Ausgabe 
29.11.1927
 
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Mit diesen heiteren Versen beschließt der Dichter dar rührende Bild von den Wäscherinnen am nordischen Strand, das mit wundervoller Herbheit und Lieblichkeit gezeichnet ist.

Das Bild einer düsteren Wäscherin hebt sich vom Hintergrund eines Hexametergedichtes ab, daß Johannes A n g l i k u s in seiner Poetik (1260) wohl wegen seiner ernsten Stimmung als das Musterbeispiel der mittelalterlichen Tragödie hinstellt und das daher den NamenWasch- frauentragöbie" erhalten hat. Das Gedicht führt uns in eine belagerte Burg, in der sechzig Soldaten eingeschlossen sind. Je dreißig von ihnen baden eine Wäscherin zur Verfügung, die ihnen die Wäsche wäscht und chnen auch andere Liebesdienste leistet. Die eine der beiden Wäscherinnen Lebt einen Soldaten aus der Abteilung ihrer Kollegin, und es kommt »wischen den beiden Frauen zu einem Streit. Als die eine' Waschfrau chre Nebenbuhlerin mit dem Geliebten beisammen findet, tötet sie beide mit einem Schwerte und öffnet den Belagerern die Tore der Burg. Die gesamte Besatzung fällt unter den Streichen der eindringenden Feinde.

Im späteren Mittelalter rückt das Waschfrauenmotiv immer mehr in bürgerliches Milieu und wird für die Komödie ausgewertet. So gilt als die Krone jener vielen mittelalterlichen Schwänke, die den Kampf zwischen Mann und Frau um die Herrschaft im Hause schildern, die spätmittelalter­liche französischeFarce vom Waschfaß", die auch deshalb interessant ist, weil in ihr zum erstenmal in der dramatischen Literatur dem Manne als Gegnerin und Bundesgenossin der Frau die seither sprichwörtlich gewor­dene böse Schwiegermutter entgegentritt. Der arme Pantoffelheld Ja- quinot muß nämlich in dieser Farce, damit jeder eheliche Zwist in Hin­kunft vermieden werde, auf Betreiben der Schwiegermutter ein genaues Verzeichnis seiner häuslichen Pflichten anlegen. Die Frau diktiert ihm, was er alles zu tun hat: er muß in der Nacht nach dem Kinde sehen, am Morgen als erster austehen, Brot backen, die Betten machen, die Windeln auswaschen, die Wäsche in Ordnung halten. Nach Anfertigung dieses Registers beginnt sofort die Arbeit: Jaquinot muh seiner Frau die Wäsche auswinden helfen. Dabei zieht er heimtückischerweise zu stark an der Leinwand, daß die Frau in das Waschfaß hineinfällt. Trotz ihrer jämmerlichen Bitten zieht er sie nicht heraus, denn in seinem Register, das er kaltblütig verliest, findet er diesen Fall nicht vorgesehen. Als auch die Schwiegermutter die Verunglückte nicht aus ihrer Sage befreien kann, müssen sich beide Frauen zu einem Pakt verstehen, der dem Mann die Herrschaft im Hause sichert.

Saubere Wäsche" wird in ShakespearesLustigen Weibern von Windsor" auf dieBleiche geschickt", da die beiden Frauen, denen Falstaff den Hof macht, den dicken Ritter, in einen Korb voll schmutziger Wäsche einpfercht, aus dem Hause fragen und in einen Schlammbach werfen lassen.

Ein hübsches Gedicht über einengroßen Waschtag" ist von Schiller geschrieben worden: dasUntertänigste Promemoria an die Konsistorialral Körnersche weibliche Waschdeputation, eingereicht von einem niedergeschlagenen Trauerspieldichter in Loschwitz 1786". Der Dichter weilte als Gast Körners in dessen Sommerhaus im Weingarten zu Loschwitz bei Dresden und schrieb eben eifrig an seinem neuen Drama, denDon Carlos", als eines Tages die Konfistorialrätin und ihre Schwe­ster, Dora Stock, die liebenswürdigen Gesellschafterinnen Schillers zur Wäsche rüsteten. Während im ersten Stock des Winzerhäuschens derDon Carlos"-Dichtermit dem Federkiel auf den gewalkten Lumpen kratzte", erscholl aus dem Erdgeschoß der fröhliche Lärm der Waschküche. Mit welchem Humor Schiller diese Störung ausnahm, zeigen die lustigen Verse, die er am nächsten Morgen den Damen des Hauses überreichte:

Die Wäsche klatschte vor meiner Tür, Es scharrt die Küchenzofe Und mich, mich ruft das Flügeltier Nach König Philipps Hofe.

Schon ruft das schöne Weib Triumph, Schon hör' ich Tod und Hölle!

