Ausgabe 
29.11.1927
 
Einzelbild herunterladen

Mit beiden Händen schob der Hadik den schwarzen Kalpak in den Ratfen und setzte sich zurecht. Dann griff er nach der Feder, überflog Blatt für Blatt und fegte mit harten Zügen, um die die Kielfeder Pünkt­chen und Kleckse sprühte, seinen Namen darunter zehn-, zwanzigmal. Dann schmiß er die 'Feder hin.Merveille, daß nicht die ganze Armee desertiert! Nähm's, weiß Gott, keinem Übel! Muß ja alle Disziplin ver­kommen in dem ewigen Stilliegen und dem erbärmlichen Dreck!

Der Kolowrat glaubte die Stimmung des Generals nützen zu können und meinte:Euer Exzellenz, in Elsterwerda wären brillante Quar- tiere .."

Hab' id) gefragt?" unterbrach ihn der Hadik gereizt und setzte eine letzte Unterschrift unter ein Schriftstück, daß die Kielfeder splitterte und den Bogen zerriß.Brillante Quartiere! Führen wir der Quartiere wegen Krieg? Regen und Nässe sind nicht schuld an dem Jammer. Er kann s glauben, ich habe unter dem Eugenius anderes erlebt. Aber das sinnlose Stilliegen und Manövrieren verdirbt mir die Regimenter. Wie soll s auch anders sein, wenn dem Herrn Bruder Karl von Lothringen die Vigueur und Courage fehlt!" .

Der Hadik liebte es, die Gepflogenheit der Souverams und Prinzen zu verspotten, die einander Herr Bruder nannten, wenn sie einander auch gerade die Köpfe zerschlugen.

. Er durfte sich das erlauben, war der Lothringer auch Generalissimus und der Schwager der Kaiserin. Denn wenn ihr Beschwerden über das Schimpfen und' Räsonnieren des Reitergenerals zu Ohren kamen, so pflegte sie lachend zu sagen:Laßt mir den Hadik in Frieden! Wer em loses Maul hat, hat auch eine grobe Faust, kalkulier' ich."

Unbeweglid) und hochmütig stand der Rittmeister und wartete. Erst als der General, wie er cs zu tun pflegte, wenn er seinen Adjutanten entließ, mürrisch fragte:Sonst was Neues?" griff der Kolowrat tn feine Rocktasche und zog eine Nummer der Berlinischen Zeitung hervor. In diesem ewigen Geplänkel mit dem General glaubte er den Augen­blick einer kleinen Rache gekommen. Er entfaltete sorgfältig das Blatt, reichte es dem Hadik und bemerkte:Doch, Eure Exzellenz! Diese Gazette hat heute früh eine Streispatrouille einem preußischen Wachtmeister ao- genommen. Sie enthält einen Ausspruch des Königs über die Pan-

Erstaunt sah der Hadik auf, nahm das Blatt und las, was Friedrich bei der Visite des englischen Gesandten im Hauptquartier zu Eckarts­berga über die österreichische Truppe gesagt:Kann ich meiner yeinbm das Kompliment auch nicht versagen, daß ihre Grenadiere admirabel sind und ihre Artillerie gut bedient ist, so beneide ich sie doch nicht um das Geschmeiß, von denen Grasteufeln von Panduren und Kroaten. Es sind charmante Kanaillen. Denn sie tun mir nichts zuleide, als daß sie mir manchmal ein wenig die Fourage plündern."

Da schmiß Andreas von Hadik seinen Kalpak in die Ecke des Zeltes, stieß den Tisch mit der Faust über den Haufen, sprang auf und schrie: Und das muh Er mir auch noch zeigen?" Er zitterte vor Wut.

Eure Exzellenz," erwiderte ein wenig indigmert der Rittmeister, haben doch selbst befohlen, derlei notices und Meldungen vorzulegen.

Weißlich! Aber Hand aufs Herz. Er hätt's nicht getan, wenn,Er mir nicht eins auswischen wollte, weil Er meine Satanssöhne nicht lei­den mag." t r ....

Der Kolowrat gab keine Antwort, denn es stimmte so ungefähr, was der andere sagte.

Da lachte der General, wenn sein Gesicht auch noch rot vor Zorn war:Wir bleiben einander nichts schuldig, will mir scheinen. Er estt- miert meine Kroaten nicht, und ich nicht seine de Signe. Ich denke, wir sind quitt!" , , _ , . ,

Dann schwieg er und starrte in die Ecke, wo sein Kalpak lag. Er meinte vor Wut zu bersten. Nicht weil dieser hochmütige Graf diese kleine Rache zu nehmen gewagt. Aber daß dieser preußische König, den er admirierte, hätte er ihn auch für sein Leben gern persönlich vom Pferde gehauen, ihm seine Panduren ridicule machte, das griff ihm ans Herz. Dieser König, von dem er zu sagen pflegte, daß die Kaiserin-Königin sich um ihren besten General gebracht habe, weil sie mit ihm Krieg führe, statt sich zu vertragen. Pah, Schlesien! Schlesien! Wog das viel­leicht diesen preußischen Schwarzkünstler auf?" .

