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(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche Aniversitäts-Duch. und Steindruckereck, R. Sange, GiM
reckte ich meine Hand übers schlummernde Häupklein, rühnete es abti s sucht an, daß ich es nicht erweckte, und segnete so seinen Eingang M Gottes Namen. —
- J° wahrender Lenznacht saß ich in meiner Stube unter allerbant i Gedanken, die weitläufig zu erzählen nicht vonnöten. Ich wußte ia nicht : ob ich d-n morgenden Tag noch erleben oder welchen Gräuel ich da würde ! sehen muffen. War's gleich dunkel, so stund doch alles um mich her nab» ! und klar vgr meiner Seele: eben darum, weil ich mich darein ergeben . mutzte, daß ich leichtlich daraus auch für immer vertrieben würde. Den« Hoffnung, oder Furcht, die uns in die Zukunft versetzen, reichen gern auck der Erinnerung die Hand, sie sei uns trübe oder froh. — ' w
Je friedlicher und wollustsamer die Lenznacht war, um desto viel schreck. ’ l'cher dünkte mich die Verwüstung, die so nabe drohete. Immer horcht' üb hinaus, ob etwas von Gefahr zu vernehmen. Aber die Nachtigallen üchrZ fort zu fingen, und wenn ein Windhauch durchs Laub fuhr, fielen di, Tropfen stärker. Doch gegen Mitternacht härt' ich ein Krachen, wie Mus. ketenfalven nicht gar ferne — aber dann ward wieder alles still. ,Das Un, gewitter zieht heran!" dacht' ich, und ergab mich in Gottes Willen. i
Ich hab' mein' Sach' Gott heimgestellt, Er mach's mit mir, wie's ihm gefällt. /
, So waren meins Gedanken. Aber das Emtlein — war sie in Sicher! hett? Warum war sie nicht kommen — sollte ich sie nimmer sehn — fa' siecht und ihn nicht?! Hatte er sich wirklich von mir gewendet, oder war irgendwo verderbet, unb sollte auch meine letzte Hoffnung, meine einzig« • für diese Welt ersterben, wie der welke Strauß dort am Fenster, den de» ' Gretlein für ihn gebunden?
Da führten mich meine Herzensgedariken rückwärts, und was einstens war, stund wieder vor mich hin.
Ich sah mich selbsten wieder, wie ich mit erschrockner Freude zum erstenmal das Knäblein im Arme hielt, als ich's an jenem Morgen mm frühe gefunden hatte. Wie's Würmlein wimmerte in seinem schlecht«? Tuch, darein gewickelt es auf dem Grabs gelegen war! Auf einem Grab, ein Kind: unten die Verwesung, sechs Schuh drüber das aufsprießend, Leben! Das Grab 'ne Wiege! — Zwar 's ist nichts fonderlichs, maßen allsrwarts unser Leben über Grüften steht und geht, bis daß es einst hinuntersinkt; aber jedennoch das Grab 'ne Wiege: nicht darin zu schlafet, den langen, festen Schlaf, sondern allda zu erwachen und in des alten Josias Arme zu geraten! —
Beinahe hott' ich's fallen lassen zur Erden, dieweil seine Gliedertest gar so zart waren, und ich mich fürchtete, ihnen wehe zu tun. Aber « streckte seine Händlein nach mir aus, raufte meinen grauen Back 1 und lachte!!
