Ausgabe 
31.12.1927
 
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Reihe mit Bornhagen, aber auch mit Stott, einem der berühmtesten Hain- i letdarsteller des Scha jpielhauses, und der Liston, einer wegen ihrer seit- ! samsten Schicksale und radikalen Emanzipiertheit damals beinah populären ' Frauengestalt, beweist alles andere als seine Schon-Vergessenheit, und daß jene Silvesterfeier 47 48 eine immerhin auch sonst bemerkte in dem da­maligenWeltdorf" Berlin gewesen sein muh.

Petrus als Fürsprech.

Eine Neujahrsgeschichte von Friedrich Freksa.

Sankt Peter ging sehr befriedigt in Pumphosen und gelber, russischer Bluse in seinem Himmeltorgärtlein auf und nieder. An den Füßen trug er schöne, warmgefütterte rote Saffianlederstiefel, denn von der Erde herauf kam ein kühler Neujahrswi-nd. Ja, ja, das Jahr, das heilige Jahr ivar gut zu Ende gekommen und sogar verlängert. Sein «tell- vertreter auf Erden hatte viel Gutes bewirkt und erhoffte sich noch mehr für die kommende Zeit. Dieser Hoffnung zuliebe trug Sankt Peter auch die bequeme, etwas bunte, russische Tracht.

Wie viele alte Herren liebte er vor allem seine Kakteenzucht. Sorg­sam begoß er die Pflanzen und dafür dankten sie ihm mit herrlichen, slammroten Blüten, die plötzlich aus dein tiefen Blumengemüte der grünen Stachelhäuter hervorbrachen.Ja, ja," sagte er zu sich, indem er seine Nase zu einem wie eine Hand geformten Pstanzemvesen herab­beugte,die Menschen sollten sich mehr mit Kakteenzucht befaffen, und weniger mit dem Verkehr, dann würden sie Sein von Schein beffer unterscheiden lernen!"

Indem hörte der sorgliche alte Herr an seinem weiß-grün gestrichenen ^taketenzaun Gemurr. Er schaute hinüber. Ein paar langbeinige, luftig- blickende Gesellen in schwarzen Hosen und weißen Hemdärmeln standen da breitbeinig übergelehnt. In den Mündern ihrer glattrasierten rot­braunen Gesichter staken schwarze Zigarrenstumpen. Die Hemdärmel hatten sie voller Wohlbehagen ob der warmen Höhenluft über die ieh- mgen Ellenbogen hochgeftreift.

Was habt ihr für ein Anliegen?" fragte er milde, denn ihm fiel ei«, daß ja Neujahr sei und dabei ihm, dem Stellvertreter des Himmels­hausvaters alle gerechten Wagen vorgebracht werden dursten, die sonst keinen irdischen Richter finden konnten.

Die Beiden redeten nun auf ihn ein, abwechselnd und durcheinander. Petrus gebot mit einer Bewegung der Rechten Halt:

Ich bin der Herrgott nicht selbst! Ich verstehe kein Schwyzerdütsch! Ihr seid Lokalwinde! Das hab' ich verstanden und habt Beschwer über einen zugereisten Wind! Das verstand ich auch! Nun müßt ihr Schrift­deutsch reden, das bin ich aus der Bibel her gewohnt!"

Ehaibe Schwob!" murrte der eine. Und der andere fuhr fort: Wozu werden Beamten bezahlt?" Dann Huben fie wieder an, so gut es ging, hochdeutsch zu sprechen und anzuklagen, ein zugereister deutscher Wind habe es auf dem Gewißen, daß eine ehrsame, gute Ehe zwischen Schwyzer Leuten zu Zürich auseinandergehen müßte!"

Petrus runzelte die Stirn:Ehescheidung ist die Menschenkrankheit dieser Zeit! Wenn da gar Winde daran Teil haben, dann wird das heilige Sakrament wohl ganz verweht!"

Die Lokalwinde stießen sich an und tarnen nun mit ihrem Verlangen hervor:Wir wollen eine Verordnung des hohen Himmels gegen inter­nattonale Winde überhaupt!"

Petrus begehrte zu wissen, wann der Frevel geschehen sei.

Am siebzehnten Oktober!" sagte der kleinere Wind und wollte noch einmal erzählen, aber Petrus winkte ab:Das genügt! Ich werde zu­sehen, was sich tun läßt! Den Tatbestand stellen wir selbst fest!"

Die Lokalwinde sahen sich entlassen. Enttäuscht begaben fie sich wieder in die Heimat zurück, voll der Ueberzeugung, daß richtige Demokratie fchwyzerischer Art auch im Himmel nicht zu finden sei.

