Ausgabe 
30.4.1927
 
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Mein Gott! wie trocken und dürre stellen sich doch manche Leute die ' Seele eines Kindes vor!" ruft Herder, die Schönheit des alten Kinder­liebes bewundernd, in seinen berühmten fliegenden BlätternBon deut­scher Art und Kunst" 1773 aus.Und was für ein großes treffliches Ideal wäre mir dasselbe, wenn ich mich je in Liedern dieser Art versuchte. Eine ganze, jugendlich-kindliche Seele zu füllen, Gesänge in sie zu legen, die meistens die einzigen, lebenslang in ihnen bleiben welch ein Zweck welch ein Werk!" Der große Borahner der Romantik umfaßte auch diese zartenStimmen der Völker" mit seiner Liebe und hat auch hier die Bflege und Bewahrung der volkstümlichen Tradition einfideitet, s In den Sammlungen der Arnim und Brentano und der Brüder Grimm inDes Knaben "Wunderhorn" und denKinder- und Hausmärchen', trat dann zuerst das Kinderlied als das kleinere, zierlicher gebaute, aber Nicht minder schöne und frische Geschwister neben Volkslied und Märchen. Richt minder gilt von ihm, was Wilhelm Grimm vom Märchen sagt: Innerlich geht durch diese Richtungen dieselbe Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen; die haben gleichsam die­selben bläulich-weißen makellosen, glänzenden Augen, die nicht mehr wachsen können, während die anderen Glieder noch zart, schwach und zum Dienst der Erde ungeschickt sind... Diese unschuldige Vertrautheit des Größten und Kleinsten hat eine unbeschreibliche Lieblichkeit in sich, und wir möchten lieber dem Gespräch der Sterne mit einem armen verlasse­nen Kind im Walde, als dem Klange der Sphären zuhören." Durch solche Verehrung der Volksdichtung angeregt, hat als frühester systematischer Er­forscher Karl Simrock in seinemDeutschen Kinderbuch" (1848) die Blüm­lein aus dem Kindergarten unserer Poesie zum vollen Strauße gewunden. 673 Liedchen, Scherze, Spielreime, Räisel usw. brachte er zusammen, und fünfzig Jahre später war die Anzahl in der großen Sammlung von Franz Magnus Böhme auf gegen 3000 angewachsen. Unermüdlich ist seitdem weiter gesammelt worden in Pommern und im Siegerland, im Kölnischen und im Kanton Bern, in allen deutschen Gauen, und die Ernte ist wohl so ziemlich in den Scheuern. Aber es war auch höchste Zeit, denn mehr und mehr verstummt der liederreiche Mund der Kinder, der alten Ammen, der wiegenden Kinderfrauen und der guten Groß­mutter auf dem Dorfe, all der Hüter und Freunde derlieben Goties- pflänzlein", die mit den Kleinen zusammen diesen Hort poetischer Schön­heit geschaffen und so lange bewahrt haben.

Unbekannt und ungenannt sind die Schöpfer der Lieder. Eltern und Kinder, Onkel und Tanten, Muhmen und Basen haben daran mitgedichtet, und daß dem Kindergeist fein gut Teil, ja das Beste, am Entstehen dieser Verse gebührt, das zeigt die bunte Lebendigkeit der Phantasie, die Siern und Blume, Gott und' Tier, das Fernste und das Nächste mit unbefan- - gener Freude verbindet und in naivem Tiefsinn die Geheimnisse des t Lebens ausbeutet, das beweist die sprunghafte Unordnung des Denkens, i die das Zufälligste in überraschender und ergreifender Weise aneinander s gliedert, und die natürliche Nachlässigkeit der Form, die sich statt des ! Reims mit dem ungefähren Gleichklang begnügt, die wunderlichsten und i krausesten Schallzusammenstellungen liebt und mit Vorliebe den Dialekt, ! diesenbequemen Hausrock" der Sprache, anzieht. Ueberall schimmern s Spuren einer uralten Vergangenheit durch, deren sich die Dichtenden > nicht bewußt sind, die sie nicht verstehen und verdrehen und die doch ihre i ehrwürdige Bedeutung bewahren. Uralt sind manche Reime und For- > mein, die"alle Kennzeichen des germanischen volkstümlichen Berses haben, I uralt die Blumenorakel, die Wundsegen, mit denen man heute noch die Schmerzen der Kinder bespricht wie zur Zeit der Merseburger Zauber­sprüche (Heile, heile, Kätzchen..." ist z. B. die Ausrufung des heiligen Tieres der Göttin Holda); uralt sind die Ringelreihen, Reste der frühesten hymnischen und chorischen Poesie (die Kinder, die imHollerbusch" sitzen, sind in Holdas unterirdischem Reich). Für ein Zurückreichen vieler Kinder­lieder bis in die Zeit der Völkerwanderung und für einen gemein-germa- ntschen Ursprung spricht die Uebereinstimmung von Inhalt und Form trotz zahlloser Varianten in allen Ländern, in denen Germanenstämme gewohnt haben, und die Fülle der altheidnifchen Vorstellungen, die sich in friedlicher Nachbarschaft mit echt christlicher Frömmigkeit erhalten haben.