Was hör' ich?einen nassen Strumpf Geworden in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerey, Prinzessin, Gott befohlen!

Der Teufel soll die Dichterei Beim Hemdenwaschen holen.

Gegeben in unserer jammervollen Lage unweit des Kellers. Friedrich Schiller, Haus- und Wirtschaftsdichter."

Das innigste Lied zum Preise einer Wäscherin hat Chamisso ge­sungen, als er den schlichten Lebenslauf einer armen, alten Arbeiterin am Waschtrog schilderte, die er von seiner Wohnung in der Berliner Friedrich- stmße aus, im Nachbarhaus, dem jetzigen Lustspieltheater, beobachtete. (Die alte Waschfrau", 1833):

Du siehst geschäftig bei dem Sinnen Die Alte dort im weißen Haar, Die rüstigste der Wäscherinnen Im sechsundsiebenzigsten Jahr."

In einem zweiten Liede warb der Dichter für die arme Frau und konnte mit dem stattlichen Honorar die letzten Tage der Greisin erleichtern. Bemerkenswert ist das starke soziale Pathos tiefen Mitleides mit den ärmeren Schichten des Volkes, das in dem Gedichte erklingt und eine neue Epoche der Literatur ankündigf, ihr ein neues Stoffgebiet erschließt.

Aus diesem Milieu kommt genau sechzig Jahre später Frau Dolfs, die klastische WaschfrauengeftaIt Hauptmanns, die Heldin des Biberpelzes". Diese mit allen Wässern gewascheneMutter Wolffen", bie in ihrer rührigen Schlauheit ihre Gegner an der Nase he rum führt, stt mit Hauptmanns Komödie im Reigen der unsterblichen Lusstpiele der deutschen Literatur heimatbürtig geworden.

Auch andere Dichter haben die Wäscherin besungen und zum Gegen­stand ihrer Darstellung gemacht. Man denke an die große Literatur von Volksliedern, Possen, Kuplets, und Operetten, die sich allein um die blitz­sauberen Wiener Wäschermadeln schlingt. Bierbaum besingt die Münchener Wäscherin, und vom Waschtrog weg läßt Sardou feine Madame Sans-GLne zur Herzogin von Danzig werden. In blühender Man-

nigfatiigteit tritt uns das Wäschevinnenmoiiv in der Literatur entgegen, und von Rausikaa bis zur Frau Wolff beweisen viele dichterische Gestalten, daß es die Poeten nicht verschmäht Haven, auch die Waschfrau mit poetischem Schimmer zu umgeben. Eine Unscheinbare aus der Gestaltensülle bef Lebens ist in diesen Dichtungen unsterblich geworden.

Gibt es noch unbekannte Tiere?»

Von Professor Dr. Ludwig Heck (Berlin).

Diese Frage ist sehr viel leichter gestellt als beantwortet. So geht « indes nach meiner Erfahrung den Autoren öfter den Redaktionen gegen­über. Da diese aber allermeist ein sehr richtiges Empfinden dafür haben, was das Publikum lesen und wissen will, so möchte man ihnen gern nach Möglichkeit dienen und sucht sich mit solchen verfänglichen Fragen nach bestem Wissen und Gewissen abzufinden.

Wenn ich heute hier behaupte, es gibt wohl keine ganz unbekannte und völlig neuartige Zierform mehr, und morgen wird eine solche in der Presse verkündet, so bin ich vor meinen Lesern blamiert. Wir müssen aber da vor allem erst einmal klarstellen, was wir unterunbekannt" und was mir unterTier" verstehen sollen. Auch unterZier", denn darunter ver­stehen verschiedene Menschen sicher ganz Verschiedenes. Der Großtier- Liebhaber und Stammgast im Zoologischen Garten denkt zunächst an Wild" im weitesten Sinne und etwa noch an Vögel, der Aquarianer und Terrarienhalter an Reptilien, Amphibien, Fische, Käfer- und Schmetter- tingsfamntier wiederum, Schnecken- und Muschelsammler an die Gegen­stände ihrer wissenschaftlichen Spezialliebhaberei und wer die Fülle der niederen Ziere im Süß- und Seewasser der ganzen Erde in Betracht zieht, wird >da gewiß noch allerlei für möglich halten. Mit Recht: denn hier ist die Zahl der Gattungen und Arten Legion, und ich wage keine Ansicht dar­über auszusprechen, was im Laufe der Zeit noch hinzukommen mag.

