D?r Gensralrssdee.
Erzählung von John B r i n ck m a n.
(Schluß.)
Er war ein schönes Fahrzeug gewesen, als er gebaut wurde, aber mit so schwankenden Grundsätzen wie die, mit denen er ausgetakelt war, keine Schaufel voll rein menschilchen Ballastes im Schiffsraum, muhte er über kurz-oder lang kentern, ohne Gnade und Barmherzigkeit. Mir wurde ganz de- und wehmütig, wie er da so vor mir lag. Ich hatte ihn gerne, wieder ins Leben rufen und zu ihm sagen mögen: Gustav, sich, alter Junge, du muht grausig viel ausgestanden haben, ehe du so weit gekommen bist, sieh, ich möchte dir noch einmal gerne wieder helfen und dich auf deine eigenen Füße stellen, und du sollst mir gleichwohl keinen einzigen Schilling wiedergeben, ehe du ihn wirklich missen kannst, aber den verfluchten Grundsatz muht du abfchasfen, um deiner selbst willen muht du das tun, nicht um anderer Menschen willen, auch um meinetwillen nicht.
Die englischen Beamten beratschlagten nun, was mit der Leiche geschehen sollte. An Bord konnte sie ja nicht bleiben, und ins Wasser konnte sie auch nicht wieder geworfen werden. Der Coroner beorderte nun sein Langboot, damit die Leiche am Fallreep hinabgelassen würde, und als ich ihn fragte, wo sie begraben werben sollte, sah er mich verwundert an und sagte: „Nun, wo anders, als in den Flaschen und Retorten der Anatomie in London, wenn sich kein Angehöriger findet, der ihn in Anspruch nimmt und für das Begräbnis sorgt." „Das soll nicht sein," sagte ich, „die Leiche ist unter zu eigenartigen Amständen an mein Fahrzeug geraten, als daß ich das vor meinem Gewissen verantworten kann. Aufhalten kann ich mich nicht weiter, aber ich werde bei meinem Konsul das nötige Geld zu einer christlichen Beerdigung hinterlegen für den Fall, daß keiner die Leiche beansprucht." And das tat ich denn auch.' Der Agamemnon mußte noch einen Tag vor Anker stilliegen wegen des Steuers, das sich am untersten Haken als ganz beschädigt erwies. Anterdessen besorgte ich in London durch Konsul Krawton alles, was für Gustav Schwanks Begräbnis nötig war. Mitte Oktober hatten Wir die Goodwins^) hinter uns. Es war eine schöne nordwestliche Brise, vor der der Agamemnon an der Taxel vorbeisauste, aber am dritten Tage kamen Böen aus Nordnordwest, und zuletzt blies mit der brandenden Springflut ein so fliegender Sturm, wie es selbst in der Nordsee nicht oft vorkommt. Ans blieb zuletzt nichts übrig, als uns vor Stag, Top und Takel treiben zu lassen. Es war, als ob die Aequinoktialsiürme auf einen Schlag wieder nachholen wollten, was sie in den früheren Jahren aus reiner Rachläsfigkeit versäumt hatten.
Wir schöpften eine schwere Sturzsee nach der andern über. Zuletzt kam so eine See über Steuerbord, als wenn ein Fuder Erbsen am Abhang umschmeiht, und rih das Schiffsboot mit all dem Stückgut, das darin verstaut war, und mitsamt den Wasferfässern fort und brach die Backbordschanzkleidung mit weg, als wenn sie von Pappe gewesen wäre, ums Haar wären Klas Podeis und Hanne Piatz auch mit über Bord gegangen. Jochen Jung und ich waren die ganze Nacht am Steuer, und die ganze Mannschaft war hinten. Einen klaren Gedanken hatte keiner von uns. All unser bißchen Menschenmacht stand bloh auf den einen Punkt gerichtet, den Agamemnon vor dem Winde zu halten. Sin großes Glück war es, daß das Ruder seine Schuldigkeit getan hat. Hätte Jochen Jung mit seinem Bruder einmal nicht zu rechter Zeit eingegriffen, hätte das Steuer mich ohne Frage über dir Pinne geworfen, und wenn der Agamemnon quer in den Trog der rasenden See geschleudert wäre, hätte er ohne Gnade kentern müssen. Es blies, als ob der Mnd die Knöpfe von unfern Jacken wehen wollte.
