GiehmerZannlienblätter
Unterhaltungsbeilage zum sietzener Anzeiger
Jahrgang 1927
Dienstag, den 31. Mai
Rümmer 43
Begegnung.
Von Heinrich Heine.
Wenn du mir vorüberwandelst, Und dein Kleid berührt mich nur, jubelt dir mein Herz und stürmisch rügt es deiner schönen Spur.
Dann drehst du dich um und schaust wi Mit den großen Augen an, Und mein Herz ist so erschrocken, Daß es kaum dir folgen kann.
Durch das heimliche und Unheimliche Deutschland.
Von Manfred Hausmann.
V. Seinen Pfennig mehr . . .
Jetzt mar es jo weit. Der Bauer in Plochingen wollte für das Nachtquartier fünfzig Pfennig halben. Ich gab sie ihm. Meine letzten Pfennige. Regen fiel, es zog auf der Landstraße, und der liebe Gott dachte nicht daran, oder wer dies Amt nun verwaltet, die Fenster da oben zu schließen. Und ich wanderte auf Stuttgart los. Die zerrissene Leinenhose ließ allen Wind durch, mein Gesicht schälte sich ab, die Sonnentage der vorigen Woche hatten's schrecklich verbrannt. Da schlug fetzt -der Regen auf die wunden Stellen, daß ich vor Schmerzen hätte heulen mögen. Ich fror,
5 goß und wehte, und ich hatte kein Geld. Wahrhaftig, zuweilen lebte Ban nicht gut aus der Landstraße.
1 Aber mein Kamerad Kupille, der kleine, dicke, ftachelhaarige Kupille eus Kassel, hatte mir, als wir uns vorgestern trennten, eine kleine Rede gehalten, daß erst der ein Mann wäre, der alles zunr Teufel schickte und, nur auf sich selbst gestellt, ins Ungewisse wanderte. „Siehste, min Jin-gel- cheN, dann biste ein Mannskürle. Die annerir, die als Geld hon un nit klopfen wegen, was für dann die? Wandervogel find das, Bülwefse, Moderchen, aber keine Mannskürle, verstehste!" Ich verstand wohl, aber klopfen oder, rund heraus gejagt, betteln . . . noch nicht, noch nicht! Früher pflegte ich morgens duftendes Wasser auf5 Haar zu schütten, meine Eltern hielten sich eine Aufwartefrau, ich verfügte sogar über einen Füllfederhalter. Ja früher . . .! Vor zwei Jahren!
Mein Kamerad Kupille Halle gut reden. Er kannte die Landstraße von klein auf. Da war er denn unglaublich erfahren in allerlei Auswegen tags und nachts. Er würde niemals untergehen, das Leben konnte gegen ihn nichts ausrichten. Wenn es nicht anders ging, aß er Schnecken zum Frühstück. Das war in den böhmischen Wäldern, als wir so oft hungern mußten, da sammelte er lauter Schnecken, rote und graue, in eine leere Konservendose und streute dann eine Handvoll Salz darüber. Die Schnecken schäumten auf, der Schaum quoll aus der Büchse heraus und tropfte ins Gras, bis die Schnecken tot waren. Er hatte auch ein bißchen Pfeffer zur Hand und ein bißchen Essig, jo daß er sich von dem schleimigen Getier einen Salat machen konnte. Mir wurde ganz schlecht, wie ich ihm beim Effen zuguckte. Aber er lachte und schlürfte die Büchse leer. So einer war er. Er mar auch viel älter als ich, er hätte wohl mein Vater fein können. Und meistens jagte er „min Jingelchen" zu mir. Von ihm habe ich gelernt, wie man sich aufzusühren hat, wenn man auf der Landstraße liegt.