Ich glaube aber, wir können uns hier an die höheren Ziere halten, weil diese doch das größte Allgemeininteresse besitzen, und müssen uns für diese nur noch darüber einigen, was wir unterunbekannt" verstehen sollen. In der hochwissenschaftlichen Spezialliteratur und in den Kreisen, die diese Zeitschriften füllen, d. h. bei unseren modernen Museensystema­tikern, die sich gegen frühere Zeiten längst den EhrennamenFeinsyste- matiker" verdient haben, gibt es auch unter Säugetieren, Vögeln, Rep­tilien immer noch Neues mit der fortschreitenden Durchforschung der ganzen Erdoberfläche. Diese hat nämlich gezeigt, daß die allermeisten Zier­formen, die einigermaßen an die Scholle gebunden sind, innerhalb der mehr ober weniger altbekannten, seit Sinnes genialer Erfindung wissen­schaftlich binär, mit zwei lateinischen Namen bezeichneten Arten je nach ihrer speziellen geographischen Herkunft, nach ihrem Fundort sich noch weiter und feiner in geographische Unterarten zerspalten, die man jetzt ternär mit drei lateinischen Namen bezeichnet. Das ist eine sehr wesentliche Vertiefung unserer wissenschaftlichen Formkenntnis und in diesem Sinne haben moderne Ornithologen, wie Hartart und Strefemann, sich große Verdienste erworben, insbesondere aber der Ehrendoktor der Universität Halle, Otto Kleinschmidt, dem man jetzt für seine Forschungen ein besonderes Institut in der alten Lutherstadt Wittenberg eingerichtet hat. Für die große Allgemeinheit und das breite Zeitungsleser­publikum haben triefe Dinge aber vorläufig wenig zu bedeuten, und es ist daher eine Enttäuschung unausbleiblich, wenn solche rein wissenschaftliche Neuheit" in die Tages- und illustrierte Presse gelangt, da mehr oder weniger sensationell ausgemacht wird und der Leser nachher findet, daß triefeneue Art" kaum anders aussieht als solche, die er schon kennt.

Annähernd so war es auch mit der neuesten Lebendeinführung des sog. Riesen-Waran von der kleinen Suitbainfet Komodo, der vor einiger Zeit in großer Aufmachung durch alle illustrierten und nicht illustrierten Zeitungen ging und angeblich das Hauptziel einer besonderen amerikani- schen Sammel- und Forschungsreise war. Er enttäuscht in der Wirklichkeit sehr, weil er bis auf die breite stumpfe Schnauze und den kürzeren Schwanz kaum anders aussieht als andere Warane, d. h. große, zum Teil mehrere Meter lange Eidechsen, die man unter diesem Gattungsnamen zusammensaht. Wir haben in der fReptitienabteilung unseres Aquariums*) auch einen, dem mir dem holländischen Resident-Assistenten auf der Ko­modo benachbarten Insel Flores verdanken. Man muß aber schon genau Hinsehen, wenn man ihn von dem großen indischen Binden-Waran in demselben Raume unterscheiden will, und er wird ganz gewiß keinem einigermaßen oberflächlichen und unkundigen Besucher auffallen.

Das wäre anders, wenn wir einmal das Glück das für einen großen Zoologischen Garten, wie unseren Berliner, und für einen alten Tier­gärtner, wie mich, denkbar größte Glück hätten, ein lebendes Okapi aus den sumpfigen Urwalddickichten des innersten Kongostaates zu er­halten. Dort ist aber schwer, etwas herauszuholen, da könnten nur die nackten, zwerghaften Jäger-Eingebornen mit Pfeil und Bogen durchkriechen und sie sind es auch, die bis jetzt zwei Kälber des merkwürdigen, hirsch- großen, giraffenartigen Tieres geliefert haben, allerdings nur für ganz kurze Lebenszeit in der Gefangenschaft. Es bleibt aber immerhin die Tat­sache bestehen, daß ein so großes und ein so eigenartiges Tier bis in unser Jahrhundert hinein unserer europäischen Wissenschaft und Kultur unbe­kannt bleiben konnte. Eine erstaunliche Tatsache, wenn auch die schwierigen Begleitumstände einigermaßen erklärlich, um nicht zu sagen: entschuldbar.

Und doch steht das Okapi damit nicht einmal allein. Auch das süd- abesstnische Grevn-Zebra ist erst unter Grevys Präsidentenschaft von Oustalet, dem damaligen Direktor des Pariser Museums, beschrieben und in die Wissenschaft eingeführt worden, sonst hätte es ja nicht nach Grevy benannt werden können. Es ist aber nicht etwa eine der leichten, nur breinamig zu benennenden geographischen Unterarten, von denen eben die Rede war, (sondern eine sehr güte, zweinamige Hauptart, die sich durch Größe, Form (schwerer Eselkopf mit langen, breiten Obren) und Farbe (auffallend enge, dichte Streifung über den ganzen Körper) auch dem weniger Kündigen auf den ersten Mick von allen übrigen Zebra-Arten unterscheidet. Davon kann sich bei uns jetzt jedermann gründlich über-

*) im Berliner Zoo, dessen Direktor Professor Heck ist.