Ausgabe 
30.8.1927
 
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Schneegestöber. Ein trauliches, behaglich durchwärmtes Stübchen. Die Astrallampe verbreitet Helles Licht. Im Teekessel brodelt das Wasser. , Wohlig auf den Sessel gestreckt liegt ein junger Mann und labt sich am Duft einer feinen Zigarre. Bor ihm sitzt ein zierliches Frauchen bei der Häkelarbeit. Und er sieht, wie die schlanken Finger fliegen. Stich um Stich. ! Jetzt lächelt sie, die kleine Frau. Und das Licht flutet in goldenen Wellen - über ihr Haar und huscht über ihre weiße Stirn. Wie eine Heilige kommt j sie ihm vor . . . Edi schreckte empor. War er von Sinnen, daß er sich > an solchen Hirngespinsten berauschte? So etwas stand nur in Romanen. Und die Peppi dachte noch keine Sekunde an ihn. Fort mit den unsinnigen ! Gedanken! Er trat fest auf, als wollte er prüfen, daß er mit beiden Füßen ; auf dem Boden stand. Dann stürmte er aufs Lager und warf mit straffen : Annen Kisten und Lallen hin und her. Arbeit tat gut. Was gab's denn für ihn sonst? Ihm mar's, als stände er wie ehemals im Hof des Eltern­hauses und hackte Kleinholz, und die Mutier sagte:Edi, mit ein paar derben Fäusten kommt man durch die alte und die neue Welt." Und er schaffte mit den Packern um die Wette, daß diese sich verwundert fragten: Was ist denn über den Stevens gekommen?"

Peppi Dornhöfer war eine frische, derbe Natur. Der Kuß, der auf ihren Lippen gebrannt, war vergessen. Sie hatte es ihm ja oarausgesagt, i dem Herrn Paul, aus welcher Tonart der alte Herr pfeifen würde, wenn < er ihm mit feinen Schmerzen käme. Und der alte Herr war noch gentil , gewesen. Er hätte ihr ja kündigen können. Statt dessen hatte er seinem ! Sohn eine Luftveränderung verordnet. Gewiß, der Paul war ein schmucker . Herr, dem sie herzlich geneigt war. Aber auf eine Liebelei ohne reellen i Hintergrund hätte sie sich nicht eingelassen. Also war das gescheiteste, sich : nichts in den Kopf setzen und gar nimmer daran denken. Aber eines Tages i mußte er doch wiederkommen! Ja nun, das war auch nicht schlimm. Sie * harten einander nichts vorzuwerfen. Und dann hatte er sich drüben in \ England gemausert. Wo er immerwährend unter den furchtbar reichen ; Engländer gesteckt, hatte er an den Geldsäcken Geschmack gefunden. Das war ja eine Sucht unter all den Kaufleuten, unmenschlich reich zu werden. Sollte der Herr Paul aus der Art schlagen? Kein« Red' davon. Und die Rechnung war nicht schwer. Was ihm seine Frau in die Ehe brachte, braucht« er nicht zu verdienen. Darum tat er dem alten Herrn den Gefallen und suchte sich so einen Goldfisch. Dann stand sie bescheidentlich in der Eck« und knixte vor der jungen Prinzipalin. Nein, nicht gerad' tragen, aber sich ducken. Das war halt nicht anders im Leben! Heutzutage ein armes Mäd­chen, du lieber Gott. Dielleicht war sie auch längst über alle Berge, k mn der Herr Paul wieder erschien. Oder es fand sieh 'mal ein braver Mensch, der nicht auf Vermögen sah, wie's ja oft in der Zeitung stand. Man mußte - sich auch das Glück nicht partout absprechen. Aber nur nicht darüber . spintisieren und über den nächsten Tag hinaus sorgen. Sie war ja noch so jung. Und sie hatte alle Hände voll zu tun. Wie sagte der Repetent? Fräulein Dornhöfer, Sie sind hier das reine Faktotum. Fräulein Dorn- Höfer hier, Fräulein Dornhöfer dort. Ei, wivd's Ihnen denn nicht manch­mal schwindlig? Von Rechts wegen gebührt Ihnen die Prokura."Nein, Herr Repetent, der Herr Martinius braucht keine Prokuristin, das wäre Ueberfluß. Aber honette Leute braucht er, die Dein und Mein nicht ver­wechseln und nichts verschleudern. Und so lang ich hier bin, acht' ich auf , sein« Sach' wie auf mein« eigene. Auf seine Rechtschaffenheit braucht sich ; keiner was einzubilden, Herr Repetent. Das ist Pflicht und Schuldigkeit, : weiter nix!"

III.

Die Frist war verstrichen, die Herr Martinius seinem Sohne gestellt hatte. Paul schrieb, es fei ihm nicht leicht gefallen, die harte Geduldprobe zu bestehen. Seines Gelöbnisses eingedenk, habe er keine Zeile an Fräulein Dornhöfer gerichtet. Selbst in den Briefen an den Vater und Edi Stevens s habe er sich dem Zwange unterworfen, seine Herzensangelegenheit mit Stillschweigen zu übergehen. Er brauche wohl nicht zu versichern, daß seine , Gesinnung gegen Fräulein Dornhöfer unverändert sei. Mit Quartalsschluß ' gedenke er die Heimreise anzutreten. Er freue sich auf ein Wiedersehen und er sehne den Augenblick herbei, da er aus Vaters Händen fein Glück emp- . fangen werde. j

Dem alten Herrn, der sich zeitlebens seiner Kaltblütigkeit und unsrschüt- ! terlichen Ruhe rühmen durfte, schossen die hellen Flammen in die Backen. Himmelsakerment! Die Geschichte drohte ihm über den Kopf zu wachsen. Als er damals einen Ausweg gefunden, dem Drängen seines Sohnes einen Riegel vorzuschieben und ihn zwei Jahre von der Heimat fernzuhalten, hatte ihn eben nur die schnelle Erwägung geleitet, Zeit gewonnen, ist alles gewonnen. Er lieh sich von einem Sicherheitsgefühl einlullen, das lediglich feiner persönlichen kühlen Auffassung der Situation entsprang. Der Junge hatte als Student 'mal einen Anlauf genommen, sich auszutollen, darauf war er ins Extrem verfallen und zum Nesthocker geworden. In der Welt­stadt mußte er wohl oder übel flügge werden. Da amüsierte man sich, und die Jugend hatte keine Tugend. Es war doch sein eigen Fleisch und Blut. Ja, wie hatte ers denn als junger Fant in Hamburg getrieben? No, Schwamm drüber. Aber zwei Jahre London waren doch wahrhaftig hin­reichend, einen Grünen hell zu machen. Ohne Zweifel kam sich der Paul jetzt in seiner Rolle als Schmachtlappen und Anbeter der Peppt Dornhöfer höchst lächerlich vor. Das waren die Prämissen, von denen Herr Mar­tinius bei Beurteilung der Sachlage ausging. Und damit hatte er sich über die Bedenken, die hin und wieder in ihm aufstiegen, hinweggeholfen, feinem Sohne ein Versprechen gegeben zu haben, das er von Anfang an gar nicht gewillt war, zu halten. Und nun stellte sich mit einem Male heraus, daß der alte Praktikus und Menschenkenner sich gründlich in seinem Sohne getäuscht hatte. Ja, wie war das möglich? Zwei Jahre hatte der Junge in London gesessen und Trübsal geblasen! Zwei Jahr« hatte er sich an diese Narrheit geklammert, die Buchhalterin seines Vaters zu heiraten! Er war einfach nicht zurechnungsfähig. Da galt es, von der väterlichen Gewalt Gebrauch zu machen. Herr Martinius reckte beide Arms empor, als ob er feine Körperkräfte für den Kampf, der ihm bevorstand, prüfen wollte. Nein, von dem Burschen ließ er sich nicht auf der Nase herum- tanzen. Was hatte denn neulich der Doktor Schmeckenbecher nm Stamm­tisch gesprochen? Bei den alten Römern war auch der erwachsene Sohn