Ach, du ewige Güte, so ein Kinderhändlein! Noch bis zur Stund' M ich dies dafür, daß Lieblicheres auf Erden nicht zu sehen sei, als weist ein Kind seine Händlein ausstreckt, damit zu greifen und zu fassen; es bat noch feine Begehrlichkeit, es freut sich bloß; es meint, alles wäre gern bet , >hm. Seine Griffe find keine falschen Griffe, keine Diebsgriffe, keine Geyer- griffe, von denen <bie Wett voll ist, und ich denk' immer, was mich des Menschen Hand an Kunst erlernen mag, große Dinge in der Welt bamft auszurichten: ob der liebe Gott eben die Freud' an ihr hat, als da sie noch em schwach ungeschickt Händlein war und mit Zittern nach allem langte, auch nach'm Mond? Ich bracht's Kind eilend in meine Siub, legt's so hin aufs Kissen und deckt' es zu; ich wußt mich ja in keinem Wege mit ihm 311 behelfen und lief hinunter, Klausens Weib zu holens daß sie heraufkäme. Was die vor Augen machte, als sie den Findling sah! „Nicht io hart, Nach, darin!" rief ich ihr zu, erschrocken, als sie das Vündlein mit' ’m Kind aUf . ihren Schoß nahm, es aufzuwickeln, iveil ich Machte, sie könnte ihm was ■ zerbrechen. Aber sie lachte mich aus und sagte, so ein Kind wär' ja nicht von Glas, zum Glück, denn wer würd' es 'sonsten mögen warten!
keiner macht' ihr gerne begegnen, wenn sie aus dem Walde kam oder im Mondschein Kräuter zu suchen aufs Feld ging. Nur, wie obgemeldet, der Melzer ist ihr zutüppisch gewesen, und haben die zwei ostmalen Zusammenkunft gehabt; auch durfte sie hinfort auf’m .vorlorn' Hof vorsprechen, so oft sie wollte. Allein aber Glück ist dem V '.cher von ihr nicht worden, sondern mit seinen Sachen ging es bestär.ig den Krebswsg: immer ärger und kärger, bis endlich der ,verton-/ Hof, wie ich droben gesagt hab', in Feuer aufgegangen ist, und allein nur das Hirtenhaus zum Wohnen ist stehen geblieben.
Niemand weiß, wie dis Flamme ihren Anfang genommen hat. Aber der Melzer ist in dem Feuer mit umkommen und, jämmerlich verbrannt, im Schutt gefunden worden. Die Leut sagen, er sei auf die Letzt ganz hirnbefessen gewesen und so hingefahren.
Vererbet hat er seiner Tochter nichts, als den wüsten Hof und Felder, so bar und ohn Kraft, daß niemand hat mögen darüber den Pflug ziehn, auch umsonst nicht.
Derowegen leicht abzunehmen, daß seit diesem das arme verlorn Gretlein seinen Namen in der Welt mit mehrerem Fug führen könnt', denn zuvor; auch wohl zu empfinden, wie ihr Gemüte sich immer mehr an die Einsamkeit gewöhnet und sie ganz keinen Wunsch hatte unter Leuten zu sein. Die wußten auch je länger je weniger, was sie aus ihr machen sollten; maßen sie gar nicht die Art hatte wie andere Baurendirnen, war auch ohnedas zu grober Arbeit nicht geschickt. Hingegen aber verstund sie zu spinnen und zu weben mit kunstreichem Finger, und im Sommer brachten sie ihr Linnen zum bleichen. Davon denn gewann sie genug zum Leben und teilte noch mit Nothaften und Kranken ihr Weniges. Solchergestalt also blieb und wohnte sie da außen, und hat sich wohl der Engel des Herrn um sie hergelagert, daß ihr kein Unglück nahen durfte, kein Graun und keine Furcht des Nachts, wie die heilige Schrift saget.
Zu mir aber kam sie am selben Tage, da mein Reinhold verschwunden mar, und die böse Nachrede, so er über sich erweckt hatte, mein Gemüte noch dazu bedrückte. Sie war vordem lange nicht hereingetreten zu mir, sondern hatte, wenn sie mich sah, nur freundlich vom Kirchhof her gewinkt. Es war schon dunkel in der Stub', und ich sah kummervoll in den Abend hinaus. Da ging leise die Tür auf und sie lugte herein, ob ich allein wär. Darnach huschte sie herein, stellte den Schemel, darauf sie immer als Kind gesessen, als sie lesen lernte, dicht mir zur Seite und saß darauf nieder. Sie sagte nichts unb lehnete ihr Haupt an mich, wie ein Kinb, das müde ist. So beharrte sie und sah, wie es schien, hinaus ins Dunkel wie ich. Sie regte sich nicht, auch hörte ich keinen ihrer Odemzüge, aber auf meiner Hand fühlte ich ihre niederfließenden Zähren.
