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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (927
Samstag, den 3(. vezemser
Hummer (0$
Zum neuen Jahre.
Von I. W. von Goethe.
Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen, Hier uns zu freuen Schenkt uns das Glück, Und das Vergangene Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück.
Andere schauen Deckende Falten lieber dem Alten Traurig und scheu; Aber uns leuchtet Freundliche Treue; Sehet, das Neue - Findet uns neu.
So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar, So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Uns in das Jahr.
Zeit und Ewigkeit.
Von D. Dr. Sibelius, Generalsuperintendenten der Kurmark.
Um eine Philosophie der Zeit hat mancher der großen deutschen Denker sich bemüht. Man hat uns gelehrt, daß die Zeit im Grunde nichts Wirkliches sei, sondern nur eine Form unserer Anschauung, an die wir gebunden sind durch unsere Art zu denken und zu fühlen. Man hat uns gezeigt, daß die Zeit etwas Relatives ist und aller absoluten Wertungen spottet. Aber das entscheidende Problem, das die Zeit uns stellt, liegt nicht in der Ebene des Denkens.
Die Zeit beherrscht unser ganzes Dasein. Die Maßstäbe, mit denen wir sie messen, können wechseln. Die Zeit, die für den einzelnen Menschen so schnell jagt, rollt mit majestätischer Langsamkeit ab, sobald wir den Blick ins Weite schweifen lassen. Gegenüber den ungeheuren Veränderungen, die das Weltall in Millionen von Jahren erlebt hat, bedeutet alles, was im Licht der Geschichte steht, etwas unendlich Geringes. Als die Berge sich emportürmten, die heute noch für die Menschen unbezwingbar sind, als die Meere ihre Grenzen sanden und die Eiszeit von den Ländern Europas wich, da war für ein Auge, das unsere Erdkugel von einem anderen Gestirn her beobachtete, eine Wandlung sichtbar. In den Jahrtausenden der Geschichte ist im Grunde genommen die Erde geblieben, wie sie war — so stolz auch der Mensch aus das sein mag, was er auf dieser Erde erreicht und gestaltet hat. Wer mit großen Zeitspannen rechnet, kann beim Jahreswechsel nur das eine sagen: die alte Erde steht noch, wie sie immer gestanden hat!
Und doch arbeitet die Zeit unablässig. Sie formt unser Leben. Was sie in die Vergangenheit zurücksinken läßt, entzieht sie der gestaltenden Hand des Menschen. Nun gestaltet die Vergangenheit selbst, fest und starr geworden, das Leben der Zukunft. Denn die Geschichte ist ein Kapital, das sich dem Menschen darbietet zu seinem Gebrauch. Dies Kapital wächst mit jedem Jahr. Aber es birgt, wie alles Kapital, Segen und Fluch in sich. Und es will mit seinem Segen und mit seinem Fluch stärker sein als der einzelne Mensch und das einzelne Volk. Aus der Geschichte können Menschen und Völker lernen. Es stünde anders auf unserer Erde, wenn dies Lernen aus der Geschichte nicht so selten wäre. Aber die Geschichte kann den Menschen auch binden. Das Leben ist nicht ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder einzelne und jedes Volk empfängt aus der Vergangenheit die Richtung und die Schranke seiner Zukunft.
Wer Amerika und Europa kennt, weiß, wie tief diese Tatsache in das Leben eingreift. Drüben, jenseits des Ozeans, ein Volk, das keine Geschichte hat. Wer in Amerika ein Haus finden will, das länger als fünfzig Jahre steht, muß lange suchen. Man weiß dort nichts von den Schauern der Ehrfurcht, mit denen mir einen ehrwürdigen Dom aus dem Mittelalter betreten: hier haben Generationen ihre Sorgen und ihre Freuden vor das Angesichts des Ewigen gestellt! Hier hat man die Höhepunkte und die Schicksalstiefen der deutschen Geschichte durchlebt und durchlitten! Man
weiß drüben nichts von den Gefühlen der inneren Verpflichtung, mit der eine begeisterungsfähige Jugend sich hineintastet in die Geschichte ihres Volkes! Unbeschwert von der Vergangenheit ist jeder Gedanke in die Zukunft gerichtet — mit einem Optimismus, über den die erfahrenen Völker Europas nicht selten lächeln müssen. Ganz allmählich erst wacht drüben die Erkenntnis auf, daß selbst eine Geschichte von 150 Jahren schon Geschichte ist, die die Zukunft bindet und längst nicht mehr für alle Träume die Möglichkeit der Verwirklichung bietet.
Europäische Völker sind anders gestellt. Sie stehen alle unter der Wirkung der Geschichte. Sie mögen, wie das englische Volk, in der Geschichte ihres Landes die Bürgschaft sehen für eine ruhige, gesicherte Zukunft. Sie mögen, wie die Völker des Ostens, in der Bergangenheit ein dunkles Mittelalter sehen, dem nun erst die Zeit der Freiheit folgt Für das deutsche Volk bedeutet die Vergangenheit eine Ausgabe, eine schwere Aufgabe. Die Tage äußeren Glanzes können wir nicht vergessen. Auch für uns ist die Geschichte die Bürgschaft einer Zukunft. Und doch spüren wir täglich, wie diese Geschichte unsere Möglichkeiten einschränkt, wie die Lasten der letzten Vergangenheit auf unseren Schultern drücken und den Weg in die Zukunft einengen. Am Horizont der Zukunft stehen tausend Fragezeichen, die der Blick auf die Entwicklung im Osten immer von neuem deutlich hervortreten läßt. Es liegt wie ein Anflug von Müdigkeit über dem deutschen Volke. Was können wir von der Zukunft noch erwarten?
Dieser Anflug von Müdigkeit liegt nicht minder über Millionen von einzelnen Menschen. Heute geht es ja noch! Hat auch eine leichte Vergangenheit schwerer Zeit Platz gemacht — heute geht es ja noch! Aber was wird morgen fein? Der deutsche Jüngling schisst nicht mehr mit tausend Masten in den Ozean. Er steht früh unter dem Druck schwerer Lebensbedingungen. Die nervöse Lustigkeit vieler Menschen ist im Grunde nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, sich über Verhältnisse hinwegzutäu- schen, die die Vergangenheit gestaltet haben und die Zukunft unheilvoll hinausbestimmen. Und das Rad der Zeit rollt und rollt. Niemand kann es aufhalten. Vergangenheit Gegenwart, Zukunft — es ist eine dämonische Gewalt, die in dieser Kette der Zeit sich auswirkt
Erlösung von dem Kreislauf der Zeit — das ist heute der Sehnfuchts- schrei Ungezählter. Das ist es, was der buddhistischen Lehre heute neue Anziehungskraft gibt. Sie verspricht Erlösung von dem Fluche der Zeit!
Und doch bedeutet ein Versinken in ein Nichts, wie sie die buddhistisch« Religion am letzten Horizonte zeigt, keine wirkliche Erlösung. Erlösung ist nur da, wo der Mensch mitten im Ablauf der Zeit über die Schicksalsmacht der Vergänglichkeit Herr geworden ist. Nur wenn in die Zeit eine Ewigkeit hineinleuchtet, die dem vergänglichen Leben eine Seele gibt, und die das Beste, was das Leden birgt, der Vergänglichkeit entreißt — nur dann ist der Mensch Herr über das Wechselspiel von Vergangenheit und Zukunft. Nur dann kann er in den unablässigen Ablauf der Zeit mit Freudigkeit und Zuversicht fein Bestes hineinlegen.
Hier liegt die Mission des Christentums für unsere Zeit. Aus aller Zeitangst herauszuführen zu einer ruhigen Sicherheit, die einer ewigen Zukunft gewiß ist — das kann allein der Glaube an einen Gott, der den Menschen zur Teilnahme an seinem ewigen Wesen gerufen hat. So grüßen wir das neue Jahr mit den Worten, die einst der Wandsbecker Bote, der ewig junge, geschrieben hat: „Wer den ewigen, unvergänglichen Dingen vertraut, der wird aus dieser Erde den Fuß in Ungewittern und das Haupt in Sonnenstrahlen haben, der wird hier unverlegen und immer größer sein, als was ihm begegnet“
Drs Iahrtausendbedeulung des Jahres 1928.
Von Dr. Franz Lüdtke.
Ob unsere Zeit Neigung verspürt, Rückschau zu halten in Epochen, di« weit, weit hinter der Gegenwart liegen? Wir sind schnellebig, auf den Tag eingestellt. Aber was ist der Tag? Die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und wollen wir nicht der Zukunft leben? Sie aufbauen, meistern? Wir können es nicht, ohne uns Rechenschaft zu geben über das, was war, aus dem wir wurden. Richt um historischer Jubiläen, nicht um irgendwelcher Gedenktage willen lohnt es sich, in die Tiefen des Geschehens zu steigen. Geschehenes ist Schicksal. Aus dem, was je in Deutschland geschah, wuchs das deutsche Schicksal, mit dem jedes Geschlecht und so auch wir zu ringen haben. Wie lange die Vergangenheit zurückliegt, die Frage fällt für den wenig ins Gewicht, der weiß, was Schicksal bedeutet. Wirkungen sind, zumal wo sie auf ein ganzes Volk gehen, nie zeitgebunden. Die Vor- und Frühgeschichte ist heute noch in uns wirksam, der Kampf mit den Röment vor 2000 Jahren nicht weniger entscheidungsreich, als etwa die Befreiung vorn Joch Napoleons, der Dreißigjährige nicht unwichtiger als der Weltkrieg. Jede Stunde unseres Gegenwartlebens ist bedingt durch unzählige Einslüffe politischer und kultureller Art, die aus. der scheinbar toten, in Wahrheit ewig lebendigen Vergangenhett strömen.


