Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
M
■■
------ ' ------ — --—--------- -—
Jahrgang |92Z Zamrtag, den 3V.April Nummer 3H
An das Glück.
Von Wilhelm Schäfer.
Schwebest oft mit sanftem Flügel Durch das Menschenleben hin.
Fassest Leid und Schmerz beim Zügel. Gibst dem Leben Hähern Sinn.
Bann den kalten Schmerzensschauer, Der mein wehes Herz umflicht, — In die Tiefe meiner Trauer Weht, o Glück, dein Rauschen nicht.
Die AK snksmmrr.
Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser.
In dem weißgekälkten Amtszimmer des Bürgermeisters einer kleinen Stadt am Niederrhein saßen an einem sonnigen Sommernachmittage des Jahres 1794 der Herr Bürgermeister und sein Sekretär vor ihrem Pult. Es war ganz stille in dem Zimmer, nur das leise Kratzen der Feder des Sekretärs und das Summen einer Fliege war zu hören, die immer wieder mit dem Kopfe gegen die grünlichen Fensterscheiben stich. Der Bürgermeister nahm jetzt die Hornbrille ab und putzte sie mit einiem großen, roten Sacktuche, das er aus dem Schoße seines langen, braunen Rockes gezogen hatte. Dabei blinzelte er gegen die Decke und verfolgte Bürgermeister nahm jetzt dis Hornbrille ab und putzt« sie mit einem Seufzer setzte er die Brille wieder auf seine dicke Nase, nahm aus einer mit Messingplättchen verzierten Schildpattdose eine Prise, schneuzte sich mit dem Sacktuche und sagte: u
„Sekretär, reich' Er mir, was noch zu unterfertigen ist.
Der Sekretär hob ein wenig den Kopf von seiner Arbeit und erwiderte: , .
„Noch ein Amenlang, Herr Bürgermeister. Dann bin ich mit dem langen Bericht über die sieben Fälle von Lazarettfieber so weit."
„Es ist erstaunlich", sagte der Bürgermeister, „daß dieses bösartige Fieber aus den Lazaretten von Altenberg und Venzberg bis in unsere wohlverwahrte Stadt kommen kann."
„Weniger erstaunlich," entgegnete der Sekretär und drehte sich halb zu dem Bürgermeister um, „weniger erstaunlich, wenn man bedenkt, daß das Fieber unter den Bauern schon bedenklich verbreitet ist, und diese es mit ihrem Kappes und Kohl in unsere Stadt hineintragen."
Der Bürgermeister nickte. ,
„Wir werden mit dem Stadtphysiko überlegen muffen, welche Maß- regeln dagegen angebracht sind. Gott behüte! Hat Er mir nicht berichtet, Sekretär, "daß in Bensberg täglich ganze Karren voll Leichen nach dem Friedhöfe fahren?" .
„Freilich, Herr Bürgermeister, ganze Karren, und noch immer ist kein Ende-nd 9)eiten [)euer, Sekretär, schlimme Zeiten! Der
Handel stockt, und das Gewerbe hat inständig Feiertag. Auf den Dürpeln der Kaufläden wächst das Gras, und seit Monden legt kein Schiff mehr an am Rheinwerst. Die Ernte ist mißraten, für den Zentner Roggen beispielsweise zahlt man zehn Taler. Dem gemeinen Mann wird gar das tägliche Brot knapp. Und drüben auf der anderen Seit steht der Franzos —" -
„Der Ohnehos," vollendete der Sekretär.
„Der Sanskulott."
„Bewahr' uns Gott!" . ' ‘ ,
„Hat Er mir nicht berichtet, Sekretär," fuhr der Bürgermeister fort, ,haß die Sanskulotten täglich über den Rhein rufen und drohen, sie kämen bald und wollten ihre Menschenrechte h«rüberbrir-«en?"
„Das schreien sie tagtäglich, Herr Bürgermeister. Aber der Rhein ist breit und tief."
Der Bürgermeister seufzte. .
„Schlimme Zeiten Heuer, schlimme Zeiten! Und daß ich in meinen grauen Haaren noch Krieg und Elend muß erleben! Und hol' mich der Kuckuck, es ist ein böser Geist in die Bürger unserer braven Stadt gefahren! Weit schlimmer als das Fieber aus dem Bensberger Lazarett ist das Fieber, das von drüben kommt, vom Westen."
„Mißvergnügte und Schreier gibt's überall und immer, sagte der Sekretär achselzuckend und drehte sich wieder zu seiner Arbeit herum.
Der Bürgermeister stand auf, trat ans Fenster und schaute mit sorgenvoller Miene, die Hände auf dem Rücken, auf den Marktplatz. Mit den Fingern der rechten Hand trommelte er in die Handfläche der linken. Der Platz war ganz leer. Die Häuser mit ihren gotisch getreppten oder barock geschlungenen Giebeln blinzelten aus den grünlichen Fensterscheiben in die sinkende Sonne. Sie hatten jedes einen besonderen Kalkanstrich. Das eine trug ein bläuliches, das andere ein grünliches, das dritte ein gelbliches, das vierte ein rötliches Kleid, je nach dem Geschmack
oder der Laune des Eigentümers. Die Dächer darüber leuchteten in der roten, hie und da von grünen Moosflecken durchsetzten Farbe der Ziegel. Mitten auf dem Platze stand eine alte Linde, die einen riesigen Schatten auf das buckelige Pflaster warf. Rings um den runzeligen und rissigen Stamm lief eine rohe Steinbank, auf der ein alter Mann saß. Er mümmelte mit seinen zahnlosen Kiefern vor sich hin und schaute einigen Spatzen zu, die aus einer kleinen Pfütze vor der großen, hölzernen Pumpe tranken. Es war ein Bild der stillen Heiterkeit und behäbigen Ruhe, das gar nicht paßte zu der mißmutig gerunzelten Stirn des Bürgermeisters.
