Ausgabe 
30.8.1927
 
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Jahrgang 1927

Dienstag, den 50. August

Nummer 69

GiehenerKMjeilblijtter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Schöne Erde.

Von Johannes Heinrich B r a a ch.

Erde, »

was klagen sie kleinlich an dir herum, zu flach bist du diesem, jenem zu krumm, dem zu gerecht und dem zu vergessen, dem zu still und dem zu besessen.

Der Eine wünscht Nehren so hoch wie ein Turm, der Nächste will Sonne, der Andere Sturm, dem Jm6 die Sterne des Abends zu klein, den ärgert die Flieg« und diesen der Stein. Zum Teufel, wenn ich das alles verraten sollte, warum man dir grollt und weshalb man dir grollte, tausend Jahre müßte ich schreiben, um nur ein Schuldner und Stümper zu bleiben. Doch Erde, was donnern die Meere, glitzern die Maare, was singt der Stieglitz, zwitschern die Stare, rauscht der Wald und erzählen die Höhn?

Erde,

so wie du geschaffen, so wie du erstanden, so wie wir dich finden und wie wir dich fanden, so bist du erhaben und so bist du schön.

Derk Kinderrvagen

Von A. M. Frey.

In einer Gasse, die von großer Verkehrsader hinunterführt ins Gewirr der Altstadt, steht vor einem Kaufladen ein Kinderwagen. Er beherbergt einen Buben, der darauf lauert, die Mutter wieder bei sich zu sehen: die aber läßt sich Zeit. Sie hat, weil die Gasse abschüssig ist, Eisbrocken als kleine Hemmnisse vor die Räder-geschoben und überzeugt sich durch die zugefrorene Laüenscheibe notdürftig von der Anwesenheit ihres Toni. Aber nun gerät sie mit anderen Weibern in der Krämerei in eine solch wichtige Debatte über Politik, daß sie dem Fenster vorerst den Rücken kehren muß.

Der Toni ist ein kräftiges und lebhaftes Kind; er will nicht länger untätig daliegen, bis zur Rase zugedeckt. Er richtet sich auf und rückt den Kopf mit den Apfelbäckchen und dem Wollmützchen hierhin und dort­hin. Die Gasse ist wenig belebt, und es beginnt in ihr schon abendlich zu dunkeln. Der Toni hält Umschau nach einem kleinen Zeitvertreib, er hebt die Llermchen aus den Decken und fährt mit ihnen durch die Winterluft, er friert nicht und schreit auch nicht. Er beugt sich weit über den Wagen- rand, um dort unten vielleicht auf seine Rechnung zu kommen. Gleich wird er hinausfallen.

Da schreitet des Weges Herr Nock, im Pelz und im solid geformten schwarzen Hut. Durch seine Brille nimmt er die Gefährdung des Kindes wahr, und tritt an den Wagen heran.Ei, ei, ei" undRa, na, na" sagt er mahnend, aber den Buben beschäftigt weiter das Pflaster auf der Gasse, er hängt schon halb in der Tiefe, und Herr Nock muh ihn anpacken und zurechtsetzen. Er gibt keine Ruhe, der Racker; ungebärdiger wird er; man befaßt sich mit ihm, das regt ihn an; er wirft sich umher, der Wagen gerät ins Schaukeln.

Eine väterliche Hand um das Kinderärmchen gelegt, schaut Herr Nock sich ratlos um. Kein Mensch kommt gegangen, und die leichtsinnige Miitter will auch nicht erscheinen. Was soll man tun? Man muß die Frau herbeiholen, der das Kind gehört, aber inan kann es ja keinen Augenblick allein lassen. So hebt er's aus den Kissen er hat noch nie solch ein Tierchen auf dem Arm gehabt und behandelt es voll Sora« wie ein Ding der höchsten Zerbrechlichkeit.

®6en will er mit seiner Bürde behutsam in den Laden treten, wo er r fc-r ,--u^er vermutet, da sieht er, daß der Kinderwagen ins Rollen gerät; rni" rl'3 enieilt er die leicht geschrägte Straße hinab. Cs ist ein schönes uvagelchen, fast noch neu, von Frau Knäbel kürzlich erst beim Trödler

i tro-> erworben, ein Gelegercheitskauf und der Mutter ganzer -dries da leichträderig hinuntertändelt, blitzen seine Speichen im

^OlJ entsetzt. Noch klammert er sich an die Hoffnung, das we;ayrt wurde aus eigenen Stücken weim nicht umkehren, so doch stehen- l<mft beschleunigt weiter und nun läuft auch er, ,>5 j1 $ u?d durch das Kind behindert und seinethalben doppelt Wagen1 wieiÄhaben^5 entschlossen. Denn selbstverständlich muß er den

an der Straßenecke schnuppert, wie ein schläfriger Fuchs, die dk^bn tn den Hosentaschen, über steifen Ohren die 6er T-rdl nach Gelegenheiten. Er wird aufmerksam auf ans, was da gegen ihn zurollt er wird ganz wach, und schnell erfaßt er

die &ige. Das Wägelchen stürzt sich sozusagen in seine aus der kreuzen­den Gasse oorgestreckten Arme, er nützt den Schwung gleich aus und hat es schon außer Sicht dirigiert. Daß da ein beschwerter Mann hinter- herhumpelt, der morgen vielleicht anlangen wind, ist für den Ferdl ein Umstand, der Früchte tragen soll. Ein Blick unterrichtet ihn: die Kissen sind leer; in langen Sprüngen, den Wagen vor sich herstoßend, biegt er um eine weitere Ecke und dann darf er sich's leisten, gesitteter und ganz harmlos auf ein Ziel zuzusteuern, das er nahe weiß.

