Ausgabe 
30.8.1927
 
Einzelbild herunterladen

ich nur statt dessen?

Und weiterwünscht Frau Knabl scharf.

Ja, und da läuft und läuft dieser schreckliche Wagen bis an Li« Häuserwand, und wird zerschmettert. Ein Glück, daß der Bub schon aus meinem Arm war!" ,

An welcher Häuserwand denn?' forschte ste.

Ja gewiß doch an eine Wand!" sagt er heftig aus Verlegenheit.

Unter vollkommener Vernichtung."

So? Und wo sind, bittschön, die Trümmer? Jemand hat ste schon beiseite geschasst, wollen Sie mir weismachen? Warum denn? Warum soll denn jemand solche Trümmer stehlen? Da könnt' ich eher glauben, jemand stiehlt einen ganzen Wagen." .

Sehen Sie, das würden Sie glauben!" ruft Nock.Aber ine Tat­sache, wie ich sie haargenau erzählt habe, die glauben Sie nicht." ,

Schon recht ungern," höhnt Frau Knabl,denn Tatsache ist einfach, daß dieser Wagen der meine ist."

Nock bemüht sich weiter um Geständnisse.Nicht Ihr Wagen, sondern ein vor fünf Minuten erst durch mich gekaufter! Ihrem srüheren vielleicht sehr ähnlich mag fein, aber nicht identisch mit ihm."

^'^Nock^ betrachtet die Frau bekümmert: wie sie sich zu verstellen weiß! Das ist nun eine aus dem Volk, und ist so raffiniert wie die ge­wandteste Dame. Aus Besorgnis, ich könnte Rückerstattung memer Aus- lagsn verlangen! Das ist es! Denn, daß dies em neues Wägelchen ist, "'graJ'smrM'muftert gehäistg tos to-to Gchchl Ntos: ein wohl-

L Ä ÄtäSÄÄÄ sieht man es wieder. Sollte man so etwas für möglich halten.

Auf den Rest Ihrer Erzählung Verzichts ich! schreit sie wütend.Es wird out sein, wenp Sie jetzt heimgehen. Sie spuckt aus und sch-ebt ,t)r Hnr °Nock^bleibt' allein. Er steht mid siimt:Was habe ich nun falsch gemacht? Offenbar hätte der Bub aus dem 2Bagen fatten sollen, dann wäre all dies Klägliche nicht geschehen; und ihm, den ich vom Sturz bewahrt habe, wäre wohl auch nichts geschehen; er hast« mörderisch ge­schrien und damit jene wenig sympathische Frau herbeigelockt,^und alles wäre in Orbnunci a-ewesen. So ist unb bferbt alles nur m Unordnung.

Herr Nock friert und ist gar nicht zufrieden. Er fetzt sich m Bewegung und landet sehr unaufgeräumt in der vornehmen Llöteilung^ienes Bier- palastes, in dessen primitiver und winkeliger Schwemme der ^erdl gerade die dritte Maß an die Lippen stemmt.

Au? dem Rhein Zum Meer.

Von Wilhelm S ch m i d t b o n n.

Der große Andrang der aüfzuladenden Güter ist schuld, daß unser Nachtschiff mit großer Verspätung vom Ufer fahrt. So, wahrend die lebten Lichter Düsseldorfs langsam hinter dem Steuer verscywmden, sticht der scharfe Bug vorne schon in die erste Tagdämmerung hinein.

Wie angestrengt man acht gibt, um das, allmähliche Wachsen des Lichts zu beobachten, unversehens ist es da, weiß und klar bis in die Ferne. Am Werft zu Ucrdingen liegen, dreimal so hoch aus dem Wasser ragend wie die Rheinboote daneben, die ersten Seeschiffe. Mit ,edmi Jahr zeigen sich ihrer mehr auf dem Strom, als hatten ste Luft, an den Ufern zu wandern und auf das Wasser hinauszusohen, noch großer ge­macht denn glückspendend verbinden sie die Gedanken mit dem M^er, wohin die Wellen'gehn und woher die Wolken kommen. Und schnell wird das bedeutungsvollste Gefühl unserer Fahrt starker und sieghafter, das Kekübl. der großen Welt sich zu nähern.

Die letzten Schlote und Hochöfen versinken schwarzhinter dem grünen Strich des Ufers. Daß sie des Sonntags wegen nicht rauchen, und daß die unübersehbaren Schleppzüge vor Ruhrort verankert rm Strome liegen, vermindert nicht das Bewußtsein von der Gewaltigkeit des menfch- licben Ileißes hier. Dann beginnt die köstliche Freiheit der Ufer, die Luft wird irischer man riecht schon in die Lust, um den äu ^tern.

