Kunstwerke und ihre Titel.
Von Walther Appell. Plauen.
Ern wahres und echtes Kunstwerk hat eine Offenbarung zu fern, bi« uns nicht auf dem papiernen ümtoeg über Titel und Namen, zuteil werden, sondern elementar aus schöpferischen Tiefen auf uns eindringen soll (urrd zwar auch da, wo unser Urteil über ein Werk int letzten Grunde ablehnend sein wird). Die Fälle, in denen wir zum rechten Verständnis den Titel schwer oder gar nicht entbehren können, sollten im großen ganzen Ausnahmen bleiben, die sich aus wenige, ganz bestimmte Gattungen von Werken beschränken. Zu nennen wäre etwa die sog. Genremalerei, für die ein paar Dutzend Spitzwegs als gut« und zahllose andere Malereien als schlechte Beispiele angeführt werden könnten. Auf gleicher Stufe steht — für diese Betrachtung! — die ihre Stoffe mehr oder weniger im Historischen suchende Bildnevet. Hier wie dort wird ein zeitlich eng wnrissenes Geschahen zur Darstellung gebracht, eine Episode, bereit Voraussetzungen und deren Fortgang zum „Verstehen?' oft ebenso Wichtig sind wie der vom Künstler ivllluirlich herausgegriffene Moment. Dieser literarische Einschlag, den außer den Werken der genannten Gattungen z. B. auch Bilder von Feuerbach, Thoma, Leibl
kam ein Schneefeld, das leicht zu überwinden war, und danach eine glatte Wand, die von weitem bedenklich ausgesehen hatte. Run aber zeigte sich der ganzen Wand entlang ein hinreichend breites Band, und Cesco dachte nur wenig Hindernisse mehr zu finden. Frohlockend betrat er den schmalen Steig und ging seinem Begleiter rüstig voraus. Wer er war noch nicht oben. Die Wand machte eine Biegung, und im Augenblick, da Cesco um die Krümm« schritt und alles gewonnen glaubte, fuhr ihm von jenseits, unerwartet ein heftiger Sturmwind entgegen. Er wandte das Gesicht ab, griff nach seinem Hut, tat einen Fehltritt und verschwand vor den Augen les Kameraden lautlos in der Tiefe.
Der Begleiter beugte sich vor und konnte chn unten liegen sehen, sehr stef in einer Geröllwüste, vielleicht tot. Er irrte zwei Stunden mit Gefahr umher, fand aber keinen Zugang zu dem Gestürzten und mutzte endlich ermüdet den Heimweg suchen, um nicht selber noch vom Berg verschlungen zu werden. Erschöpft und traurig tarn er spät am Abend ins Dors zurück, wo sich nun eine Gesellschaft von fünf Männern zur Auffftftmng und Kettung des Cesco ausmachte. Sie gingen mitten in der Nacht und mchmen Decken und Kochzoug mit, um am Berg zu nächttgen und in der Frühe auf die Streife zu gehen.
Indessen tag Cesco Mondi lebend, aber mit zerschmetterten Semen und Rippen zu Füßen jener Wand auf einem Steinhaufen. Er hörte seinen Begleiter rufen und gab, so gut er konnte, Antwort, die jener nicht vernahm. Dann lauschte er stundenlang und bürte zuweilen, daß der Kamerad noch auf der Suche war. Natürlich sah er ein, daß jener habe mnkehren müssen, und daß in den nächsten fünfzehn Stunden an keine Erlösung ju denken war.
Seine Beine waren beide gebrochen, wahrscheinlich mehrmals, und irgendein Unglückssplitter war ihm in den Unterleib gedrungen, wo er verzweifelt wühlte unb schmerzte. Cesco spürte, daß er übel verletzt sei, er machte sich wenig Hoffnung. Er zweifelte nicht daran, daß man ihn Stben würde, aber ob er dann noch leben werde, schien ihm sehr fraglich.
«wegen konnte er sich gar nicht, die kalte, lange Nacht stand bevor, und seine Verletzung schien ihm tödlich.
Leise stöhnend lag er eine Stunde um die andere und dachte an lauter Dinge, die ihm jetzt nichts Helsen konnten. Er dachte an ein Mädchen, das mit ihm das Tanzen erlernt hatte und jetzt längst verheiratet war. Die Äeit, da er sie nicht sehen konnte, ohne Herzklopfen zu bekommen, schien chm jetzt wunderbar schön und selig gewesen zu fein.
Er dachte weiter an sein« Wanderungen und erinnerte sich des Tages, an dem er zum erstenmal an den Monte Giallo geraten war. Und es fiel ihm wieder ein, wie er damals hier dankbar und vertraulich umhsrglng und den Berg lieb gewann. Unter Schmerzen wendete er den Kopf uns toaute umher in die Höhe, und der Berg sah ihm ruhig in die Äugen. Er sah den alten Gesellen an, der in der Abenddämmerung geheimnisvoll und traurig stand, mit verwitterten und zerwühlten Flanken, uralt und müde, in seiner kurzen Sommerrast nach den brausenden Todeskämpfen des Frühjahrs. Die Nacht kam, und in den Höhen dämmerte ein blasses Licht hinsterbend fort, eine ungeheure Fremde und Einsamkeit lag auf der steinernen Einöde. Nebelbänder zogen langsam und zögernd da und dort die schweigenden Wände entlang, dazwischen erschienen hoch und fern kühle Sternbilder, in einer entfernten Schlucht sang dumpf und wirr Bas stürzende Wasser.
Cesco Biondi sah mit seinen sterbenden Augen das alles, als wäre es »um erstenmal. Er sah seinen Berg, Monte Giallo, den er so wohl zu kennen geglaubt hatte, zum erstenmal in seiner tausendjährigen Einsamkeit und traurigen Würde stehen, und sah und wußte zum erstenmal, daß alle Wesen, Berg und Mensch, Gemse und Vogel, alle Sterne und alles Erschaffene — daß das alles in einem großen Drang unentrinnbarer Notwendigkeit fein Leben dahinfuhrt und fein Ende sucht, und daß Leben und Tod eines Menschen nichts anderes ist und nichts anderes bedeutet, als der Fall eines Steines, den das Waller im Gebirge löst und der von Hang zu Hang niederstürzt, bis er irgendwo in Splitter geht oder langem in Sonne und Regen verwittert. Und während er stöhnte und dem Lod mit frierendem Herzen entgegensah, fühlte er dasselbe Stöhnen und dieselbe namenlose Kälte durch den Berg und durch die Erde und durch die Lüfte und Sternenräume gehen. Und so sehr er litt, er fühlte sich nicht, völlig einsam, und so grauenvoll und sinnlos sein schreckliches Sterben in der Einöde ihm erschien, es erschien ihm doch nicht grauenvoller und nicht sinnloser als alles, was jeden Tag und überall geschieht.
Der Monte Giallo behielt ihn bei sich, er konnte nicht gefunden werden. Im Dorfe wurde er darum sehr beklagt, da jeder ihm das Be- Käbrris und die Ruhe im Kirchhof gegönnt hätte. Aber er ruhte rm Dein nicht anders, als wenn er nach einem langen und fröhlichen Leben unter Gesang im Schatten der heimallichen Kirche begraben worden wäre.
ustü., Radierungen von Klinger, Plasttken von Robin haben, rocht- ferttgt oder verlangt meist auch einen klaren, eindeutigen DitÄ.
Auf der andern Seite aber steht die große WehrMchl derjenigen Werk«, die nur aus sich selbst heraus und imrch sich selbst sprechen sollten. (Was sie natürlich immer nur in dem Grade könne«, in dem der Schaffende vermocht hat, schöpferische Energien, in fein Werk zu bannen.) Sogar ein Künstler, wie Döcklin, hat, wie Loitts GorinD erzähtt, seinen Hauptwerken keine Namen oder Tttel mit auf den Weg gegeben. Dieser Mut, gegen die Denkbequemllchkeit des durchschnittlichen Kunstpublikums zu opponieren, war in dem Berdearren begründet, daß die Bilder aus Eigenem mitteilen könnten und würden, was ihr weserMcher Gehalt war. Freilich mußte der Künstler erkennen, wie unglaublich hilflos und schwerfällig das Publikum Werken gegenüberstand, die ein tieferes Einfühlen von Hm verkangtE als es aufzubringen willens und fähig war: die Bilder wurden nicht eher gekauft, als bis — der Kunsthändler ihnen Namen gegeben! hatte (Namen, die sie heute noch haben, und für deren EntstÄhest auch Geschäftsgeist und Willkür das „Schweigen im Walde" das beste Beispiel ist). Auch die junge und jüngste Kunst hat in disser Hinsicht noch immer Kompromisse schließen und Zugeständnisse an die Gewöhnung der Kaufenden oder auch nur der Betrachtenden machen müssen. Manches Werk, das heute unter einem Titel geht, dem man das Krampfhafte, llnkünstlevische feiner Herkunft sofort ani- merkt, hatte beim ersten Erscheinen noch keine oder nur eine jo neutrale Benennung, wie „Komposition", „Studie" „Menschen" o&er dergleichen. Gerade um die Allgemeinbewerpmg der jüngsten Kunst stünde wohl vieles besser, wenn ihre Werke nicht vielfach von vovnj- herein mit Titeln belastet worden waren, deren — oft leider sogar beabsichtigte — Absonderlichkeit nur Verwirrung anrichten und Widerspruch wecken mußte. Ünd auch Fälle, die nicht ganz so kraß liegen, sprechen deutlich genug gegen eine Festlegung des ausnahme» willigen Betrachters aus lückenhafte oder sonstwie anfechtbare BW- tttel. So kann bei einem bekannten Holzschnitt Schmidt-Rottluffs der Titel „Landschaft mit Turm" dem Betrachter nicht das geringste nützen, dem Bilde und seiner Wirkung aber viel Abbruch tun, w«l er zu eng begrenzt und begrenzend ist. Das mag schon der engllsche Radierer Strang empfunden haben, der seine Werke lieber fortlaufend numerieren als ihnen bestimmte Benennungen geben tooHte. Vergleichsweise wäre hier auf das Gebiet der Musik und die dort allgemein herrschenden Gepflogenheiten hLnguWeisen, auf die jedoch nicht näher eingegangen werden kann. Nur über den Bereich der Literatur soll noch einiges gesagt fein.
