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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Eteindruckerei, V. Lange, Gießen.
Einhelferin!" . , ., .
Dann gingen sie durch einen unbekannten, beschneiten Park. Wre wir da abziehen — dacht« er — es sieht doch traurig aus! Vielleicht auch nur, weil es so kalt ist und wir beide so vermummt und im Mnd gebückt, davonmarschieren? — Dabei war ihm gar nicht etwa traurig zumute. Aber er war doch froh, als ihm ganz plötzlich der Brief von Reinhardt
einftel, den er in der Tasche trug. „
„Du, jetzt hab' ich aber eine Ueberraschung für dich, Mir!. Sie unterbrach: „Du hättest mir nicht immer, mitspielen sollend „Aber ich war '' ‘ -------1---'---"
„Das glaubst du. —
„Hab' ich gar nicht bemerkt.' ,
„Aber die Herren haben es bemerkt — und gelacht haben he darüber, daß du dich so aufgeregt hast." .. ,, ,
Etwas ärgerlich fiel er ein: „Ist mir egal. Hör' letzt lieber die Ueber-
doch ganz ruhig — in meinem Eckerl."
d u ! Aber du hast mir ja immerfort den Takt gegeben.'
Arm schmal aus dem ärmellosen Kleid hervorkommend, war ihm als eine schauspielerische Wirkung ersten Ranges erschienen. Ich bin ja nun freilich kein Fachmann, sagte er sich, und bin überdies in meine Frau verliebt. Aber einerlei, himmlisch schön war es doch, unbestreitbar!
Die Prozedur ging weiter. Ob sie nicht ein Stück Gretchen sagen wolle, fragte der Intendant. „Ein Stück Gretchen," ganz genau so sagte er es — und: das sind nun die Fachleute, schalt Stephan. Sie hatte zu- aestimmt , O neige!" würde sie jetzt sprechen, Gretchens Gebet. — Jemand : brachte einen Tisch, der wohl das Muttergottesbitd vorstellen sollte, und ! schleppte dann einen alten Strohsack in die Mitte der Bühne, vor Mathilde ! hin. Aber es ist ja nicht die Kerkerszene, wollte schon Stephan einwenden, — bemerkte dann aber zu seiner Beschämung, daß der Strohsack doch richtig an seinem Platz war, denn plötzlich bei den Worten „Hilf, rette . mich vor Schmach und Tod" stürzte Mathilde längelang hin. — Das j hatten die also säum vorausgewußt, sann er, und deshalb den strohsack : beigesteuert; das ist also allgemeiner Brauch, an dieser Stelle wie vom > Blitz getroffen, zusammenzustürzen. Dann aber mußte sich ja der Eindruck in den „Fachleuten", die immer dasselbe hörten, schon ganz unmenschlich abgestumpft haben! Welch ein Alltag der Konkurrenz, welch eine Mafchme auch tnes' Und von gesteigerter Furchtbarkeit, da gefordert wurde, die ganze Seele (nicht bloß eine Hobelbewegung) herzugeben. Und rni Augenblick Gretchen zu fein, trotz des modernen, tiefausgeschnittenen Seidenkleids, trotz des öden, grellen Saals und des Prüferkollegiums an der Wand, das kalt und unbewegt blieb. O Gott, gegen all dies anzukampfen — fein Mitleid mit Mathilde war grenzenlos.
, <>ilf, rette mich!" Nun weinte sie auch noch. Schluchzte, Zitterte Die Szene war zu Ende, sie lag noch immer da, die Hände vors Gesicht ge- fiblagen, und ihr Rücken zitterte vor Erregung. — Da konnte er nicht an sich halten und, obwohl er ja eigentlich nicht vorhanden roar, verließ er sein verstecktes Plätzchen und schritt ganz kühn Über die Buhne hm — hob Mathilde vom Strohsack auf. Dazu hatte er doch wohl das Recht, seiner Frau beim Aufstehen behilflich zu fein, wenn sie sich erschöpft fühlte! Er sah erbittert um fich, ob ihm etwa jemand das Recht abstreiten wolle. Tränen, echte Tränen, liefen ihr über die Wangen.
Und eine Reihe anderer Gestalten zog vorbei. Puck, der Geist, der sich lachend auf die Schenkel schlägt — und die blasse Mana Stuart, aufbrausend zu unbesonnener Wut — und dann irgend etwas von Stnnd- berg. Stephan sah nur Mathilde, ihre Bewegungen von einem Reichtum, der ihm völlig neu mar, trotz zweijährigen Zusammenlebens, chr von Schmerzen verwandeltes Gesicht, vom Aufklang edler Worte umhallt. Ist etwa auch dies Geist, — meinte er zagend — schaffender Segen, nne er ihn bisher nur in Erfindungen, in feinem guten Studium hatte sehen wollen'» Dann war ja Mathilde und ihre Schauspielerei ihm naher als er geglaubt. Eine strahlende Freude überkam ihn bei diesem Gedanken. Und plötzlich war die Terrakottafarbe ihres in vielfachen Windungen aufleuch- ten-den, von ihren Bühnenfiguren wie im Tanz hin und her geschwenkten Kleides für ihn: die uralte Farbe der Venus, das Braunrot mit dem gelben Blick das Safrangewand der Eos, das Auflohen aller Leidenschaften und Wundermythen. Ö Geist, nimmermüder, schöpferischer, unerschöpflich in neuer Form und Lust — die dumpfe Natur bleibt dir nicht stumm und unveränderlich — fie jauchzt dir entgegen, gar nicht mehr langweilig, und ergibt sich deiner glutvollen Bewegung. Da kehrte ihm nut einemmal die Zuversicht zurück, die ihm so lange fern geblieben war. Rätselhaft, wie fie gegangen, war sie nüeder da... .. . , n .,
„Run bitte ich noch um das eine", sagte Unstrut. „Nur die sechs Zetten: „Ich gab' was drum, wenn ich nur roüfjf..." .
Das ist nun wieder ein unerlaubter Trick, dachte Stephan; jetzt aber schon mehr belustigt als empört, denn die kühle Geschäftsmaßrgkeit schien seinem Gefühlssturm gegenüber geradezu lächerlich — Ein Trick von ihm! Er weih, wie es zu sagen ist, und sagt ihr s nicht, gibt ihr Rätsel auf und wartet, ob fie's errät. .
„Mach' dir nichts daraus", sagte er eine Stunde spater zu seiner Frau. Nach einem peinlichen Zeitraum, in dem Herr von Unstrut m seiner Bureaukajüte ihnen aussührlich dargestellt hatte, warum er Mathilde nicht verpflichten könne, da er eine „ähnliche Dame" bereits im Ensemble habe. Aehnlich» Mathilden ähnlich? Da war noch manches Komische vor- qekommen. Aber vielleicht gehörte gerade dieses Wirre, dieses-Einander- Mißverstehen und Durcheinanderrufen mit zur Vielfältigkeit und zur schaffenden Formfreude des Geistes, der sich in bizarren Kreuzungen gar nicht genug tun kann. Und all diese Verwirrung ist nur Humus für neue Plantagen 'des Geistes — man darf also dem Dung nicht böse sein, niemals, auch wenn er übet riecht. — Im Vorraum am Bühnentürl an- gelangt, wies Stephan feine Frau auf die Anschlagtafel hin: „Da schau —
Dusche. Das ist 'die Ueberraschung. Da können mir also wirklich den Mann in seiner Kajüte reden lassen, was er will. — Den Kontrakt habe ich schon längst, ich hab' ihn dir nur nicht geben wollen — weil ... weil ... aber jetzt ist ja alles anders. Jetzt seh' ich alles anders. Ich weiß selbst nicht, warum. Aber du — du staunst ja gar nicht?"