Aus der Tiefe einer alles belebenden Naturreligion, wie es die ger­manische war, ist das Kinderlieb geboren. Tiere und Pflanzen sind ihm die besten Spielgefährten; es grüßt die Käfer und Vögel wie Wind und Walken; beim Pseifenschneiden und Beerenpflücken sprechen die Kinder mit Rohr und Früchten, Mond und Schnee sind gute Gesellen; Sonne und Regen werden in Liedchen gepriesen, die an die alten Sonnen- und Regenkülte gemahnen. Der deutlichste Beweis für das Fortleben ger­manischer Sonnenverehrung ist die große Rolle, die Frau Holle, die Holda der Mythologie, d. i. Göttin der Sonne und der Liebe, spielt. Sie spendet Regen und Sonnenschein und schüttelt die Schneeflocken aus ihrem Bett. Ihr Baum, die Linde, ihr heiliges Kraut, der Rosmarin, kehren in den Versen häufig wieder, noch öfter ihr Bote, der Storch, Adebar, der Glücksbringer, der aus Holdas goldenem Born die Kindlein zu den Menschen trägt. Auch die Rufe an den Sonnenkäfer, der dann vom Christentum als Marienkäfer der Jungfrau geweiht wurde, gelten eigentlich der Göttin Holda, und im allbekannten Maikäferlied ist das abgebranntePommerland" eine Verballhornung aus fiollerland, Holda­land, dem Reich des Lichtes, das der Weltenbrand der Götterdämmerung vernichtet. Wotan fährt im Kinderreim alsKönig" durch den rauschen­den Regen, verleiht als guter heiliger Martin seine Gaben. Der Daumen, der ihm heilig ist, bringt besonderes Glück; erschüttelt die Pflaumen" in jenen beliebten Fingergeschichten, die ihren tieferen Sinn durch den ger­manischen Glauben an die Wahrsagungsgabe der Hand erhalten. Die Schicksal spinnenden drei Nornsn erscheinen als die drei Docken, drei Puppen, drei Schwestern, drei Mariechen und wohnen in einemhohen Haus", das bald ein Glocken-, bald ein Hühnerhaus ist. So liegt, wie in so manchem kindlichen Spiele, auch hier ein hoher Sinn verborgen, zu- s mal mir noch von Sitten und Bräuchen, besonders in den Umzugsreimen und Jahresliedern, viel erfahren, bann vom Tod, demschwarzen Mann", von Pestilenz und Hexerei, vom bösen Dreißigjährigen Krieg, vom uner­löstenbuckligen Männlein" und vom finsternButzemann", dem Teufel. Die mythologischen, die kulturgeschichtlichen und volkstümlichen Vorstel­lungen shakf-,, jedoch nur den stimmungsvollen Hintergrund, van dem

sich in lichter Herrlichkeit der eigentliche Inhalt der Kinderlieder abhebt: eine wundervolle Darstellung des kindlichen Wachsens und Werdens, der Jugendträume und Spiele, all des fröhlichen Scherzes und stillen Ernstes im rosigen Morgenlicht des Lebens.

Sanft leiten die Wiegenlieder diese Simonia domestica ein:Eia popeia, was raschelt im Stroh?" UndSchlaf, Kindlein, schlaf!" Ist erst dasdumme Bierteljohr" vorbei, dann wird der kleine Erdenbürger schon zum Mitspieler in diesem idyllischen Drama, indem er auf all die lustigen Ammenscherze" eingeht, alsSchweinchen" geschlachtet (Quiek, quiek, quiek!"), oder vomMäuschen" gekrabbelt oder mit dem Taler, mit dem er Kuh und Kälbchen kaufen soll, in dem Handteller gekitzelt wird. Dazu kommen die lieblichen Schmeichelreime und Koseliedchen, die Händeklatsch- und Fingerspielverschen, die Trost- und Beruhigungssprüchlein, kurz das beseligende Geplauder, durch das eine glückliche junge Mutter mit ihrem Kindchen Zwiesprach hält und das seinen höchsten dichterischen Ausdruck in der schlichten, geheimnisvoll tiefsinnigenAmmenuhr" findet. Zu lusti­gem Reim tanzt das Würmchen auf dem Arm, und bald sitzt es sogar auf Schoß oder Knie und beginnt seine ersten Reitkunststücke, die eine Unzahl von Schaukel- und Kniereiterliedchen verschönen. Auch der Ernst des Lebens wirft seine ersten Schatten voraus in den ewigen Sonnen­schein. Dem unartigen Kinde drohen Rute, schwarzer Mann und Butze­mann, hinter denen es zum Glück noch nicht Tod und Teufel ahnt, in strengen Zuchtreimen. Bald beginnen die Kleinen schon im Spiel zu ler­nen. Die Zählreim« (Eins, zwei, drei, dicke backe hei") und die Buch­stabierscherze (A B C, das Kätzchen lief im Schnee"), sind die ersten Hebungen, deren heitere Lustbarkeit noch nichts verrät von den ernsten Ausgaben der Schule. Diese Exerzitien werden dann bei den größeren Kindern verwickelter: man erzählt sich schwierige Gedächtnisübungen, wie die langatmige Geschichte von Jockel, den der Herr ausfdjidt, gibt tolle Sprachscherze und Zungenspiele auf (Die Katze tritt die Treppe krumm ) und entfallet einen Reichtum in anmutigen Rätseln. Kinderpredigten werden gehalten mit langen Kettenreimen und putzigen lateinischen Brocken (Quibus, quabus, die Enten gehen barfuß"). Zu dieser drolligen Nachahmung der Großen steht der fromme innige Ton der Kindergebete im Gegensatz. Die Ansinge- oder Jahreslieder begleiten die festlichen Um­züge des Kirchenjahres vom Bettelspruch der Sternsinger bis zum Weih- nachtslied an des Jesulein Krippe. Zahllos sind die Verse beim Spiel, die Auszählreime (Ich und du, Bäckers Kuh..."), die Texte zu den Ketten- und Reigenspieten, diesen pantomimischen Urformen eines kind­lichen Dramas (Adam hatte sieben Söhne,.. Sie aßen nicht, sie tranken nicht, sie machten alle so."), die Neck- und Spottsprüchlein, die luftigen Lügengefchichten und die phantastischen Märchen.

