Ausgabe 
30.4.1927
 
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Mit Verlaub", Herr Finnickel, er ist überaus tüchtig in jedem Amts- gefchäft. Er könnte mich vertreten, und niemand würde mich vermissen."

Dann freilich muß er wohl sehr tüchtig sein, ha,", erwiderte Fin­nickel ironisch.Ei, was geht's mich an. Ich habe anderes aus dem Her­zen, Herr Bürgermeister."

Bitte, was betrifft es denn?" rief der Bürgermeister eifrig.Das Pflaster etwa vor Ihrem Hause? Versteht sich, soll sofort ausgebessert werden."

Finnickel holte sich mit spitzen Fingern eine Prise aus der Schild­pattdose, die ihm der Bürgenneister wieder hinhielt, und erwiderte langsam:

Nein, nicht das Pflaster"

oder," fuhr der Bürgermeister fort, sich selbst auch eine Prise nehmend,oder die Parzelle neben Ihrem Grundstück nm Mühlenturm?"

Nein, Herr Bürgermeister, nicht die Parzelle."

Ah, dann vielleicht der Abflußgraben Ihres Nachbars. Ich werde mit dem Manne reden."

Finnickel lächelte ein wenig.

Auch nicht der Abflußgraben, wenngleich er mich mit den> Gestank belästigt. Nein, es ist eine hm eine ganz persönliche Angelegenheit."

Wenn ich Ihnen behilflich sein kann, Herr Finnickel?"

Das hoffe ich!"

Finnickel packte den Elfenbeinknopf seines Stockes und blickte an dem Bürgermeister vorbei zum Fenster hinaus.

Ja, was ich sagen wollte," fuhr er fort,wir leben in einer bösen Zeit

In einer sehr bösen Zeit!" bestätigte der Bürgermeister.

Nichts ist mehr beständig. Alles ist in Gärung. Unsicherheit draußen und drinnen. Alle staatliche und bürgerliche Ordnung wird umgestotzen. Die Ruhe ist hin. Man will seines Lebens nicht mehr froh. Und wer auf sich selbst angewiesen ist wie ich, verliert die Sicherheit."

Ihnen fehlt die Hausfrau, Herr Finnickel, wenn ich so sagen darf."

Das sagen Sie gut. Die Haussrau. Ich will mir Hilfe schaffen, um mein Haus und mein Geschäft in Ordnung zu halten, mit anderen Wor­ten, ich will mir eine Frau nehmen."

Meine Gratulation!" rief der Bürgermeister und schüttelte ihm die Hand.Meine Gratulation zu diesem wackeren Entschlüsse! Wollt' ich Ihnen mit Erlaubnis doch längst dazu geraten haben. Ein Mann wie Sie! Reputierlich und vermögend. Hol' mich der Kuckuck, wenn Sie nicht trotz Ihrer hm trotzdem Sie schon hm ich meine doch noch eine respektable Frau kriegen, beispielsweise eine brave, handfeste Witfrau"

Finnickel räusperte sich und trommelte mit seinem Stock leise auf den Boden.

Nicht wahr!" fuhr der Bürgermeister voll Eifer fort, weil er Fin- nickels Räuspern als Beifall aufgenominen hatte,nicht wahr, eine Wit­frau mit drei, vier Kinderchen, was meinen Sie? Dann Hütten Sie die doch auch schon gleich dabei bei der Familie,,,."

Er lachte und freute sich über seine Bemerkung und klopfte Finnickel aufs Knie.

Finnickel räusperte sich wieder und trommelte stärker mit seinem Stock.

Ist eine liebe Frau im Haus, dann lacht die Freude zum Fenster hinaus, heißt es im Sprichwort. Und die Freude, Herr Finnickel, die tüt Ihnen not, denn, ich bitte nm Bergebung, in Ihrem Hause sah es bislang recht mutzköpfig aus. Spaß, Herr Finnickel! Aber im Ernst: wie kann ich Ihnen in dieser Angelegenheit zur Hand gehen? Soll ich Ihnen etwelche passende Partien empfehlen? Ich kann sie Ihnen an den Fin­gern nufzählen. Da ist beispielsweise die Witfrau Veronika Leiendecker aus der Seilspinnergasse, die"

Ckgebensten Dank, Herr Bürgermeister", unterbrach ihn Finnickel und legte ihm sanft die rechte Hand auf den Arm. Aber ich habe schon gewählt."