Petrus aber begab sich auf den linken Torturm, setzte sich in sein Observatorium und nahm das Zeit- und Seelenerforschungsrohr, das der heilige Paphnutius in feiner Einsiedelei in Aegypten vor vielen hundert Jahren erfunden hatte und stellte es auf den siebzehnten Oktober rückwärts ein. Da begab sich nun folgendes:

Aus Holland über die Zuyderfee kam durchs Rheintal ein junger deutscher Wind, Wie bei allen Vagabunden war seine Herkunft un­gewiß. Von den Vogesen drängten ihn fußballspielende Brüder zum Schwarzwald ab. Da'schwang er sich über den Bodensee in den Thur­gau, erwies den alten Vs-rgzinnen seine Reverenz und fiel bann, Mensch und Tier erfrischend, in den schwülen Ziiricherseskessel.

Da sich alle Welt an ihm freute, freute sich auch der junge Wind und verharrte ein wenig. Nur di« Lokalwinde schauten ihm mißgünstig nach und schimpften:Chaibe Schwob!"

Da sah der funge Vagant von ungefähr an einem schmucken weihen Hause am Dolder etwas Zartes, Grünes, das sich ausbreitete, wie ein Riesenschmetterling mit seltsam schönen schwarzen Flecken. Langsam sank es vom obersten Balkon des Hauses nieder und wäre sicherlich in eine häßliche Pfütze am Fuße des Hauses gefallen. Da erbarmte sich der junge Wind des bedrohten Wesens, hauch« einmal, und das zarte Ding flatterte auf den zweiten, weißen Balkon, an dessen Geländer es hängen blieb.

Der junge Wind aber pfiff ein frohes Lisd und -sauste weiter nach Süden zu dem Orte seiner Bestimmung.

Ein« fürsorgliche, ehrschaffene Frau mit silbernen Haaren kam als­bald, sah kopfschüttelnd den seltsamen, seidenen Gast, schüttelte den Kops und sagte:Daß die Frau Doktorin vergessen hat, dies schöne Stück einzupacken!" Nahm es, legte es zusammen, und tat es in eine weiße Kommode eines ehelichen Schlafgemaches. Da blieb das Blüslein liegen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrist. Druck und Verlag: Brühl

Perrus runzelte die Stirn. Er behielt die Kommode vor dem Rohr« und ließ schnell Tage und Wochen vorbeigehen und dann endlich am 2. Dezember sah er, wie eine schöne, blonde Schweizerin das Zimmer betrat. Gleich darauf kam der Doktor, ihr Mann. Di« junge Frau fiel ihm um den Hals Petrus sah, wie sie ihn liebte, und wie ihre Leiden­schaft gewachsen war in der Zeit, da sie sich im Süden erholt hatte. Ihr Herz drohte schier still zu stehen vor lauter Liebe.

Und die Stacht ging dahin und es ward Tag. Der Doktor fuhr in die Stadt hinab, um seinen Geschäften nachzugehen, und die junge Frau stand auf und sah im Hause nach dem Rechten.

Aber um die Mittagszeit öffnete sie die Kommode, fand das !Blüs­tern, einen modischen Kosak, hielt es in zitternden Händen, roch daran, ward blaß, setzte sich auf einen Stuhl und weinte. Und als der Mann zum Essen kam, sprach sie kein Wort, ja, sie entfernte sich van ihm und es war Unfriede zwischen den Beiden. Am Weihnachtstage aber legte sie ihm das Seidending auf ben Tisch und schonte ihn ermahnend an.

Was ist das für ein Tuch?" fragte er.

Das möchte ich von dir wiffen!" antwortete fie.

Ich sehe es zum ersten Male!" gab er zur Antwort.

Daß du so lügen kannst!" rief sie.Ich hätte dir verziehen, wenn du alles gestanden hättest!"

Da ward der Mann zornig und erwiderte:Was soll diese kindische Beschuldigung?"

Sie erwiderte:Bis zu Silvester laste ich dir Zeit! Wenn du bis dahin dich weiter verhärtest, ist alles aus zwischen uns beiden!"

Gut, daß sie heute einen bürgerlichen Sonntag haben!" jagte Petrus, legte das Rohr fort und ging wieder in seinen Kakteengarten, denn dort fand er für schwierige Fälle die besten Gedanken. Am nächsten Morgen in der Frühe schon beobachtete er wieder mit dem Zeit- und Seelenerforschungsrohr.

