Die beiden Stromarten, die als Kraftquellen in Betracht kommen, sind ter Gleichstrom, der den Stromkreis immer in gleicher Richtung durchläuft imd der Wechselstrom, der in ununterbrochener schneller Folge seine Rich- lling hin- und herwendet. Experimentell konnte nachgewiesen werden, daß die unterste tödlichste Stromstärke bei Gleichstrom viermal größer als bei dem Wechselstrom ist. Da aber bei Betriebsunfällen fast immer mit der Einwirkung eines Vielfachen der gerade noch als tödlich ermittelten Stromstärke zu rechnen ist, ist die praktische Bedeutung dieses Befundes nur gering. Keinesfalls reicht sie aus, um der einen Stromart aus Gründen der Unfallverhütung vor der andern den Vorzug zu geben.
Bon viel größerer Bedeutung ist es, zu betrachten, welche Stromspannungen schon tödlich wirken können, welche unbedingt tödlich wirken müssen. Nach allen bisherigen Erfahrungen, namentlich auch nach den soeben erschienenen interessanten Ausführungen von Pietrusky (Breslau) ist die Beantwortung dieser selbstverständlichen Frage außerordentlich schwierig. Man kann nur sagen, daß wahrscheinlich schon Spannungen von nur etwa 60 Volt tödliche Unfälle verursachen können, mährend unter Umständen Tausende, ja selbst Hunderttausende Volt den Körper schadlos passieren können. Für die gefährliche Wirkung kommt nämlich außer ter Voltzahl, das ist der von der Kraftquelle gelieferten rtekiromotorischen Spannung auch die in Ampere ausgedrückte Stromstärke in Frage. Diese ist jedoch kein absoluter Wert, sondern sie steigt einerseits mit der von der Maschine gelieferten elektromotorischen Kraft (Volt) an und sinkt andrerseits mit den im Stromkreis befindlichen Widerständen (Ohm). Ebensowenig wie für die Spannung können für die Stromstärke gleichmäßige Grenzen der Ungefährlichkeit öder tödlichen Wirkung festgelegt werden.
Ausschlaggebend für das Zustandekommen der Unfälle durch Strom scheint vielmehr das Verhältnis der beiden Faktoren zueinander zu sein. Erfahrungen und Versuche sprechen dafür, daß Spannungen von 220 bis 440 Volt bei einer Stromstärke von nur 0,1 Ampere tödliche Unfälle Hervorrufen können, während andererseits 30 000 Volt bei 4 Ampere unter Umständen vertragen werden.
Für die Praxis geht aus dieser sehr großen Verschieblichkeit der Grenzen folgendes hervor: Bricht das Opfer eines elektrischen Unfalls besinnungslos ohne wahrnehmbaren Puls und Atmung zusammen, so haben alle theoretischen Erörterungen zu schweigen. Keinesfalls darf Kenntnis der hohen „unbedingt" tödlichen Spannung des den Unfall verursachenden Stromkreises dazu verführen, den Fall als hoffnungslos anzusehen.
Die gleichen Wiederbelebungsversuche, wie bei der Rettung Ertrunkener, künstliche Atmung und Herzmassage müssen unter allen Umständen stundenlang fortgesetzt werden. Tatsächlich hat der unermüdliche Eifer der Arbeitsgenossen auf diesem Wege schon Menschenleben gerettet, die nach dem Urteil physikalischer und medizinischer Wissenschaft als rettungslos aufgegeben waren.
Es hat sogar, so erstaunlich dies zunächst klingen mag, fast den Anschein, als ob die Rettungsausfichten nach Unfällen durch hochgespannte Ströme günstiger sind, als noch solchen durch Ströme mittlerer Spannung. Erftere haben die Eigenschaft, blitzartig zu betäuben, und Herzstillstand hervorzurufen, Zustände, die nach Unterbrechung der Strom- Wirkung van selbst oder unter den geschilderten Wiederbelebungsmaß- nahmen schwinden können. Ströme mittlerer Spannung können das Herz in den Zustand des Flimmerns, des ungeordneten, zwecklosen Leerlaufs versetzen, aus dem di« Zurückführung zur normalen Tätigkeit feiten gelingt.
Selbstverständlich spielt für den Ausgang auch die Dauer der Stromeinwirkung eine Roll«. Die Aussichten des Betroffenen, der eine Leitung berührt, sofort zusammenbricht und damit ben Strom unterbricht, sind günstiger als die desjenigen, dessen Körper längere Zeit vom Strom durchlaufen wird. In diesen besonders unglücklichen Fällen, in denen der Verunglückte längere Zeit dem Stromdurchgang ausgesetzt ist, kann jedoch bisweilen ein eigenartiger Selbstschutz rettend ein treten:
Der Strom, der an Ein- und Austrittsstelle mehr oder minder starke verbrennungsartige Gewebsschädigungen erzeugt, ruft häufig eine vollkommene Verkohlung der betroffenen Hauptpartie hervor. 2He so aus Körpergewebe gebildet« Kohleschicht wirkt als Isoliermaterial und schützt den Körper durch Stromunterbrechung vor einer längeren Einwirkung.
