Gießener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1(927
Dienstag, -en 29. Uosemder
Nummer 95
- Bei he
, , seine schwarzen tief
liegenden Angen, deren buschige Brauen über der Hakennase zusammenstießen, funkelten spöttisch. Denn es freute ihn, daß just bei diesem Regiment die Desertion geschehen, bei diesem Regiment, das zwar, der Wah»
Soldaten.
Von I. W. von Goethe.
Burgen mit hohen Mauern und Zinnen, Mädchen mit stolzen Höhnenden Sinnen Macht' ich gewinnen! Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn!
Und die Trompete Lassen wir werben. Wie zu der Freude, So zum Verderben. Das ist ein Stürmen! Das ist ein Leben! Mädchen und Burgen Müssen sich geben. Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn! Und die Soldaten ziehen davon.
heit die Ehre, ein gloriöses war, dessen Offiziere aber die Nasen vor Hochmut an den Himmel stießen und wie die Weiber rochen, wie'dieser da. „Bei de Signe!" Ger General blies durch die Nase, lachte kurz und schlug auf den Tisch. Aber sein Lachen war böse.
Der Kolowrat schwieg, denn er empfand den Spott.
„Nette Konduite bei diesem Regiment!"! polterte der Hadik und keifte: „Der Obrist soll kommen — der Auditeur!" Der Rittmeister verneigt» sich und wollte gehen. „Halt, warten!" brummte der General, nahm bi» Mappe des Offiziers und schüttelte den Inhalt, einen Stotz Papiere, <mf den Tisch. „Nun, was fall s?"
„Unterschreiben, Eure Exzellenz!" ' ’ *
„Häh?! — Deserteure bei de Ligne! Was Er nicht sagt! — Signe!" knurrte der Hadik, richtete sich auf und seine schwarz
Pandurengeneral bekommen? Besah man es recht, so war das endlos« Stilliegen nachgerade embetanter als einmal ungewaschen und mit schäbigem Zopf in den Sattel zu steigen. Klirrte auch tagsüber das Exerzieren der Züge Und Glieder, das Dröhnen und Stampfen der übenden Eskadrons über die nassen Aecker und Wiefen, so wollte man, sah man des Abends die Panduren und Dragoner vor ihren Zelten und an den Feuern saufen und schnarchen, nicht glauben, daß man vor kaum drei Monaten die Säbel über die Rücken der Preußen geschwungen.
Uebelgelaunt schritt der Rittmeister in der Abenddämmerung durch die Gassen des Lagers. Er trug eine braune, lederne Mappe unter dem Arm und versuchte vergebens die Kotjpritzer von seinem Mantel z« wischen. Aber gegen die salete dieser Lagergasse mochte der Teufel sich wehren!
Vor einem Zelte, das ein wenig größer war als die übrigen, blieb er stehen. Zwei Panduren hielten, die Krummsäbel im Arm, vor dem Eingänge Wache. Aergerlich erwiderte der Kolowrat ihren Gruß unb warf einem wartenden Dragoner den Mantel zu. Weil der General da» Tragen der Mäntel vor Dezember nicht duldete. „Für den Soldaten," fauchte er, wenn die Obristen und Majors ihm Vorstellungen machten, „beginnt der Winter im Dezember, und wenn es vorher auch Türken unb Heiden hagelt und die verfluchten Preußen dazu!"
Der Kolowrat trat ins Zelt. Auf einer eisernen Truhe saß vor einem invaliden Tisch, die Beine in den kurzen Husarenstiefeln von sich gestreckt, die schwarze, rotgefütterte Pelzmütze schief überm Ohr, die goldverschnürte grüne Attila aufgeknöpft, der kaiserliche Feldmarschalleutnant Andreas von Hadik — Pandurengeneral. Schnaubend strich er seine» Schnurrbart. Die schwarzen Haare hingen ihm über Stirne und Schläfen. Unordentlich und zerzaust lag die Perücke auf dem erbärmliche« Feldbett.
Mit leisem Klirren schlug der Offizier die Sporen zusammen und verneigte sich knapp, den Dreispitz am Degen haltend. Nicht ohne ein wenig indigniert und hochmütig auf diesen General zu blicken, der schuld dara» war, daß man auf diesen Wiesen und Sümpfen verkam, statt in weiche» Betten zu liegen und die Bürgermädels zu küssen von Elsterwerda.
„Bonsoir!" knurrte mit bösem Blick der General, warf die Mapp» des Offiziers vor sich auf das Tischchen und nahm eine Prise. „Neues?" und seine Stimme klang hart.
Sie liebten einander nicht: dieser fast kleine, vierschrötige und vet* nachlässigte General und der feudale, hochgewachsene Rittmeister, der alle» Prinzessinnen und Komtessen in der Favorita auf der Wieden, in der Hofburg oder in Schönbrunn den Kopf verdrehte, wenn er ä merveille Menuett tanzte oder die Quadrille arrangierte. Immer nahm der Hadik mit geradezu aufreizender Gebärde eine Prise, die für drei ungarische Wachtmeister gereicht hätte, wenn der gepuderte und gepflegte Rittmeister in einer Wolke von Wohlgerüchen eintrat. Aber was vermochten sie gegeneinander? Der junge Offizier konnte sich nur wütend auf die Lippen beißen, wenn der Hadik, um ihn zu ärgern, nach seiner schmierige» Dose griff. Und sollte sich der General lächerlich machen und einem Offizier von solchen Meriten, der die-letzte Bataille mit entschieden, da» Parfümieren verbieten? Einem Theresienritter, die in der Armee noch selten waren wie Flöhe in Pferdehaaren, und der noch überdies unter den Kroaten und Magyaren, die nicht lesen und schreiben konnten, al» Adjutant wohl zu gebrauchen war. Also mochte der Kolowrat in drei Teufels Namen nach allen Wohlgerüchen Arabiens duften und der Genera! sich einen Fouragewagen Tabak in die Nase schieben! Auf dieser Linie vertrugen sie sich doch: der Rittmeister und Adjutant von Kolowrat und der berühmte Reitergeneral Andreas von Hadik, FeldmarschaS- leutnant und Exzellenz. Denn sie wußten, was sie aneinander hatten.
„Neues?" fragte der General.
„Nicht viel, Euer Exzellenz! Das Alltägliche — Standesrapport», Strafen — zwei Deserteure beim Regiment de Ligne ..."
Die Handschuhe der Kaiserin.
Eine Novelle von Alfons v. C z i b u l k a.
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Der weite weiße Reitermantel wehte um die hagere, ein wenig nach vorn gebeugte Gestalt des jungen Offiziers, als er gegen den Wind ankämpfend, durch die Lagergafsen schritt. Bis über die Ohren hatte er den Mantelkragen hochgeschlagen, denn es pfiff ein kalter Oktoberwind so erbärmlich von der Elster und dem Hügelland der Lausitz her, daß die Zeltwände, die noch vom Regen troffen, der eben erst aufgehört, sich blähten wie Segel im Winde und die Pferde an den Pflöcken stampften und schnaubten.
Wenn da und dort ein Pandur ober Kroat, der ein Pferd putzte oder ein Zaumzeug, und dem der Sturm die schwarzen, struppigen Haare in das braune Gesicht warf, kerzengerade stillstand, berührte der Offizier nachlässig und hastig mit dem Zeigefinger den Rand seines Dreispitzes, unter dem, wohlgepflegt und gepudert, der Zopf über dem Mantel hervorsah. Nur wenn ihm ein Offizier begegnete, dem unter dem schwarzen Kalpak die dunklen, gedrehten Locken an den Schläfen nieder- hingen, ließ er die Hand nach der Vorschrift eine Weile am Hutrand« ruhen. Sein schmales, scharfgeschnittenes Antlitz verzog sich dann zu einem kühlen, abweisenden Lächeln. Er achtete nicht auf die Scherzworte oder Fragen, die man ihm nachrief, und ging eilig weiter. Vorsichtig den kleinen Seen und Tümpeln ausweichend, zu denen sich das Regenwasser in dem zerstampften und zerfahrenen Wiesengrund gesammelt.
Denn der Reichsgraf Norbert von Kolowrat, Rittmeister im kaiserlichen Dragonerregiment de Ligne, war ein hochmütiger, verwöhnter Herr, der den Krieg als ein mediokres Pläsier anzusehen beliebte, wenn man sich dabei die Stiefel befchrnutzte. Perstand er auch zur Ehre und Gloria der Kaiserin seinen Pallasch nicht schlechter zu schwingen als diese ungewaschenen Panduren. Wie es das kleine weiße Kreuz an seiner Brust bewies, um dessentwillen die wildesten Obristen und Majors seinem Gruße dankten, als wäre er ein Prinz oder Marschall. Aber er liebte es nicht, wenn einem etwa die Preußen nicht Zeit zur Toilette ließen.
Heber Mangel an Zeit konnte er sich nun freilich nicht beklagen. Er hatte Muße genug, mit Puder und Bürsten zu hantieren und auf Rock unb Spitzenjabot so viel Parfum zu träufeln, daß die Pandurenoffiziere, die ihm begegneten, glotzten sie sich auch die Augen aus dem Kopfe nach dem Kreuzlein, das außer dem Marschall Saun kaum drei ober vier im ganzen Heere trugen, noch eine Stunbe lang spuckten und schnaubten, um den Weiberduft aus den Nasen zu jagen. Aber was half's, wenn einem das Wasier der Pfützen bis über den Mantel spritzte? Seit fast fünf Wochen lag man untätig in diesen von den Herbstregen durchweichten Niederungen an den Ufern und Auen der Elster. Indes der preußische Friedrich in Sachsen und Thüringen geisterte und nach seiner Fusion die Franzosen inkommodierte. Dieses Geschmeiß, über das man die Nase rümpfte zu Wien, war man auch gerade mit ihm verbündet, wie vordem dieser ennuyante König mit seinen ewigen Kriegen. Seit Wochen wälzte man sich im Kot unb nassen Stroh, weil der Pandurengeneral es sich in den Kopf gesetzt hatte, dem erbärmlichen Wetter zum Trotz im Freilager zu bleiben, statt vernünftig und behaglich in Elsterwerda $u tautomeren, das einem mit seinen roten Dächern auf eine halbe Meile freundlich und behäbig vor der Nase lag.
Was nützte es einem da, daß man nach der gloriöfen Bataille von Kalin, die einem das Kreuzlem eingetragen, die Mjutantenstelle bei dem


