lange erhalten; nach Luther betonte — im Widerspruche gegen den damaligen P a p st Gregor, der im Jahre 1582 eine Kalenderreform vornahm —: „Wir Christen sahen unseren neuen Jahrestag an am heiligen Christtage, wie die Jahreszahl zeuget, daß man schreibt: Im Jahr nach Christi Geburt".
Wann aber war damals der „heilige Christtag"? Cs war noch nicht das heutige Weihnachtsfest. Aelteste kirchliche Anschauung feierte als wichtigsten Christtag den Tag „Mariä Verkündigung", an dem zum ersten Male in der heiligen Schrift ein Hinweis auf den kommenden Weltheiland gegeben war. Demgemäß galt ihr der 25. März als der älteste Neujahrstag.
Infolge aller dieser Umstände hat man — jahrhundertelang — in verschiedenen Ländern den Jahresanfang zu sehr verschiedenen Zeiten gefeiert. Im Deutschen Reiche wurde schon im Jahre 1564 durch Kai - se r Karl V. der 1. Januar als Neujahrstag bestimmt, doch noch im Jahre 1766 sah sich Kaiser Josef II. zu der Anordnung genötigt, „daß die bis dahin zu Ostern üblichen Gratulationen künftig am 1. Januar abzugeben seien"; in Holland trat der 1. Januar im Jahre 1575, in Schottland im Jahre 1600, in England erst um Mitte des 18. Jahrhunderts in sein Recht.
Mit dem Bestreben der christlichen Lehre, kirchliche Feste mit altheidnischen zusammenzulegen und sie dadurch mit neuem Inhalt zu füllen, traf es nun gut zusammen, daß man — neun Monate nach „Mariä Verkündigung" — Christi Geburt zur Zeit des altgermanischen IUlfe st e s in der Mittewinterszeit begehen konnte. Demzufolge fiel nun das Weihnachtsfest mit dem neuen (jetzigen) Jahresanfang zusammen, bis die Gregorianische Kalenderreform Weihnachten und Neujahr wieder trennte, was Luthers Grimm gegen das „römische Narrentum" so erregte.
Damals wurden aber alle hohen Kirchenfeste nicht nur, wie heute, durch zwei Feiertage begangen, vielmehr feierte man sie — kirchlich und weltlich -— immer eine volle Woche lang, wobei der abschließende Sonntag immer»och besonders wichtig war. Daher die Bezeichnungen „Grohostern" und „Grohpsingsten", und so auch — acht Tage nach Neujahr — „Großneujahr" oder „Hohneujahr", — der Tauftag des Jesusknaben nach Luther, am Dreikönigstag nach katholischer Lehre, wovon sich auch in protestantischen Landen noch mancher volkstümliche Brauch erhalten hat, der alljährlich neu auslebt.
Waren es wirklich drei Könige, die dem Christkinds erste Weihnachtsgaben brachten? Die ersten bildlichen Darstellungen in den römischen Katakomben zeigen nur zwei, spätere aber zwölf und mehr. Erst später wurde die Dreizahl sanktioniert, und jetzt weiß jedermann, daß sie Kaspar, Melchior, Balthasar hießen und der Bauer schreibt am Drei- komgstage deren Ansangsbuchstaben an seine Türe.
Neujatzrslied.
Bon Johann Peter Hebel.
Mit der Freude zieht der Schmerz Traulich-durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste, Bange Sorgen, frohe Feste Wandeln sich zur Seiten.
Und wo eine Träne fällt. Blüht auch eine Rose, Schon gemischt, noch eh' roir’s bitten. Ist für Thronen und für Hütten Schmerz und Lust im Lose.
War's nicht so im alten Jahr? Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder, Wolken gehn und kommen wieder. Und kein Wunsch wird's wenden.
Gebe denn, der Über uns Wägt mit rechter Waage, Jedem Sinn für feine Freuden, Jedem Mut für feine Leiden In die neuen Tage,
Jedein auf des Lebens Pfad Einen Freund zur Seite, Ein zufriedenes Gemüts Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite!
Eine Berliner Silvesternacht im „tollen Jahr".
Von Dr. Anselm Ruest.