Ein rein nervöses Moment wird ebenfalls zur Erklärung der großen Abweichungen im Verlauf elektrischer Unfälle herangezogen: Das Bewußtsein der Gefahr soll ihre Größe mindern. Mit anderen Worten, der Monteur, der an einer Starkstromleitung arbeitend, mit der Möglichkeit eines elektrischen Schlages rechnet, soll diesen besser vertragen können, als ein Unbeteiligter, der ihn ganz unvermutet empfängt. So wird von einem Gelehrten berichtet, der bei einer Matterhornbesteigung in ein schweres Hochgewitter geriet und jeden Moment erwartete, vom Blitz getroffen zu werden. Als dieses Ereignis 'wiederholt eintrat, soll es für den Betroffenen keine schwereren Folgen als zerrissen« Kleidung und vorübergehende Bewußtlosigkeit gehabt haben.
Schließlich spielt beim Wechselstrom noch die Anzahl der Perioden, das ist di« Häufigkeit des Richtungwechsels in der Sekund« eine ausschlaggebend« Rolle für seine Wirkungsweise aus den menschlichen Körper: Ein Strom von mittlerer Spannung und 1 Ampere Stärke wirkt bei einer Frequenz von 50 Perioden ost tödlich, während «r bei einer Wechfelzahl von 1000 000 gefahrlos jur heilsamen Durchwärmung innerer Organe, zur ärztlichen Diathermie, verwendet wird.
, Eine große Anzahl der Unfälle durch elektrischen Strom kommt nun nicht in der Art zustande, daß das Opfer zwischen die beiden Pole der Stromquelle gerät, sondern, daß es nur mit der «inen Leitung in Berührung kommt, und der Stromkreis durch den Boden, auf tem er steht, durch Erdschluß hergestellt wird. Es ist ganz selbstverständlich, daß die Art des Fußbodenmaterials, sein Feuchtigkeitsgrad und dergleichen mehr weitgehenden Einfluß auf das Zustandekommen und die Stärke des Erdschlusses haben kann. Aber auch körperliche Eigenschaften des Betroffenen spielen für den Gefährdungsgrad durch den Strom eine große Rolle: *«t« feuchte, weiche Hand wird, bei Berührung mit einem Leiter, dem Stram widerstandsloseren und damit verderblicheren Eingang in den
> Körper gewähren, als eine mit hornigen Schwielen bedeckte harte Sh । beitshand. Dieselbe Strormeckung, die heute dem einen nur einen fühlbaren ! elektrischen Schlag austeilt, kann morgen den andern zu Tode treffe«.
Alle sogenannten harmlosen Scherze, wie das Blauklegen von isoliertes leicht berührbaren Leitungen, Verbindung von Gebrauchsgegenständen mit diesen, die dazu dienen sollen, anderen einen leisen Schreck einzujagen, können tödliche Wirkungen ausüben.
Ein Monteur, der die Türklinke seines Hühnerstalles mit der Lichtleitung verband, um etwaigen Hühnerdieben einen harmlosen Schreckschuß zu versetzen, fand zu seinem Entsetzen am andern Morgen einen — selbstverständlich vollkommen unschuldigen — Mann vom Strom getötet vor der Tür liegen. Während solche durch groben Unfug hervorgerufenen Unglücksfälle selbstverständlich mehr als überflüssig sind, kann fraglos auch die Zahl der Betriebsunfälle, durch sorgfältigste Beachtung der Un- fallvechütungs-Vorschriften auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden. Ganz vermeidbar werden sie aber, bei der immer größeren Verbreitung, di« der elektrische Strom findet, niemals fein.
(Schluß.)
Probebühne.
Wer diese Stätte miitelalterlicher Folterungen erfunden hat, mag sich was darauf einbilden. Stephan erschauert«, als er mit seiner Frau den ■ leeren, zu stark geheizten, übergrell erleuchteten Raum betrat, in dem - rechts und links durch ein paar bis an die Decken reichende Stangen, ■ Turngeräten ähnlich, die erste, zweite und dritte Kulisse angedeutet war. i Auf der einen Seite wie in einer Rumpelkammer aufgefchichtet: «in ; Tisch, einige Sessel, eine rohgezimmerte Gartenbank mit Mschweister ! Lehn«. Alles abgewetzt wie alle Schulbänke, ohne erkennbare Farbe, die Kanten abgeschlagen. Wie vielen Liebesszenen mochte diese Gartenbank gebient haben, wie vielen Lustspielen das Stehpult! Cs waren gleichsam die abstrakten Grundformen aller nur irgend möglichen Requisiten. Ur® dies« paar Stücke Holz reichten also für all« Situationen des Lebens aus, so einfach ist es und stets dasselbe . . . Don neuem packte es ihn: taedium vitae. , _
An chlechlen Eindrücken war schon vorhin kein Mangel gewesen. Das Sotbatendenkmal vor dem Theater: Mann mit Handgranate. Gewiß find viele junge Menschen aus dem Ort hier gefallen, und man kann es begreifen, daß man durch eine gewisse heroische Stimmung (die es übrigens bei einzelnen wirklich gibt, nicht bloß als Lüge) ihren Tod weihevoll verklären möchte. Aber wie dem auch fein mochte, es tat seiner weichen ©eefe weh... Und außerdem las er gleich nachher, als er mit Mathilde durch den Bühneneingang ins Theater eingetreten war, eine Ankündigung, m ter offenbar di« diensthabenden Organ« angeführt waren. Und da hieß «s zuletzt- Einhelfertn. — Einhelserin? Was mochte das fein? Wahrfchein- sich Souffleuse! Und diese Uebersetzung fügte sich mit dem Granatenwerfer zu irgendeiner unangen'ehmen Einheit zusammen.
