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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zihrgang (927
Samstag, den 29. Gilover
Nummer 86
Herbst.
Von Werner Bock.
In diesen Tagen, wo die müden Farben Im Abendlicht noch einmal mild erglühen, Da öffnen Rosen, die mir lange starben, Sich neuerwacht zu düfteschwerem Blühen.
Ich greife wieder gnadenreiche Hände Und lausche in mir fremdgewordnem Beben, Mein Auge taucht in schimmernde Gelände, Die sich mit alter Seligkeit beleben.
Schon will mich sühe Andacht liebestrunken Von deiner Nähe betend niederziehen — Da ist die Sonne stumm und kalt gesunken Und läßt auf totem Feld mich einsam knieen.
Der Körngsesel.
Anekdote von Wilhelm Schäfer.
Die von der Mühlen stammen alle von einem Müllersohn ab, der am südlichen Harz in einem abseitigen Wiesental wohnte und, ehe das Schicksal ihn aus der Einsamkeit holte, nicht eben ein Held hieß. Er hatte die Mühle vorzeitig geerbt, als sein Vater die Pest heimbrachte, die alle hinraffte, bis auf den einen, der von den drei Söhnen der jüngste und nicht der gescheiteste war. Den einfältigen Bernhard hießen ihn drüben im Dorfe die Burschen und hänselten ihn, wenn er mit seinem Esel über i den Wolfskamp herabkam, weil er, was sie zum Schabernack sagten, wortwörtlich nahm
Die Hänselei hatte den Müllersohn leidmütig gemachte beim weil er gesellig und menschenbedürstig war, wäre er lieber im Dorf als in der einsamen Mühle gewesen, wo er zuletzt ein heimliches Wesen begann mit Gestalten, die er sich träumte und wohlgemut aussprach. Da ihm von denen nie Bosheit geschah, kam er allmählich nicht mehr ins Dorf und hielt sich einen Knaben als Läufer, der mit dem Esel die Gänge besorgte.
So saß er auch an dem Mittag in dem Schatten der Schlucht, unter blühendem Ginster, und sah gegen den jenseitigen Wald, wo sich die Wolken zu sellsamen Bäuschen geformt hatten, als wären da lauter Gebirge aus Schnee und Eis aufgetürmt, obgleich es so heiß war, daß die Kräuter der Wiese welk hingen und über dem schwarzen Moorweg die Hitze zitternd aufging. Wie er das Geräusch hörte im Wald, als würde durch Laub und dürres Gehölz mit Pferden geritten, war er zuerst kaum verwundert, weil Hellen Tages manches daher kam, was wieder in Träumen verging; auch als die Reiter dann aus dem Wald brachen, nahm er sie immer noch gleichmütig hm, bis sie zuletzt aus dem vermeintlichen Trug der Sinne mitten hinein in die Mühle und also in seine Wirklichkeit ritten.
Sie stiegen alle so lahm aus den Sätteln, und die Pferde hingen die Hälse, auch waren sie grau von Staub, als wären sie lange und scharf geritten und müßten, todmüde, Rast machen. Der zuvorderst geritten, schien ihr Anführer zu sein, obgleich er fast noch ein Jüngling und in der Kleidung kaum abgesondert war von den andern. Als er dem nächsten die Zügel hinwarf und, eines Hauptes länger, im Ring der andern unschlüssig stand, hatte er längst den Staunenden unter dem Ginster erspäht, und winkte ihn herrisch heran.
Aber der Müllersohn saß noch immer in der Verwunschenheit seiner Sinne, so daß er nicht einmal aufstand von seinem Stein, sondern nur nickte, die Reiter zu begrüßen, und vor Freude über sein Glück einfältig lachte. Auch schien der herrische Jüngling gleich wieder vergessen zu haben, daß er ihm winkte; er ging in den schattigen Mahlraum hinein, und überließ ihn ben anderen ... Die freilich fielen gleich über ihn her, schalten und schickten ihn, Hafer und Brot herbeizuschleppen; und als er nicht sobald sprang, waren sie gleich mit Püffen und Schlägen zur Hand, ihm Beine zu machen. So mußte er merken, daß die Gestalten nicht aus dem Traum waren. Sein Mühlrad stellten sie still, weil das Geklapper sie störte; und was er zu essen da hatte, schwand hin vor ihrem Hunger. Auch wollten sie Wein haben, als sie den ärgsten Durst am Wasser gestillt hatten; und der Jüngling war es, der zuerst danach rief.
Hörst du nicht, Bauer, der König will Wein! knuffte ihn einer, als er noch stand, mit dem hölzernen Becher Wasser zu schöpfen, und ehe noch eine Erstaunung zu fragen vermochte, wer dieser König wohl wäre, der o über Land ritte, hatten die Reiter seinem Esel den Schlauch überge- ijängt, daß er nach Wein ginge.
Das Dorf war weit, wohl eine halbe Stunde und mehr, wenn sie Hefen, und sie muhten im glühenden Mittag über den Wolfskamp hin- ulber, wo es schattenlos war. Bis wir zurück sind, sagte die Einfalt des Müllers zu feinem Tier, sind dritthalb Stunden vergangen, und der König muß aus uns warten! Er schämte sich dessen und trieb den Esel mit einem i
Buchenreis für einen König, den er nicht kannte, und für ein Gefolge, das ihn gescholten und übel geschlagen hatte; und der Esel lief eifrig dahin, als wüßte er, daß sie im Königsdienst wären.
