Deshalb erscheint in dein Augenblick, da ein neues Jahr über die Schwelle tritt, ein Rückbesinnen nicht bedeutungslos, selbst wenn es uns über ein volles Jahrtausend führt.

Nach tausend Jahren wird man Rückschau auch über uns halten. Und wird urteilen, oder verurteilen ...

Wir haben vor kurzem die Tausendjahrfeier der deutschen Rheinlande begangen. Und da wurde es klar: es handelte sich nicht so um ein histo­risches Erinnern, als um eine politische Auswertung, um eine volks- ober völkerpsychologische Tat. Um Zukunft also, um Zukunftswillen zum mindesten, der aus dem Wissen um Volksgemeinschaft und volksgemein- schaftliche Vergangenheit erstand. Andere Stationen arbeiten ja mehr mit solcher Pädagogik als wir.

Wie sah es vor tausend Jahren in Deutschland aus? Schlimmer, als es sich heute jemand vorzustellen vermag: die Deutschen zusammengedrängt in die Enge zwischen Rhein, Elbe und Saale; vom Westen die Fran­zosen, vom Norden die Normannen, vom Süden und Südosten die Un­garn, vom Osten die Slawen im Angriff gegen dieses Kleindeutschland, das zudem im Innern von den Parteiungen bruderfeindlicher Stämme zer­rissen war. Das war das Erbe des zerbrochenen Karolingerreiches.

Aber Heinrich I., Sachsenherzog und dann deutscher König, bedeutete d-e Wende. Er vermochte nicht mit einem Schlag das fast verblutete, ohnmächtige Land zu einem Staat zu gestalten; aber der Staatsgedanke, der Staatswille war da, und die Seibstbescheidung, eine wahrhaft' geniale Politik alsKunst des Möglichen", die schließlich auch das scheinbar Un- nivgliche zwingt. Eine beispiellose Kleinarbeit war dazu nötig, auf große Gesten kam es nicht an,

Es ist bekannt, wie dieser Staatsmann, Feldherr und militärische Organisator zur Abwehr der ungarischen Verwüstungen das Instrument der Kavallerie schuf. Diese Waffe aber, die sein Deutschland reiten sollte, wurde erprobt, vor eintausend Jahren. Erprobt in dem Kampf um die Zurückgewinnung der in der Völkerwanderung verlorengegangenen Ost- iande.

Bewußt begann mit Heinrich I. die nun tausendjährige Ostmarken- poliük unseres Volkes, die zur Wiedereindeutschung des Volksbodens zwi­schen Elbe und Weichsel geführt und den Strom deutscher Hochkultur bis in die fernsten Weiten Osteuropas geleitet hat. Heinrich I. also ist die Wende zweier Zeitalter. Ob er selber es ahnte, als er 928 seinen Heeres­zug ins Wendenland unternahm, zu den Hevellern, und deren Haupt- burg B'ennabor eroberte? Dieser Kampf um die wendische Burg ist der Beginn einer weltgeschichtlichen Epoche. Viel zähe Kleinarbeit, Grenzkriege mit dem Vielerlei slawischer Völkerschaften, die zu Tribut und Huldigung gezwungen werden, im Havelland, in Meißen, in Böhmen (Prag). Grenz- ficherung, Burgenbau, Mission. Mit dem Ritterschwert wandert das Kreuz der Bischöfe und Mönche ins Heidenland. Dann folgen der Pflug und später das Gerät der Zünfte. Mit dem Staatswillen geht ostwärts die Kultur ihren Siegeszug.

An allen Grenzen hat Heinrich I. gestritten, gegen Franzosen, Dänen, tlngarn. Aber die weltgeschichtliche Tat gelang ihm im Osten.'

Er hat den deutschen Staat geschaffen, auch wenn es zunächst noch bei einem losen Föderalismus verblieb. Aber sein Sohn, Otto I konnte bauen auf bem, was ber Vater gewirkt: Staatspolitik, Ostpolitik, Kultur­politik, Weltpolitik. Man hat ihn benGroßen" genannt. Aber Heinrich verdient ben Namen mit nicht geringerem Recht ...

Heinrichs unb Ottos Anfänge wurden ausgeweitet durch Heinrich den Löwen und die Deutschordensritter, durch die holländischen Deichbauer, durch die Fürsten aus wettinischem, askanischern, habsburgischem unb zol- >erschein Hause, durch die Kaufleute von Lübeck und Magdeburg, durch Priester und Bauern, Männer und Frauen, durch alle Stämme und Stande unserer Nation. Die Wiederaewinnung der Ostlande war das Jahrtausendwerk des gesamten deutschen Volkstums. 928 fing es an.

Unb 1928 bekennen wir, wieviel von bem verloren ging, was in den tnufenb Jahren erreicht wurde. Große Gebiete ber Ostmark find roieber in rember Hand, und ein Rückstrom vom Osten nach dem Westen hat ein­gesetzt, eine Million deutscher Menschen mußte die Heimat an Warthe und Weichsel, von Oberschlesien bis Memel verlassen, und in den Außen- bastionen deutscher Art kämpfen die Minderheiten um ihr völkisches Sein.

1928 928: eine wehmütige Schau! Aber bei der Wehmut darf es nicht bleiben. Ohne den Osten wäre das Deutschland der neuen Zeit nie entstanden; Preußen und Oesterreich sind Staaten auf Ostlandboden. Das Werk Heinrichs I. wurde ein Segen für uns; wir lassen es nicht, ehe

nicht wiederum zum Segen für unsere Zukunft wird.

Kalenderfonelt.

Bon Sigismund von Radecki.

Im Januar ist der Schnee noch neu unb weiß, im Februar tropft es schon auf alle Arten, im März kann man den Frühling kaum erwarten, so naß ist der April und doch so heiß! j

Auf Knabenschritten in den Mai kommt leis - der Frühling dann und schläft im Junigarten.

Im Julifeuer bräunen sich die Zarten;

August ist eine Birne nimm und beiß.

Allmählich wird cs kühler im September, durch den Oktober fegt der Blättertanz, und endlich gar, wie traurig, ifts November.

Doch sind die Tage nicht so dunkel ganz: durch irgendeinen Türspalt kommt ein Glanz vom Weihnachtsbaum herein in den Dezember!

Rund um den Kalender.

Von Dr. Johannes Kleinpaul. .

Das Jahresrund und die vier Jahreszeiten, das ist die Quadratur des Kreises; nie und nirgends stimmt das miteinander zusammen, Kompro- misse aller Ecken und Enden.

Zunächst das Jahresrund. In alter, lateinischer Zeit, verglich man bas Lahr einer Spange, wie man sie zum Schmuck Über bas Fuß- unb Hcmb- gelenk schob, also offen mit zweiHörnern"; baher bie Bezeichnung: Hör» nung. Der erste Jahresmonat war, woran sein Name heute noch er­innert, bem Janus geweiht, dessen Doppelgesicht nach zwei Seiten chück- und vorwärts schaut. Jetzt ist uns bas Jahr entsprechend demewigen Kreislauf der Natur" ein geschloffener Kreis, der fortwährend rundum läuft. Doch nicht wir alle wissen es in vollkommenem Gleichmaß.

Dichtermund nennt bas Jahr eine Perlenschnur, die inGemeinjahren" 365 Tage zusammenfaßt, in jedem vierten (Schaltjahr) aber einen mehr, alle vierhundert Jahre (1600, 2000, 2400) wieder einen weniger (365), überdies die Tage im Sommer unb im Winter, unb so eigentlichvon Tage zu Tage" von ungleicher Länge.

Die nächst-größte Gliederung: 52 Wochen, eine Zeiteinteilung, die wieder nicht gleichmäßig genau aufgeht. So kommt es, daß jedes neue Jahr an einem anderen Tage beginnt. Nicht bloß bas Jahr. Am Deut­lichsten wirb uns das jedesmal an unserem Geburtstage bewußt, der von Jahr zu Jahr um einen Wochentag in Schaltjahren um deren zwei weiter vorwärts rückt. Wer etwa als Fünfzigjähriger demgemäß zurückrechnet, auf welchen Tageigentlich" fein Geburtstag fällt, kommt zu verwirrenden Ergebnissen: von Mitte Mai beispielsweise bis weit zu­rück in den März, unb dennoch wurde man in Wirklichkeit im Mai geboren.

Dann die zwölf Monate, von denen sieben 31, vier 30 Tage zählen unb einer 28 ober 29.

