Ausgabe 
31.5.1927
 
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Der Monts MaKo.

Eine Erzählung von Hermann Hesse.

Der Monte Giallo stand inmitten eines Kreises von berühmten Bergen, wenig bekannt und unwirtlich. Er galt für unbesteiglich, doch reizte das niemanden, da ringsum Dutzende von leichten, schwereren und ganz schweren Gipfeln standen. Man hatte ihn von jeher vernachlässigt, sein Name war nur in der nächsten Umgebung bekannt, die Zugänge waren weit und mühsam, der Aufstieg und vermutlich auch die Aussicht wenig lohnend, dafür war er durch böse Steinschläge, schlimme Wind­stellen, schlechte Schneeoerhältnisse und brüchiges Gestein in ubeln Rus gekommen. So stand er zwischen seinen berühmten Brüdern ungeschützt und vergessen da, als ein ruppiger und langweiliger Steinhaufen ohne Reiz und Anziehungskraft. Er blieb ohne Ruhm und Ehren, aber er blieb auch von Weganlagen, Drahtseilen, Hüttenbauten und Zahnradbahnpro­jekten verschont. An seinem südlichen Fuß gab es wohl einige Weiden und Sennhütten, an Touren oder gar an eine Besteigung war aber von dieser Seite aus nicht zu denken. Dort zog sich durch die ganze Bergseite in halber Höhe eine lange, senkrechte Wand von brüchigem, im Sommer braungelb schimmerndem Gestein, dem der Berg auch seinen Namen ver­dankte. '

Wenn bei Bergen die Physiognomik nicht ebenso trügerisch wäre wie bei Menschengesichtern, hätte der Monte Giallo ein mißgünstiger und feindseliger Patron sein müssen. Auf der einen Seite die lange, neidische, Unförmige Wand, auf der anderen ein wirres, fleckiges Unwesen von Äerölchalden, Moränen und Schneessldern, und oben ein schartiger Fels- ;rat ohne einen richtigen, säuberlichen Gipfel.

Er verharrte jedoch gleichmütig in seiner wilden Verlassenheit, sah der Beliebtheit seiner Nachbarn ungereizt und schweigend zu und meinte es mit niemand böse. Er hatte genug anderes zu tun. Der Kampf mit Dem Sturm und dem Wasser, das Ofsenhalten der Rinnen, im Frühjahr das Hinwegschaffen des Schnees, das Lawinenrollen, das kümmerliche Pflegen der verzagten Arven und das Beschützen der sorglosen, lachenden Blumenpracht, das ließ ihn nicht zu Gedanken kommen. Und im Sommer lag er die kurze Ruhezeit hindurch atmend in der Sonne, trocknete und wärmte sich, sah träumerisch dem Spiel der Murmeltiere zu und hörte aus der Tiefe das goldene Herdenaeläut und mitunter die fernen, felt- iamen Töne der Menschen heraufhallen, unverstandene, ahnungsvolle Klänge einer kleinen, spielerischen Welt. Er hörte sie gern, doch ohne Neu­gierde, und nickte während der Sommerrast fremd und freundlich zu den Juchzen, Glockentönen, Pfiffen, Schüssen und anderen harmlosen Grüßen aus der Tiefe, wo ihm eine sorglose kindliche Welt ihr Wesen zu treiben schien. Wenn er an die ersten Föhntage im Vorfrühling und an die Frühsommernächte dachte, wo hier oben nichts fest und sicher war, wo Felswände sich senkten, Steine wie Bälle ins Tal sprangen, Wasser­fluten alles Festgefügte unterspülten und sein Leben zu einem atemlosen, bald zornigen, bald entsetzten Kampf mit hundert riesenstarken Feinden madjten, dann konnte er das leise, zahme Treiben in den Tiefen anhören wie die Stimmen kleiner Kinder, die sich einen Sommertag vertreiben und nicht wissen, wie dünn der Boden dieses Lebens ist, das sie für felsenfest und ewig sicher halten.

Wer es ist nichts in der Welt, auf das nicht am Ende Menschen ihre Begierde richten. Es blüht kein winziges Kraut im Spalt und liegt kein verworfener Stein am Wege, so kommt ein Mensch und schaut und be­fingert sie, neugierig und unersättlich, wie eben Kinder sind.

Der Sohn eines Uhrmachers im Dorf, Ces so Mondi, war eilt etwas ungeselliger junger Mensch, dem es nicht gelang, auf die übliche und richtige Weise seines Ledens froh zu werden. Äamentlich kehlte ihm Ben Mädchen gegenüber das «echte flotte Benehmen, beim

So ganz verstand ich seine Pläne noch nicht. Aber er würde schon für mich sorgen. Wir machen uns einen feinen Tag, hatte er gesagt. Nun wohl.

