Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |92Z Dienstag, den 29. März Nummer 25
Liebesgedicht.
Von Paul Appel.
Im Dunkel schläfst du. Gottes Abendwille Drückt dir die beiden warmen Augen zu. Du bist ein Kind und gingest wie ein Kind zur Ruh, And deines Lächelns gottverfangne Fülle, Du nimmst sie ernst hinüber in die freie Stille.
Dein Atem lebt. Sin Lied ist drin gefangen. Das füllt das Zimmer, wie ich es versteh. Ich rück den Schemel leicht in deine Aäh': Da blickst du einmal noch mit Tageswangen, Darüber Licht und Wind und Glanz gegangen. 2ch bete da. Ich weih nichts mehr zu sinnen Ach halte deine schlafverschönte Hand.
Der Mond stellt sanfte Säulen an die Wand, And alles steht und geht doch leis von hinnen. — Sei ruhig, Uhr! Ich hör uns selber rinnen.
Dürer und wir.
Don Reinhold Lindemann-München.
Dah Albrecht Dürer in der Reihe großer deutscher bildender Künstler bei weitem am stärksten und innigsten die Liebe eines ganzen Volkes genießt, dürfte außer allem Zweifel sein. Seine kernige Gestalt, fest und klar umrissen, wie kaum eine zweite, steht in jedem Sinne im Herzpunkt deutscher Geisteswelt. Auf der anderen Seite gibt es Einwände gegen Dürer und sein Werk, welche zwar die Dankbarkeit verehrender Liebe oft vergessen machen möchte, die aber eine Kritik im großen schöpferischen Sinne des Wortes als wesensnotwendige Bestandteile in das Bild seiner Persönlichkeit mit hineinnehmen müßte. Denn so volkstümlich vertraut uns auch ®itoer_ als Künstler und Mensch erscheint, so gerne wir seine Briefe, Tagebücher und sonstigen Aufzeichnungen lesen, „in denen sich ein höchst sympathischer Mensch fast restlos enthüllt" — „wir hören ihn lachen und lachen mit ihm, wir sind Zeugen tiefer seelischer Erschütterungen und vernehmen die Worte, die eine große schmerzliche Ergriffenheit ihm abgepreßt hat," sagt einmal Wölsflin, — so sicher auch der Name Dürer, und das kennzeichnet vielleicht seine bevorzugte Stellung am treffendsten, bei weitem als e r st e r uns einfällt, „wenn wir die deutsche Kunst auf einen Namen bringen wollen" — irgendwie im tiefsten Grunds scheinen wir trotz allem an Dürers letzter innerer Größe als Künstler — und vielleicht auch als Mensch zu zweifeln, wagen es kaum, das gerne gebrauchte und allzuoft mißbrauchte Wort „Genie" als höchsten wägenden und richtenden Wertbegriff vor seiner Gestalt auszusprechen. And doch, all diese Zweifel, das fühlen wir deutlich genug, vermögen nichts an seiner eigentlichsten Größe zu ändern — und die ist: seine „Bedeutung" für uns, unsere innere Stellung in ihm. Er bleibt eben unser Dürer. Wie sollen wir das deuten?
Seit Bertrams Nietzsche-Buch, dem bedeutsamen Versuch, den Mythos des letzten großen Deutschen in eine Abfolge wundervoll geformter, oft schon Musik gewordener Kapitel Bild und Gestalt werden zu lassen, ist uns allen der aeschichts-philosophische Begriff der Legende, der vollkommen mythischen Aeberlieferung großen historischen Geschehens und „bedeutender"^ historischer Persönlichkeiten vertraut geworden. Wir wissen es jetzt, was Jakob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen" in der Form einer tiefsinnigen Ahnung aussprach, „daß nämlich das Ganze der Persönlichkeit, die uns groß erscheint, über Völker und Jahrtausende hinaus magisch auf uns nachwirkt, weit über die Grenzen der bloßen Aeberlieferring hinweg." Damit ist jener mythische Bezirk jenseits alles bloß historisch Aeberlieferten und Gewußten, aller bloßen Kenntnis und Erkenntnis eines Gewesenen bezeichnet, das Reich des Mythos, der Legende, in dem sich dte historisch irgendwie überlieferte Werk- und Persönlichkeitsgröße zur Bedeutung eines Symbols erhebt, zur Magie eines mythischen Bildes steigert — und nur als solches lebt sie im Gedächtnis aller nachgebvrenen Generationen fort und überdauert die Zeiten.
Hierin, in diese völlig legendäre Sphäre menschlicher Gröhe „magischer Nachwirkung über Völker und Jahrtausende Hinaus" gehören jene seltensten Großen der Menschheitsgeschichte, jene ganz und gar symbolischen Menschen, deren Gestalt, bildhaft aufgerichtet, ein Jahrhundert, ein Volk, eine Welt stellvertvetend in sich begreift, deren Schicksal es ist, die Seelenlast von Tausenden zu tragen — und über Tausenden als schicksalsbestimmende Wacht zu stehen.