Und richtig, um die zehnte Stunde, sah er die Frau fortgehen, und hinab in die Stadt fahren. Beim Fürsprech Häberlein trat sie ins Haus. Petrus sah, daß um ihr Herz ein blinkender Kranz von Edelsteinen lag. Das waren Tränen, die sie aus Not und Trotz nicht hatte meinen können. Nun stand fie in der Stube des Fürsprechs, eines aschfarbenen Mannes, dessen Herz trocken war vor Paragraphenlennmis. Der nahm das Tüch- lein in die Hand, ließ sich den Hergang erzählen und murrte:Es riecht ganz verdächtig'"

In feinem Herzen aber jagte er sich:Das wird ein nahrhafter Prozeß!" Da erinnerte sich der Heilige an feine Pflicht, das Gute zu bewirken und das Bose abzulenken. Und plötzlich ward die Seele des Advokaten in den seltsamen Kaktus gebannt, der wie eine böse Hand erschien, und er selbst hatte Besitz genommen von des Advokaten Leid Und als er die Augen auf die junge zitternde Frau richtete, errötete sie, denn aus den trüben Augen des Fürsprechs schlug ihr eine heile, blau« Flamme entgegen, so daß Angst fie überkam:Er wird doch nicht zu­dringlich werden!"

Da hob der heilige Petrus als Fürsprech >das Tüchlein auf und fragte: Ein anderer Beweis ist also nicht vorhanden?"

Da die Doktorin den Kops schüttelte, fuhr er fort:Könnte das Tüch- lein nicht auf einem anderen, unbekannten Wege in das Haus gelangt fein? Haben Sie noch nicht nachgeforfcht? Vielleicht ist Ihr Gatte dennoch unschuldig?"

Die Doktorin wurde rot. Ihr Herz zitierte in Hoffnung, aber ihr Mund sagte trotzig:Das ist nicht gut möglich!"

Wir wollen es erforschen!" sagte der Fürsprech Petrus und fuhr mit der jungen Frau in das Haus zum Dolder hinauf und verhörte die Wirt­schafterin, die berichtete, wie fie das Blüslein gefunden. Und danach schickte er sie hinauf in den oberen Stock. Dort wohnte die Schwägerin der Frau Doktorin. Die kam eilend froh hinunter und berichtete, wie ihr Gatte ihr den Kosak und ein gleichfarbenes Kleid aus Paris als Reise­geschenk mitgebracht habe, und wie sie es feit langem vermißt hätte.

Fragte der Fürsprech Petrus, ob nicht an jenem Tage Seide ge­waschen und gebügelt worden sei, und erkannte den Wind als den Misse­täter, der das Blüslein herabgeweht hätte.

Ich kann es kaum fasten!" sagte die junge Frau dankbar und gab dem Fürsprech Petrus die Hand.

Um die Mittagszeit aber fand sich der wahre Fürsprech Häberlein in seinem Arbeitszimmer allein.

Wie kann man nur so dumm träumen!" murrte er.Mir war es, als wäre ich bei der Bearbeitung einer Scheidungsklage eingeschlafen. Dann war mir, ich wäre ein Kaktus, groß wie eine grüne Hand. Und plötzlich blühte aus meinem Herzen eine flammend rote Blume."

Nun, ein Spaziergang droben im Schneewalde des Dolder wird mir wieder Kühle und Ruhe geben für mein Geschäft."

Und er fuhr mit der Seilbahn hinaus, steckte den Spazierstock zwischen Arme und Rücken und ging recht hygienisch spazieren.

Da kam ihm ein großer Herr mit einer schönen blonden Frau von ungefähr entgegen, und die junge Frau machte sich los von dem Herrn, lief auf ihn zu und sagte:Nun müssen Sie meinen Mann auch tennen« lernen!" Und stellte ihm den Doktor Rümelin vor. Und der große Herr ergriff seine Hand, schüttelte sie und bekannte:

Ich danke Ihnen über die Maßen! Sie haben gezeigt, daß ini Schweizer Volk der Fürsprech feinen Namen mit Recht führt! Sie müssen der Freund unseres Hauses sein!"

Und da am Abend Herr Häberlein mit der Bahn zu Tale fuhr, glaubte er an seine eigene Fürtrefslichkeit, denn in seinem Herzen war wirklich die rote Blume aufgeblüht. Und er sagte sich:Wir Rechtsleute sind doch ganz« Kerle!" ,

Nur die Lokalwinde waren unzufiieden. Petrus aber sagte milde: Man muß den Kaktus nur mit Liebe ziehen, dann gerät er gut!"

'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen-