staunt. Line kurze Zeit schwankte ich wirklich, ab ich sein Anerbieten nicht annehmen sollte; bald aber erinnerte ich mich des Gelübdes, das ich gestern getan hatte, als ich den Engländer dahinrollen sah: ich hatte mir gelobt, unter allen Umständen meine Pilgerfahrt zu Fuß zu wallen. Ich erklärte das laut. Jetzt erstaunte der Engländer: er konnte mich nicht begreifen. Er wiederholte fein Anerbieten, und daß er schon viele Stunden auf mich gewartet habe, obgleich er im Nachtquartier durch die gründliche Reparatur des zerbrochenen Rades sehr lange aufgehalten worden sei. Ich blieb fest und er fuhr verwundert davon.
Eigentlich hatte ich eine geheime Abneigung gegen ihn, denn es drang' sich mir wie eine düstere Ahnung auf, daß mir dieser Engländer großen Verdruß anrichten würde. Zudem kam mir seine Verehrung Beethovens, sowie sein Vorhaben, ihn kennen zu lernen, mehr wie die geckenhafte Grille eines reichen Gentlemans als das tiefe, innige Bedürfnis einer enthusiastischen Seele vor. Deshalb wollte ich ihn lieber fliehen, um durch eine Genieinschaft mit ihm meine fromme Sehnsucht nicht zu entweihen.
Aber als ob mich mein Geschick darauf vorbereiten wollte, in welchen gefährlichen Zusammenhang ich mit diesem Gentleman noch geraten sollte, traf ich ihn am Abend desselben Tages abermals, vor einem Gasthofe haltend und, wie es schien, mich erwartend. Denn er saß rückwärts in seinem Wagen und sah die Straße zurück, mir entgegen.
„Sir," — redete er mich an, — „ich habe wieder sehr viele Stunden auf Sie gewartet. Wollen Sie mit mir zu Beethoven fahren?"
Diesmal mischte sich zu meinem Erstaunen ein heimliches Grauen. Diese auffallende Beharrlichkeit, mir zu dienen, konnte ich mir unmöglich anders erklären, als daß der Engländer, meine wachsende Abneigung gegen sich gewahrend, mir zu meinem Verderben sich aufdrängen wollte. Mit unverhaltenem Verdrusse schlug ich abermals sein Anerbieten aus. Da rief er stolz:
„Goddam, Sie schätzen Beethoven wenig. Ich werde ihn bald sehen!" Eilig flog er davon. — Diesmal war es wirklich das letztemal, daß ich auf dem'noch langen Wege nach Wien mit diesem Jnselsohne zusammentraf. Endlich betrat ich die Straßen Wiens; das Ende meiner Pilger- ; fahrt war erreicht. Mit welchen Gefühlen zog ich in dieses Mekka j meines Glaubens ein! Alle Mühseligkeiten der langen und beschwer- , lichen Wanderschaft waren vergessen; ich war am Ziele, in den Mauern, ! die Beethoven umschlossen.
Ich war zu tief bewegt, um sogleich an die Ausführung meiner ! Absicht denken zu können. Zunächst erkundigte ich mich zwar' nach der Wohnung Beethovens, jedoch nur, um mich in dessen Nähe einzulogieren. Ziemlich gegenüber dein Hause, in welchem der Meister wohnte, befand : sich ein nicht zu vornehmer Gasthof; ich mietete mir ein kleines Kämmerchen im fünften Stock desselben, und dort bereitete ich mich nun | auf das größte Ereignis meines Lebens, auf einen Besuch bei Beet- j Hoven vor.
Nachdem ich zwei Tage ausgeruht, gefastet und gebtei, Wien aber j noch mit keinem Blick näher betrachtet hatte, faßte ich denn Mut, uer^ j ließ meinen Gasthof und ging schräg gegenüber in das merkwürdige Haus. Man sagte mir, Herr Beethoven sei nicht zugegen. Das war mir j gerade recht; benn ich gewann Zeit, um mich von neuem zu sammeln. Da mir aber den Tag über noch viermal derselbe Bescheid, und zwar mit einem gewissen gesteigerten Tone gegeben ward, hielt ich diesen Tag für einen Unglückstag, und gab mißmutig meinen Besuch aus.
Als ich zu meinem Gasthof zurückwanderte, grüßte mir aus dem ersten Stocke desselben mein Engländer ziemlich leutselig entgegen.
„Haben Sie Beethoven gesehen?" rief er mir zu.
„Noch nicht, er war nicht anzutreffen", entgegnete ich, verwundert über mein abermaliges Zusammentreffen mit ihm. Auf der Treppe begegnete er mir und nötigte mich mit auffallender Freundlichkeit in sein Zimmer. „Mein Herr," sagte er, „ich habe Sie heute schon fünfmal in Beethovens Haus gehen sehen. Ich bin schon viele Tage hier und habe in diesem garstigen Hotel Quartier genommen, um Beethoven nahe zu sein. Glauben Sie mir, es ist sehr schwer, Beethoven zu sprechen; dieser Gentleman hat sehr viele Launen. Ich bin im Anfänge sechsmal zu ihm gegangen und bin stets zurückgewiesen worden. Jetzt stehe ich sehr früh auf und setze mich bis spät abends an das Fenster, um zu sehen, wann Beethoven ausgeht. Der Gentleman scheint aber nie auszugehen."
„So glauben Sie, Beethoven sei auch heute zu Hause gewesen und habe mich abweisen lassen?" rief ich beftürjt.
„Versteht sich, Sie und ich, mir sind abgewiesen. Und das ist mir sehr unangenehm, denn ich bin nicht gekommen, Wien kennenzulernen, sondern Beethoven."
Das war für mich eine sehr trübe Nachricht. Nichtsdestoweniger versuchte ich am andern Tage wieder mein Heil, jedoch abermals vergebens. — Die Pforten des Himmels waren mir verschlossen.
Mein Engländer, der meine fruchtlosen Versuche stets mit der gespanntesten Aufmerksamkeit vom Fenster aus beobachtete, hatte nun auch durch Erkundigungen Sicherheit erhalten, daß Beethoven nicht auf die Straße heraus wohne. Er war sehr verdrießlich, ober grenzenlos beharrlich. — Dafür war meine Geduld bald verloren, denn ich hatte dazu wohl mehr Grund als er; eine Woche war allmählich verstrichen, ohne daß ich meinen Zweck erreichte, und die Einkünfte meiner Galopps erlaubten mir durchaus keinen langen Aufenthalt in Wien. Nach und nach begann ich zu verzweifeln.
Ich teilte meine Leiden dem Wirte des Gasthofes mit. Dieser lächelte unb versprach mit den Grund meines Unglücks anzugeben, wenn ich gelobte, ihn nicht dem Engländer zu verraten. Meinen Unstern ahnend, tat ich das verlangte Gelübde.
„Sehen Sie wohl", — jagte nun der ehrliche Wirt — „es kommen bter sehr viele Engländer her, um Herrn van Beethoven zu sehen
und kennenzulernen. Dies verdrießt aber Herrn van Beethoven sehr und er hat eine solche Wut gegen die Zudringlichkeiten dieser Herren, daß er es jedem Fremden rein unmöglich macht, vor ihn zu gelangen. Er ist ein sonderlicher Herr und man muß ihm dies verzeihen. Meinem Gasthofe ist dies aber recht zuträglich, denn er ist gewöhnlich stark von Engländern besetzt, die durch die Schwierigkeit, Herrn Beethoven zu sprechen, genötigt sind, länger, als es sonst der Fall sein würde, meine Gäste zu sein. Da Sie jedoch versprechen, mir diese Herren nicht zu verscheuchen, so hoffe ich ein Mittel ausfindig zu machen, wie Sie an Herrn van Beethoven herankommen können."
Das war sehr erbaulich; ich kam also nicht zum Ziele, weil ich armer Teufel als Engländer passierte! O, meine Ahnung war gerechtfertigt; der Engländer war mein Verderben! — Augenblicklich wollte ich aus dem Gasthose ziehen, denn jedenfalls wurde in Beethovens Hause jeder für einen Engländer gehalten, der hier logierte und schon deshalb war ich also im Bann. Dennoch hielt mich aber das Versprechen des Wirtes, daß er mir eine Gelegenheit verschaffen wollte, Beethoven zu sehen und zu sprechen, zurück. Der Engländer, den ich nun im Innersten verabscheute, hatte währenddem allerhand Intrigen und Bestechungen angefangen, jedoch immer ohne Resultat.
So verstrichen wiederum mehrere fruchtlose Tage, während welcher der Ertrag meiner Galopps sichtlich abnahm, als mir endlich der Wirt vertraute, daß ich Beethoven nicht verfehlen könnte, wenn ich mich in einen gewissen Biergarten begeben wollte, wo dieser sich fast täglich zu einer bestimmten Stunde einzufinden pflege. Zugleich erhielt ich von meinem Ratgeber unfehlbare Nachweisungen über die Persönlichkeit des großen Meisters, die es mir möglich machen sollten, ihn zu erkennen. Ich lebte auf und beschloß, mein Glück nicht auf morgen zu verschieben. Es war mir unmöglich, Beethoven beim Ausgehen cinzuireffen, da er fein Hous stets durch eine Hintertür verließ; somit blieb mir nichts übrig, als der Biergarten. Leider suchte ich den Meister aber sowohl an diesem, als an den nächstfolgenden zwei Tagen dort vergebens auf. Endlich am vierten, als ich wiederum zur bestimmten Stunde meine Schritte dem verhängnisvollen Biergarten zuwandte, mußte ich zu meiner Verzweiflung gewahr werden, daß mich der Engländer vorsichtig und bedächtig von fern verfolgte. Der Unglückliche, fortwährend an fein Fenster postiert, hatte es sich nicht entgehen lassen, daß ich täglich zu einer gewissen Zeit nach derselben Richtung hin ausging; dies hatte ihn frappiert und sogleich öennutenb, daß ich eine Spur entdeckt habe, Beethoven aufzusuchen, hatte er beschlossen, aus dieser meiner vermutlichen Entdeckung Vorteil zu ziehen. Er erzählte mir alles dies mit der größten Unbefangenheit und erklärte zugleich, daß er mir überallhin folgen wollte. Vergebens war mein Bemühen, ihn zu hintergehen und glauben zu machen, daß ich einzig vorhabe, zu meiner Erholung einen gemeinen Biergarten zu besuchen, der viel zu nnfashionabel sei, um von Gentlemans seines Gleichen beachtet z» werden, er blieb unerschütterlich bei feinem Entschlüsse, und ich hatte mein Geschick zu verfluchen. Endlich versuchte ich Unhöflichkeit und suchte ihn durch Grobheit von mir zu entfernen; weit davon aber, sich dadurch aufbringen zu lassen, begnügte er sich mit einem sanften Lächeln. Seine fixe Idee war: Beethoven zu sehen, — alles übrige kümmerte ihn nicht.
Und in Wahrheit, diesen Tag sollte es geschehen, daß ich endlich zum ersten Male den großen Beethoven zu Gesicht bekam. Nichts vermag meine Hingerissenheit, zugleich aber auch meine Wut zu schildern, als'ich, an der Seite meines Gentlemans sitzend,^den Mami sich nähern sah, dessen Haltung und Aussehen vollständig der Schilderung entsprachen, die mir mein Wirt von dem Aeußern des Meisters entworfen hatte. Der lange, blaue Ueberrock, das verworrene, struppige graue Haar, dazu aber die Mjenen, der Ausdruck des Gesichts, wie sie nach einem guten Porträt lange meiner Einblidungskraft vorgeschwebt hatten. Hier war ein Irrtum unmöglich: im ersten Augenblicke hatte ich ihn erkannt! Mit schnellen, kurzen Schritten kam er an uns vorbei; Ueberraschung unb Ehrfurcht fesselten meine Sinne. Der Engländer verlor keine meiner Bewegungen; mit neugierigem Blicke beobachtete er den Ankömmling, der sich in die entfernteste Ecke des um diese Stunde noch unbesuchten Gartens zu- rückzog, Wein bringen ließ und dann einige Zeit in einer nachdenkenden Stellung verblieb. Mein laut schlagendes Herz sagte mir: Er ist es! Ich vergaß für einige Augenblicke meinen Nachbar und betrachtete mit gierigem Auge und mit unsäglicher Bewegung den Mann, dessen Genius ausschließlich all meine Gedanken und Gefühle beherrschte, seit ich gelernt zu denken und zu fühlen. Unwillkürlich begann ich leise vor mich hinzusprechen und verfiel in eine Art von Monolog, der mit den nur zu bedeutsamen Worten schloß: „Beethoven, du bist es also, den ich sehe?"
Nichts entging meinem heillosen Nachbar, der, nahe zu mir herab- gebeugt, mit verhaltenem Atem mein Flüstern belauscht hatte. Aus meiner tiefen Ekstase ward ich aufgeschreckt durch die Worte: „Des! dieser Gentleman ist Beethoven! Kommen Sie und stellen wir uns ihm sogleich vor!"
Boll Angst und Verdruß hielt ich den verwünschten Engländer beim Arme zurück.
„Was wollen Sie tun?" rief ich, — „wollen Sie uns kompromittieren — hier an diesem Orte — so ganz ohne alle Beobachtung der Schicklichkeit?"
„O" — entgegnete er — „dies ist eine vortreffliche Gelegenheit, wir werden nicht leicht eine bessere finden."
Damit zog er eine Art von Notenheft aus der Tasche und wollte direkt auf den Mann im blauen Ueberrock losgehen. Außer mir erfaßte ich den Unsinnigen bei den Rockschößen und rief ihm mit Heftigkeit zu: „Sind Sie des Teufels?"
(Schluß folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitalö-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