Ja, es ist eine seltsam krause, wunderlich eigenwillige Welt, die Wett des Kinderliebes, die dem Großen manchmal verkehrt und verquert zu sein dünkt. Und doch gehorcht sie ihrem eignen harmonischen Gesetz, dem leise {prechenben Gebot der Natur, das die feinen Ohren dieser Erde so nahen Geschöpfe am besten hören. Wie wirr klingt uns manchmal die naive Lautmalerei der Kindersprache mit ihrem Bubbedubbedub, Pide- widewit (mein Mann ist Schneider), ihre Nachahmung von ©loden, Mühlrädern u. Vogelstimmen! Wie singen, zwitschern, quaken, brüllen und schreien in diesem vielstimmigen Tierkonzert Schwalbe und Lerche, Kibitz und Kuckuck, Frosch und Ente, Hahn und Schaf durcheinander! Und doch wie wundervoll ist alles in der Natur beobachtet und gesehen, so rem, Jo innig, so aus tiefster Seele. Rückert hat das in der Weiterdichtung eines alten' Kinderliebes schon einmal ausgesprochen:

O du Kindermund Unbewußter Weisheit froh, Bogelsprache kund Wie Salomo."

Karl Friedrich Eamtz.

Zu seinem 150. Geburtstag.

Von Professor Dr. Paul Kirchberger.

Oh Weimar, dir fiel ein besonder Los, Wie Bethlehem in Juda, klein und groß! fang man mit Recht in der Goethe-Schiller-Zeit; denn was wäre Weimar ohne jene Geisteshelden! Liber mit ähnlichem Recht kann man fragen: Was wäre die kleine südhannoversche Universitätsstadt Göttingen ohne Gauß, und was verdankt sie ihm alles?" Gewiß hat Deutschland viele große Gelehrte gehabt, aber ich wüßte keinen zu nennen, dessen Name noch mehr als 70 Jahre nach seinem Tode die Statte seiner Wirksam­keit so ausfüllt, so vernehmlich sozusagen aus jedem Steine spricht, wie es bei dem Namen Karl Friedrich Gauß der Fall ist, der Göttingen auf ernte den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat. Wohl hat die kleine Universitätsstadt auch schon vor ihm manches Talent in ihren Mauern oesehen, durch Bürger und den Hainbund hatte sie sich auch einen Ehrenplatz in der Geschichte deutscher Dichtung erworben, durch Gauß aber wurde sie bas, was sie jetzt ist, die hervorragendste Pflanzstätte mathematischen Geistes und mathematischer Forschung in Deutschland, ja vielleicht auf der ganzen Erde. Nur kurze Zeit, nämlich als Weierstraß in Berlin lehrte, wurde ihr Glanz überstrahlt; sonst wirkte der Name des größten deutschen Mathematikers mit einem so eigentumlic^n Zau­ber, daß die jeweils hervorragendsten Vertreter dieser Wissenschaft nur selten einen Ruf an die Georgia-Augusta in der ßeineftabt ableynten, ober, wenn sie dort waren, kaum einen nach auherhalo annahmen. Natürlich gab und gibt es auch außerhalb Göttingens große deutsche Mathematiker, aber keine andere deutsche Universität hat eine so lange Reihe großer Bahnbrecher in der Mathematik auszuweisen wie Göt­tingen. Auch in allen an diese Wissenschaft angrenzenden Gebieten be­hauptete diese Hochschule feit einem Jahrhundert eine stolze ^ohe.

Gauß begann seine Laufbahn als reiner Mathematiker. Es wird er­zählt, daß er schon als ABC-Schütze die staunende Bewunderung ferner Lehrer erregte. Ein Lehrer hatte nämlich, da er verschiedene Klassen zu unterrichten hatte, den kleinsten Bürschchen, um sie für eine Wei.e