Der verstorbene Arzt und Bibliophile Iwan Bloch stieß bei seinen Quellenstudien zur Sittengeschichte bisweilen auf Seltenheiten, die sein engeres Gebiet nicht gerade berührten, darüber hinaus für die allgemeine Kulturhistorie indessen oft von höchstem Wert waren.
.„"Sie interessieren sich doch," sagte er mir einmal, als ich ihn besuchte, „für Max Stirner, den Antipoden von Marx und Feuerbach, der den ganzen Nietzsche bereits vorweggenommen haben soll. Wissen Sie, daß ich wasHübsches für sie habe?"
„Ein Autogramm?" fragte ich gespannt; denn ich wußte, daß Bloch zuweilen auch autographische Raritäten auftrieb; und es ist ja bekannt, daß solche von Stirner mit Gold ausgewogen werden.
„Nein," lachte er, „das gerade nicht. Aber ich habe doch gelesen, daß man sich rmmer gewundert habe, von Stirner, dem radikalen Denker, so wenig oder gar nichts aus dem „tollen Jahr" Achtundvierzig gehört zu
, haben; nun, was ich fand, zeigt ihn da mindestens noch recht lebendig." „Sie werden aber trotzdem," antwortete ich ernst und bestimmt, „kaum । etwas von ihm im Zusammenhang mit den Märztagen gefunden haben;
denn Stirner, der kühne und selbständige Philosoph, war durchaus kein Mann der Massenbewegungen, und eine Politik der Straße war ihm nichts als Wahnsinn."
„Nun," erwiderte Bloch, „da mögen Sie wohl recht haben; und was ich in Erfahrung gebracht habe, ist ja auch bloß" (hier zwinkerte er vergnügt mit den Augen), „wo und wie Stirner die Silvesternacht auf 48 verbracht hat." Hierbei kletterte er schon auf eine Leiter an einem seiner mächtigen Regale und langte mir von einem der höchsten Borde zwei handliche, nicht zu starke, hübsch in grünes Leinen gebundene Oktavbändchen der sechziger Jahre herunter: „Da, kennen Sie das?"
Ich las auf dem inneren Titelblatt: „K. M. Kertbeny. Silhouetten und Reliquien, Erinnerungen an Albach, Bettina, Grafen Louis und Casimir Baithyanyi, Bem, Bsranger, Delaroche, Heine, Petöfi, Schröder-Devrient, Larnhagen, Zschokke usw." Ich wußte damals noch nicht, daß I. H. Mackay, der erste unermüdliche Stirnerbiograph, in der letzten, der 3. Auflage seiner Biographie (1914) ganz kurz, freilich nur in zwei Zeilen, dieses Silvesterabends 1847—48 bei Kertbeny Erwähnung getan, und war als wirklich sehr erstaunt, im zweiten Bande, e. 202-203 (erschienen 1863 in Prag) zu lesen:
„In der Silvesternacht 1847/48 hatte ich eine ziemlich lange Debauche auf meiner Stube. Max Stirner, der Verfasser von „Der Einzige und sein Eigentum", mar auch da, und ich denke desgleichen der Liederling Hieronymus Thrun und der himmellange Friedrich Saß, genannt der „Literar- chos". Nun, wie auch immer, wir brachen einem Dutzend Flaschen die Köpfe, und als ich endlich tief nach Mitternacht ins Bett wankte, blieben oll die beaux restes auf Tisch und Stühlen. Es mag schon sehr spät den Neujahrstag des glorreichen Achtundvierzigers gewesen sein, als ich die Augen noch nicht öffnen konnte, aber plötzlich ein Geklopfe an der Tür ins, Vorzimmer vernahm. Ich donnerte ein höllisch verdrießliches „Herein", da ging die Türe auf, und wer stand in voller Liebenswürdigkeit, huldvoll lächelnd, auf der Schwelle? Der liebe, gute geheime Legationsrat Dr. Karl August Barnhagen von Ense, in hocheigener Person, die linke Brust mit einer Garnitur von Orden geschmückt, ganz in „Wichse", wie die Berliner sagen. Ihm fror aber sichtbar das huldvolle Lächeln sogleich ein, als er die Wirtschaft rings in der Stube ersah, und ich selbst lag da, zu Tode verblüfft, wie ein Junge, der bis über den Kops in kaltes Wasser geplumpst. Der Besuch dauerte natürlich nur kurz, war aber sehr interessant. Als ich tags darauf dem lieben, alten Diplomaten ganz zerknirscht meinen demutvollsten Gegenbesuch machte, lächelte er bloß fein, berührte aber das sonderbare Zusammentreffen mit keiner Silbe."