Dann waren sie zu Herrn von Unstrut geführt worden, Treppen abwärts, wie in eine Schiffskabine. Der kehrte ja nun in feiner Sprech- weile durchaus nicht den ehemaligen Soldaten heraus. Im Gegenteil: begrüßte den Kriegskameraden sehr höflich — nur war er fatalerweise so unnatürlich groß und redete (vielleicht gerade um Nicht militärisch zu erscheinen) so leis«, daß man ihn nur mit großer Anstrengung verstand. Und das wirkte doch wieder, obwohl sichtlich ungewollt, mcht sehr zuvorkommend. Der Intendant sprach überdies mit Stephan anders als mit feiner Frau. Mit der Frau nur ganz kurz angebunden, gleichem schon wie mit einer Angestellten. Das genügte natürlich,, um Stephan gegen ihn aufzubringen. — „Einhelferin" — dachte er erbittert. „
Di« beiden warteten schweigend. Dann trat das „Richterkolleglum M den Probesaal und nahm die eine Wandseite. Alle standen, es war im- qemütlich. In der Mitte, überschwebend, van Unstrut, ihm zur Seite vier oder fünf junge Leute, der Dramaturg, die Regisseure. Ohne wertere Förmlichkeiten, ja ohne auch nur die Herren seiner Begleitung vorzustellen, wandte stch der Intendant an Mathilde: „Wenn Sie nun beginnen wollen.
Mathilde richtete sich in der Mitte des Saales auf, schon, blorw, geschmeidig, allein, eine Königin, von vielem Licht Überglänzt. — So viele Männer gegen die eine Frau, mußte Stephan denken. Und ich, ihr einziger Freund, bin machtlos, kann nicht zu ihr hinspringen, nein, nichts dergleichen ist hier erlaubt... Er verzog sich, nahm seitwärts em Plätzchen zwischen den Turnstangen, als gehör« er Nicht mit dazu. Und doch bin ich es ja, der sie hergebracht, 'hergelockt hat — sagte er sich t>w» wurfsvoll. Sie tat ihm schon ganz gewaltig leid, die. Arme. Aber Herrlich sah sie aus, das muhte man ihr lassen, ihr wundervoller Wuchs kam in dem leichten, tervakottafarbenem Abendkleid, das sie trug, schlank und prächtig zur Geltung. ..... ...
Monolog der Julia. Mathilde hatte sich mit dem Intendanten verständigt. Sie begann tiestraurig: »Lebt wohl! — Gott weiß, wann wir uns Wiedersehn", steigerte sich, rief verhallend „Amme ! — ließ den bangen Laut lang ausklingen. Er schämte sich, daß fie sich so preisgab. Dor diesen Männern, die unbeweglich längs der Wand standen. Nun wirklich wie ein strenger Gerichtshof. Julia lief, wie gehetzt, quer über di« Buhne. „Tnbalt, halt/' Ein gellender Schrei. Sie hob den nackten, funkelnden weißen Arm. Stephan war erschüttert. — Dann war es bald zu Ende. Sie verstummte, neigte den Kopf, hob keuchend eine, Hand an jfr nerj. Oh, wie es sie hergenommen hatte. Gewiß war sie eine echte «chau- fptelerin, voll van echtem Gefühl. Dann lächelte sie den Intendanten an. Es war, als ob Julia von ihr glitte, hinabfiele, während sie den Kopf hob.
Und Herr von Unstrut? —'Kein Wort. Das war unmenschlich: irgendein Wort für ober wider mtire jetzt bestimmt zu sagen gewesen! Den Intendanten fand Stephan mit einemmal von ganz unglaublichem Adelshochmut besessen. Daher auch fein unverständliches Schnaufeln, das er jetzt gegen feine Dramaturaenfchar und Stephan, über sie wegschwebend, aber ja nicht gegen Frau Mathilde in Bewegung setzte. — Stephan selbst I war von Mathilde begeistert. Schon ihr emporgehobener, apfelweißer
Beschneite Spinnweben.
Von Max Brod.
(Nachdruck verboten.)


