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Mtsrhattmgsbeilage zu» Sietzeim Anzeiger

Samstag, den M.Iuli

Nummer 60

Jahrgang P27

Gebet.

Von Friedrich Hebbel.

Die du, über die Sterne weg, Wit der geleerten Schale Aufschwebst, um sie am ew'gen Born Eilig wieder zu stillen: Einmal schwenke sie noch, o Glück, Einmal, lächelnde Göttin!

Sich, ein einziger Tropfen hängt Noch verloren am Rande, Und der einzige Tropfen genügt, Eine himmlische Seele, Sie hier unten im Schmerz erstarrt, Wieder in Wonne zu lösen.

Ach! sie weint dir süßeren Dank, Ms die anderen alle, Die du glücklich und reich gemacht; Laß ihn fallen, den Tropfen!

Dee Ritt des Königs.

Von Alfons von Czibulka.

Sacht führt die Straße bergan. Manchmal fiel von den dürren Aesten der Bäume eine Schneelast auf den weiten, Mauen Mantel oder den Drei­spitz des Reiters. Dann blickte er auf. Rasch kam die Dezembernacht. Rot war das Land von brennenden Dörfern, die wie Fackeln im Dämmern standen. Träge zog beizender Rauch über die rötlich schimmernden Felder. Zweimal blitzte es vor dem Reiter auf einem fernen Hügelkamm auf. Schwer rollten zwei Kanonenschläge über das Land.

Einsam ritt der König über das Schlachtfeld von Leuchen. Niemand war um ihn. Manchmal schnaubte ängstlich fein Pferd und hob behutsam die Hufe über einen Toten, den die fallenden Flocken begruben. Von Zeit zu Zeit stieg aus den weißen Flächen, von den Hügeln ein Stöhnen oder ein Schrei. Niemand hätte sagen können, ob Mensch oder Tier so im Sterben schrie.

Wachtfeuer brannten im Silben, Westen und Norden. Rur gegen Osten, wohin der König ritt, blieben die Hügel dunkel und tot. Dorthin wich der Feind. Bon den Feuern her trug der Wind zerrissen einen Choral. Dort dankten sie Gott. Der König war ernst. Denn er sah über Räume und Zeiten. Wie wunderbar war denen drüben oft plötzlich das Kriegsglück aufgeftiegen. Daß es wie ein Sturmwind über Europa fegte. Und den letzten, der es gezwungen, den Eugenias, hatte es noch selbst als alten Helden gesehen.

Da hörte er Stimmen vor sich auf der Straße. Eine Laterne schwankte s im Dunkeln. In ihrem gelblichen Licht erkannte der König preußische , Reiter. Fragend scholl ihm' der Ruf entgegen:Wer da?" Friedrich gab ' keine Antwort, ritt näher und fragte:Hat Er Meldung, Rittmeister?" Da riß es' den andern im Sattel hoch. Der Reiter neben ihm hob das schwankende Licht, daß der ärmliche Schein auf das Antlitz des Königs fiel. Wie ein Ruck lief es die Schatten entlang, die im Dunkeln hinter dem Lichte sich drängten. Irgendwo fiel leise das Wort: der König! Llus dem Dunkeln kam die Antwort des Offiziers. Vor zwei Stunden, so meldete er, wäre der Feind in schlechter Ordnung, in drei Kolonnen über das Eis der Lohe gegangen. Auch hätte er, lind seine Stimme klang wie ein Jauchzen, im Norden schon nahe die Lichter von Breslau gesehen. Im Flackern des Lichts strahlten die Augen des Königs vor Freude. Dennoch sah er mißtrauisch auf seinen Offizier. Was hatte man ihm in Frieden und Krieg schon alles an Unsinn gemeldet! Gallig fragte er den Offizier: Hat Er >das selbst gesehen, daß die ganze österreichische Armee zurück über die Lohe geht?" Der Rittmeister bejahte. Da nickte der König und befahl:Dann reit Er nach Groß-Gohlau! Er weiß doch das Nest? Dort trifft Er den Zielen. Meld' Er ihm, daß ich im Schlosse von Lissa Quartier nehme! Er soll mir immediatement zwei Feldjägeroffiziere schicken!" Seine Stimme hatte gnädiger, fast mitoe geklungen. Er griff mit der Hand, die den Krückstock hielt, cm den Hut und ritt an den schattenhaft hn Dunkeln haltenden Reitern vorüber. Bald hatten hinter ihm der weiche Schnee und der böige Wind den Galoppschlag der sich entfernenden Patrouille verfchbmgen.

Der König nickte vor sich hin und klopfte mit der Rechen, die im durchnäßten Handschuh steckte, den Hals seines Pferdes. Denn, wich der Feind schon über die Lohe zurück, dann war das nicht Rückzug, sondern Flucht. An einem schmalen Fttihla-uf, zu dem die Straße sich plötzlich senkte, bog Friedrich nach Norden. Es hatte zu schneien aufgehört. Duster und rot Hing der Mond riesenhaft über Leuthen. Waffe Sterne standen verschleiert am Himmel. Im Froste klirrte das Ets des gefrorenen Flüß­chens. Manchniol pfiff ein schneidender Windstoß den Bachlauf entlang.