„Aber wer war denn nun dieser Kertbeny?" fragte ich meinen freundlichen Gewährsmann. „War er sonst noch eine bedeutende oder doch bekanntere Persönlichkeit?"
„Haben Sie niemals — wir alle haben doch schon auf der Schulbank in jeder möglichen „Weltliteratur", besonders wenn sie nun finnisch, kroatisch oder sonstwie hieß, herumgeschmökert! — auf einigen Reclam- fjeften der ungarischen Nationaldichter Petöfi und Maurus Jokai den Namen des Ueberfetzers gelesen? Das ist derselbe. Kertbeny gehörte zu jenen nicht unverdienstlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die teils durch Reiseberichte, teils durch Uebersetzungen als Vermittler zwischen deutscher und ausländischer Literatur tätig waren. Er war ein Ungar von Geburt, aber deutscher Abstammung, sein eigentlicher Name: Karl Maria Benkert, lebte von 1824 bis 1882. Wie wenig unbedeutend er trotz heutiger Vergessenheit gewesen sein kann, erhellt schon daraus, daß in Paris Alfred de Muffet ihm eines feiner Werke widmete, und wie interessant als Person, daß ein Fast-Misanthrop und Svlitair wie Charles Baudelaire mit ihm zwei Jahre lang. 1864/66 in Brüssel beinahe täglich verkehrte. Dasselbe besagen ja schließlich auch hier die Beziehungen zu Varnhagen von Ense, der offenbar doch wählerisch in seinem Umgang war."
„Wissen Sie etwas über den „Liederling Thrun" darin?"
„Doch, das heißt nur so viel, daß er allgemein unter diesem Spitznamen in der Hippelschen Weinstube ein- und ausging; er war von Haus aus Musiklehrer, aber selbst für Wohlwollende eben ein verbummeltes Genie. Dagegen ist der himmellange Saß, der „Literarchos" wieder bekannt genug durch sein Buch über Berlin vom Jahre 1848 geworden, worin er schon ganz beachtenswerte soziale Ausschnitte niedergelegt hat. Der große russische Dichter Turgenjew hat sich zwar einmal weidlich über das Buch lustig gemacht, „weil es hauptsächlich Berlins Konditoreien und Weinstuben" schildere, aber wir wissen ja alle, daß sich tatsächlich in den Bormärztagen sehr viel öffentliches Leben an diesen Stätten abgespielt hat."
„Aber findet sich denn nicht auch sonst noch eine Stelle, aus der hervorgeht, daß Kertbeny überhaupt in diesem Jahre öfter mit Max Stirner zusammenkam?"
„Gewiß, auch das," lächelte Bloch, der auf diese Frage gewartet zu haben schien, „schlagen Sie auch noch die Seite 79 desselben Bandes auf, wo Sie einen Aufsatz über den ungarischen Ethnologen und Sprachforscher Anton Reguly finden. Diesen trifft Kertbeny erst im Januar 1848 in Berlin, und nun entnehmen wir, daß beide gemeinsam offenbar Zutritt zu den damals publiken Berliner Persönlichkeiten überhaupt suchen. Haben Sie die Stelle?"
Ich las: „Auch bei Moritz Rott sprachen wir vor, bei Varnhagen, bei der Luise Aston und bei Max Stirner, wie sich eben Gelegenheit ergab."
Bloch hatte doch recht gehabt mit der Bemerkung, in jener Silvesterschilderung von Kertueny, und mit Kertbeny überhaupt, etwas Neues auch •für mich entdeckt zu haben. Denn während die Geschichte bisher anNahm, daß Stirner bereits in jenem Sturmjahr so gut wie verschollen war und gar nicht mehr bemerkt wurde, ergibt sich hier aus dem Ganzen, aus dem Drum und Dran einer „zufälligen" Feier, aus der Zusammenstellung aller dazugehörigen Personen, daß mir es keineswegs bloß mit einem Privaten, sondern eben mit „Kreisen" zu tun haben, von denen man zur Zeit einfach „sprach" und wußte! Auch die letzte Nennung seines Nomens, in einer