Sie blieb stehen, sah unentwegt aus den ruhigen, grauen Augen, in denen die Lichtpünktchen blitzten: „Sehr einfach: Weil ich es längst gewußt habe."
„Längst gewußt?"
„Am Morgen damals kam gleichzeitig der Brief vom Agenten an mich, mit der Abschrift des Kontraktes. — Und den anderen Brief, den von Reinhardt, habe ich auch gesehen und absichtlich in deiner Post gelassen. Ich dachte nämlich zuerst, daß es dich freuen wird..."
Sie waren unversehens in den kurörtlichen Teil des Städtchens geraten, der jetzt im Winter menschenleer dalag. Vornehme Straßen, große Hotels mit geschloffenen Fensterläden. Der unberührte Schnee krachte unter den Füßen. Es roch nach Stoffe und sauberer Frische. Um ein runde, Ouelltempelchen war ein moosgrünes Band geschlungen, unter dem Griechendach, trug in alten, schönen Goldbuchstaben der Goethe-Zeit die Inschrift: „Dem Wohle der Menschheit." In der Hellen Wintersonne hatte der Wind nachgelassen. Schnee und Ruhe in diesem unbelebten Viertel schienen alle Konturen der Häuser und Kolonnaden mit besonderer Dout- lichkeit, wie in einem guten Fernglas, hervorzuzeichnen.
„Seit vierzehn Tagen also?" Rach langer Pause erst konnte er reden. „So lange hast du es gewußt? Und nichts gesagt — und bist mit mir in dieses Nest gefahren?"
„Ich konnte es nicht ertragen, Steffl, das du den Brief unterschlagen hast. — Es war mir furchtbar, als ich das bemerkte. — So wartete ich lieber. Ich hoffte, daß du bald die Wahrheit sprechen würdest..."
„Und Hütt« ich das nicht getan? ..."
„Du weißt doch selbst", auch sie schauerte zusammen, „daß es ohne Vertrauen kein Zusammenleben gibt."
„Du wärst mir also — da müssen wir eigentlich dem Herrn von Unstrut dankbar sein," würgte er hervor.
Sie rieb eine seiner Hände zwischen ihren beiden Handflächen; wiewohl fie Handschuhe trug, war das Laue ihrer Haut, ihrer Liebkosung, fühlbar. Das Weinen war ihm nahe gewesen. Nun beruhigte sie ihn nach ihrer Art. Auch damit, daß sie die lustige Berlinerin wieder zum Vorschein brachte: „Ich hab' mir ja ’ne Knills im Bauch gelacht, wie du mit der i schnapsidee ankamst."
- Und fie tat noch ein übriges und erzählte (wohl damit er nicht be- j schämt sei — aber vielleicht war es auch die reine Wahrheit), daß sie quitt ! miteinander feien. — Habe er ihre Briese nachgesehen, so sie auch die {einigen. Schön sei das nun ja gerade nicht. Und wahrscheinlich viel Neugierde dabei. Aber doch auch Liebe. Oder Liede zu allererst? — In der Nacht sei sie nämlich in fein Arbeitszimmer geschlichen und habe die Geschäftsbriefe gelesen. Und dies der Grund, weshalb sie seinen Reden nicht geglaubt habe und sogar auch fernen großen Brief an sie nicht, dem Brief mit dem Schlußsätze, daß die Fabrik doch nicht gar so schlecht gehe und „katastrophal noch lange nicht." Was sie nämlich in feinet Geschäftskorrespondenz gelesen habe, fei ja nach ihrem LalenverstaiÄ schon reichlich „gar so schlecht" und „katastrophal" gewesen...
Seine Gedanken schienen nicht ganz bei der Sache zu verweilen. Daß er ihr ihre Neugierde verzieh, durfte ja klar sein; denn weshalb hätte et ; sie wohl so heiß und nah an sich gehalten? Aber es war doch noch etwa, j anderes, woran er 'dachte: „Nachts — in meinem Arbeitszimmer? — - Und deshalb also ... deshalb wohl ... dein Schlafzimmer ab gesperrt?* s Sie nickte schnell.
Und er scheu ganz einverstanden mit ihr.
Es war ja wirklich alles so nahe beisammen, Liebe und Verrat — Treue und Egoismus. Wer kannte sich da aus? Er zumindest hatte im Augenblick nicht den Mut, die Beweggründe zu sondern. Und auch sein Steckenpferd: „Geldwährung oder Gefühlswährung" — es schien ihm nicht recht praktikabel im Augenblick. Cs muhte auch gar nicht erst darüber gesprochen werden, daß er Mathilde nun gern ins Engagement fahren ließ — und warum — und ob sie nur ihres Talentes wegen, das sie brämrte, zur Bühne ging, oder um ihm zu helfen — und welche Rolle das Geld bei all dem spielte und ob also das Geld über die Liebe gesiegt hatte ober umgekehrt. — Das alles verschwamm nämlich miteinander. Es gab für eine Weile diese scharfen Trennungen nicht, die uns beängstigen, uns schuldig oder unschuldig sprechen. Sondern die Stunde war da, in der man ganz plötzlich erkennt, wie die Dinge ans fich selbst sich neu erschaffen und mischen und wiedererschaffen — die Stunde, in der kein Unglück auskommt, nicht einmal das des Geldes und der Arbeitshöllen im Hintergrund. Ja, auch daß man nicht weiß, warum jetzt diese. Glücksstunde, j warum sie da ist und morgen vielleicht nicht und niemals mehr — nicht i einmal dieser Gedanke raubt ihr etwas von ihrer Süßigkeit. — Und wäre ! es möglich: er könnte sie eher noch süßer und lebendiger machen.
Stephan und Mathilde traten in einen Nadelwald, die jungen Bäum« standen sehr dicht. Hier war es dunkel und totenstill. Nur ein gläsernes Klingen rührte sich von den dick beschneiten Aesten — und zuweilen fern ein zarter Vogelruf. Ganz weit von allen Menschen fühlten sich die beiden, obwohl die. Straße nicht gar zu entfernt lief; aber das mißt sich ja nicht nach Kilometern. Immerhin stapften sie noch etwas tiefer in den Wald 'hinein, einer in den Fußtapfen des anderen. Dann standen fie still. Es roch, freundlicher noch als in den Gaffen, nach Schneenäffe, dazu nach Erde, feuchtem Holz, altem Laub. Und verstärkt, wie Reifen um die Stirn, diese Ruhe glatt und kühl. Da zeigte ihm Mathilde frische Schnee- ntna..." / flocken, die scheinbar ganz frei in der Luft hingen. Aber wenn man naher
' „Stein, laß erst mich zu Ende reden. Mich hat's nämlich gefreut, daß hinsah, merkte man, 'daß noch vom Sommer her feine Spinnetze zwischen
du so mitgegangen bist. Obwohl du ja neulich so viel gegen Kameradschaft die dunklen Nadeläste gespannt waren. Spinnweben genügten, um oen
geredet hast — und jetzt beim ersten Mal, wo du mich hörst..." Schnee zu tragen. In Spinnweben — Leichtes vom Leichtesten gehalrn
„Ist ja alles vorbei", rief er, „der ganze Alpdruck. Und das du's — hatten sich die Flocken verfangen und schaukelten leise, wenn man
weißt — du Ust von Reinhardt engagiert. Den Kontrakt habe ich in der ! anstieß. '
Paul
Es lc wenn es immer j vorzuliec Höhe ni wieder c nur fchn Um so l erst spät Niedergc daß im Erkenne: bloß die zu nehir auch als ihr Los obwohl Grunde an Dem nenten 1 »Philips zu bann
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