Ausgabe 
29.3.1927
 
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Der Fachmann nennt den Prozeß der Kohlewerdung eine Inkoh­lung. Man darf nicht von einer Verkohlung sprechen, denn als solche bezeichnet man die allerdings gleichfalls bei Luftabschluß, aber durch Hitze vor sich gehende schnelle Zersetzung der Zellulose und anderer kohlenstoffhaltiger Körper. Es entweichen hierbei gleichfalls Gase, aber di« Zersetzung ist eine so radikale, daß reiner Kohlenstoff zurückbleibt. Man denke hier an die Gewinnung der Holzkohle in den Kohlenmeilern. Der so häufig übersehene Unterschied zwischen Kohlenstoff und Kohle tritt hier deutlich vor Augen.

Wie uns also die Torfbildung und ja auch die gelegentliche Verdorben­heit des Inhalts unserer Konservenbüchsen lehrt, fällt das von der Luft völlig abgeschlossene tote Pflanzenmaterial einem langsamen, freiwilligen Zerfall anheim, der schließlich zur Kohlebildung führt. Weder Druck noch Hitze scheinen bei der Kohlewerdung unbedingt notwendig zu sein. Ts handelt sich nur darum, daß das Pflanzenmaterial möglichst gut abgeschlossen lagert. Hitze und Druck wirken wohl nur reaktionsbeschleu- ntgend. Diese Annahme hat neuerdings der Chemiker Bergius durch mancherlei interessante Experimente noch wahrscheinlicher gemacht als sie sich schon von vornherein darstellte.

Gartenkunst in Spanien«

Don Prof. Dr. E. Ä ü ft e r, Gießen.

TLas Italien für die Entwicklung des Gartenbaues und der Gartenkunst bedeutet, ist auch denjenigen nicht unbekannt, welche Natur undKunst des Landes aus eigener Änschauung kaum kennengelernt haben. Darüber, was Spanien auf dem gleichen Gebiete geleistet hat, und ob den Hervorragenden Leistungen seiner Maler und Architekten ebenbürtige Schöpfungen der Gartenkunst sich an die Seite stellen lassen, wird auch vielen Fachkundigen nur wenig bekannt sein. Wir hören zwar von den großzügigen Pvomenadeanlagen, mrt welchen sich die modernen Großstädte Spaniens schmücken; Weit« gereiste erzählen uns wohl von den Wasserkünsten, die seit den Zecken Philipps V. in La Granja springen, und in Aranjuez sucht unsere Phantasie anmutige Gartenschöpfungen im höfischen Stil der französischen Schule.

Eine Vorstellung von den Leistungen der spanischen Garten­kunst vermitteln für denjenigen, der sie aus eigener Anschauung kennen zu lernen nicht in der Lage war, eine Reihe stattlicher Ab­bildungswerke, die in den letzten Jahren erschienen sind und dein sich mehr und .mehr entwickelnden Interesse an Spaniens Kunst Rechnung tragen: wir lassen uns von ihnen nach dem Escorial, nach Aranjuez, in die Gärten des Retiro zu Madrid und nach La Granja führen vor allem an diesen beiden letztgenannten Orten wird klar, daß Spanien hinter Frankreich und Italien nur durch den geringeren Reichtum seiner gartenkünstlerischen Produktion zu­rückbleibt: der Stil der genannten spanischen Gärten, nach welchen noch die absonderliche moderne Gartenschöpfung des portugiesischen Malers Acosta in Granada genannt sein mag, wiederholen im we­sentlichen das, was französische Gartenkünstler geschaffen haben, und vermögen es gelegentlich auch zu übertreffen. Wer Eigenes und Fremdartiges in Spaniens Gärten finden will, muh diejenigen auf­suchen, die in irgendwelchem Sinne den maurischen Stil bewahrt haben. Solche Gärten erwarten uns in Sevilla, Granada, Cordova.

Ihre Eigenart nur Aeußerliches von ihr zu wiederholen, versuchen einige bekannte Gartenschöpfungen Stuttgarts aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, dieWilhelma" ihre Eigenart wird aus alten maurischen Baugedanken verstanden, nach welcheir Anlage eines Zentralhofs und Abschluß gegen die Oeffentlichkeit unerläßlich waren, und durch die den Mauren stets geläufige Art der Ornamentverwendung gekennzeichnet. Gleichwohl finden wir viel­leicht gerade in denarabischen Gärten" Spaniens manchen Zug, der auch dem Gartenkünstler unserer Zeit Anregungen zu geben vermag.

Die Antike und die Zeit der Renaissance und des Barock fand in der Marmorplastik ihr vornehmstes Hilfsmittel, grüne Wände und grün umrahmte Räume künstlerisch zu schmücken. Äeberrascht nehmen wir wahr, daß in den arabischen Gürten das Kunstgewerbe eine ge­wichtige Rolle spielt, die Erzeugnisse der Azulejos-T^Hnik; selbst die Flächen und Wände eines Gartens erweisen sich einer Bekleidung mit jenen, beliebten Majolikaplatten zugänglich. Die niedrigen Mauern, welche Wege und Beete umrahmen, werden mit ihnen geschmückt, das Pflaster der Wege ist gemustert und getäfelt wie ein Parkettfußboden. Gern werden wir den Azukejosplatten dieser Gärten den Vorzug geben vor Muschelmosaik und Tuffsteindekoration, wie sie okzidentale Gartenkünstler verwendet haben; aber wir können nicht übersehen, daß hinter dem Reichtum des Ornaments das Vegetabilische stärker zurücktritt als es unserem Geschmack entspricht, und wenn die Palmen und immergrünen Sträucher der Gärten so stark auf dm Beschauer wirken, so liegt es mehr an der malerischen Schönheit ihrer Laub- masfen, als an einer erfolgreichen künstlerischen Gestaltung und Ein­ordnung der Vegetationsmassen. Wir kommen aus das Verhältnis der ornamentalen Zutaten zur Vegetation sogleich noch zurück.

Auch den Kampf zwischen Vegetation »nd Archetiktur lassen die arabischen Gärten zuungunsten der ersteren ausfallen. Den Myrthen- hvf der Alhambra füllt ein herrliches Wasserparterre, den die Vegetation mit zwei grünen Säumen begleitet. Dieselbe .Unterordnung der Vegetation macht sich auch an anderen Plätzen südspanischer Gartenanlagen geltend. Der Palasthof oder patio ist vollends vege­tationslos, oder die Gewächse spielen in ihm keine andere Rolle als die Möbel in den Gemächern. Auch damals schon, als diese Bau- und Gartenschöpfungen 'entstanden, bestand der Schmuck der Höfe vermutlich aus transportablem Grün. Wo in der Alhambra sich Gärtchen findeir, die in ihrer Anlage und blumigen Fülle dem heutigen Geschmack sich nahem, handelt es sich um moderne Schöpfungen.

Beide Kennzeichen des arabischen Gartens, auf die ich hier hin­gewiesen Habe. f<&emen geignet, auch den Gartenkünstlern unserer

Zeit zu fruchtbaren Betrachtungen anzuregen. Die reiche DerwendunA von Ornamenten widerspricht an sich keineswegs d«n Wesen und den Aufgaben des Gartens. Es wäre zu prüfen, ob nicht vielleicht gerade Gärten von bescheidene Maßen, wie sie unsere Zeit not­gedrungen bevorzugen muß, unter bestimmten Voraussetzungen durch reiche Verwendung von Ornament vorteilhaft zu bereichern wären. Hochragendes Boskett erscheint neben flächenhaftem Zierrat freilich wenig am Platze, desto mehr aber jene musivisch arbeitende Be­pflanzung, die als Teppichgärtnerei bekannt ist. Es wäre eine für die Geschichte der Gartenkinst wichtige Frage, ob und in welchen Formen zu den Zeiten der Moriscos und des Mudejar-Stiles von maurischen Gärtnern diese Bepslanzungsform gehandhabt worden sein mag.

Die Ausstattung von Höfen und Hallen mit grünenden Mobilien gehört zu den Aufgaben, die im Atrium von Ausstellungen, in Kirchen und Grabkapellen, in den Hallen mondainer Hotels und großer Bühnenhäuser mit bescheidenen Mitteln gelöst zu werden pflegen begreiflich für ein Klima, das bedeckte Hallen offenen Höfen vor­zuziehen den Baumeister zwingt. Diese klimatisch bedingte Deschrän- kung steht aber einer mannigfaltigeren und reichhaltigeren Ver­wendung desKübelpflanzengartens" überall da, wo im Winter für eine mäßige Heizung der geschmückten Räume gesorgt werden kann, nicht so sehr im Wege, wie die Dürftigkeit seiner Anwendung oft glauben machen könnte. Der Kübelpslanzengarten dürfte freilich nicht daber stehen bleiben, von der Gärtnerei seine Objekte zu beziehen sondern müßte auch der Gartenkunst die Grundgedanken der ®e*> staltung entlehnen, die sich in ihr bewährt haben.

Eine Pilgerfahrt zu Beethoven.

Von Richard Wagner.

(Fortsetzung.)

Im nächsten Gasthof, wo ich einkehrte, um meine Glieder zu stärken, sah der Engländer bei einem gutem Mahle. Er betrachtete mich langer endlich sprach er mich in einem passablen Deutsch an.

Wo sind ihre Kollegen?" frag er.

Nach ihrer Heimat", sagte ich.

Nehmen Sie ihre Violine, und spielen Sie noch etwas" fuhr e* forthier ist Geld!"

Das verdroß mich; ich erklärte, daß ich nicht für Geld spielte, außer­dem auch keine Violine hätte, und setzte ihm kurz auseinander, wie ich mit jenen Musikanten zusnmmengetrosfen war.

Das waren gute Musikanten" versetzte der Engländerund die Symphonie von Beethoven war auch sehr gut."

Diese Aeußerang frappierte mich; ich frag ihn, ob er Musik treibe?

Pes" antwortete er>ich spiele zweimal in der Woche die Flöte, Donnerstags blase ich Waldhorn, und Sonntags komponiere ich."

Das war viel; ich erstaunte. In meinem Leben hatte ich nichts von reisenden englischen Musikern gehört; ich fand daher, daß sie sich sehr gut stehen müßten, wenn sie in so schönen Equipagen ihre Wande­rungen ausführen könnten. Ich frag, ob er Musiker von Proseffion fei?

Lange erhielt ich gar keine Antwort; endlich brachte er sehr langsam hervor, daß er viel Geld habe.

Mein Irrtum wurde mir einleuchtend, denn ich hatte ihn jeden­falls mit meiner Frage beleidigt. Verlegen schwieg ich, und verzehrte mein einfaches Mahl.

Der Engländer, der mich abermals lange betrachtet hatte, begann aber wieder:Kennen Sie Beethoven?" frag er mich.

Ich entgegnete, daß ich noch nie in Wien gewesen sei, und jetzt eben im Begriff stehe, dahin zu wandern, um die heißeste Sehnsucht zu befriedigen, die ich hege, den angebeteten Meister zu sehen.

Woher kommen Sie?" frag er.Von L . . ."Das ist nicht weit! Ich komme von England, und will auch Beethoven kennen­lernen. Wir werden beide ihn kennenlernen; er ist ein berühmter Komponist."

Welch wunderliches Zusammentreffen! dachte ich bei mir. Hoher Meister, wie Verschiedene ziehest du nicht an! Zu Fuß und zu Wagen wandert man zu dir! Mein Engländer interessierte mich; ich ge­stehe aber, daß ich ihn seiner Equipage wegen wenig beneidete. Es war mir, als wäre meine mühselige Pilgerfahrt zu Fuße heiliger und frömmer, und ihr Ziel müßte mich mehr beglücken, als jenen, der in Stolz und Hoffahrt dahin zog.

Da blies der Postillon; der Engländer fuhr fort, nachdem er mir zu­gerufen, er würde Beethoven eher sehen als ich.

Ich war kaum einige Stunden zu Fuße gefolgt, als ich ihn un­erwartet wieder antraf. Es war auf der Landstraße. Ein Rad feines Wagens war gebrochen; mit majestätischer Ruhe saß er aber noch darin, fein Bedienter hinten auf, trotzdem daß der Wagen ganz auf der Seite hing. Ich erfuhr, daß man den Postillon zurückerwartete, der nach einem ziemlich entfernten Dorfe gelaufen fei, um einen Schmied herbeizuschaffen. Man hatte schon lange gewartet; da der Bediente nur englisch sprach, entschloß ich mich, selbst nach dem Dorfe zu gehen, um Postillon und Schmied anzutreiben. Wirklich traf ich den ersteren in einer Schenke, wo er beim Branntwein sich nicht sonderlich um den Engländer kümmerte; doch brachte ich ihn mit dem Schmied bald zu dem zerbrochenen Wagen zurück. Der Schade war geheilt; der Eng­länder versprach mir, mich bei Beethoven anzumelden, und fuhr davon.

Wie sehr war ich verwundert, als ich am folgenden Tage ihn wie­derum auf der Landstraße antraf! Diesmal aber ohne zerbrochenem Rad, hielt er ganz ruhig mitten auf dem Wege, las in einem Buche und schien zufrieden zu fein, als er mich meines Weges daherkommen sah.

Ich habe hier schon sehr viele Stunden gewartet," sagte er, /.weil mir hier eingefallen ist, daß ich Unrecht getan habe, Sie nicht ein- zuladen, mit mir zu Beethoven zu fahren. Das Fahren ist viel besser als das Gehen. Kommen Sie in den Wagen." Ich war abermals er-