Albrecht Dürer ist, in gewissen Ausmaßen, eine solche ganz und gar symbolische, stellvertretend gewordene Gestalt, stellvertretend
wesenhafte Züge eines ganzen Volkes — unseres Volkes. Hier liegt der tiefste Grund dafür, dah aller rüttelnde Zweifel an Dürers letzter innerer Größe — nichts an dieser Größe selbst ändern kann; denn sie ist symbolisch Hierin ist auch begründet, warum alle reine Kunstkritik Dürer nie voll gerecht werden kann; denn sie übersieht sein Wesentlichstes: seine „Bedeutung" für uns, seine Nachwirkung, die weit „über die Grenzen der bloßen Aeberlieferung hinaus" schicksalbestimmend auf uns überstrahlt, nachdem einmal symbolbildende Deutungskraft dunkle deutsche Seelennot auf sein schuldig- unschuldiges Haupt magisch zusammengezogen hat, dem geistesgeschichtlichen Grundgesetz vom Symbol und Schicksal gemäß, wonach „ein großer, das ist bedeutender Mensch immer unvermeidlich unsere Schöpfung ist, wie wir die seine sind."
Das Dürerdeutschtum — er erscheint wie eine wunderlich- unmögliche Mischung dessen, was in Dürers Meisterstichdreiheit gesondert ausgedrückt liegt, die nicht umsonst von seinem Werk am bildhaft-eindringlichsten gewirkt hat und immer wieder als irgendwie zusammengehörig empfunden worden ist — das Dürerdeutschtum, das ist kampfsroher Welttrotz mit dem glaubensstark-furchtlosen Blick vor Tod und Teufelsspuk — es ist Hieronymus' einsamer Sonntagssonnen-Friede voll weltenabgeschiedener Denkerseligkeit und sinnender Weltversenkung, es ist aber auch — und hier liegt die tragischunselige Brechung alles deutschen Wesens — selbstquälerisch-ver- grubelte, Sinn und Zweck verneinende Melancholie, die tödliche Gewißheit eines letzten Wissens inmitten der nutzlos-stumpfgewordenen Werkgerüte menschlichen Denkens und Schaffens.
Der Dürerdeutsche — das ist jener Typus des bürgerlich-handwerklichen Kunstlehrmeisters, dem bunkelströmend „form- und bodenlose Phantasie", die heiß erflehte, strahlend-klare Form zerbricht, — des überquellen den Phantasten, den meist ein Allzuviel an peinlich- rechnender Schwere am letzten Aufschwung verhindert, — des bei aller Enge sehnsüchtig vollkommenen Nord-Nkenschen, den es ewig „nach der Sonne friert", bis er zuletzt aus dem Fremden, ihm gerade immer Versagten den nagenden Wurm eines dunklen Angenügens am eigenen Genius heimbringt, und überall dem jener fatale auch eines eingewurzelten Mangels an letzter innerer Freiheit und Gelöstheit, einen geheimen, mit mühsam verborgenen Mittelmäßigkeit.
Es ist Goethe gewesen, der nicht wenig zum Werden dieses Dürer- Bildes und Bildes vom Dürerdeutschen, das ein mögliches Bild alles Deutschen überhaupt zu sein scheint, beigetragen hat; jedenfalls ergeben die über Goethes Leben hinverstreuten Aussprüche über Dürer, wenn man sie einmal zusammenstellt, so etwas wie Dürer als den Mann des deutschen Seelenschicksals, in dem das ewig deutsche Beieinander heterogenster Wesenszüge und damit die tragisch-unselige Brechung und Hemmung alles deutschen Wesens eine ihrer typischen Verkörperungen gefunden hat.
„Wie sehr unsere geschminkte Puppenmaler mir verhaßt find, mag ich nicht deklamieren. Sie haben durch theatralische Stellungen, erlogene Teints und bunte Kleider die Augen der Weiber gefangen. Männlicher Albrecht Dürer, den die Neulinge anspötteln, deine Holzgeschnitzteste Gestalt ist mir willkommener!" — So der junge Goethe, damit Dürers Werk und, im Gegensatz zu allem Weichlich-Fremden, auch sein Wesen als des „männlichen" Kunstgenius von „holzgeschnih- tester" Deutschheit zum symbolkräftigen Bild formend, — bedeutsam neben Erwin von Steinbachs heraufbeschworenen Schatten gestellt in jenem dithyrambisch eifernden Lied „Von deutscher Baukunst", das, hingestammelt mit der entrückten Stimme des in ein Mysterium Eingeweihten letzte Dinge im Sturmhauch der Jugend und des Genius ausspricht. In die gleiche Shäre des Heraustreibens alles Positiv- Deutschen in Dürers Wesen gehören die bekannten Dersreihen aus „Hans Sachsens poetischer Sendung", die das kernige, „holzgeschmt- tene" Dürerbild zum Bilde einer Sächsisch derb und männlich klar gesehenen deutschen Welt erweitern:
„Nichts verlindert und nichts verwitzelt, Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt; Sondern die Welt soll vor dir stehn, Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn: Ihr festes Leben und Männlichkeit, Ihre innere Kraft und Ständigkeit!"
And auf der anderen Seite, am anderen Endse der Goetheschen Welt jene signifikanten Aussprüche des faustlichen Helenabeschworers, die, über die nordfremd abweisende Geste der italienischen Reise hinaus, schmerzlich-zürnend, voll anerkennender Abwehr in Dürer den Mann des deutschen Schicksals begreifen, zugleich in seiner „holz- geschnittenen" Gestalt dunkles, deutsch^ Seelenverhängnis symbolhaft eindringlich verdichtend:
„Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch


