oon ihm nahm. Die Neugier des Amerikaners schien befriedigt, r kehrte zum Auto zurück, brummte einGo on!" unb rollte weiter.

idinn ren Wasserkünsten des Parks, bie eine große Schar von Zu- Unne;;"rr-an9^otft hatten, sah Mr. Common bie junge Schöne roieber. in h»!ft? paschte er sich burch bie Menge an sie heran, stanb bie Hänbe / Hosentaschen neben ihr unb äußerte schließlich:

»eine waterI Das Water ist fein. Js es nicht?"

&if'>v^lner ?Is ®ie!" gab sie kühl zur Antwort.Sie können sich ein ^ifo cl an bem Waller nehmen."

"»standen hati^ ^ac^en 3ei9te' daß er sie ohne Empfindlichkeit recht EvrÄ tin, ai"hi kche, das weiß ich wohl", fuhr er in feiner eigenen die behermimüssen die Damen sein; dafür macht ber Mann