Ausgabe 
30.8.1927
 
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»eifien Wolken heran, die langsam Mer den grünen Femrand der Wiesen emporsteigen, sich davon lösen und endlich leicht und leuchtend f ium Blau hinaussteigen. , .

I 0 Leise, wie angeschlagene Gläser, klingen die Sonntagsmorgenglocken : von Wesel über das Wasser. Alle Türme und hochaufgebauter Wald

»einen sich. Kirchgänger eilen über die Schiffbrücke. Links kommt em Mgelzug dicht ans Ufer und schützt das altersheilige, grasbewachsene Gemäuer Xantens vor der Hast der Welt. Gedanken steigen auf an verklungene Zeiten. Auf dieser Landzunge etwa, M gleicher Morgen­stunde standen römische Soldaten und wuschen ihre Kleider, wahrend vom m-deren Ufer her flachshaarige Germanengesellen, von zottigen Hunden begleitet, hinüberspotteten. (Ein Römer hebt den Arm und macht mit der Hand eine Schlinge, die er zuzieht: das Zeichen des Aufhangens.). Man V fleht nicht, aber man ahnt hinten dicht am blauen Wald, das vogelfang- frohe Kleve: schimmernde Villen von heute um die graue Schwanen- bura von ehemals gelagert. Wer die Augen zu schließen iinb mit halb- oeneiatem Kopf zu träumen gewohnt ist, mag wohl den Ritter Lohengrin im Kettenpanzer mit seinem gleichmäßig vorstrebenden, bisweilen den " Schnabel hebenden und schnatternden Schwan die goldene Flut hinauf- pehen sehen. , . , , . .

Die letzte heimatliche Stadt, Emmerich, scheint, wenn auch durch den umfassenden Bergzug zur Heimat gehalten, doch aber schon Holland anzugehören. Braune Ziegelhäuschen mit schneeweißen Fensterrahmen stehen in fast japanischer Zierlichkeit am Ufer ausgerecht. Man sieht in fremdartige Straßen voll eben solcher Häuschen. Eine märchenähnliche Sauberkeit, Ordnung und Stille liegen über allem.

Der Strom wird breiter. Holländische Zollbeamte mit hohen Mützen besteigen das Schiff. In schwarzem Umriß stehen die Mauern der alten Schenkenschanz. Man drückt wieder die Augen ein wenig zusammen (wie die Maler pflegen, wenn sie alles Kleine an einem Gegenstand über« sehen und nur noch ein großes Bild haben wollen) und träumt sich die Mauern voll spanischer oder brandenburgischer oder französischer Sol­daten: vielfarbig blitzen die Uniformen in der Sonne und ungewohnte Worte klingen zu unserm Schiff herüber. Das Wasser teilt sich. Scharf springt die Spitze des Zwischenlandstreifens in die Flut entgegen, und jetzt zeigt sich ein wahrhaftiger holländischer Wachtposten von heute auf * den Befestigungen, der 'dann, wie um zu zeigen, daß er lebe, langsam auf und ab zu gehen anfängt.

Unser Schiff zieht links den Waal hinunter. Es beschämt den deutschen Rheinländer immer ein wenig, daß man dem schmalen Arm den stolzen Namen Rhein läßt und dem breiten einen neuen gibt, und daß man dieses Spiel ein paar Stunden weiter wiederholt, so daß dann in der ,* Tat das Wässerlein, das die Holländer Rijn nennen, endlich im Sande | versiegt, und nur durch kostspielige Schleusenanlagen eine künstliche Kraft i erhält, das Meer zu erreichen.

Wie in berechneter Steigerung sind die Uferbilder aneinandergereiht: Xanten, Emmerich und jetzt das mit unbeschreiblicher Lieblichkeit seine sieben Waidhügel hinankletternde Nym wegen. Am breiten Werft verbringt fremdgeartetes Volk den Sonntagnachmittag. Kinder mit breiten Gesichtern, roten Backen und gelben Haaren, die Jungen stecken in langen Altväterhosen, die Mädchen tragen wie Mütterchen saubere, weiße Häub­chen. Matrosen, wetterbraune Seefahrer, sehen zu, wie unser Binnen- landschifflein anlegt. Ein Soldat mit spitzer Kappe und Spazierstock | steht abseits, das Gesicht von einer unbarmherzigen Sonne fast schwarz gedörrt: ein aus den. Tropen und mörderischen Gefechten heimgekehrter Kolonialsoldat. So lebt mit einem Male eine fremde Welt um uns.

Die Ufer werden einsamer. Aber 'die Einsamkeit nimmt zugleich etwas seltsam Unheimliches an. Wind hebt sich, Möwen flattern, das Wasser sieht schwärzlich aus und scheint kaum noch zu strömen. Hier und 'da ein Fischer­dörfchen, immer nur wenige braune Ziegelhäuschen mit weißen Fenster­stäben, ohne Baum, in den Häfen die kleinen Fischerflotten,' lauter kurze, aber hohe und breite Boote, schon für die klimmenden Wogen der offe­nen See besttmmt. Einige der Segelschiffe der Art, wie man sie oben am Strom sicht, sind trotz des Sonntags unterwegs. Es berührt den Rhein- dewoher von oben seltsam, daß sie mit ausgespannten Segeln auch den Strom hinauf fahren.