„Was ist das für ein Leuchtfeuer da vor unferm Backbordbug, Kapitän?" sagte Jung. „Hier draußen weih Gott das einzig und allein, Jochen." „Ra, dann hilft es nicht," sagte Jung. „Rein, wenn Gott uns nicht hilft." Die Leute hatten das Feuer auch gesehen, sagten aber nichts, und wenn sie etwas gesagt hätten, wer hätte das auch hören können in dem Wetter. Sie'wußten aber alle ebenso gut Bescheid, wie Jochen Jung und ich.
Hanna Piatz hatte seine Seestiefel ausgezogen und seine Jacke abgeworfen. Da auf einmal klappte das alte Stagsegel so, dah wir es hinten sehen konnten, und schlug ein-, zwei-, dreimal, als wenn es aus den Bvllreifen^) herausfpringen wollte. „Was ist das? Der Wind fällt scharf südwestlich, Kapitän," sagte Jung.
Hanne Piatz und Peter Podeis warteten das Kommando gar nicht ab. Wie die Katzen sprangen sie nach vorne nach den Taljen. Der Agamemnon hatte erst eine neue Takelung von Reifermeister Dahl bekommen. Er hielt den Stotz aus. Das ganze Tauwerk sauste wie ein Spinngewebe hinter dem Scheunentor, das der Windzug offenreiht; aber es hielt, und eine Viertelstunde darauf hatten wir das Licht hinter dem Heck, Dor einer Bugsee war die Brigg ein tüchtiges Boot, und die See stand noch den ganzen Tag gegen den Bug an, ehe der Sturm sie nach Nordost hin herumbekam. „Hätten wir bei Greenwich nicht das Ruder nachgesehen. Kapitän, dann möchte es uns schlimm ergangen sein," sagte Lochen Jung, „dann sähen uns wohl schon die Makrelen und Hummern an unfern kurzen Rippen. Es ist Gottes Wille gewesen, dah die Leiche daran hat festhängen und mitgeschleppt werden müssen, sonst wären wir gewiß nicht gewahr geworden, daß der Beschlag und die Bolzen alle so lose und schadhaft waren. Luderhafe muß unbedingt altes Eisen daran verschmiedet haben, das lasse ich mir nicht abstreiten.
und ich werde ihm gründlich die Wahrheit sagen, wenn ich i§n treffe, dah kein Hund ein Stück Brot von ihm nehmen soll." Ich sagte nichts und gab stillschweigend Jochen recht. Mir war es, als ob der Generalreeder bei mir auf Deck stand und zu mir sagte: „Martin Heuer, hat Gustav Schwank nun seine Schuld an dich bezahlt, Kapital und Zinsen, oder nicht? Oder hättest du lieber die dreihundert Speziestaler genommen, die du ihm vor fünfzehn Jahren vorgeschossen hast, als ich dir deinen Willen lieh und ou ihm noch einmal wieder auf die Beine halfst?"
And wieder habe ich ihn gehört, als ich Stadtverordneter wurde und eingeführt werden sollte. Da kam ich durch den Ort-Sund, und da hatte einer von den Krebsen"") einen betrunkenen Kerl aus der Schiebkarre und karrte ihn ins Gefängnis unten im Rathaus, und die Jungen liefen scharenweise hinterher und schrien: „O, wie besoffen! O, wie besoffen!" And das war Agent Möpper, Der hatte den Rum zu seinem Generalreeder gemacht, nachdem seine früheren Generalreeder, der Hochmut und die Dummheit, Bankrott gemacht hatten. Ich glaube nämlich nicht, dah er, wenigstens wissentlich nicht, Brümmers Agent beim Agamemnon gewesen ist.
Er war immer einer von der Art, von der es heißt: „Dicktun ist mein Leben, Bruder leih mir einen Sechsling." Er hatte sich mit den Schiffsparten mir gegenüber nur wichtig machen wollen und konnte hinterher einfach nicht Wort halten. Solche Leute gibt es, die ohne Rot und unaufgefordert sich und andere Leute, die zu hastig und unvorsichtig sind, wie ich es mit Möpper war, hineinreiten, bis beide auf dem Kopfe stehen. Möpper war nicht ohne Mittel und Kenntnisse, ich glaube selbst, er war gutmütig; aber Rechnen hätte er bei Rolle lernen müssen, und disponieren konnte er nicht. Wenn aber Hochmut und Dummheit spekulieren und fallieren, dann wird der Rum gar zu leicht actor communis. And so ging es bei Agent Möpper. Dom Cliquot kam er zum bah» rischen Biere und vom Bier zum Fusel, und sein Generalreeder hielt ihn immer in Fahrt, immer mit voller Ladung, immer im fliegenden Sturm, bis er zuletzt im Katharinenstift als Nothafen eintief und Sergeant in Benkards Nobelgarde"") wurde. Wenn ich mich nicht täusche, ist er es gewesen, der den neuen Armenkirchhos mit einem flachen Nasenquetscher hat mit einweihen helfen.
And nochmals bin ich dem Generalreeder begegnet, und das war, als ein Hausknecht Brümmer in einem Rollstuhl vorbeischob, der alte Hofrat war gelähmt von den Zehen bis an die Fingerspitzen. Der hatte den Mammon zu seinem Generalreeder gemacht und sein ganzes Leben lang gescharrt und gerackert und mit seinem klugen Kopf und seiner flinken Feder vom Morgen bis in die sinkende Dacht gearbeitet, nur um Geld zu machen. Er hatte es genommen, wo er es fand, und hatte es gefunden, wo es nicht verloren war, und hatte seinen Advokatenangelhaken ausgeworfen in das große, bittere Anglück der Zeit und richtig da herausgeangelt, was er sein Glück nannte. Ihm war es ganz gleich, wo es herkam, wenn er es nur bekam, er nahm das Große und lieh das Kleinste nicht liegen,
Ich kann nun nicht sagen, dah ich Brümmer es gegönnt hätte, als ich ihn so gottsjämmerlich im Rollstuhl an mir vorbeischieben sah, obwohl er mich seinerzeit so blutig gequält hatte. Das kann ich aber wohl sagen, dah die Welt so nach Geld jagt, wie sie es getan bat,' das gefällt mir nicht und das begreife ich auch nicht, Ich habe immer Achtung vor dem Gelds gehabt, das will ich nicht bestreiten, wo es ehrlich zusammenkommt und zusammengekommen ist, und wo es ehrlich angelegt und verwandt wird. Wer aber feie Menschenherz dafür toeggibt, der kauft kupferne Biesterburger für holländische Dukaten, und mag er auch den Magen noch so voll und einen noch so feinen Dock anhaben, er hungert und friert doch, sein Tag ist Sorge, und seine Nacht ist Kummer, und ein armer Hund ist er und bleibt er, und wenn er es auch zwanzigmal nicht glauben will. Mir ist nichts so unausstehlich, als ein so auf» geblasener Hans Narr, der sich mit dem Geldbeutel seines Vaters oder Onkels breit macht und nun von oben herabsieht wie ein Oelgötze von seinem Postament. Solche Leute gibt es ja schockweise, und sie kommen mir immer vor wie die Störche auf dem Scheunendach, die da glauben, dah die Scheune nur um ihretwillen da ist, Zieh so einen Klas Meyer einmal den Geldsack unter dem Gesäß weg, und du sollst sehen, er fällt in den Schlamm und Morast und bleibt auch darin liegen. Der Verstand ist ein richtiger Kompaß fürs Geben, aber das eigentliche Steuer ist und bleibt doch das Herz allein, das Herz meine ich, wie es Gott uns eingesetzt hat.
Du mußt nicht glauben, Heinrich, daß ich dir hier den Test lesen oder eine Predigt halten will. Du weiht recht gut, ein Mucker bin ich nie gewesen, und so ein Mensch, der den Glauben über dir Liebe stellen will, kann mir gestohlen werden; wer die Liebe hat, der glaubt auch, aber nicht umgekehrt. And wenn ich dir diese Geschichte vom Generalreeder hier erzählt habe, mein Junge, so haße ich es getan, weil es mir so grade schicklich auf die Zunge kam, und weil ich denke, dah. wenn er mit dir an Bord des Koperniws segelt, es für dich und den Kopernikus ebenso gut
ausschlagen mag, wie es beim Agamemnon geschehen ist.
So viel steht fest, hätte ich nicht seine Bekanntschaft gemacht, wer weih, ob ich Hans das Haus in der Altstadt und Franz dar Grundstück in der Neustadt laufen und dir das Dierkel im Kopernikus hätte resden können. And dann, Heinrich, vergiß den alten Spruch nicht: Gin Schiffer soll nicht hastig und auch nicht iwep mastig fein. Ein bißchen Teerquastigkeit gehört nach meiner M» nung zum Beruf. — And einen Schleppdampfer brauchst du auch nicht, Heinrich sieh einmal, der Wind dreht sich."
5G) Sandbänke in der Straße von Calais.
S7) Dünne Taue, mit denen die Segel eingefaßt sind.
M) Rostocker Polizist, wegen ihrer roten Röcke so genannt.
3B) Straßenkehrer.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverfitäts-Duch- und Steindruckerei, 2L Lange, Gieße"-