Endlich die Jahreszeiten. Wir zählen bereit jetzt vier. Es waren nicht immer fo viele. Anfangs kannte man bereu nur zwei: Sommer unb Winter, später kam der Lenz, die Zeit ber Felbbestellung unb Saat, noch später ber Herbst, bie der Fruchternte, hinzu. Freilich wurden schon zeitig außer bem Sommers- unb Wintersanfang (ober beiber Ende) Sommers- unb Wintersmitte, die Zeitpunkte, an denen bie Sonne am höchsten und am tiefsten steht, begangen. Damals fühlten sich die Menschen noch durch­aus alsKinder ber Natur", der Sonne zumal, bie alles regelt, Leben und Tob beherrscht. Die Anfänge ber Jahreszeiten, namentlich des Sommers, später des inzwischen eingeschalteten Frühlings, fielen sehr verschieben, wie eben in verschiedenen Gegenden das Leben der Natur früher ober später erwacht. Der Anfang besnatürlichen" Jahres war aber immer bie Mittewinterszeit, in der, nach der Anschauung früherer Ahnen, bas verlöschende Tageslicht jedesmal gleichsam neu geboren wurde.

Das Gegenstück zur Wintersonnenwende bildete die Som­mersonnenwende. Beide wichtigsten Zeitpunkte im Jahreslaufe wur­den im wesentlichsten mit gleichartigen Symbolen begangen. Dazwischen bie beiden Tag- unb Nacht gleichen im Frühling unb im Herbst. Durch diese vier Zeitpunkte wurde fortan ber Eintritt ber vier Jahres­zeiten bestimmt, daburch der Jahreslauf, bas Jahresrund in vier gleich­mäßige Abschnitte eingeteilt, durch den Kalender im einzelnen noch weiter gegliedert.

Der Kalender. Entsprechend ben im Vorstehenden nicht restlos geschilderten Veränderungen aller dieser Dinge ist er selber nichts ein für allemal Feststehendes, sondern fortgesetzten Veränderungen unter­worfen, um ihn wieder einigermaßen von Fall zu Fall mit den tatsächlichen (astronomischen und irdischen) Verhältnissen in Einklang zu bringen. Fest steht nach dem jetzt gültigen Kalender nur dies: alle 28 Jahre haben die Jahre den gleichen Kalender. DieGemeinjahre" schließen immer mit dem gleichen Tage, mit dem sie begonnen haben. Der Oktober fängt immer mit bem gleichen Wochentage an, wie der Januar, ber April mit bem gleichen, wie ber Juli, ber Dezember mit dem gleichen, wie der September; Februar, März unb November fangen mit bem glei­chen Wochentage an, ausgenommen in Schaltjahren. Kein Jahrhundert kann an einem Mittwoch, Freitag ober Samstag beginnen.

Aller biefer Merkwürdigkeiten wird man sich imAlltagsleben" nur wenig bewußt unb doch haben sie Einfluß auf ben geregelten und in Wirklichkeit recht regellosenGang ber Dinge". Schon in ber ersten Hälfte bes 17. Jahrhunderts stellte deshalb der Abt Mauritius Knauer im Kloster Laugheim einen hundertjährigen Kalender aus, ein Volksbuch, das seitdem nächst der Bibel wohl bie meisten Auslagen erlebte, UM diesemcirculus vitiosus" feste Gestalt zu geben. Auch ber ist längst von den Ereignissen überholt. ,

Nicht anders ging es mit allen diesen Dingen. Um hier nur auf ein Moment, unter vielen, genauer einzugehen: zu wieviel verschiedenen Zeiten beging man den Jahresanfang!?

In ältester Zeit in Italien, dem Ausgangspunkt unserer germa­nischen Kultur wie schon gesagt an bem Zeitpunkte, wenn in ber Natur bas Leben neu beginnt. So war also im alten Rom ber 1. März Jahres­anfang, und demzufolge wurde ber erste Monat dort nach dem wich­tigsten Gotte ber alten Römer, ihrem Kriegsgotte Mars, benannt. Im alten Deutschland galt insgemein W a lpurgis, ber 1. Mai, alsSom­mertag, Sommeranfang, doch würbe später in mehr (üblichen ober nördlichen Gegenden der Jahresanfang demgemäß verschieden gerechnet, bis schließlich unter dem Einfluß der christlichen Lehre auch hier bas A u f- erstehungssest ber Natur mit bem des Welterlösers zusammengelegt wurde, welches letztere freilich unter ber Einwirkung des wechselnden Kalenders von Jahr zu Jahr auf sehr verschiedene Zeitpunkte fällt. Noch früher aber, als Christi Auferstehung- bie bem allgemeinen Verständ­nis schwer einging, feierte man Christi Geburt und gewann damit einen ersten Zeitpunkt für einen kirchlichen Jahresanfang. Der Hai sich