Wie aber die beiden mit ihrem Schatten gegen das Dorf kamen, und einige Burschen lachten schon über den einfältigen Müller, die ihn und den Esel mit seinem Schlauch auf dem glühenden Weg schwitzen sahen, indessen sie selber in einem Schatten von einem Birnbaum saßen und schwatzten — will er im Schlauch Wasser holen, fein Mühlrad zu treiben? spotteten sie — kamen zum andermal Reiter geritten, ein Dutzend und mehr, und riefen ihn an, was er da liefe mit seinem Tier?
Der König will Wein, sagte er treulich und wollte vorüber. Sie aber, die ihn nur zum Spaß gefragt hatten, hörten sein unbedachtes Wort kaum, als ihn schon einer vom Pferd herunter am Schopf faßte. Denn sie waren gesandt, den König Heinrich zu sangen, der sich vom Aufruhr der Sachsen in feiner trotzigen Harzburg bedrängt, durch einen heimlichen Ausgang noch in die Wälder gerettet hatte, mit seinen Getreuen gegen den Rhein zu entweichen. Als sie so unverhofft seine Spur sanden, ritten ihrer drei ober vier gleich zurück, Hilfe zu holen. Von den andern hob einer den Müller vor sich aufs Roß, daß er den Weg zeige. Wir haben Wein für den König genug, hohnlachten sie: Wenn wir nur bald seinen Durst stillen könnten!
Dem Esel war der Wechsel nicht recht, und er wandte nur feinen Kopf störrisch gegen die Männer und ihre hochmütigen Rosse: aber Bernhard, der Müllersohn, freute sich dieser Wendung, daß er im Sattel sogleich den Weg zurückgebracht wurde, den er mit feinem Tier durch die Mittagshitze gerannt war. Wie gut war es, daß ich die Männer fand, dachte feine Einfalt, und war ein rechter Hans im Glück, wie sie da ritten, dem König Wein zu bringen; und der Esel trabte kopfschüttelnd mit seinem leeren Schlauch hinterher. Als sie jedoch oben am Wolfskamp waren und sahen die Mühle im Grund, aber noch fern, lenkten die Männer sogleich ihre Pferde seitab in den Wald und machten die Schwerter bloß.
Da stieg auch der Einfalt des Müllers ein Argwohn auf, welcher Art der Wein fein sollte, den sie dem König zu bringen die Schwerter bloß machten; und er wär« lieber mit seinem Grautier gegangen, statt im Sattel zu sitzen: Laßt mich ab! bat er flehend und wollte hinunter. Wer der hinter ihm faß, legte die Link« wie Eisen auf feine Schulter und lachte: Ruhig nur, Bauer, wir sind gleich da!
So mußte er mit durch den Buchenwald reiten und während die Hufe ins dumpfe Moos fielen und kaum ein Waffenring klirrte, sah seine Angst den König schlafend daliegen in seiner Mühle, und die Männer tarnen mit scharfen Schwertern über feinen Schlaf und den seiner Getreuen: So hab' ich den Dienst versäumt und das Gastrecht verraten! wehklagte fein Herz in der Einfalt und wollte lieber sterben, als die Ehre verloren zu haben.
Darüber kamen sie schon an die Schlucht, wo der Fußweg zur Mühle zuerst noch gemächlich tatab ging, aber bald in die steile Wand führte. In seiner Einfalt wies er die Männer gradaus, wo der rechte Weg die Festen im Bogen umging; jedoch der Reiter in feinem Rücken mißtraute der Weisung, und lenkte mit einem Fluch dennoch hinab. Da war es dem Müller nicht anders, als hörte er plötzlich fein Mühlrad gehen, so fing die wilde Lust mit allen Rädern in ihm an zu klappern, daß sie sich selber so in die Falle hineinritten. Denn, wo er den Dornbusch schon sah am Rand, und wo der Ginster den gelben Wasserfall in die Felsen Hinabhing, da kam fein Roß lebendig hinunter; mochten die anderen sich rückwärts retten, den ersten nahm es gewiß, mit feinem lärmenden Sturz die Schläfer in der Mühle zu wecken. Er hatte fein letztes Gehet schon gesprochen und lehnte sich gegen den Reiter zurück, weil die Steile begann, als die Schreckensposaune über sie kam aus der Höhe.
Kein Tier des Waldes hätte den Schrei tun können, den der Esel da in das Tal sandte. Der war den Rossen gemächlich gefolgt bis an die Schlucht; aber den Irrweg, den die stolzen Hufe bann schritten, ging er nicht mit. So blieb er zuerst abwartend stehen, als aber der letzte Vordermann vor seinen Blicken verschwand, und er stand allein in der Schlucht, auch fein Herr war verschwunden, mußte er Klage erheben üf>er die Torheit, und daß sie ihn treulos verließen.
Wie aber so aus der Stille des Mittags der gräßliche Schrei über sie kam, schraken die Reiter zurück, in die Zügel, und die Rosse bäumten sich auf; sie fanden im steilen Geröll nicht Halt für die Hufe und stürzten übereinander. Ihrer zwei ober brei warf der Schrecken hinab auf das erste. Dem hatte fein Reiter mit einem Fluch noch den Hals seitwärts gerissen, daß der Bauch gegen den Berg fiel; aber das Tier war zu schwer und den Reiter nahm es am Steigbügel mit in die Tiefe, indessen Bernhard, der Müllersohn, mitten hinein in den Dornenbusch griff, sich da noch zu halten.
Während die Flüche sich mit dem Fall der schlagenden Körper, dem Todesgeschrei und Schrecken vermischten, ging die Posaune des Esels noch immer darüber her, bis sie mit kürzeren Stößen verklagte. Aber noch in den klagenden Ruf feines Tieres hinein rief der Müller: Erwache,