Herr Rock läuft wie's geht; maychmal rutscht und strauchelt er und ist in Gefahr zu fallen; dann steht ihm wegen des Kindes fast das Herz . still; der kleine Racker hat ein Händchen über die Brille gepatscht, eins in den Bart versenkt und beeinträchtigt nach Kräften die Abwicklung der Expedition. Doch Nock ist insofern noch vertrauensvoll, als das Kind nicht plärrt, und das Wägelchen, das er freilich nicht sieht, unten ja zu finden ,ein muß. Wahrscheinlich ist es umgekippt und so zur endlichen Ruhe ge­kommen; gut, daß der Straßenschmutz gefroren ist!

Unten aber ist kein Gefährt/Herr Nock will es nicht gelten lassen. Er schreitet die enge Kreuzung der Gassen im kleinen Kresse ab und ucht bereits peinlich wie nach einer Haarnadel. Eine bejahrte Frau taucht auf. i-iebe Frau," bittet er,hoben Sie nicht vielleicht einen Kinderwagen gesehen hier so in der Runde?"

Die Alte steht, mustert ihn dumpf und vergißt fast den Kopf zu schütteln.Oder sind Sie am Ende die Mama dieses Kindes?" blitzt Rettung in ihm auf. Da schlägt die Alte das Kreuz und enteilt ohne Wort.

Mittlerweile ist der Ferdl dorthin gelangt, wohin er wollte. Er hält vor osm niederen Gewölbe des Trödlers Bulach, das schmutzig durchglüht ist von enter fliegenbeschmutzten Lampe. Aber soviel sieht der Ferdl schon: es ift niemand in der Höhle außer Bulach, der gerade Juwelen frisiert. Er tritt ein und will den Wagen durch die schmale Tür zerren.

Laß' ihn draußen", sagt der Trödler mürrisch und zaubert die Edel­steine weg.

Sache^oi? ne^men i° «'n feines Ding", preist der Ferdl seine

--Kenn's _ schon", brummt Bulach und diesmal spricht... er die volle Wahrheit. Hat er doch vor ein paar Tagen erst den Wagen verkauft- der rückt heute brav wieder ein; brauchbar ist er und gut dressiert Laß' 'hn draußen, hab' ich gesagt, weil im Laden fein Platz ist", erklärt er zugänglicher.

Dann schweigen beide, und einer will stumm den andern zur Rede drangen. Aber der Ferdl muß doch mit seiner Zeit ein wenig haushalten, drum beginnt er: nämlich von einem kinderlosen Ehepaar in Zahlung für eine Woche Holz hacken. Sauer verdient!"

Bulach, der Kenner, sagt sich: kein Wort kann wahr sein..Aber er nickt glaubensstark.Wieviel?" fragt er und prüft bedenklichen Gesichts di« Fede­rung, obwohl er weiß: gesund ist-sie. Aber nicht gesund ist das Korb­gestell, es hat Löcher im Baden und er bemängelt dies.

Hast denn schon nachgefchaut?" fragt der Ferdl verdutzt. Ja, wieso, schaust denn Du durch die Kissen?"

Da wäre der Bulach gefangen, aber er meint bombensicher:Hör auf, ich schau, wie ich mag." Die Antwort ist rätselhaft, doch der Ferdl kann : ihr nicht nachhängen, er möchte -wieder fort.

!Zwanzig", verlangt er.

Der Trödler zeigt sich schwer belästigt.Schieb ab mit deinem Mist­karren , sagt er unwillig.Meinst, ich wär' verschwendungssücktia?"

No wieviel?" will seinerseits der Ferdl wissen.

Bulach richtet Stiefelspitzen auf einem Harmonium in Paradestellung und wirst nebenhin:Drei."

Der. Ferdl muß das elegante Wägelchen mit einem Ruck hoch in die Hohe heben, so sehr stößt ihn Empörung:Sieber hau ich's aufs Pflaster, daß kein Radi mehr ganz bleibt."

Immer zu!" bestärkt ihn Bulach.

Ferdl hat sein Gut sanft niedergestellt.Fünfzehn!" lockt er.

Bulach klingelt mit Geld. Er sieht seines Geschäftsfreundes ruhelosen Blick die Gasse entlang; dicht baut er sich vor ihn hin.Schluß. Fünf!" befiehlt er.Da sind sie."

Hundskerl," gibt Ferdl seine Unterlegenheit zu.Dir bring ich nir mehr." Er nimmt und entgleitet.

Er gleitet an einem Pelzherrn vorbei, der ein raunzendes Bündel trägt und nrnherirrt und ihn fragen will:Ach, bitte, haben Sievielleicht" aber er ist knapp daran mit der Zeit, er muh den froststarren Körper in die Stallwärme der Kneipe bugsieren.

Herr Nock, mit dem unruhigen 'Balg auf erlahmenden Armen, geistert mehr aus Ratlosigkeit darüber, was er überhaupt beginnen soll, als in irgendwie fundierter Hoffnung weiter durch die Nacht. Er hat sich, als er nur die Erklärung fand, die Erde müsse den Wagen verschluckt haben, zögernd di« Gasse wieder aufwäris begeben, aber dann hat die Empfin­dung gesiegt, der Mutter dieses unseligen.Kindes, sollte sie überhaupt noch anzutreffen sein, so nicht unter die Augen treten zu können.Ist es denn möglich, daß ein großer Kinderwagen spurlos" murmelt er und kehrt