Die ersten plötzlichen Sonnenstrahlen treffen die Dächer des tleinen Orion Das innige Wunder des Niederrheins tut sich auf, eine Stille, fine omdUnige Schlichtheit, eine strahlende Weite, die nichts mi der Luten stolz geformten ast südlichen Schönheit der Felsufer des, oberen Stroms gemein hoben, und die doch dem, -der zu sehen versteht, ein mcht weniaer einadringlickies Bild geben. Da ist der Damm, der rund um die Stadt läuft__ nein, kriecht muß man in der Ruhe der Landschaft sagen.

Iwei Baumreihen stehen im schwarzen Schweigen da und führen bei der Sreisbiequna in eine geheimnisvolle Ferne. Doch verrat hier em --»rm, dort zwei aufeinandergeklebte Rotdächer das ktelnstadtlfche Dasein Unter­halb der Stadt die Wiesen mit ihren Zäunen, ihren verstreulm Weiden, deren noch lange Schatten die sonnige Breite des Grases noch sonniger erscheinen lassen. Davor der Anschlag der Wellen, von denen jeher ~rof jen funkelt an >den weißen Kiesstreifen des Ufers. Ein Kmd'sitzt einsam un Tut zum Schiff hinüber - altes karge Dinge, die oben vor dem er­drückenden Zug der Berglinien übersehen wurden, hier aber eine ube raichende Bedeutung gewinnen. Man faßt Liebe, zu jedem einzelnen Baum, zu jedem vereinsamten Häuschen und fefjrt

um, bis die Drehung des Flusses em neues Bild, schafft. In der nnuber sehbaren Ebene fcheinen diese geringen Dinge die einzigen Wesen, man fühlt, wie sie in gleicher Weise des Nachts dastehen, unter der Abe sonne unter den Gewittern, unter den Schneesturmen des Wint - man bemitieibef sie und beneidet sie zugleich weil sie immer faer stehen und an dieser weiten Ruhe der Natur eilnehmen tonnen M-tm-r tiefen Freude nimmt man zugleich die Schönheit dreser stillen, m weilen Zwischenräumen sich folgenden Häuschen m sich auf. Blendendwuh mi roten Dächern, mit bunten Holzzäunen, stets auch durch einige .bau.n mit >dem Gras der Natur ringsum in Zusammenhang gebracht, stehen n« in der Frühsonne da, ihrer schlichten Vollkommenheit unbewußt, bie Jic so viel menschenwürdiger macht als die turmreichen Hauser der grogeu Städte. Dazwischen ragt dann einmal ein buntfarbiger Hof, ber einen ganzen, düsteren Tannenwalb hinter seiner wetterzerschla^nen ^«mer einfaht, und der von irgendeinem trotzigen, roilbbärtigen Bauern eme» längst vergangenen Jahrhunderts erbaut sein mag. hnA

In dieser seligmachenden Eintönigkeit wechseln die ?

schnell. Nah und fern strecken, immer wieder anders in das Land ge> g , Windmühlen ihre unbewegten Arme in die Luft. Eine Kuh geht o - seickste Usevwasser und brüllt. Ein Junge, nacktbeinig, lauft mit .

Schiff, zieht die Mütze und schreit diese wenigen Leute machen Stille nur um so bemerfbarej^. Ein Leben anderer Art bringen

Frau Knabl greift ins Innere, erkennt die Kissen, befühlt die Löcher im Boden bes Korbgestells. Ein Verrückter? überlegt sie.Wo denn angeblich gekauft?" fragt sie.

Dort unten", sagt Nock, und weist hinunter, und gesteht mühsam. Beim Althändler, aber in der Eile war nichts Besseres" ,

Dort unten, ganz richtig!" unterbricht Frau Knabl ihn empört. Aber von mir dort unten vor acht Tagen gekauft, von mir! Haben Sie s ausspioniert? Sehen Sie, daß alles erlogen ist!? Ihr u»rd ungemüt­lich zu Sinn: Weshalb forscht der Herr Nach unteren Einkäufen?

verbissen um und wankt mit dem heulenden Toni, dem die Sache zu dumm wird, abermals abwärts und tiefer in bas Gewühl der Gäßchen. Spärlich kommen Leute vorbei, aber er spricht schon niemanden mehr an, «r wartet höchstens darauf, von Mutterarmen überfallen zu werben.

So gelang er v°r bes Trödlers Bulach finstere Okkasionen. An ber Türe neben einer Badewanne voller Regenschirme und einem Havmo- nium mit Stieseln, erspäht er ein Wägelchen sehr ähnlich jenem, wie., ba« ihm entwischt ist. Und ein Teil seiner Kümmernisse beginnt zu weichen. Himmel hier kann einigermaßen gutgemacfjt werden, wofür er ver­antwortlich ist, ohne allerdings irgend etwas verschuldet zu haben, zlocr immerhin verantwortlich! Er bleibt stehen. ,

Bulach merkt schon durch die schmutzige Scheibe, daß der Herr im schwarzen Pelz und das Kind im weißen Mäntelchen eine zusammen­gewürfelte Geschichte bilden müssen, die nicht stimmt. Nur wenn er tod­sicher weiß, er macht ein Geschäft, kommt er ungerufen aus dem Bau. Unb jetzt naht er. Händereibend muntert er ben vornehmen Interessenten aus:Zu bienen womit?" , . .