In Stuttgart sollte ich wieder mit ihm zusammentreffen. „Du brauchst bloß ma in der Herberge nach mir zu fragen, verstehste, ich bin dann schonn do, so um den Achten -herum." Und heute schrieben wir denn den Achten, und ich tippelte auf Stuttgart los. Aber mir war nicht wohl zumute, ich war wieder einmal krank vor Trostlosigkeit. Ich bereute alles, was ich getan hatte. Ach Gott ja, wenn man doch nur einmal von der Landstraße herunter, dachte ich. Was ist das für ein Hundeleben! Und heute nacht -mußte ich in der Obdachlosenherberge schlafen, da gab's nichts anderes. Und jetzt mußte ich klopfen oder hungern, da gab's auch nichts anderes. Aber ich brachte es doch nicht fertig, zu klopfen. Wenn es nicht fo geregnet hätte, wenn mein Gesicht nicht so zerfetzt gewesen wäre, vielleicht hätte ich mir dann ein gepfiffen und hätte frischweg in einen Bäckerladen spaziert. Aber jo . . . na -ja, es war nichts los -mit mir. Ich schnüffelte von Zeit zu Zeit, spuckte aus und reiste, stumpf vor mich hinblickend, die Straße entlang. Als -der Hunger mich gar zu sehr quälte, riß ich von einem neuen Zaun einen harzigen Span ab, wie Kupille m-ich's gelehrt. hotte, und kaute darauf herum. Das tat gut. Und heute abend wurde ich Kupille ja in der Herberge treffen. Er hatte sicher was zu essen bei sich, dieser Meister im Klopfen und Klinkenputzen. Nein, ich bra-uckste noch nicht zu krepieren, haha. Ach ja, zum Satan auch, -das Leden, das Leben! Ich blieb stehen -und sagte laut: Mistiges Leben! Dann tippelte ich i weiter durch Regen und Wind ... '
Schließlich wurde es Abend, und ich zog in Stuttgart ein. Die Uhr j ging auf zehn. Ich sah aber trotz der Dunkelheit, daß ich in eine schöne - Stadt gekommen war. Auf den Bergen ringsum glitzerten Lichter durch - den Jiegenbunft, und mitten im Häusermeer gab es einen großen Park auch antworteten mir die Leute alle so freundlich, wenn ich sie fragte' ein Herr erbot sich sogar, mich ein Stück zu begleiten und mir die Strafte SU zeigen, in der die Herberge zu finden fein mußte.
Ich trat vorsichtig ein. Gleich hinter der Tür saß der Vater und mummte, daß ich noch so spät käme. Er nahm mir meine Papiere ab und schrieb meine Personalien in ein Buch. Wie er mein Hemd an der .öruft aufmadite und in den Nähten noch Läufen suchte, fragte ich ihn bescheiden, ob ein gewisser Kupille aus Kassel schon einpassiert wäre. Da mußte ich leider hören, daß mein Kamerad nicht Wort gehalten hatte. Es war em schwerer Schlag für mich, ich war noch so jung, und dann der Hunger . . Kupille hauste also heute nacht noch wo anders. Um den Achten herum, hatte er gesagt. Morgen vielleicht. N-a ja! Ich schlich ganz traurig m den Schlafsnal und knipste -das Licht an.Dies sollte nun die erste Nacht sein, die ich in fo einem Hause zubrachte. Aber Kupille und dieser -und jener hatten mir’s schon genau beschrieben, ich wußte, was ich zu tun hatte. Nur ist so ein Schlafsaal nicht dazu angetan, einen fröhlich Zu stimmen. Gott bewahre, durchaus nicht.
Hier war der Boden aus Zement, die Wände grau, die Decke grau, m -der Mitte hing eine trübe elektrische Birne und beleuchtete die langen eisernen Bettrelhen. Natürlich standen immer zwei Betten übereinander Obwohl em paar Fenster geöffnet waren, konnte ich kaum atmen, so dick war die Luft. Und da lagen nun die Kameraden, alte und junge, bärtige und glatte, fette und magere, gesunde und kranke, da lagen sie nebeneinander und schliefen. Jeder schlief auf feine Art, der eine röchelte, der andere schnarchte, der dritte stammelte was Wirres vor sich hin, dieser rüyrte sich nicht, der da ließ das eine Bein heraushängen, einer hatte d>e Arme unter -dem Kopf und lag auf dem Rücken und starrte mit offenen Augen gegen die Decke, wieder einer fuhr hoch und jammerte und blickte bann, wach geworden, blöde um sich, wieder einer fluchte ununterbrochen ins Kiffen. Alle waren sie nackt. Man kriecht hier ganz nackt ins Bett, um kein Ungeziefer in die Wasche zu bekommen.