Das riesenhafte Gerüst der Eisenbahnbrücke bei Zaltl> ommel er- , scheint vor uns, steht über uns, bleibt hinter uns. Links sieht Schloß Loevestein, aus dessen festen Wänden 1620 den gefangenen Hugo von Grotius fein tapferes Ehgemayl in einer Bücherkiste rettete. Unter den schwarzen Mauern fließen Maas und Rhein zusammen. Und nun eröffnet sich, bedrückend in seiner Sttlle und Ünübersehbarkeit, die dunkle Stumpfheit des Biesboschs. Alles Lebende scheint fern. Rur Binsen und spiegelnde, hier Helle, dort schwarze Wasserarme. So vorn und so nach allen Seiten, wie weit Augen und Glas reichen bisweilen hebt sich der Wind stärker, bann gcht ein Sprechen durch das Rohr, das einem den Atem stillstehen macht. Es ist sonderbar, wie hier die unheimliche Wirkung einer Landschaft zusammentrifft mit einem geschichtlich bered)« L. tigten Grausen.Verdronke Land" nennt der Holländer dieses Gebiet. In der St. Elisabechsnacht, am 18. November 1421, sprang hier die Meer- flut über Gras und Acker und grub 72 Söffern und 100 000 Menschen ein plötzliches Grab. Als einziges Denkmal jener Tage und zugleich wie »in gewaltiger, zum Himmel Nagender, 'den Himmel anklagender Toten­stein, steht schwarz auf einem Jnfelvorsprung der einsame Turm von Merwede. Ihm gegenüber sollen, wenn die Ebbe, (die schon bis hier­her reicht), einen außergewöhnlich niedrigen Stand einnnimmt, ver­sunkene Giebel und zerbrochene Mauern auftauchen. Wer gedenkt in wundersamer Bewegung nicht der alten Sage von der versunkenen Stadt Vineta, deren Glocken noch aus der Tiefe läuten, wenn man im Schiff ' darüber fährt?

Vor dem alten Dordrecht, dessen Groote Kerk hoch über die Dächer steigt, grüßen uns die ersten großen Seeschiffe. Hier enden auch die Schwarzwaldflöße, die mit Bretterhäuschen, flatternden Fahnen und rauchendem Schornstein durch unsere Berge oben ziehen, ihre Fahrt. Zu Tausenden liegen die Stämme am Ufer aufgerollt. Werft auf Werft folgt, wo schlanke und stolze Schiffe gefügt werden. Heute liegt Sonn- tagsruhe über all den Werkplätzen; aber halb und fast ganz fertige

Edi Stevens.

Novelle von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Manche feine Dame hätte vielleicht den Laden gemieden. Und was brauchte sich der Paul denn zu beeilen? Wenn es nicht die Babette Wartmüller war, so war es eben eine andere. Es gab ja Mädchen in Hülle und Fülle, die nur darauf lauerten, sich in das schöne Kaufmanns- Haus zu setzen. Wenn die Liebe zu Peppi bei dem Paul so tief gegangen wäre, Mite er in seinen Briefen etwas davon laut werden lassen. Weh das Herz voll ist, gcht der Mund über. Jetzt war die Glut verflackert, und Paul schämte sich ein wenig, bei dem Freund den Schmachtenden ge­spielt zu zu haben. Wie gut, sagte sich Edi, daß er der Geschichte nicht das Wort geredet hatte. Obendrein wäre er seinem Chef gegenüber in eine ganz schiefe Stellung geraten. Dieser hätte am Ende noch ein Kom­plott gewittert. Aber war es wirklich nur die uneigennützige Freundschaft, die ihm damals verboten, sich für Paul ins Mittel zu schlagen? Hand aufs Herz! Und tiefinnerst regte sich etwas in Edi, das, er gewaltsam unterdrücken wollte, und er empfand in der Herzgegend einen stechenden Schmerz. Ja, war es denn eine Sünde, daß er selbst der kleinen Peppi zugetan war, daß er ganz im geheimen goldenen Träumen von Glück und Liebe nachhing? Vielleicht hatten ihn all die Bücher wirr gemacht, die er abends las. Da stand ein Bild vor feiner Seele, zuerst in schwachen Umristen, dann immer deutlicher, in leuchtenden Farben. Mitternacht.

Schiffe zeugen überall von dem Fleiß, der wochentags hier seine Aexte klingen läßt.

Endlich, über dem Gras des Ufers, wachsen di« Türme von Rotter­dam empor. Fast in seiner ganzen Breite liegt das Wasser voll ver­ankerter Schiffe. Ungeheure Dreimaster liegen ausgereiht, wie um sich eitel unseren staunenden Augen zu zeigen. Aber auf keinem ist em Mensch zu sehen; Sonntag überall.

