Achtung: Starkstrom!
Bon Dr. Th. A. Maaß.
Im Jahre 1900 kam auf mehr als,500 Betriebsunfälle mit tödlichem Ausgang nur einer, der vom elektrischen Strom verursacht mar; heute fällt jeder fünfzigste zu Lasten dieses Betriebsmittels. Diese gewaltige Zunahme ist nicht etwa durch mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen oder zunehmende Leichtfertigkeit verschuldet, sondern durch die ungeheure Verbreitung, die der elektrische Strom als Kraftquelle gesunden hat. Außerdem ist eine Erhöhung des Gefahrmoments auch in der Steigerung der Stromstärken, mit denen heute gearbeitet wird, zu suchen. Aus technisch-ökonomischen Gründen liefern die Riesendynamos der Ueberland- zentralsn Strom von einer Spannung, die weit über das Maß Hessen, was als Licht- oder Kraftquelle benötigt wird, hinausgeht. Die Drosselung, Umformung auf die für den Betrieb von Motoren und Lichtanlagen geeigneten Spannungen geschieht erst am Orte der Verwendung. Wenn auch, wie später gezeigt werden wird, die tödliche Wirkung des elektrischen Stromes in keinem direkten Verhältnis zu seiner Spannung stcht, ist die Gefährlichkeit der Hochspannungsleitungen keinesfalls zu unterschätzen, besonders schon deshalb nicht, weil isolierende Schutzmaßnahmen, die normal gespannten Strömen ein unüberwindliches Hindernis bieten, gegen hochgespannte Ströme ost keinen genügenden Schutz bieten.
Vor allen andern Gassen Annecys entzückt die Canal du Thiou. In der Mittagssonne glänzen ihre glyzinenumsponnenen Häuser in südlicher Helle überm Wasser, das lässig die dicken Mauern .des Aucien Palais de Hie umspült. Mer des Abends wachsen gigantische Schatten über der Flut zusammen, und drohend klimmt hinter den Dächern das Gebirge zum Himmel. Auf dem schmalen Weg zwischen Häusern und Wasser ist kaum Platz für die Maultierwagen der savoyardischen Bauern, und erst vor dem Palais de l’Ile finden Vehikel aller Art wieder Raum genug. Dies Palais de l’Ile ist das wunderlichste Bauwerk einer Laune, vielleicht auch einer Notwendigkeit. Nach Art der alten Wasserburgen steht es mitten im Canal du Thiou, dessen dunkle Fluten dem See entströmen. Doch es hat nichts von der malerischen Anmut dieser festen Schlösser, die mit Wall und Graben di« Landschaft unterwerfen. Eigensinnig stößt es die Spitze seines Mauerdreiecks der Seeseite zu, wie der Bug eines angriffslustigen Kriegsschiffes aus den sanften Wellen ragend; und wenn auch diese seltsame Bauart vielleicht nicht einmal bewußte Absicht war, so hat sie doch etwas Bizarres und fast Verletzendes.
Es war an einem Palmsonntag vor nun bald zweihundert Jahren, daß sich in diesen Gassen von Annecy ein sechzehnjähriger Jüngling den Weg zum Hause der Madame de Warens suchte. Er kam zu Fuß aus d->r Genfer Gegend und mochte wenig ahnen, daß fein Nams, Jean- Jacques Rousseau, einst auf einem Straßenschild der Stadt Annecy zu lesen fein würde. Doch es war Sonntag, da er seinen Einzug hielt, und Sonntag wuvdees von nunan auch ein wenig in seinemLsben. Rur ein wenig, denn er war nicht dazu geboren, allzu glücklich zu sein. Was ihm Annecy gab, sieht man aus jenen schlichten Worten — den letzten, die er schrieb: „Heute, am Palmsonntag, find es 50 Jahre her, daß ich zum erstenmal Madame de Warens sah." Roch nach fünfzig Jahren gedenkt er seines Einzugs in Annecy und jener Frau, die aus Jean-Jacques einen Rousseau machte und ihm Mutter, Freundin und Geliebte zugleich war. Wenn man heute versucht, den Spuren Rousseaus in Annecy zu folgen, wird man schnell enttäuscht. Niemand weiß mehr, wo er gewohnt, niemand, wo er mit Borliebe geweilt hat. Das „maison de Rousseau" ist eine willkürliche Bezeichnung des Volkes, das halb unbewußt ein Stück Geschichte erhält, und nur das Haus, in dem er seinen Adusikstudien oblag, steht unverändert an der alten Stelle. Dennoch war der Aufenthalt in Annecy für Rousseau mehr als eine Episode.
Die schlicht« Barockkirche, in der Madame de Warens ihren protestantischen Glauben abschwor, trägt den Namen Saint-Francois. SBsollte . eg nicht auffallen, daß in Savoyen fast alle Kirchen Saint-Francois heißen» Nun, in Annecy findet sich leicht die Erklärung: nicht weit von der Stadt, auf dem Schlosse Sales, ist dieser Heilige Franz geboren, und das riesige Kloster am Bergeshang hütet als kostbarste Reliquie seine Gebeine. Saint-Francois ist mehr als Rousseau ein Kind des savoyischen Landes, und dennoch: wie sonderbar nimmt sich dieser elegante, geistvolle Gottesmann unter den savoyardischen Bauern ans! Wie wenig mochte dieser glänzende Wortsührer des Christentums, den sich mit Vorliebe die Damen zum Beichtiger und Berater erkoren, mit dem Gebrrgs- nolke seiner Heimat gemein haben! Doch di« einfache Geradheit seines Glaubens wurzelte in favoyischer Erde, und mit Savoyen blieb er zeitlebens innig verbunden. Die kleine Kapelle des Schlosses Allinges, nicht Weit vom Genfer See, bewahrt in rührender Einfalt als köstliche Reliquie seinen letzten Hut, doch Annecy kann sich seiner heilskräftigsten Hinterlassenschaft, seiner eigenen sterblichen Ueberreste rühmm. In der Krypta des neuen Klosters von ungeheuren Ausmaßen, das äußerlich in nichts an die erste Gründung erinnert, liegen in gläsernen Särgen in Wachs wohlerhalten und angetan mit allem Pomp kirchlicher Wurden, Samt- Francois de Sales und seine Helferin, Jean ne de Chantal. Der Orden de la Visitation ist ihre Stiftung und ihr Werk; nach mehr als drei Jahrhunderten noch ist es unvergessen, ja, zu ihrem triumphierenden Denkmal geworden. Der Geist des Heiligen Franz lebt, und man verkauft in Annecy noch immer die graziösen Briefe an seine chere Philothee, die „Intrp- duction dans la vie devote".
Das Kloster fängt mit all seinen Fenstern die herrlichste Landjchaft «in die man sich denken kann. Bescheiden bettet sich Annecy in das Tal zu seinen Füßen, von weitm Feldern und Wiesen umgrenzt; klar und ruhig spiegelt der See die dunklen Berge, in die er sich träumend verliert. Duftende Wälder umhegen den Wog zur „Grande Jeanne", jenem niederen Gipfel, der einen so entzückenden Ausblick auf di« Stadt gewahrt. Die „Grande Jeanne" —, sollte es nicht Jeanne de Chantal sein, der man - mit dieser Bezeichnung ein lebendiges Denkmal setzt? Und ist dies nicht ein schönerer Ort zur Verehrung einer Heiligen, als die düsteren Maiiern einer kaum vollendeten Gruft?
König, erwache! Und eilte mit fliegenden Füßen hinab über den Felsen- I psad, hin und her, wie er ihn kannte, bis er die Reiter fand, schon lau- ! send nach ihren Pferden.
Aber der Schrecken war eher verklungen, als sie die Ursache gewahrten: zwei Reiter lagen zerschmettert zwischen drei Rossen. Und bis die andern bi« Steile zurück in die Schlucht fanden, hatte der Haufe des Königs sich schon zur Wehr um ihn versammelt. Als sie noch spähten, woher der Ueberfall drohte, kam im Galopp um den Felsen herum der Esel gelaufen. Da lachten' sie fröhlich hinein in den Schrecken, winkten dem Tier einen dankbaren Gruß und ritten davon.
Der Müller sah ihre Gestalten im Schatten des Waldes verschwinden, als wäre der Traum dieses Mittags zu Ende wie all seine anderen Träume; er aber mochte nicht wieder so rasch zur Wirklichkeit kommen. Als auf der Spur des Esels noch ein lahmes Roß angetrabt kam, das im Getümmel den Reiter verlor, ergriff seine Einfalt die Zügel. Und während der Efel zurück in den Stall ging, an der leeren Krippe zu grollen, hatte sein Herr schon Fuß in dem Steigbügel gefaßt, den flüchtigen Traum zu verfolgen.
Also geschah es, daß Heinrich, der salische König, auf der Flucht vor dem Aufruhr der Sachsen mit acht statt sieben Getreuen nach Eschwege kam, sich über die Werra zu retten. Als er im zweiten Sommer danach an der Unstrut den Sachsentrotz dämpfte, ritt Bernhard, der Müller, als Dienstmann des Königs bas blutige Treffen schon mit. Und ihrer drei Ministerialen mit ihren Knechten kamen danach über den Wolfskamp, den Esel als Retter des Königs in Königspflege zu holen, der dem Knaben indessen treulich gedient halte. Die Mühle aber behielt der Dienstmann als Lehen, der nach einem Scherzwort des Königs für seinen wackeren Esel Don der Mühlen genannt war.
Ein FsrisnWinksl in AewoyeM--
Von Marie-Luise S i o r.