dem Vater unbedingten Gehorsam schuldig. Und der Sozialreformer machte ! plötzlich die Entdeckung, daß die alte römische Gesetzgebung weit vernünf- i tiger gewesen als die neue deutsche. Ja, was hinderte ihn denn, in seinem * Hause den alten Römer herauszukehren? Der Junge mußte Ordre parieren ' oder er setzte ihn auf ein Pflichtteil und jagte ihn auf und davon. Gleich, fam um im voraus die stürmische Abschiedsszene zu symbolisieren, gab der alte Herr dem vor ihm stehenden Schemel einen Fußtritt, daß dieser krachend an die Wand des Kontors schlug. Das Geräusch brachte den maßlos Erregten zur Besinnung. SBcirum denn mit so grobem Geschütz arbeiten? Diplomatie, alter Freund! Wie konnte man einen offenkundigen Skandal vermeiden? 'Ganz einfach, man gab der Dornhöfer unter irgend­welchem Vorwand den Laufpaß. Ganz gut. Aber sie entlassen, hieß dem Geschäft einen großen Schaden zufügen. Und wer garantierte denn, daß der Paul nicht hinter ihr her kutschierte und draußen zur Tat macht«, L was ihm daheim verwehrt worden war? Herr Martinius rieb sich die Stirn und gab seiner Gedankenfabrik einen Ruck, etwas anderes aus- zuhecken. Halt! Wenn man die Dornhöfer verheiratete, und zwar so schnell als möglich. Sie war arm wie eine Kirchenmaus. Der Prinzipal holle sich entschließen müssen, die Aussteuer zu richten. Das mußte er immerhin riskieren. Aber mit wem verheiraten? Da waren die ledigen jungen Hand- werksmeister, die für die Firma arbeiteten, der Schreiner Bergfeld und der Schlosser Sackermann. Das würde vielleicht Mühe kosten, den einen oder den anderen herumzukriegen. Alle schnodberten sie nach Geld, die Filze! Ja zum Teufel, wen könnte man denn? Donnerwetter! Da war ja ein Heiratskandidat und so nahe, daß man über ihn stolperte, der Edi Stevens! Der zerfloß in Ehrfurcht vor seinem Ehef und ließ sich von ihm um den Finger wickeln. Und das Mädchen war für ihn wie geschaffen. Obendrein erhielt man die Dornhöfer dem Geschäft und schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Freilich, wenn der Stevens nur eine leise Ah­nung hatte, daß er dem Paul sozusagen das Mädchen vor der Nase weg- schnappen sollt«, konnte der Coup mißlingen. Indessen mußte man mit sei­ner grenzenlosen Harmlosigkeit rechnen. Und die Dornhöfer? Ja, die halle klaren Sinn. Ganz gleichgültig, was ihr der Paul mal zugewispert hatte. Mit der ließ sich wohl ein vernünftiges Wort reden. Die war für eine Ver­sorgung herzlich dankbar. Den Fall gesetzt, erwog Herr Martinius, er brachte «den Stevens und di« Dornhöfer zusammen, wessen hatte er sich von seinem Sohne zu gewärtigen, wenn er nach vollendeter Tatsache die Schwelle des Vaterhauses betrat? Ein schlimmer Auftritt war unaus­bleiblich. Pah! Sollte er sich vor diesem Querkopf etwa fürchten? Das fehlte noch. Ja, und die bedingte Zusage, die er Paul erteilt hatte? 's war doch vielleicht ein bißchen voreilig gewesen, sich zu engagieren. Ach, Un­sinn! Wo cs sich um das Wohl und Weh« seines Kindes handelte, fiel, jede Verbindlichkeit für ihn weg. Dem Jungen gegenüber Eisenharte! Mochte er vor Wut die Wände hinaufspringen. Das legte sich. Und dann i ihm tüchtig zusetzen, bis er mürbe war. Und übers Jahr konnte man die j Sache mit der Wartmüller ins reine bringen. Bare hunderttausend Mar! | Mitgift! Ja, wenn ihm das nicht in die Augen stach, war er ein Einfalts­pinsel. Nein, für so blödsinnig dumm konnte man ihn nicht halten. Also ruhig abwarten. Und nun mal gleich den Stevens heran.

Stevens, bitte!"

Sofort, Herr Martinius!"

Edi nahm die drei Stufen, die vom Laden ins Kontor hinaufführten, mit einem Satze und stand dienstbereit vor feinem Chef. Dieser hieß ihn bie Türe schließen und sich setzen. Die Aufforderung, in Gegenwart des Prinzipals auf dem Kontor Platz zu nehmen, war so außergewöhnlich, daß Edi ihr sehr zögernd Folge leistete und nur von einem Drittel des angebotenen Rohrstuhls Besitz ergriff. i

Wie lang sind Sie jetzt bei mir, Stevens?" Sechzehn Jahre, Herr Martinius."

Was die Zeit vergeht! No, ich war immer zufrieden mit Ihnen."

Das mußt' ich, Herr Martinius. Und das hat mich auch stets an- - gespornt."

'n bißchen mehr aus sich herausgehen müßten Sie."

Das fühl' ich selbst."

So was Unbeholf n:es haftet Ihnen an. Sie dürfen mir das nicht übel nehmen."

Gewiß nicht, Herr Martinius." \

Sonst HAf ich Ihnen längst geraten, sich 'mal zu verändern und sich

in der Welt umzusehen."

Das mär sehr gut für mich."

Verstehen Sie mich nur recht, lieber Stevens. Meinethalben können Sie bei mir bleiben, so lange Sie wollen. Im Gegenteil, ich arbeite gern mit Ihnen zusammen. Sie sind ja, möchf ich sagen, von Kindesbeinen an | mit uns verwachsen, gehören quasi zur Familie"

's ist einem wenigstens so, Herr Martinius."

No ja. Und nun fürcht' ich fast, wenn Sie wo anders hinkommen und nicht die Anleitung haben, wie bei mir, gerät's Ihnen nicht so gut.

Sie mögen Recht Haden, Herr Martinius."

Ich wollte Sie 'mal sprechen. Mir bietet sich da ein junger Munn aus Ludwigshafen an. Sie stehen mir näher. Das ist ja begreiflich. W ist das richtige für Sie, wenn Sie Ihre Stellung nicht wechseln.'

Ehrlich 'gestanden, hab' ich auch gar nicht daran gedacht."

Eben! Sie gehören nun 'mal zu den Menschen, die, unbeschadet ihrer Reellität und Tüchtigkeit, einer gewissen Ueberwachung bedürfen.

Jawohl, Herr Martinius."

Das bezieht sich auch auf Ihr Privatleben Wie meinen"

Mir fällt zum Beispiel auf, -daß Sie in stark vernachlässigen. Das ist. nichts für einen

Ich bemühe mich doch, Herr Martinius Mutter tot ist"

Haben Sie nicht mehr [o Ihre Wartung." Jawohl."

(Fortsetzung folgt.)

letzter Zeit Ihren« Anzug jungen Kaufmann." allerdings, seitdem die

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