Während er sich auszog, mußte ich ihm erzählen, was ich in der Zwifclienzeit getrieben. Mitunter lachte er kurz und schutetlte den Kopf. Simmet au' noch, kleiner Schaute, kimmet alles noch! Aber jetzt mochten mir schlafen, nit waahr!" Er knipste bas Licht aus und warf sich ms Bett. Ich hörte noch, wie er stöhnte:Gottesgemicke, is das ne Wohldaad^ Aaach . . . is dasne Wohldaad! Aaach . . . is das n Glick! . . . Dann wußte ich nichts mehr. . .

Am andern Morgen wuschen mir uns, zogen mir uns geschwind an und bezahlten unten beim Vater vierzig Pfennig. Da bekamen wir unsere Papiere wieder und durften fortgehen. Die andern mußten noch bis zum Mittag arbeiten, Hölzle spalten, Treppen wischen, Sälchen kehren. Aber wir schlürften in den nebligen Morgen hinein. Sieben Uhr.

Pass' uff, jetzt gehn ins Konzerte."Jetzt?Sa, Karte. Heile is von sieben bis um achte Kurmusik im Schloßpark, verstehste. Do chn hin." Und er marschierte mit seinen kurzen Beinen voran. Unterwegs fand er noch eine halbe Zigarre, die er sorgfältig einsteckte.

Sm Schlohpark stand unter blühenden und feuchten Kastanien eine Art von Palast, der die Orangerie hieß. Davor promenierten lauter feine Herren und Samen hin und her. Sie hatten Gläser in der Hand und icanken Wasser daraus. Und in einem kleinen Hause saßen Musikanten, Vie sich mit einer weichen Musik vernehmen ließen. Das war alles so gedämpft und morgendlich. Auch tropfte viel Nässe von den Bäumen. Seitwärts hing Flieder über die Wege, weiß und lila. Die Erde roch nach Frühling. r ' . . m .....

Wir schlenderten ein Stückchen weiter und fanden m einem Gebüsch eine verborgene Bank. Da machten roirs uns bequem. Kupille drehte aus dem Tabak der halben Zigarre zwei hübsche Zigaretten. Was wollten wir mehr, mir lehnten uns zurück und rauchten und genoßen die Musik. Neben mir kroch eine Raupe langsam an einem Holunderzweige empor. Ein giftgrünes Tier mit dunkelroten Punkten. Sie mar über und über be­haart, und an jedem Haar hing ein silbriges Wafsertröpfchen. So ging sie im Dunst der Frühe spazieren. Und es traf sich, daß sie mir begegnete. Und ich freute mich. Und wie schön heute morgen doch die Welt war! Didelum.

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Tanzen schwieg er ernsthaft, und wenn ihn eine aufmuntern wollte und ihn zu necken anfing oder freundlich am Ohr zupfte, ward eti vor lauter Entzücken erst recht verwirrt und hilflos, so daß er >es nie zu einer Liebschaft brachte, obwohl er den schönen Mädchen heimlich mit glühenden Augen nachschaute.

Dieser Eesco Diondi gewöhnte sich unter anderen Sonderlings­bräuchen auch das einsame Amherstreifen in den Bergen an, wo er sich gut auskannte und fein Mlles Vergnügen an den Höhen und Aussichten, an Steren und Pflanzen, Steinen und Kristallen fand. Zwar unternahm er seine Ausflüge meistens in einer gewissen Trauer, denn er hatte nicht einen Tlebevschuß an Freude, wie andere, hinaus­zutragen, sondern suchte vielmehr draußen etwas zu finden, was andere daheim und alle Tage haben. Ein wenig davon fand er auch zuzeiten, unH allmählich gewöhnte er sich daran, an dem Dasein! der Berge bescheidentlich teilzunehmen und sein unbefriedigtes Gemüt daran zu beruhigen.

Mit der Zeit kam er, der ohnehin gern eigene Wege ging und besuchtere Orte vermied, immer häufiger in das unwirtliche Gebiet des Monte Giallo, .wo kaum jemals ein Mensch anzutreffen und eins entlegenes, unberührtes Stück Land zu entdecken war. Der schlecht beleumdete Berg wurde ihm allmählich lieb, und da keine Liebe ver­geblich ist, tat sich auch der Berg nach und nach vor dem Wanderer! auf, zeigte ihm verhüllte Schätze und hatte nichts dawider, daß dieser einsame Mann ihn besuchte und ihm hinter seine Geheimnisse zu kommen trachtete. Es entstand langsam ein halbvertrauliches Ver­hältnis zwischen Eesco und dem Berge, mqn lernte einander kennen! und ließ einander gelten. Mondi fand manche abschreckend aussehends Stelle zugänglich, entdeckte manche sommerliche Blumeninsel zwischen! dem Geröll, nahm hie und da einen schönen Glimmer, ein paar Blumen mit sich heim, und der alte Berg sah ihm zu und ließ ihn still gewähren.

Das dauerte länger als ein Jahr. Aber der Mensch, mit einem Dein im Reiche der Statur, mit dem anderen im Reiche der Freiheit stehend, kann nun einmal ein Stück Statur nicht unbegehrlich und rein brüderlich liehen; sondern kaum fühlt er sich wohl und einiger­maßen gastlich aufgenommen, so will er der Herr fein, will an sich reißen, besiegen und über den bisherigen Freund triumphieren. So ging es auch dem Mondi. Er hatte den Monte Giallo lieb, er wanderte gern an ihm herum, lag gerne rastend zu seinen Füßen; aber kaum war eine gewisse Vertraulichkeit da, so begann er auch schon unzufrieden zu werden und Herrschergelüste zu spüren.

Bisher hatte er sich damit begnügt, den unbekannten Berg ein! wenig zu erforschen, je und je ein paar Stunden in feinem* Gebiete zu streifen, die Wasserläufe und Lawinenbahnsn kennenzulernen!, Gestein und Pflanzenwuchs zu betrachten. Gelegentlich hatte er auch einen vorsichtigen Versuch gemacht, der Höhe näher zu kommen und etwa doch einen Weg zum Gipfel zu erkunden. Dann hatte der Monte Giallo, ohne gerade unwirsch zu werden, sich still zugeknöpft und die Vertraulichkeit ruhig abgewehrt. Er hatte den Wanderer ein paar Steinschläge nahe kommen taffen, hatte ihn ein paarmal irvegeführt und müde gemacht, ihm den Rordwind ein wenig in den Racken geschickt und unter seinen begehrlichen Sohlen leise ein paar morsche Steine weggezogen. And Eesco war alsdann etwas betroffen, doch verständig und gutwillig umgekehrt. Er fand zwar den Berg ein wenig launisch, aber da er selber zu den Sonderlingen gehörte, konnte er das nicht Übelnehmen.

Jetzt aber wurde das alles anders, da Eesco gegen das End« des zweiten Sommers, von der Erbsünde verführt, seinen Berg nut immer begehrlicheren Augen achchaute und sich daran gewöhnte, in ihm nicht mehr einen Freund und gelegentlichen Zuftuchtsort, sondern einen Feind zu sehen, der ihm trotzte und den er, nun beharrlich be­lagerte und auskundschaftete, um eines Tages ihn zu unwriochen. Sein Sinn war darauf gerichtet, den spröden Berg unter sich zu be­kommen, durch Kraft und durch List!, auf geraden und krummen Wegen. Er wanderte nun Nicht mehr behaglich und getröstet in dm Schluchten und an den Abhängen umher, dankbar und nut dem Möglichen zufrieden. Seine Liebe war eifersüchtig und mißtrauisch geworden, sie wollte herrschen und recht haben, und da der Berg anderer Slteimmg war und sich still, doch entschieden Widmsetzte, sahen das Liebhaben und die bischerige Kameradschaft bald mehr wie Erbitterung und Haß ans. .

Drei-, viermal drang der hartnäckige Wanderer empor, jedesmal mit einem kleinen neuen Fortschritt und mit wachsendem Verlangen, in diesem Kampfe Sieger zu werden. Die Abwehr des Berges war jetzt nimmer gutmütig und brüderlich, es gab Angriffe und ernstliche Drohungen, und der Sommer endete damit, daß Eesco Mondi nach einem Absturz ha« erfroren und verhungert mit einem gebrochenen Arm ms Dorf heim­kehrte, wo man ihn schon vermißt und totgesagt hatte. Er lag eine Weile im Bett, inzwischen gab es am Monte Giallo Neuschnee, und es war in diesem Sahre nichts mehr zu machen. Desto grimmiger nahm Eesco sich vor, nicht nachzulafsen und den ungastlichen Berg, den er nun wirklich haßte, doch noch zu unterwerfen. .

Sm nächsten Frühsommer sah der Monte Giallo mit Unbehagen feinen ehemaligen Freund wieder anrücken und die Veränderungen studieren, di« der Winter und die Schneeschmelze angerichtet hallen. Er kam und unter» suchte, zuweilen von einem Kameraden begleitet, fast jeden Tag. Uno schließlich erschien er wieder in Gesellschaft des andern, eines Nachmittags mit reichlichem Gepäck, stieg ohne Eile ein gutes Drittel der Höhe hman und richtete sich an einem wohiausgefuchten Orte mit Wolldecke uns Kognak zum Uebernachten ein. Und am frühen Morgen machten sich «« beiden vorsichtig auf den Weg durch die unbetretene Höhe. . ,,

Eine schlimme Halde, die um Mittagszeit von fallendem Steingerieh» unwegsam gemacht wurde, passierten sie ohne Gefahr noch in der Morgen- kühle. Erst nach zwei Stunden begannen die Schwierigkeiten. Zich un schweigend sttegen die beiden am Seil hinan, umgingen senkrechte «chrt fen, tteterten, gingen fehl und kehrten wieder um. Dann kam eine KW' gangbare Strecke, Eesco löste das Seil, und sie schritten eifrig voran, v

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