Ausgabe 
3.7.1928
 
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Derantkoortlicd: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverf itäts-Buch- und Steindruckeret, A. Lange, Gießen.

Dietegen.

Erzählung von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

So kam es, daß das Mädchen in seiner bescheidenen Fröhlichkeit, nach­dem sie den Tag über von der besseren Zukunft geträumt hatte, des Abends der Liebling der Totengräbersleute war und sie den Tisch zu ihr an den Ofen rückten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es so, und der Priester gesellte sich hinzu, so daß der Totengräber, seine Frau und Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Küngolt um den Tisch herumsaßen, mit Nüssen spielten und Küngolt eben laut über etwas lachte, was der Geistliche gesagt hatte, während er ihre Hand hielt, als Dietegen hereintrat, um seinen Schützling und Kind seines Herrn einige gute Sachen von Hause zu bringen. Ein unbewußter Zug des Herzens, das eingeschlafene Heimweh nach ihr, hatte ihn doch den Vorsatz fassen lassen,-etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Küngolt, welche die erste Neujahrsnacht ihres jungen Lebens außer dem Hause zubrachte, jemand von den Ihrigen bei sich hätte.

Als er aber den fröhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand der lachenden K.üngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Kälte, daß ihm das Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mädchen die Sachen mit zwei Worten als Sendung des Vaters übergeben, ohne weiteren Auf­enthalt wieder fort, während zwischen seinen Zähnen sich die Worte lösten: Hin ist hin!" Jetzt ahnte Küngolt plötzlich den Inhalt dieses Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurück. Sie sank erbleichend an den Ösen hin und die Leutchen gingen betreten auseinander; das Licht in der Totengräberwohnung erlosch, noch die erste Stunde des neuen Jahres angebrochen war.

Küngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslärm ertönte und jene Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das Frühjahr da war, und der Tag von Grandson nahte, zogen auch die Städle Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren Fähnlein in das Feld, und es war für den Forstmeister sowie für Dietegen eine Erlösung, aus dem gestörten Hause hinauszutreten und die frische rauhe Kriegeslust zu atmen.

zauberhafte Flüssigkeit, bei deren Herstellung allerhand Hokuspokus an­gewandt werden muß und die die abenteuerlichsten Fähigkeiten haben soll. Die Naturerscheinungen Donner, Blitz, Schnee, Reif, und Tau sollen sich darin zeigen und ein Dunst soll sich daraus erheben, der wie Sonne und Mond leuchtet; und was dergleichen noch mehr ist.

Im Gegensatz zu diesen sicher ernst gemeintenErfindungen" stehen die Fülle, deren einen wir schon erwähnt haben, wo zweifelhafte Elemente mit Bewußtsein und Absicht den Aberglauben und die Leichtgläubigkeit des be­sonders im Mittelalter für Zauberei leicht empfänglichen Publikums aus« ^nutzten, um dadurch zu Berühmtheit, Ehren und Geld zu kommen. Ein besonders charakteristischer Fall ist der des Abenteurers Ernst Elias B eßler, genannt Orffyreus. Dieser baute irrt Jahre 1715 in Merseburg eine Ma­schine, von der zwar eine Abbildung vorhanden ist, doch kann man beim besten Willen nicht klug daraus werden. Jedenfalls hatte ihr Erbauer großen Erfolg damit, der so weit ging, daß der Landgraf Karl von Hessen- Kassel ihm den Titel eines Kommerzienrats erteilte, ihn an seinen Hof berief und ihm die Erlaubnis zur öffentlichen Schaustellung seiner Maschine auf dem Schlosse Weißenstein erteilte. Unter Beaufsichtigung des Fürsten uno seiner Minister ließ man die Maschine rvochenlang in einem verschlossenen und versiegelten Zimmer lausen, unb des famosen Herrn Orffyreus Ruhm kannte keine Grenzen, als ste nach Wiedereröffnung des Zimmers noch immer in Bewegung war. Was ihm besonders wichtig gewesen sein dürfte, war die Tatsache, daß mit diesem Ruhm auch beträchtliche irdische Güter sich einstellten, und es wäre alles ganz schön und gut gegangen, wenn nicht unglücklicherweise die Magd, die abwechselnd mit dem Bruder und der Frau des Herrn Kommerzienrats gegen einen Stundenlohn von zwei Groschen die Maschine vom Nebenzimmer aus durch Drehen in Bewegung gehalten hatte, die ganze Herrlichkeit verraten hätte!

