Ausgabe 
31.5.1927
 
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Die bisher experimentell unerschütierten Grundersahrungen der Physik über die Erhaltung der Energie und das beständige Anwachsen der En­tropie führen als Endzustand der Weltentwicklung auf den vollständigen Teulperaturausgieich im Universum und damit auf den Stillstand jeder Entwicklung: den sogenannten Wärmetod der ®eh. Mag die Zeit bis zum Eintreten dieses Zustandes noch fo lange währen, so muß er nach diesen Sätzen doch einmal erreicht werden. Dagegen sträubt sich der philo­sophische Einwand: da die Welt anscheinend schon unendlich lange Zeit bestecht, müsse sie diesen Zustand, wenn er überhaupt je eintritt, doch schon erreicht haben. Ein unbefriedigender Zwiespalt ruht also wie ein Fels vor dem Eingangstor zur Kosmogonie, und ohne seine Beseitigung kommt niemand an "den Kern aller Fragen heran. Arrhenius walzt ihn einfach fort durch die Behauptung: Der zweite Hauptsatz hat hier eine Lücke, derart, daß dem beständigen Anwachsen der Entropie in gewissen Gegen- . den des Weltalls ein ständiges Abnehmen gegenüberstehe mit dem Er- aetais, daß das Weltganze seinem Wesen nach stets so war wie heute: Materie, Energie und Leben haben nur Form und Platz im Raum ge­wechselt. Wenn auch Maxwell schon einmal rein theoretisch eine Aus­nahme vom zweiten Hauptsatz konstruierte, so bedeutet doch Arrhenius' Behauptung für das allgemeine Naturgefchehen einen Bruch mit der bis- ; Herl gen Anschauung: sie erfordert daher unbedingt den Beweis ihrer i Rüstigkeit.

Aach Arrhenius ist die Kraft, welche jene Ausnahme hervorbringt, der ; Strahlendruck, d. h. die durch Maxwell bekanntgewordene Tatsache, daß i Lichtstrahlen aus jede betroffene Fläche einen kleinen, aber meßbaren i Druck ausüben. Da nun bei gleicher Substanz die Anziehungskraft mit dem Rauminhalt, der Strahlungsdruck aber mit der Oberfläche eines Kör- peers ab nimmt, so gibt es eine gewisse Kleinheitsgrenze des Körpers, unterhalb deren der Strahlungsdruck größer wird als die Anziehungs­kraft, so daß sehr kleine Körperchen von den Lichtstrahlen fortgetragen : werden können. Das Vorhandensein solcherabstoßender Kräfte", die von i der Sonne ausgehen, war in der Astronomie schon lange bekannt durch - die Erscheinungen an Kometenschweifen, und seit Maxwells Entdeckungen | suchte man natürlich ihre Wesen im Strahlungsdruck.