Die Einfahrt in Rotterdam ist dennoch nicht von so machtvollem Em- druck wie die in Köln. Dafür bringt bas Schiff zu wenig in bas Herz der Stadt hinein.. Und die Türme verstecken sich allzubald wieder hinter den Dächern. Nur die zahllose Stetige der lagernden Schiffe führt hier die unvergeßliche Wirkung des ersten Anblicks herbei. Unser Boot macht die Taue fest. Wir eilen durch das Gewirr der Träger und Kutscher zum fernen Bahnhof hin. Denn es treibt uns, noch eh' die Sonne nntergeht, bas Meer zu schm. Rur flüchtig blicken wir auf der Fahrt durch die Stadt an ben alten Giebeln hinauf, sehen die beladenen Schifft mitten zwischen ben Häusern, erschauen hier und da eine malerische Durchsicht in uralte Kanäle hinein. _ ~ ... ,

Wir steigen in den Zug nach dem Haag. In unserem Wagen fitzt ein Volk so abenteuerlicher Gestalten (wer das Volk kennenlernen will, muß die harteii Holzsitze der dritten Klasse lieben), daß der Blick nur selten davon weg und zu der holländischen Abendlandschaft vor den Fenstern gehen will, mit ihren Wiesen, Kühen, Windmühlen und Ka­nälen diese durch Segel angezeigt, die unmittelbar über dem Gras chweben. Um uns fitzen Seefahrer, mit Schifferfäcken unter ben Bänken, heimkehrende und ausfahrende, Fäuste und Gesichter schwarzgebrannt. Von einem Burschen von zwanzig Jahren wird uns erzählt, wie er, gestern erst von Südamerika zurückgekommen, die alte Mutter nicht mehr lebend angetroffen hat und nun heute schon wieder in die Welt wandert. Mit großen, traurigen Augen schaut er zum Fenster hinaus, ohne daß er dabei vergißt, feinen Tabak zu tauen.

Auf der kurzen Weiterfahrt nach Scheveningen durch die glanz­volle Anlagen kommen uns Retter und Retterinnen entgegen, alle mit frischgeröteten Gesichtern und dem Badezeug am Sattel: Menschen, die vor einigen Minuten noch angesichts des Meeres gestanden macht­voll ergreift es uns, daß wir von unferm Sitzen uns erheben müssen. Die vielstöckigen Gasthöfe von Scheveningen umgeben uns, weißbarttge Schiffer in roten Hemden kommen vom Strand. Wir eilen eine der breiten Treppen hinauf halten unterwegs, ein denn ein Geräusch wie fernes Poltern in einem Steinbruch klingt uns an die Ohren: die Brandung. ,

Dann stehen wir, stumm, die Füße wie erschreckt in der Stellung, me sie beim Verlassen der letzten Treppenstuftn einnahmm. Vor uns liegt gebreitet das Meer. Zur Sette hängt die Sonne groß und rot bis jum Wasser hinab. Am Himmel keine Wolke. Und unter dieser großen Ruhe die rasttos springende Flut. Immer auss neue schießen die meterhohen Wellenkämme heraus, heran, überschlagen sich und laufen mit taufend weißen Füßen den Sand hinauf. Von ferne gesehen, scheinen taufend schneeweiße Rosse eins über das andere unablässig hinwegzusteigen, ohne doch jemals das Ufer erreichen zu können.

Durchaus nicht mdlos, wie es herkömmlich heißt, ist heute das Meer. Scheinbar nahe sogar und scharf begrenzt ist in der flaren Lust die Horizontlinie. Vom Land zu dieser Linie hin scheint di« Flut Mvk anzusteigen, so, als ob man wirklich di« Rundung ber Erdkugel zu sehen vermöge Die Farbe ist vorn« braun, weiterhin etti lichtes Grün, nut braunen Flecken durchsetzt. Ueberatt find die Farben beullich vonein­ander getrennt Ueberatt in der Ferne springen, ftlbst wo die WM rubiq scheint, plötzlich weiße Wellen hoch. Sicht man mit dein Glas nach der Linie am Horizont, so springen auch aus ihr unaufhörlich die zor­nigen weihen Kämme auf. .

Wir wandern aus dem lärmenden Bad eieben hinaus, bis wir auf ein« Urnen Dünengipfel stehen. Sand und dürres Gras, senkrechte Abstürze, tieseingeschnittene Täler und unzählbare, hochstrebende Gipfel um uns das ist einem wirklichen Alpengebirge überraschend ähnlich. Sogar Schneefelder und vereiste Hänge täuscht der weihe Sand vor. Erst eine einzelne Frau, die jetzt auf einer der schmalen Höhen erscheint, gibt in ihrem Körper einen Gröhenmahstab und man erkennt, daß die Berge nicht viel Höher als Häuser sind.

Bis in die Nacht sehen wir auf bas Wasser hinaus, das aus uner­klärlicher Ursache immersort tosende. Zu den Fernen, die da hinter den Wassern atmen, gehen die Träume.