Was wir bis jetzt betrachtet haben, ist das sogenannte Perpetuum mobile erster Art. Das Problem befaßt sich damit, Arbeit aus nichts zu leisten. Der Satz von der Erhaltung der Energie sagt, daß es unmöglich ist, eine vor­handene Energiemenge ohne Zuführung von äußerer Energie zu vergrößern. Er setzt jedoch der Energie Verwandlung keinerlei Grenzen. Es wäre somit gar kein Widerspruch gegen diesen Satz gegeben, wenn es gelänge, eine Vorrichtung zu erdenken, mit deren Hilfe es möglich ist, Wärme aus den großen, praktisch unerschöpflichen Wärmespeichern der Natur, wie es z. B. die Ozeane sind, zu schöpfen und technisch nutzbar zu machen. Ein solcher Apparat wäre das Perpetuum mobile zweiter Art. Man muß sich vorstellen, daß es darauf anküme, den Prozeß der Abkühlung umzukehren. Wenn ich einen Liter kochenden Wassers mit 9 Litern Wasser von der Temperatur 0 Grad vermische, so habe ich die in dem einen Liter vorhanden Wärmemenge zerstreut",verdünnt", und zwar auf die gle che Art und Weise, wie ich etwa Wein mit Wasser verdünnen kann, ohne daß die Weinmenge an sich kleiner wird. Wenn es nun möglich wäre, dieverdünnte" Wärme, die im Ozean enthalten ist, zu konzentrieren, so, wie ich auf chemischem Wege den Wein aus dem Wein-Wasser-Gemisch herausnehmen kann, so wäre der Menschheit ein ungeheurer Energievorrat nutzbar gemacht. Bisher ist die Lösung des Problems, dem die Wissenschaft das Todesurteil nicht sprechen kann wie dem des Perpetuum mobile erster Art, nicht gelungen, weil bis­her eine Ausnutzung vorhandener Wärme nur dann möglich ist, wenn die Temperatur-,,Gefälle" vorhanden ist. Doch wäre es bei weitem des Schweißes der Edlen mehr wert, sich mit bem Perpetuum mobile zweiter Art zu befassen, als mit bem ersten, daS mm einmal, ganz gleich, welche Naturkräfte zu seiner Verwirklichung zu Hilfe genommen werben, zufolge seines Widerspruches mit einem Naturgesetz, das im gesamten Natur­geschehen fortwährend seine Gültigkeit erweist, ein Ding der Unmöglich­keit ist.

Festen Schrittes gingen sie mit ihrenr Banner, obwohl schweigsamer als die anderen, und stießen mit den übrigen herbeieilenden Scharen r» dem Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu Hilfe kam.

Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seine, Mitte wehten die Fahnen der Länder und Städte. Mann an Mann standen die Tausende, jeder in Zuverlässigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine West für sich, und alle zusammen doch nur ein Häuflein Menschenkinder.

Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizige, und dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zanksüchtige und der Fried- liebende hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren Herzens war, hielt sich so still wie der Prahler und der Redselige; der Arme und Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden. Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrängt; aber Neid und Mißgunst hielten den Spieß oder die Hellebarde so fest, wie di, Großmut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerecht, sein Auge auf die nächste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen und einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr oder weniger als der aufblühende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der düster Gesinnte ertrug ohne Murren die halblauten Einfälle des Possenmachers und dieser wiederum ohne Gelächter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spießbürgers, der neben ihm stand.

Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so daß die Reihen der grollenden Nachbarstädte sich dicht berührten und der Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbürger führte und ihren Eckstein bildete, der Nachbar des Ratsschreibers von Ruechenstein war, welcher am Ende einer Rotte der ©einigen stand; allein keiner von ihnen schien dessen zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schützen und ver­lorenen Knaben außerhalb des Gewalthaufens und lebte schon mitten im furchtbaren Getümmel, als dieser sich jetzt plötzlich in Bewegung setzte und in bte Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfürsten mit seinem in Glanz und Ueppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelkönig in die Flucht zu schlagen.

Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter feind­liches Fußvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich ein Kämmer­lein aus, wie ein fleißiger Bergmann; aber eben, als er sich auch ein Psock­le in in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese Oeffnung eine verspätete verirrte Stückkugel Karls des Kühnen und zerschlug ihm die breite Brust, also daß er in einem kurzen Augenblick im Frieden der ewigen Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.

Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Ver­folgung der fliehenden Burgunder zurückkam und nach kurzer Nachfrage den gefallenen Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schmecke selbst zwischen die Wurzelarme einer mächtigen Eiche, welche unweit des Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.

Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit für einstweilen in das Forsthaus gesetzt, um dort die Aufsicht zu führen. Mit dem Tode des Forstmeisters war dessen Hausstand aufgelöst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen Unachtsamkeit geschwunden, und Küngolt hatte nichts mehr auf dieser Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen konnte, da er selbst ein armes Blut war.

Sie saß unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bild­werke desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier ober fünf Bildern, bie sich um den ganzen Ofen herum immer wieder­holten; die Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der Er­kenntnis und die Verstoßung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von dem Drucke schmerzte, so löste sie es ab und kehrte es gegen die harten Dar­stellungen, dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen ihr Tränen entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft gesammelt hatte. Ja, wenn sie zuweilen zu demjenigen Bildwerke kam, welches dis Verstoßung aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar einen Lach­reiz. Denn durch die Unaufmerksamkeit des Töpfers ober Bildners hatte auf dieser Platte Adam statt eines vertieften Nabels ein erhabenes rundes Knöpfchen auf dem Bauche, welches regelmäßig auf jeder Verstoßung wieder­kehrte.

Wenn bann aber Küngolt lachen sollte über diese harmlose Erscheinung, so schnürte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so daß ein erbärmliches Ringen und ein körperlicher Schmerz daraus ent­stand für einen Augenblick, bis ihr die Augen übergingen und sie das Gesicht verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher zuletzt, dieses Bild anzuschauen.

Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um die gleiche Zeit die Strafdauer KüngoltS zu Ende. Dietegen hatte an- geordnet, daß sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden vorderhand zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich ordent­lich geworden war; denn sie hatte in der späten Verlobung mit dem Forst­meister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen Hau daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszüge im Felde herum.

Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen Schichais- läufen hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges, verbunden mu dem stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse Wildheit m ihn gebracht. Er schloß sich jenen rauhen jungen Gesellen an, welche un« dem Namen des törichten Lebens sich aufgemacht hatten, um die bei: ®» Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene »Brau schatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen Beutestua , die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen lassen; er trug P bet tollen Eberfahne herziehend, Gewand von blaßrotem Burguno,, damast; das eidgenössische Kreuz auf Brust und Rücken war von Sub«! unb mit Perlen besetzt. (Schluß folgt) ,