Der Bürgermeister machte ein erstauntes Gesicht.

Sie haben schon gewählt? Ei, der Tausend! Schau' sich einer mit Respekt den Jüngling an! Und da habe ich wohl die Ehre?"

Jawohl, Herr Bürgermeister, ich ich habe die Ehre!"

Da soll ich am Ende der Brautwerber sein, Herr Finnickel? Mit Vergnügen!"

Finnickel schaute ihn schars an, wobei er das linke Auge ganz zu­kniff.

Der Brautwerber," antwortete er,ja sozusagen."

Der Bürgermeister rückte noch etwas näher und fragte schmunzelnd und zwinkernd:

Und wenn man es wissen darf: wer ist denn die Glückliche, he?"

Finnickel erhob sich langsam vom Stuhle und sagte mit feierlicher Be­tonung:

Die Glückliche! Das wollen wir hoffen, Herr Bürgermeister! Dero Demoiselle Tochter!"

Das Schmunzeln und verschwand augenblicklich aus dem breiten Ge­sicht des Bürgermeisters und machte dem blöden Ausdrucke der höchsten Ueberraschung Platz.

Meine Tochter??" stotterte er, nachdem er sich etwas gesammelt hatte,ho? Meine Tochter? Vergebung, aber hörte ich recht?"

Dero Demoiselle Tochter! Ich habe die Ehre!"

Der Bürgermeister rieb sich verwirrt das fleischige Kinn.

Obligiert, Herr Finnickel, obligiert, aber"

Sie sind überrascht, Herr Bürgermeister. Ich wäre es, offen gestanden, auch an Ihrer Stelle. Doch nicht ganz so. Denn wenn Sie rasch die hm Vorteile überschlagen"

Obligiert, Herr Finnickel, obligiert! An Vorteil denk' ich, Gott be­hüte, nicht! Aber ich denke daran, daß Sie, mit allem schuldigen Respekt, in hm ein Mann schon in den Jahren mit einem bald so grauen Kops wie ich, und meine Tochter ein blutjunges Ding! Wie soll ich eins ins andere schicken? Die Rose blüht im Winter nicht."

Ein poetischer Vergleich, Herr Bürgermeister," enigegenete Finnickel lächelnd,mein Kompliment! Aber ist denn das Glück an Alter ge­bunden?"

In diesem Falle!"

In keinem Falle!" widersprach Finnickel ruhig.Ich habe immer ge­sehen, daß die Harmonie in der Ehe auf sicheren Füßen steht, wenn der Mann älter und an Erfahrungen reicher ist als die Frau."

Wohl, wohl!" rief der Bürgermeister und rückte auf dem Stuhle hin und her,aber der Unterschied der Charaktere!"

Ein kleiner Unterschied der Charaktere ist wesentlich zum ehelichen Glücke."

Wohl, wohl! Doch gebe ich Ihnen, bester Herr Finnickel, zu be­denken, daß die Zeiten jetzt so unruhig und voll Verwirrung sind, daß man heute nicht weih, was morgen sein wird. Wollen wir nicht, ich bitte Sie, mit dem schweren Entschlüsse warten, bis man wieder mit etlicher Sicherheit über die Zukunft bestimmen kann?" Drüben auf der anderen Seite stehen die Sansculotten!"

Finnickel machte eine wegwerfende Handbewegung.

Der Rhein ist besser als die chinesische Mauer. Und überdies schützt uns die Rheinarmee."

Wenn sie da wäre!"

Und wenn die Sansculotten kämen," fuhr Finnickel fort, ohne aus des Bürgermeisters Zwischenruf zu achten,ich sage, wenn, was wäre es Schlimmes? Veränderungen bringen Vorteile immerhin. Ich hab' mich wohl versehen mit allem, was mir nützt. Und für den Fall, ist nicht der Ehemann der beste Schutz?"

Wohl, wohl. Jedoch es will mir nicht in Kopf und Herz, daß Sie und meine Tochter"

Finnickel reckte sich auf und sagte rasch und mit starker Betonung:

Herr Bürgermeister, mit Verlaub ein offenes Wort: Wir zwei sind vernünftige .gereifte Leute"

Wohl, wohl."

Wir wollen die Affäre einmal kühl betrachten."