Ich schauderte und ging leise vorbei. Aber mein Bett, die Nummer 88, fand ich schon besetzt. Da wählte ich mir aufs Geratewohl ein anderes, Nummer 107, zog mich -splitternackt aus, lief noch einmal zur Tür, um bas Licht auszuknipsen, und tastete mich schnell unter die Decke. Obwohl ich ziemlich müde war, konnte ich doch nicht einschlafen. Das mochte nun vom Hunger herrühren ober von der Traurigkeit ober auch von den unheimlichen Leuten um mich her. Das Licht wurde noch ein paarmal an- gedreht, dann kamen verspätete Wanderer. Wenn es wieder dunkel geworden war, tappte von Zeit zu Zeit einer mit nackten Füßen hinaus. Und ich lag da und hörte von Viertelstunde zu Viertelstunde die Uhren liber der Stadt schlagen. Gleich neben mir befand sich ein offenes Fenster Und es regnete draußen. Manchmal glaubte ich, ein bißchen Fliederduft wehte herein, aber eh' ich mich recht besinnen konnte, roafs schon vorbei. Jetzt schlug es halb eins. Da dämm-erte ich hinüber, susu-sus-u . . aber bald schreckte ich wieder hoch, weil jemand hinter meinem Bett auf und ab ginge. Aus und ab, auf und ab. Eine Weile hörte ich zu, bann fragte ich nach hinten: „Kannst du nicht schlafen, Kollege?" Keine Antwort. „Bist du krank, Kollege?" Keine Antwort. Ein Strohsack ra-uschte, die Schritte kamen nicht wieder. Und ich war so wach wie anfangs. Hätte ick nur meinen Harzspan bei mir gehabt! Mistiges Leben!
Jemand klinkte -die Tür auf und machte Licht. Dann duckte er sich nieder und flüsterte laut nach rechts und links unter den Betten hindurch: „Fred' Fred! . . . Bremer! Heerste denn nich? Bremer!" Es war Kupille! Ich rief „Hier!" „Biste denn do, min Jingelchen," flüsterte er, „biste beim do, na fcheen, das Dingen is gut!" Da stand er auch schon neben mir, warf eine verschnürte Pappschachtel auf das benachbarte Bett und begrüßte mich. Kupille war da, ich strahlte, alles würde gut werden. Didelum, sagte ich vergnügt zu mir selbst, didelumb-umbum. „Haste denn KolÄdampf, min Kärlchen?" fragte Kupille. „Ja, ja!" „Mochtest« denn 'n Stickchen Schtreißelkuchen hon, min Kärlchen?" „Ja, ja!" „Mecksteste denn au ’n sauren Häring hon?" „Ja, ja!" „Mochtesie denn au 'n Dippchen Schmand derzu?" „Ja, ja!" Und er packte die Schachtel aus. Bei ihm ging’5 immer wie -der Blitz. Er k-am, er war da, er tischte auf. Und wie er sich hier zu Hanse fühlte! Einer knurrte, ein wildbärtiger Alter, wir sollten das Licht endlich auslöschen. „Blasse mo!" riet ihm Kupille. „Stick dinen Kürwis unn-er de Decke, bann haste's au’ dunkel. Jo, jo, hast dine Schnulle!" Ich zog meine Hofe an, und wir fetzten uns einander Asoen- über und aßen. Erst Streuselkuchen, bann Heringe und faure Sahne, dann noch einmal Streuselkuchen. Gott im Hirnnrsl, wie herrlich das schmeckte. „Pass' uff", sagte Kupille. „Morsen machen mä uns ’n feinen Daag. Ich hon Gä-lb, verstqhste, bi mir bliunvet als au' ma Wild Hanken, wenn ich klopfe, nit wa-ahr, da kennen mä inorjen frih unsere vierzig Fenniche zahlen, verstehste, und dann gehn mä ins Konzert und bomi essen mä inner Wirtschaft zu Mitdaag, verstehste!"