. Nock tut o, als sei er nur mal faul stehengeblieben, denn bet einem Trödler hat er noch nie gekauft. Dann überwindet er sich.Dieser Wagen da ist doch wohl für Kindertransport ich meine, wieviel er beiläufig so kosten könnte?" .

Bulach berichtet, als läse er es ab:So gut wie neu, Stahlfederung, bestes Rohrgeflecht, unverwüstlich, Gummireifen, fünfzig."

Was fünfzig Gummireifen?" will Nock wissen.

Mark", sagt Bulach, Mitleid im Blick.

Da muß Herr Nock ganz verstummt und ohne Bewegung nachrechnen. Er bringt heraus, daß er höchstens. fünfunddreißig in der Tasche hat. Und er'bietet kleinlaut fünfundzwanzig.

Bulach wendet sich angeroibert seiner Hohle zu. Nock sendet ihm acht- undzwanzig nach, aber der Trödler ist nicht auszuhalten.Dreißig! ruft Nock aanz verzweifelt,und keinen Pfennig mehr, denn es ist mein letzter, und ich würde ihn nicht geben, wenn ich nicht den Wagen einigermaßen bringenb brauchte." . .

Richt zu machen", krächzt der Handelsmann über die Achsel und behält die Türklinke in ben Krallen. ,, .

Dann leider nicht", murmelt Nock erschüttert und geht daran, sich'loszureißen. Von neuem will er die ratlose Wanderung beginnen.

Da ist Bulach hinter ihm.Also nehmen Sie ihn mit; ich mag ihn nicht mehr sehen", sagt er übersättigt.Ein halbes Jahr steht^ er da, kein Mensch will nach Gebühr zahlen für eine fo propere Sache.

Nock ist hoch entzückt. Bevor er die dreißig Mark zusammenjucht, steckt er ben tleinen Kerl in den Wagen, und ber wirb auf einmal vergnügt unb weint nicht mehr, er sicht aus, als fühle er sich ganz zu Hause Welch ein glücklicher Zufall, daß auch Decken vorhanden sind unb faßt sich die Mulde in den Kissen nicht warm an? Seltsam, wie alles plötzlich ein liebliches Gesicht bekommt.

Wohl bas Enkelkind von Ihnen?" sagt Bulach zögernd angeregt, ob­gleich er sich Zufriedenheit übers gute Geschäft nie merken laßt.

Ein Engelchen, jawohl, ein Engelchen, und was für eins , bestätigte Nock schwatzhaft und mit allem einverstanden. Zuvorkommend lüftet er den Hut gegen den Händler.

Der nickt, und gleichzeitig fchüttelt er den trüben Geierschädel.Schlech­tes Geschäft gemacht ich , sagte er gewohnheitsmäßig.Beim nächsten Mal, Herr, muß es besser werden."

Rock verspricht es lachend, und dann schiebt er seine Fuhre vor sich her Auf zur Mutter! Wirb sie immer noch plappern im Kramladen? Sehr wohl möglich. Die Redseligkeit der Frauen: einer der Grunde, aus denen er nicht geheiratet hat. Aber sie ist mittlerweile fort, die Mutter bes Engelchens, fo wird man ja durch den Laden, in dem Aufregung genug herrschen mag, die Adresse

Nock ist dort an gelangt, wo ber Ferbl ferne Beute abgefangen hat, unb hier stürzt nun Frau Knabl hinzu.Was treiben denn Sie mit meinem Wagen?" sKht sie voll tiefem Mißtrauen heraus.

Nock ist erlöst doch auch befremdet. Merkwürdige rfrau, denkt er. Mit Ihrem Kinde, meinen Sie", korrigierte er.Fragen Sie denn nicht zuerst nach dem Kinde?" ...... ,

Ja unb aber auch sehr nach dem Wagen, ber nämlich so gut wie ganz neu ist", betont sie drohend.

Nock gibt sich einen Ruck. Einmal muß es sein, ermutigte er sicy. Liebe Frau, das da ist gar nicht mehr Ihr Wagen", bekennt er.

Was ist?" staunt Frau Knabl und schaut genauer hin.Das ist mein Wagen, und das ist mein Toni."

Aber nein", sagte Nock standhaft.Das heißt, jener Toni muß wohl der Ihre fein, aber Ihr Wagen ist es ganz unb gar nicht." Und er beginnt zu erzählen geläufig, bis er an die Stelle kommt, wo er berichten muhte, daß der Wagen auf einmal wie weggeblafen war. Dos zu behaupten ist ja lächerlich, sagt er sich, unb niemals wird diese einfache Frau es mir glauben. Kann ich es doch selber nicht fassen! Was berichte