„Schulmeister," sagte sie endlich leise: „gewiß, er kommt heim! Wir warten auf ihn, nicht? — täglich, stündlich, bis er heimkommtl" Als sie darnach aufftunb, Licht anzündete und ans Fenster stellte (denn es war - berroeife finster draußen worden), verstund ich ihre Meinung wohl, winkte ihr zu unb sagte: „Ja, Gretlein, wir warten auf ibn!"
Hernach immer, wenn ich sie kommen sah/ vermerkte ich wohl, wie sie ihr Haupt, vorbeugte, voller Erwartung, ob er wohl heimkommen wäre; auch wie sie sich Mühe gab, ben Schatten zu verbergen, der über ihr Angesicht zog, wenn sie beim Willkomm in meinem die alte Trauer geschrieben sand und den Bescheid: „Nein, er ist ferne, ferne!" ©ie-fragte aber nie nach ihm (mein Gemüt nicht desto mehr zu beschweren), rebte auch nicht von seiner Flucht, noch wo er wohl möchte weilen, und ob er seiner Heimat fo gar vergessen, sondern gab sich immer das Ansthn der fröhlichen Erwartung. Und das ganze Jahr hindurch, so lang es Blüten gibt, hatte sie jedesmal ein Siräußlein in der Hand, das stellete sie, ehe sie ging, in : einem Gläslein ans Fenster und sagte wohl dabei: „Vielleicht tut’s ihm sanfte, wenn er's ihm winken sieht."
Solche Zuversicht des Mägdeleins war mir in meinem Gram ein starker i Trost, und immer, wenn sie bei mir weilte, war's mir, als fehlete Rein- : hold mir nur heut und morgen, und um was et mich auf die Letzt ge- 1 beten, daß ich möchte feiner nur gedenken, wie er einstmals nur mir | zur Freude da gewesen: dazu half das Gretlein, ohn daß sie darum wußte. Sie rebte von ihm anders nie als aus ihrer beider Kinderzeit, wie er als Knabe ihr immer so brav beigeftanben, wenn andere ihr spöttisch begegneten, wie er so geduldig dann im Lesen unb Schreiben ihr weiter geholfen und von Riesen unb Drachen ihr erzählet. Dann erinnerte ich sie wohl daran: „Weißt auch, Gretlein, wie er gegen mich dein Singen oft und hoch gerühmet hat, .sonderlich wie das erklänge, wenn ihr beide selbander über Feld oder im Wald ginget? Da hab' ich ihn vermahnt: ,Ja, Reinhold, bas mußt auch lernen!' Er aber sagte: ,9a, Baier, wie soll ich? bas vermag nur Gretlein/"
„Darnach," sagte Gretlein dazwischen, „hab' ich ihn aber doch ein Lied lehren müssen." „Und ist verwunderlich," vermeint ich wieder, baß es gerab bas Lieb gewesen ist: ,Zu Straßburg auf der Schanz', das er dann am liebsten fang, der doch ein so munterer Knab war." „Pst!" so rief dann das Gretlein und winkte dabei mit ihrer Hand, „Schulmeister, das klingt zu traurig!" und bann fang sie leis unb laut in ihrer süßen Weise, ass daß es war, als hört' ich überm Fslb die Lerche; die schwarze Decke, fo über meiner Seele hing, zerriß, unb die lichten Sommerwolken schwebten über mir. —
Jetzund muh ich aber besorgen, daß ich dem geneigten Leser schon lange hochverdrüßlich gefallen bin darum, daß er von mir mit meinem Erzählen von vergangenen Zeiten über Gebühr aufgehalten worden. Ich hab' nur wollen erklären, aus was vor Ursachen ich an jenem Dienstag vor Himmelfahrt unterm Holunderstock mtt großem Verlangen nach dem ,verlorn' Gretlein aussah, wie ich droben berichtet habe.