Plötzlich sah er auf, lachte still vor sich hin, als wäre ihm ein Spaß in den Sinn gekommen, trat an seinen Adjutanten heran, fuchtelte ihm mit dem Zeitungsblatt vor der Nase herum und fragte sanft:Und sonst brachte die Patrouille nicht als die Gazette? Weiß Er Neues vom Feind? Der Kolowrat verneinte.Ich dachte," lachte der General,Dragoner wissen alles! Dann weiß Er also auch nicht, daß seit gestern der Moritz von Dessau mit zwei corps darmee bei Torgau steht?"

Der Offizier suhr zusammen.Ich glaube gar," spottete der Hadik, Er erschrickt!"

Der Kolowrat schüttelte den Kopf, seine jungen Augen blitzten, und lächelnd tagte er:Erschrecken? Nein! Aber bedenken Euer Exzellenz, was das bedeutet. Fünfzehntausend Mann der besten Truppen, des Königs: Regiment Alt-Brandenburg, Manteuffel, Bayreuth, Markgraf, Jung-Kleist 7.." _ .

Ich glaube," unterbrach ihn ärgerlich der General,Er will mir Vortrag halten über die preußische Armee", und mit unerschütterlichem Gleichmut, ja mit einer Art grimmiger Freude setzte er, Wort für Wort betonend, hinzu:Und weiß Er was? Der Seydlitz ist auch dabei!

Da fuhr es dem Rittmeister durch den Kopf, ob jener andere große Reitergeneral, von dem man sich Wunder erzählte wie von diesem da, seine Adjutanten auch so grausam vexiere. Denn er glaubte, der Hadik wolle ihm einen Bären aufbinben. Auf drei Stunden von hier zwei feind­liche corps darmee, dazu die Reiter des Seydlitz, und der Hadik sah drein, als wäre dies das Erfreulichste von der Welt. Ungläubig blickte der Kolowrat den General an, kramte in den auf die Truhe gefallenen Papieren, zog ein Blatt hervor, reichte es dem Hadik und sagte:Ich bitte Eure Exzellenz gehorsamst, sich zu überzeugen- wir haben dreitausendfünfhundert Mann, tout bien considere, mit Fourage und Gepäck."

Meint Er, daß ich das nicht weiß?" lachte der andere.Aber mir scheint, Er glaubt mir den Dessauer nicht? Pandur!!" .

Ein wilder Kerl mit schwarzem, langem Haar klirrte zum Zelte herein und schlug die Tschismen zusammen, daß es knallte.Den Major von Ujhäzy!" rief der Hadik ihm zu.

Der Soldat stürzte davon. Da begann der General langsam, won­los im Zelte auf- und niederzugehen, nahm eine Prise, schnaubte, lachte laut vor sich hin und schloß seine Attila. Denn so war er der Hadik. Sohn eines deutsch-ungarischen Edelmanns, war er nicht der rauhe, verwahr- loste General, als den er sich.gerne gab. Er war gebildet wie damals selten ein Offizier, liebte die Bücher und verstand viel von Musik. Aber er mochte diese hochfahrenden, feudalen Herren nicht, die ihn, den kleinen Edelmann über die Schultern ansahen. Vor seinen Kroaten, Panduren und Husaren hielt er aufs Aeußere. Doch in Gegenwart so feudaler Herren wie sein Adjutant einer war, gab er sich salopp und ließ sich gehen. Das war seine Rache und der Hochmut, den er dem Hochmut der andern entgegensetzte. Eine Mißachtung, die zu betonen, ihm Spaß ma1ns der ungarische Major, ein kleiner, schmächtiger, schon ergrauter Husar, eintrat, blieb der Hadik stehen, nickte ihm zu und befahl:Sie Meldung von gestern Abend, Major!"

Wie bas Vaterunser leierte der Husar seinen Spruch herunter:Gestern nachmittao zwei Uhr drei preußische Kolonnen im Anmarsch von Süden gegen Torgau und Mühlberg. Gefangene vom Regiment Bayreuth sagen aus, es sei die Armee des Feldmarschalls Moritz von Dessau und die Brigade Seydlitz. Der Feind bezog Hauptposten an der Elbe. Haupt­quartier in Torgau. Nächste preußische Vedette auf zwei Meilen von hier

,',Na, glaubt Er's?" fragte der Hadik den Kolowrat und lachte ver- gniigt.

Ick) habe es nie bezweifelt, Euer Exzellenz.

, Ich dachte nur. Er meint, weil feine Dragoner nichts gesehen haben, könne ich auch nicht wissen, daß der Moritz in der Gegend spukt.

(Fortsetzung folgt.)

Von Nausika« zur Mutter Wolffen.

Die Wäscherin in der Weltliteratur.

Von Dr. Franz Pfeffer.

Eine Stoffgeschichte der Wiltliteratur würde dartun, daß des Dich­ters Griffel zu allen Zeiten auch das Unscheinbare beschrieben und mit dem warmen Gold der Phantasie umkleidet hat und daß viele unbe­deutende, jaunpoetische" Menschentypen und Motive in die Bereiche der Dichtung eingegangen sind. Ein abwechslungsreiches Kapitel dieser Literaturgeschichte des Uebedeutenden" würde dieWäscherin in der Weltliteratur" bilden, denn die lange Reihe der Richter, die dem prosai­schen Geschäfte des Waschens und seiner Trägerin die Ehre gegeben haben, reicht von Homer bis Hauptmann, und so undichterisch der Gegen­stand zu sein scheint: die Poesie um die Wäscherin enthält stucke von unvergänglicher Schönheit. . .

Schon Homer verwendet das Motw der waschenden Jungfrauen, und jene Stelle im sechsten Gesang der Odyssee, die das Zusammentreffen Odysseus' und Nausikaas bei den Waschgruben vor der Stadt der Phaaken beschreibt, gehört zu den reizendsten Szenen des buntbewegten Epos., Während Odysseus, in furchtbarem, dreitägigem Sturm gestrandet, er­schöpft unter den Uferbüschen schlummert, heißt Athene die Prinzessin zumgroßen Waschtag" rüsten, und um die Morgenröte fahrt Nausikaa mit ihren Mägden auf schimmerndem Maultiergespann die Wasche Des königlichen Hauses auf den Waschplatz. Hurtig beginnt die Arbeit des Waschens am Strome,

Wo man gehöhlt Waschgruben mit rinnender Flut, die beständig Klar durchhin sich ergoß, die schmutzigen Flecken zu säubern.

Dort nun spannten sie eilig die Maultiere ab von dem Wagen, Trugen alles Gewand in die dunkle Flut der Behälter, Stampften rasch mit den Füßen und boten sich fröhlichen Wettstreit.

In die fröhliche Szene tritt Odysseus, von Athene mit göttlicher Schön­heit begabt, und entsetzt fliehen die Mädchen. Ins Herz der holden Wäscherin aber, der lilienarmigen Nausikaa, stiehlt sich unversehens das Bild des herrlichen Mannes, als sie in verschämter Jungfrauenhaftig- keit die Bitte des Helden um Schutz und Hilfe entgegennimmt.

Im Mittelalter gilt das Wäschewaschen nicht mehr als eine Beschäf­tigung, die selbst einer Königstochter würdig ist, sondern als Magddienst, der entwürdigt, und als bittere Strafe, die unglücklichen Mädchen auf­erlegt wird. So singt eine uralte deutsche Ballade, die sich bis heute aus der deutschen Sprachinsel Gottschee in Jugoslawien erhalten hat, das Lied von der schönen Meererin" (Meeranwohnerin), die als Gefangene in fremdem Schlosse Magddienstr tun muhte: am frühen Morgen wascht sie am Strande die Wäsche. Da naht eines Tages ein Schisflein, aus dem zwei Jünglinge ihr freundlich zuwinken und ihr einen Ring anbieten, den sie, die arme Wäscherin, zurückweist. Die Fremdlinge aber nehmen sie in ihrem Schifflein mit über das Meer und herzen und küssen sie: Der Bruder und der Geliebte haben die Gefangene erlöst und heimgebracht.

Wie die schöne Meererin wäscht auch Gudrun in harter GesangenschaN die Wäsche der bösen Gerlind am Strande. Im Märzwind steht sie nut ihrer getreuen Gefährtin Hildburg, die in rührender Treue das ~os Der Freundin teilt, im Hemd am Ufer und spült die Wäsche des Normannen­gesindes in den eiskalten Fluten nach Gerlinds grausamer Weisung. So wäscht Gudrun fünf und ein halbes Jahr und büßt die Treue, Die I« dem Geliebten hält, die Werbung des Normannenprinzen zuruckweijeno. An einem rauhen Morgen aber, da Gudrun und Hildburg wieder a Strande waschen, landen Gudruns Verlobter und Bruder und befreien die Unglückliche. Da erwacht das königliche Blut in der Jungfrau, Daß 1 voll Zorn Gerlindes Wäschestücke ins Meer schleudert:

Sie schwang sie aus den Händen ferne in die Wogen;

Sie schwebten eine Weil«, ich weiß nicht, ob man sie herausgezoge