Da wieherte plötzlich sein Pferd. Aufmerksam spähte er durch das fahle Dämmern der Winternacht. Ein oerschwimmsndes Licht stand vor ihm. Dunkel türmten sich die Mauern des Schlosses von Lissa. Aus dem linke» Flügel schimmerte zu ebener Erde ein Lichtstreif. Das Tor war geschlossen. Zwei Posten standen wie Schatten davor. Sie präfentierten. Seltsam schien dem König der Griff. Doch sah er nicht deutlich. Klirrend sänke» hinter ihm die Gewehre in Ruh. An der Türe, durch deren Spalt über der Schwelte der Lichtstreif auf den Schnee fiel, parierte er. Stimmen wäre» hinter der Türe zu hören. Eine Gestalt, unkenntlich im Dunkeln, trat auf ihn zu, stand stramm. Da glitt der König vom SattÄ, warf die Zügel dem Wartenden zu und trat ein. Im Luftzug der sich öffnenden Tür flackerte fast verlöschend eine Laterne, die an einer steinernen Säule hing. Dunst und Schnee und Nässe, Qualm und Rauch füllten den Raum. Rings a» den Wänden standen Tische mit Gläsern und Flaschen. Menschen schwatzte« in den zuckenden, dunstigen Schatten. In der Tiefe des Raumes schirw inerten marmorne Schatten und der Zierrat der Treppe. Der König Mtefc stehen. Gesichter wandten sich ihm zu, die wie im Nebel verschwamme». Seltsam schien es ihm, daß keiner sich rührte.

Da fuhr plötzlich einer, der ihm zunächst sah, polternd vom Stuhl« auf, neigte sich forschend gegen das Antlitz des Königs, taumelte zu ruck und griff an den Degen. Sporenklirrend, stampfend sprangen die Sitzen­den auf. Rings um den König drängten sich österreichische Offiziere. Am» zweitenmal an diesem Abend hörte er leise das Flüstern: der König!--

Dann standen sie sttll, als hielte die Theresia vor ihnen.

Der König stand wie erstarrt. Er fühtte fein Leben zerbrechen. Nur sein Blick blieb ruhig und ging prüfend von einem zum andern. Da wußte er, daß sie sich von ihm überfallen und das Schloß von seinen Grena­dieren umzingelt glaubten. Rasch trat er vor, ohne den Mick von ihnen zu wenden, nahm den Dreispitz vom Haupt, lächelte und sagte: Bon soir, Messieurs! Sie haben mich hier wohl nicht vermutet?"

Noch rührte sich keiner. Da kam eine Gestalt in weißem Reitermantel die Treppe herunter, beugte sich erstaunt über das verschnörkelte Gitter der Stiege und skand dann mit drei Sprüngen auf der untersten Stufe. Erst blickte der hochgewachfene Mann, der Oboist vom Regiment Savoyen, ungläubig auf den fremden Offizier, dann hob er verwundert die Brauen. Seine Augen lachten vor Glück. Langsam trat er an den König Hera», stand zwei Schritte vor ihm kerzengerade sttll, hielt den goldbetreßten Hut nach Vorschrift mit der Rechten von sich und sagte leise, doch so deutlich, daß es jeder hören konnte:Sie haben sich verirrt, Sire! Ich bitte untertänig^, mir zu folgen. Mein Quartier steht Euer Majestät zur Ver­fügung." Dann wandte er sich der Treppe zu, um Friedrich den Vor­tritt zu lassen. Da löste sich die Erftarnmg der Offiziere. Einer griff as den Korb seines Säbels und zog. Degen klirrten cms den Scheiden, und aus dreißig Kehlen jauchzte der Ruf:Vivat Theresia!"

Niemand achtete in diesem Taumel des Königs. Erst als die« schlug, horchten sie auf. Da war der König verschwunden. Draußen hielt ihm der Soldat, der nicht ahnte, was er tat, den Bügel. Bedächtig fast stieg Friedrich in den Sattel. Eben als er in die Auffahrtsallee etnbog, und wieder die Gewehre der kaiserlichen Grenadiere im PräsentiergrH klirrten, verstummte drinnen im Schlosse der Jubel. Die Tür flog auf, der Alarmruf gellte, und ein Signal zerriß die nächtliche Stille, Aus schwarze« Gebäuden und Ställen schwankten die Lichter. Die Gäule hinter sich her­ziehend, stürzten fluchend die Leute ins Freie. Keiner achtete des Reiters, der an ihnen vorbei über die Schloßstraße trabte.

Am Ende der Allee, dort, wo sie in die Landstraße ein mündete, bos der König ins Feld. Der Mond war hinter Wolken verschwunden. Dicht fiel wieder der Schnee. Noch sah der König die Bäume der Sttaße. All hörte er schon Hufschlag und Jagen. Wie em riesiger Schatten brauste eine Schwadron vom Schlosse her auf die Straße hinaus. Sie sahen ihn nicht. Da trabte er langsam ins offene Land.

Zwei Stunden später faß der König in einem ärmlichen Lehnstuhl einer Bauernstube in Zielens Quartier. Der Alte war erstaunt, ihn zu sehe«. Denn er hatte doch Meldung, daß der König im Schlosse von Lissa Quar­tier genommen. Doch fragte er nicht. Friedrich war bleich, trank hastig einen Becher Wein, den ihm der General geboten, legte den Hut vor sich auf den eichenen Tisch und sagte:Weiß Er, mein fieber Zieten, daß ich feit heute an Mirakel glaube?* Der Alte meinte zu verstehen und lachte: Das Mirakel von Leuchen, Euer Majestät, find Siel" Müde schüttelte Friedrich das Haupt:Die Schlacht, Zieten, meine ich nicht!" Dcnm schwieg er. Erst nach einer Weile blickte er wieder auf und sagte:Hör' Er der Rittmeister vvm Regiment Bayreuth, der heute die Patrouille an dte Lohe führte, ist ein Esel. Setz' Er ihn drei Tage in Arrest!"

Der General uerftanö nicht recht, erhob sich, nahm den leeren Becher des Königs und goß aus einer Feldflasche, die über öem Pelz an der Tür« hing, ein. Dann trat er an den Tisch zurück und wollte fragen. Da sah er, daß der König schlief.