Da kam der alte Amtsdiensr Zabel leise ins Zimmer.
Der Bürgermeister wandte sich um und fragte:
„Was bringt Er, Zabel?"
„Der Herr Stadtrat Finnickel ist draußen und wünscht mit dem Herrn Bürgermeister ein Wörtlein oder zwei zu sprechen."
„Der Stadtrat Finnickel!" rief ixr Bürgermeister und rieb sich heftig das fleischige Kinn, „gewiß, gewiß! Ich stehe dem Herrn zur Verfügung. Versteht sich."
„Versteht sich!" wiederholte Zabel und schlupste hinaus.
Der Bürgermeister tat einige Schritte nach der Türe, um dem Stadtrat entgegenzugehen. Da trat dieser schon herein, ein kleiner, hagerer
s Mann, mit glatt rasiertem, knochigem Gesicht. Die grauen Augen hielt er s immer halb geschlossen, und wenn er jemand ansah, kniff er das linke j Auge ganz zu. Seins blaffen Lippen waren fast ständig zu einem unan- ’ genehmen Lächeln verzogen. Seine schmalen Hände waren fortwährend ! in Bewegung und griffen bald nach dem Aufschlag seines Rockes, bald \ nach den Knöpfen oder preßten den Elfenbeinknopf seines Stockes oder i verschlangen sich ineinander und drückten sich gegenseitig, daß sie knackten.
„Ergebenster Diener, mein sehr verehrter Herr Finnickel!" rief der Bürgermeister und reichte ihm mit einem Bückling die Hand.
„Desgleichen, hochgeschätzter Herr Bürgermeister," erwiderte Finnickel mit trockener, kalter Stimme; „desgleichen."
„Ich bin sehr obligiert durch Dero angenehme Visite."
„Und ich freue mich," gab Finnickel zurück, „Dero Gnaden bei so trefflicher Gesundheit vorzufinden."
Der Bürgermeister macht« wieder einen Bückling.
„Desgleichen mein lieber Herr Finnickel, desgleichen! Ich möchte mit Respekt sagen, daß der Zahn der Zeit sich an Dero Rüstigkeit stumpf nagt, hä, hä. Aber mit Verlaub, keine Formalitäten! Darf ich Sie bitten, es sich bequem zu machen."
Der Bürgermeister rückte, nachdem er einen Augenblick darauf gewartet hatte, daß es der Sekretär tue, selbst einen Stuhl dem Stadtrat hin und wartete mit freundlicher Miene, daß Finnickel sich setzte.
„Nach Ihnen, Herr Bürgermeister!" sagte Finnickel aber; „Ehre, wem Ehr« gebührt."
„Obligiert, Herr Finnickel, aber der Besuch hat das Vorrecht, zumal ein so excellenter und extraordinärer Besuch wie der Ihrige."
Damit drückte der Bürgermeister den Stadtrat mit sanfter Höflichkeit auf den Stuhl und setzte sich auch, nachdem er aus der Schoßtasche die Schnupftabakdose herausgeholt hate. Er bot sie Finnickel an und sagte:
„Ist dem Herrn Finnickel ein kleines Nasenlabsal gefällig?" Finnickel holte mit spitzen Fingern eine Prise aus der Dose und schnupfte.
„Ah charmant, Herr Bürgermeister. Ah, ein superbes Prischen!
„Wohl, wohl, hä, hä — hm — womit kann ich Ihnen sonst gefällig sein?"
Finnickel räusperte sich.
„Ich möchte mit Ihnen," sagte er hüstelnd und warf einen raschen Blick auf den Sekretär, „wenn es Ihnen keine Umstände macht, ein Wort im Vertrauen — hm — unter vier Augen —"
Der Bürgermeister nickte eifrig und rief:
„Sekretär, laß' er 'uns allein und sorge Er dafür, daß wir ungestört bleiben." „,
Der Sekretär stand von seinem Pult auf und reichte dem Bürgermeister den Bericht über das Lazarettfieber.
„Mittlerweile," sagt« er dabei, „finden der Herr Bürgermeister Gelegenheit, den Bericht zu unterfertigen."
Darauf ging er aus dem Zimmer, ohn« den Stadtrat sonderlich zu beachten. „
„So." sagte der Bürgermeister, als der Sekretär die Tur hinter sich geschlossen hatte, und rückte mit seinem Stuhle näher, „so. Ich stehe ganz zu Diensten."
Finnickel blickte nach der Tür.
„Mir scheint, die Konduite des Sekretärs ist ziemlich keck.
„Oh — das — hm —" f
„Es fehlt ihm, muß ick sagen, die rechte Manier von Subordination. : Er hat für mein Gefühl so eine Art von Ueberhebung, wo nicht gar ' Spott. Er töt' mich auf die Dauer genieren."