. Solches men Harren wird nun genugsam verstanden werden und ich fahre in meiner Histori fort. —
Allgemach sank der Tag hernieder, und die ich zu sehen erhoffte, kam nicht des Weges, den ich auf und nieder blickte. Die Nacht brach herein und es ward ganz finster; denn es war Neumond, und das funkelnde Sternenzelt Mteb hinter dicken Wolken verborgen. Das Getümmel der Davon- .■ ziehenden war verstummt und der letzte von ihnen nun auch davon !
Darnach fo verwunderte sie sich über das Hemdlein, fo das Kind an» hatte: unsauber und garstig zwar, aber van feinem Linnen. Um den f)a[s ’ aber hing ihm an einem seidenen Band ein klein hölzern Kreuz, das wat in Silber gefastet, und aks ich's besah, fand ich daran mit güldnem Scksild- lein nur ben Buchstaben R geschrieben. Solches aber geschah erst hernach benn jenesmal war die Hast fo groß, maßen die Klausin, so ohne bas etwas geschwind in allem war, das sie fürnahm, unterm Waschen und Anziehen des Kindes (sie hatte aber von ihres jüngsten Kindes Zeug mit- gebracht mich oft und laut anließ, der ich ihr mit Zureichung helfen wollte, daß ich mich verkehrter Weif' anstellie, und beständig rief: „Taufend Wunder, fagt mir doch, warum so ein Mannsmensch gar zu nichts zu gebrauches • ist!" Unter diesem schrie das Kind erbärmlich, daher ich besorgte, sie hast ihm am Ende einen Schaden getan, wagt' aber dergleichen nichts zu sagen und wallt' ihm nur ein Tröpflein gegen Gliederweh reichen. Solches nahm jedoch die Klausin ganz spottlich auf unb vermeinte, so es um bas Kinder- gefchrei solchermaßen bestellt wär', dürste von ihren sechsen keines mehr ein einzig heil’ Glied haben. Nun ich glaub' wohl, daß ich mich närrisch genug erzeigte, was auch nicht zu verwundern.
Danach aber, als die Klausin wiederum fort und ich allein war mit dem Kind, wie es so lag, nachdem es getränkt war,. satt und schlafend, l- und die Hände beide zu kleinen Fäustlein geschlossen gegen das Gesichtleiv 1 gestemmt, und wie es den Odem fo leise, leist zog, auf und nieder, gleich als ob eine Rosenknospe im Hauch des Morgens sanft unb kaum merklich sich beweget, wie je zuweilen ums Mü üblem ein Lächeln spielte, äs s sähe es etwas im Traum, das allein nur ein Klndesauge erblicken kamt! , A öa .nahm ich mein Käpplein ab, denn mir war feierlich ums Herze, oft säh' ich jetzo seinen Engel niedergssunken vor dem Thron der ewigen Erbarmung und von der Antwort auf fein Flehen um dies Kind eilte Freudenzähre in seinem Antlitz. Alsbald gelobte ich Gott, lvas vor Unglück 1 ober Sünd dies Kindlein auch ins Elend gestoßen 'hätte, so wollt' ichh nicht verlassen, sondern als von ihm mir übergeben unter seinem $4 stände austrziehen, und ich bot ihn: wie ich jetzund ihm dankte, bah er es hätte finden lassen, also möcht' auch einftmalen das Kind dost» --..{en, können, daß es just der alte Josias hätr ausgenommen. Darnach
te ich meine Hand übers schlummernde Häupklein, rührete es aw S