Man weiß längst, daß di« Engländer geborene Globetrotter sind und daß amerikanische Autos an den Kilometersteinen der ganzen Welt vorbei- fliegen. Der rucksackbeladene, bildungshungrige Deutsche mit dem roten Bädeckor in der Hand, erscheint noch immer ab und zu in den Witzblättern des Auslandes, und, obwohl er sich seit geraumer Zeit — mit Knickerbockers und Creppsohlen — zum Weltbürger gewandelt hat, ist sein« Reiselust genau so naiv und phantastisch geblieben. Rur die Franzosen bleiben zuhause. Sie gehören offenbar zu den Glücklichen, die es innerhalb ihrer vier Wände genau so schön finden, wie draußen uniS), die nicht von etwas sinnlosen romantischen oder sensationslüsternen Gefühlen in alle Winde getrieben werden/ Beneidenswertes Land, das in Paris die schönste Stadt, in der Riviera den lieblichsten Seeaufenthalt, in den Westalpen die erhabenste Natur sieht! Die nun vergangene Reisezeit hat aufs neue diese glückliche Beschränkung der Franzosen gezeigt, in der wir Deutschen so ganz und gar nicht Meister sind!
Im Sommer, wenn die ausländischen Konsulate Tausenden deutscher Staatsbürger mit einem Stempetdruck fremde Wunderländer erschließen, schnürt auch der Franzose sein Reisebündel. Doch braucht er weder Visum noch Reisehandbuch, weder Tropenhelm noch Bärenfellmütz«. Denn er sucht sich nur einen neuen Winkel seines chez soi, so wie man etwa nach getaner Arbeit im väterlichen Garten einen schattigen Ruheplatz begehrt. In diesem Garten Frankreichs ist Savoyen eine Lieblingsecke der Franzosen, und es bedurfte nicht erst ausländischer Bewunderung, um dieses schön«, wilde Gebirgsland zum Paradies ihrer Sommermonate zu machen. Mochte die Schweiz sich mit sauber gefegten Tälern, adretten Chaletts und zivilisierten Saumpfaden den Fremden anbequemen —, Savoyen blieb mit seinen Bergen, Seen und Matten unbenommenes Eigentum der Franzosen. Und noch fyeute sind es nur wenige Ort«, wie etwa: Chamonix, Eoiau oder Mx, di« der Freindenindustrie etwas mehr abzugewinnen suchen.
Wer einmal in der schönen Jahreszeit Obersavoyen durchwandert har, der weiß um di« bunte Vielgestaltigkeit dieses Landes. Sonnendurch- glrcht« Weinberge, Tausends hoher Pappeln säumen das französische Südufer des Genfer Sees, von bewaldeten Hügeln glänzen alte Burgen; steil droht bei Genf die rote Mauer des Saleve, der im Süden nachlässig und bequem ins Land zurückrollt; die Landschaft um den Mont Sion hat etwas von der altväterlichen 'Zierlichkeit vergilbter Kupferstiche, aber der Montblanc ist die tolle Komposition des Genies. Annecy, die Hauptstadt des Departements, zeigt so recht dessen vielfältigen Charakter und vereinigt vor seinen Toren alle Schönheiten der Flaute Savoye. So klein und so unbedeutend diese Stadt auch ist, sie hat dennoch ihre Erinnerungen, die selbst im Volke nicht vergessen sind. Wie käme man sonst dazu, ein altes, unscheinbares Haus „maison de Rousseau" zu nennen und einen bewaldeten Berg am See die „Grande Jeanne"? Herrschte heute jenes riesige Kloster oberhalb der Stadt, wenn nicht schon 17. Jahrhundert ein Sohn des Landes ihm zum Sieg verhalfen hätte?
Wenn man durch di« Straßen von Annecy schlendert, ahnt man wenig von diesen verklungenen Dingen; die engen Gassen erinnern an den Süden, so ungeniert und gegenwartsfreudig geht es hier zu. Mütter füllen ihre Säuglinge, alte Frauen stricken und schwatzen mit den Nachbarinnen, Kinder und Hunde kugeln sich in vergnügter Eintracht im Staub herum; in den düsteren Bogengängen der alten Häuser stehen die gebrechlichen Wägelchen fliegender Händler, mit Gemüse und Obst, mit Bändern, Seideftresten und savoyischen Töpfereien beladen. Zu ebener Erde kann man oft, ohne Tür, in die niederen, rauchgeschwärzten Stuben gehen, wo die Männer Karten spielen und den Wein des Landes trinken. Hie und da ersetzt ein raschelnder Vorhang aus Holzperlen die fehlende Zimmerwand. Von großer Sauberkeit ist nicht die Rede; des Samstags verschwenden zwar di« Frauen von Annecy ein paar Eimer Wasser mehr und ihre eifrigen Besen wirbeln ungeheure Mengen von Staub auf; auch die Spräßlinge werden einer etwas gründlicheren Reinigung unterzogen und für den Sonntag wandern ihre traditionellen schwarzen Kittelschürzen an den Kleiderhaken. Doch am Montag sind alle Spuren dieser Mühewaltung längst getilgt und es herrscht von neuem ein fröhlicher Schmutz.