Das kann ich nicht, bester Herr Finnickel."

Finnickel schloß einen Augenblick die Augen und fuhr dann ruhig fort:

Meine Güter sind geordnet. Ich kann mir helfen. Wie mein Ver­mögen steht, das wissen'Sie so gut wie ich. Brauche ich noch mehr zu sagen? Gibt sich nicht alles wie von selbst? Sie, hochgeschätzter Herr Bürgermeister, haben die Macht"

und Sie das Geld!"

Richtig!" rief Finnickel und stieß heftig mit dem Stock auf den Boden.Jetzt sind wir auf dem richtigen Punkte! Und wenn die De­moiselle Tochter mit einem rosafarbenen Bande uns beide hold verknüpft, regieren wir die Stadt, und unsere Enkel loben uns."

Halt, halt, viellieber Herr Finnickel! Mir wird speiübel!"

Dagegen hab' ich rasch ein Mittel bei der Hand!" entgegnete Fin­nickel mit einem unangenehmen Lächeln, rückte dem Bürgermeister ganz

nahe und sagte leise:

Unter uns gesagt, Herr Bürgermeister, die Bürgerschaft x\t nutzt ganz zufrieden mit Dero Amtsführung in dies und jenem Punkte.'

Wohl, wohl", antwortete der Bügermeister betroffen und runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn.

Finnickel fuhr fort:

Mißvergnügte sind am Werke. Dero Bürgermeiflerseßel stet, mehr ganz fest.'Er wackelt! Man muß ein Spünchen unterlegen. Ich, ich will das Spänchen sein. Ich gelte was in der Bürgerschaft. Die halbe Stadt ist hinter mir.,, sehen Sie, wir verstehen uns! War's nicht ein Unglück für die Stadt, wenn irgendein Jchweißnichtwer den Sessel da drückte, auf dem Sie so bequem sitzen, und solch ein weiser, mel- erfahrener und um die Bürgerschaft verdienter Mann im Winkel stehen müßte? Sehen Sie, wir verstehen uns,,."

Der Bürgermeister saß da wie vor den Kopf geschlagen. Er kragte sich über den kahlen Schädel und schaute Finnickel von der Seite her mit grimmigen Blicken an. .

Ich ich muß mir das das alles in Ruhe durch den Kovf gehen lassen und und mit meiner Tochter will ich sprechen. Von ihrem Willen--" . _ r , ,

Ein verworrenes Geräusch unterbrach ihn. Von der Straße heraus schallte aufgeregtes Sprechen und Rufen. Man hörte viele Menschen her­beilaufen. Auch auf den Fluren und Treppen des Rathauses erhob sich ein ungewohnter Lärm.

Was gibt's denn draußen?" rief Finnickel und stand auf.

Der Bürgermeister war vom Sessel aufgesprungen und ans Fenster geeilt. .

Im selben Augenblick kain hastig der Sekretär herein mit allen Zeichen der Erregung.

Herr Bürgermeister!" rief er.

Weiß Er nicht," fiel ihm Finnickel ärgerlich ins Wort,daß wir Wichtiges konferieren?!" u

Verzeihung, Herr Bürgermeister, für die etwaige Störung Etwaige?" wiederholte Finnickel und schaute den Sekretär böse cm. Was geht denn vor, Sekretär?" rief der Bürgermeister.

Noch weih ich nichts Bestimmtes," berichtete der Sekretär,bie Stadt ist in einer Aufregung und Verwirrung. Die Leute schreien durch' einander unter ängstlichen Gebärden." (Fortsetzung folgt).

Vom deutschen Kinderlied.

Von Dr. Paul Landau.

Wenn im Frühling mit linden Lüften und Vogelsang die Kinder nach langer Winterhast wieder im Freien fröhlich spielen und toben, dann mischen sich ihre helle Stimmen in den allgemeinen Jubel der Ratur. un uralte Kinderlieder steigen zum Himmel. Im Kinderlieb, das auch noch- trotz Jazz und Gassenhauer lebendig ist, spiegelt sich nicht nur i Seele des Kindes, sondern auch ein gut Teil denkwürdiger Vergangeny - und ein Schatz echter Poesie ist uns hier bewahrt, der mit Staunen n langer Vergessenheit von Herder und der Romantik entdeckt wurde.