In der Literatur liegen die entsprechenden Verhältnisse bis zu einem gewissen Grade anders als in den bKdsnd-en Künsten. Ein Buch wird schon aus Gründen feiner äußeren Ausmachung selten den Titel ganz entbehren können. Wie dies« Titel fein soll, das hat Schopenhauer treffend so formuliert: bezeichnend, kurz, .prägnant, und womöglich ein Monogramm des Inhalts. Nicht anerkannt, aber kann die Notwendigkeit eines solchen Titels für Werke lyrischen Charakters werden. (Während die mehr «zählenden ja auf eine Stufe mit den — gleichfalls „erzählenden" — Historien- und G«rre- bildevn gestellt werden können.) ilnd wie es scheint, stift» auch rn allen Perioden Lyriker gewesen, die das gewußt haben, denn! gar mancher hat sich nicht bemüht, irgendwelchen Titel für seine Dichtungen, sowohl im einzelnen als auch irr Zusammenfassungen, zu finden. Späteren Herausgebern ist es dann meist Vorbehalten getoefat, diese vernünftige Denk- und Handlungsweise zu korrmieven. Einige haben sich gewiß mit Geschick und Geschmack aus der Affäre gesogen, andere ha^n, wenn ihnen kein „paffender" Titel für ein Gedicht ei-ffiel, ihr Gewissen und die Ansprüche des Lesers damit beschwichtigt, daß sie immerhin „Sonett" oder „Li«d" ober — „Gedicht darüberfchrieben. (Ebenso oft tun das allerdings, aus den gleichen Rücksichten heraus, schon die Dichter selbst.) Aber trotz aller Bedenken ist dagegen vielleicht noch weniger ÄnMvenden als gegen eine Mn» fttte unterer Tage, die etwas, das für EinzelfMe gut und angebracht ist, gedankenlos verallgemeinert: in Anthologien und sonstwo staden wir häufig Gedichte, beispielsweise von Holz, Dehmel, Werfel, denen schnellfertig die Anfangszeile als improvisiert« „MeberschÄft iwr- gesetzt worden ist Auf diese schematische und allzu ««fache Act kommen dann Titel zustande, die oft wenig oder gar nichts nut 5cm Geist und Inhalt lassen zu tun Haben, von dem sie „ein Momo- gramm" fein sollen. — _ „ , .,, , . „
Di« grundlegende Frage ist aber hier Öie: haben nicht wir alle Schuft» an den geschllderten Mißständen? Und wenn schon vielleicht nicht alle, so doch der größte Teil der Hinnehmenden? lleberlegens wir uns doch einmal, ganz ehrlich vor uns selber, wie wett je&cr einzelne von uns noch in den hergebrachten GewöhnmWen steckt und befangen ist, und wieviel Widerstände vielleicht auch wir an unserrn Dell einem Künstler bereiten, der den Mut hat, vom Schema Äweichen I 3e offener wir uns diese Frage beantworten, um so
: dürfen wir hoffen, in unfern WirkurqMbereichen zur Anbahnung der notwendigen Ansicht beizutvagen: daß es auf Kosten der Kunst und des Künstlertums gehen muh, wenn wir hartnäckig auf der Forderung w Aeuherlichketten beharren, die überwiegend kunst- fremd ruft» kunsK-idrig sind.
Rätsel des Kosmos.
Do« Prio.-Doz. Dr. A. Kühl, München.
Unter den Titeln: „Sos Werden der Wetten", „Die Dorfteklung vorn WeltgÄräude der Zeiten" mild „Der Lebenslauf der Planeton" Hot der schwedische Chemiker Svante Arrheniu« in anziehend populärer Fassung jein« kosrnogonifchen Ansichten erscheinen lassen.
Es gehört schon Mut und die Ueberzeugung, etwas Wichses zu jaM« zu haben, dazu, wenn ein Wissenschaftler wie Arrhenius sich entschließt, feine Gedanken über das Weltgeschehen zu veröffentlichen, ja, sie durch Popularisierung weitesten Kreisen zugänglich zu machen.