Aber trotzdem ist es sicher ein Verdienst von Arrhenius, 1909 zuerst j auf die noch viel allgemeiner vorkommenden Wirkungsmöglichkeiten dieser ; Kraft aufmerksam gemacht zu haben. Seine Theorie lautet in kürzester : Form etwa so: Die Sonne und alle Fixsterne kühlen sich infolge ihrer : Ausstrahlung ab: die Abkühlung wird^vergröhert durch Zusammenziehung ; und durch den Zerfall radioaktiver Substanzen in ihrem Innern; aber ; schließlich muß jeder Stern einmal erlöschen. Während der Strah- lungszeit wird indessen ein Teil der Materie jedes Sterns durch Strah- . lungsdruck in äußerst kleinen Teilchen in den Weltenraum hinausgefchleu- j dert. Arrhenius nimmt an, daß alle diese Teilchen und die Strahlungs- - energie von ausgedehnten Nebelflecken niedriger Temperatur ausgefangen \ werden und deren Wärmevorrat vermehren, wobei die Nebel aber keine : Temperaturerhöhung erfahren, sondern sich unter Abnahme ihrer Tempe­ratur ausdehnen. Die Nebel enthalten aus diese Weise eine riesige Energie- ; menge bei äußerst starker Verdünnung. Unter Einwirkung ihrer inneren , Gravitation ziehen sie sich allmählich zusammen und beginnen zu strahlen, ; indessen überwiegt die durch Zusammenziehung gewonnene Energie den Verlust durch Ausstrahlung, so daß die Nebel während der Zusammen­ziehung eine Temperatursteigsrung erfahren, d. h. heißer werden. Durch | Eindringen von Meteoren und erloschenen Sternen können innerhalb des , Nebels mehrere Konzentrationszentren geschaffen werden, so daß der ; Nebel schließlich je nach der Zahl dieser Kerne zu einem oder vielen leuch- ; tenden Sternen sich verdichtet. Die inzwischen erloschenen Sterne wandern - als riesige dunkleExplosivkörper" durch den Weltraum, bis sie, wie Arrhenius annimmt, nach durchschnittlich hundert Billionen Jahren mit einem anderen ihrer Art so heftig zusammenstoßen, daß dabei ihrer beider Mat-erie wieder zu ausgedehnten Nebeln zerstreut wird. So war -er ewige Kreislauf der Materie und Energie im Weltgeschehen gegeben: Aus Nebeln werden Sterne, Sterne erlöschen und werden durch Zusammen­stoß mit anderen wieder zu Nebeln, wobei die von den strahlenden Sternen verloren« Energie von den Nebeln aufgefangen immer wieder an dem Kreislauf teilnimmt. Parallel hiermit geht nach der An­nahme von Arrhenius die Wanderung des Lebens. Nach ihm können vom Strahlungsdruck, z. B. von dem der Sonne auf der Erde oder eines Fix­sterns auf einen feiner Begleitplaneten auch Lebenskeime (Sporen), die von den Luftströmungen in größere Höhe getragen worden sind, von ihren Heimatplaneten entfernt und nach jahrzehntelanger Strahlungsreise auf einem Planeten einer anderen Fix^sternsonne wieder abgesetzt werden. Natürlich würde nur ein ganz geringer Bruchteil der transportierten Sporen dies Landungsglück genießen, und ein noch geringerer Bruchteil würde bei der Landung auf lebensgünstige Bedingungen stoßen. Aber wenn nur ein einziger Keim lebensfähig diese Reise bis zur Landung übersteht, und nach Arrhenius' Annahme ist dies möglich, so wäre damit die Verbreitung und Aufwärtsentwicklung des Lebens überall im Weltall gesichert, wo die entsprechenden Bedingungen, Temperaturen zwischen 0 urob 60 Grad Eelsius, flüssiges Wasser und eine der unsrigen nicht un­ähnlichen Luft gegeben sind. Nach Arrhenius' Annahme ist also auch das Sehen enri^unb wechselt nur vermöge dieser Keimübertragung feinen

Sie Ueberprüfung der Durchführbarkeit dieser bestechenden Gedanken ist keineswegs lückenlos möglich. Es sprechen neben wirklichen Beweis­gründen in diesem Gebiete, wo unsere Erfahrungen noch fo spärlich sind, Kleinigkeiten und Imponderabilien mit, welche das Vertrauen in den Führer heben oder vernichten können. Und wenn man sowohl in bezug auf diese aSg«nelner-m Eindrücke als auf jene Beweise hin die drei Publi- kationsn unter die Lupe nimmt, fo scheint mir um das Ergebnis gleich vonvegzunehmen kn Stücke zu zerreißen, was auf den ersten Blick als logisch eimvandftei» Gntwicklustgskstte dasteht.

^tüEch iwitz man im einzelnen daoon absehen, daß wir seit der n ,er= *>« Reihe neuer astronomischer Ergebnisse bereichert

sind, rndessen kann man beim Blick auf sie schon das Gefühl nicht unter­

drücken, daß der Verfasser doch reichlich weit nur dem unsicheren Stern seiner Phantasie gefolgt ist. Vielleicht aus dieser Einstellung erst säht man, worüber in der ersten Freude über das geschlossene Bild hinweg­gelesen wird, daß Arrhenius (der natürlich die astronomischen Daten aus fremden Quellen schöpfen mußte) merkwürdigerweise gerade wichtig« deutsche Literatur nicht kannte. Daß er nordische Gelehrte besonders häufig zitiert, ist fein gutes Recht, daß aber unter den zahlreichen Namen der Franzosen, Engländer, der Amerikaner, Holländer und selbst Polen so kläglich wenig deutsche und wenn schon, dann nur die schlechterdings nicht vermeidbaren, wie Tobias Mayer und Helmholtz erscheinen, wirkt doch befremdend. (Im zweiten Buche ist es damit ein wenig besser, und man vermutet aus der Evschemungszeit vielleicht mit Recht, daß die vierte Auflage der deutschen populären AstronomieNewcomb-Engelmann", natürlich ungenannt, hier als wichtige Quelle gebient habe. Aber muß man sich trotzdem nicht um nur eins herauszuheben, gelinde wundern, wenn die Entdeckung der Sterntriften berichtet wird, ohne den Namen ihres deutschen Entdeckers Kobold zu nennen, ober wenn die grund­legenden Arbeiten des kürzlich verstorbenen Münchener Astronomen S e e l i g e r ober die Sternoerteilung einfach totgeschwiegen werden?

Welches Vertrauen kann z. B. die so eingehend behandelte Chemie der Atmosphäre in ihren Einzelheiten beanspruchen, wenn im fünften Kapitel des ersten Buchesbewiesen" wird, daß eigener Wasserstoff in der Erdlust nicht vorkommen könne, da er sich mit Sauerstoff zu Wasserdamps ver­binden müßte, im fünften Kapitel des dritten Buches dagegen wider­spruchslos die gewaltige Wasierstoffschicht der Erdatmosphäre nach Wegener eingeführt wird, den Annahme heute von der Wissenschaft als nicht haltbar betrachtet wird. Scheint nicht der Wunsch, die Planeten möglichst doch mit Leben zu bevölkern, der Vater des Gedankens, wenn rein gefühlsmäßig die ans der Bestrahlung berechnete, reichlich hohe Mitteltemperatur der Venus auf 40 bis 47 Grad Celsius herabgesetzt, und lediglich hierauf eine ins einzelne gehende Beschreibung des Klimas, Wetters und Lebens auf diesem Planeten aufgebaut wird? Wir können es Arrhenius nicht verübeln, wenn auch er die 'Marskanäle wörtlich nimmt und nach feinem Geschmack als Verwerfungsspalten ansieht: aber da er selbst angibt, baf? man unsicher sei, was die Schattierungsunterschiede auf dem Mars in Wirklichkeit bedeuten, kann es doch nur als interessante, aber recht unwissenschaftliche Novelle angesehen werden, was er in aller Ausführlichkeit über Bodengestaltung, Jahreszeiten und Witterung auf dem Mars erzählt. Die Erklärung der Mondformationen geht über die wichtigen Arbeiten des verstorbenen Münchener Physikers Ebert hinweg und spricht statt dessen noch vonVulkanen" auf dem Monde, wiewohl längst bekannt ist, daß schon Bau und Größe der Ringgebirge auf dem Monde allein diese Auslegung verbieten. Und ist es nicht reichlich voreilig, wenn Arrhenius behauptet, daß Lebenskeime bei einer Temperatur von etwa 250 Grab Celsius bei absolutem Mangel an Luft und Feuchtigkeit, dagegen ungeschützt vor der Einwirkung lebentötender Ultraviolettstrah- lnng ausgesetzt, jahrzehnte-, ja jahrhundertelang durch den Weltraum reisen und keimfähig bleiben können, lediglich weil es gelungen ist, gewisse Keime bei 150 Grab Celsius für einige Wochen lebensfähig zu erhalten?

Es kann, wie gesagt, nicht Arrhenius zur Last gelegt werden, wenn er die Entwicklungsreihe der Sterne und über die Dimensionen und dis Wesen der Spiralnebel Anschauungen hegt, die heute nicht mehr haltbar sind. Nicht entschuldbar aber sind sein« Flüchtigkeiten und Verstöße gegen das schon gesicherte astronomische Besitztum. Wir wollen nicht die Möglich­keit bestreiten, -daß di« Sonnenkorona zum Teil aus Teilchen besteht, welche vom Strahlungsdruck der Sonne in der Schwebe gehalten oder fortgeschleudert werden. Die Grenze des wissenschaftlich Zulässigen wird aber schon überschritten, wenn gar aus der Abschwächung des Lichts am Sonnenrande im zweiten Buche aufMengen kondensierter Körperchen" in der äußeren Sonnenatmosphäre geschlossen wird. Nun gar sollen sich die in den Weltraum hinausgeschleuderten Sonnen- und Fixsternstäufechen irgendwo wieder zu größeren Tröpfchen zusammenballen linb durch Zu- sa mm enk leben vieler großer Tropfen schließlich Meteore bilden, nur weil die zur Erde fallenden Meteorsplitter nach Arrhenius' Meinung so aus« sehen, als ob. Sind das nicht reine Phantasien?

Das Willkürlichste aber und von einem Wissenschaftler ganz unver­ständlich, bleibt di« Art, wie mit den Forschungen vom Ausbau des Welt­alls verfahren wird. Man weiß sicher, ba& die Absorption des Lichtes im Weltenraum außerordentlich gering ist und im allgemeinn innerhalb einer Strecke von 30'000 Lichtjahren noch nicht einmal eine Stern größe aus- macht. Das hindert Arrhenius nicht, wiederholt zu behaupten, mir jähen nur deshalb nicht den ganzen Himmel mit leuchtenden Sternen bedeckt, weil kosmische Nebel (die vermuteten Ansammlungen von Sonnen- und Sternstaub) uns die Sicht auf ferne Himmelskörper verschleiern! Und mit welchem Anspruch auf Beachtung er die Beobachtungstatsachen über den Aufbau des Milchstraßensystems durch seinephilosophische" Meinung er­setzen kann? Hier liegt nämlich der Angelpunkt seiner ganzen Weltent- stehungstheorie., Der Kreislauf der Materie und ihrer Energie nach Arrhenius ist ja nur möglich, wenn alle Sternstrahlung wieder von Himmelskörpern oder Rebeln aufgefangen wind, d. h. wenn in jeder be­liebigen Richtung des Weltalls auf Sterne ober Nebel getroffen werden kann. Die Stellarstatistik aber zeigt, daß die Anordnung der leuchtenden Sterne außerordentliche Lücken läßt, ja, daß unser Milchstraßensystem als einsame Insel in einem ungeheuren Raume schwefel.

Diese Proben mögen genügen, um zu zeigen, daß man die drei Bücher schon recht aufmerksam lesen muß, um Annahmen und Tatsachen zu schedden. Wäre vom Verfasser selbst trief« Scheidung vorgenommen, indem er nach den oder gegen die Beobachtungstatsachen feine Hypothesen als solche deutlich herausgehoben hätte, so würde aus dem allen kaum ein Vorwurf zu konstruieren sein. Allerdings hätte bann auch seine Kos­mogonie als bas bageftanben, was sie ist, nämlich als ein geistreicher Flug kühner Phantasie über die uns bisher gezogene Grenze des Wissens und der Theorie hinaus.

ran.wortllch: Dr. Hans Lhyrrot. Druck und Berlag: Drühl'fche Anivcrsitats-B-uch» und Steindruckerei,'N. Lange, Gießen.