Ausgabe 
29.1.1927
 
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warfen sich in die Zylinder, auf die Kolben und in stählernen, Galopp mit stampfenden! Gestänge auf die Schraubenwellea. Zwei weißgekrönte , Wasserberge hoben sich beiderseits des scharfen Vorderstevens schräg ab- ' fette vom tieferliegenden Achterschiff, steuerbord allmählich ausschwingend in offene See, backbord Brandung werfend in laues Geplätscher aus­gewaschener Uferhöhlen. Im Schatten der weit nachwehenden Rauchfahne tropfte die Flut milchig zurück vom zernagten Kalk der Karstrippen.

Das war zur Zeit der Annexionskrise im Frühling 1909. Erste Wetter­leuchten des aufziehenden Weltorkans zuckten .über den europäischen Himmel. Bei uns unten in der Südostecke roch es verdächtig nach Balkan­schwefel. Plötzlich hatte es in Pola geheißen, es gebe Krieg. Ehe ich mich's versah, hatte ich den gelben Propeller am linken Bermel meines Bordhemdes, vier weiße Sterne hinten am blauen Kragen, das Unter­offiziersportepee am Seitengewehr gehabt, und auf dem Buckel, pris­matisch gepackt, meinen höchst gewichtigen Kleidersack aus braunem Segel­tuch. darauf in weißer Oelfarbe mein Name und Assentjahr prangte. Beladen wie Müllers Esel, Dienstbuch und Berpflegungspapiere in der Tasche, war ich frisch ausgemusterter k. u. k. Einjährig-Freiwilliger-Ma- schinengast zum Arsenalsmolo getrabt und hatte mich zum Dienste auf S.M.S.Uhlan" gemeldet, einem Zerstörer des damals neuesten Typs.

hundertachtundachtzig Stunden, davon hundertvierundvierzig Dienst da mußte sich einer schon die Zeit abstehlen, um seekrank zu werden.

Das frisch« Brot war am zweiten Tag zu Ende, das frische Fleisch am. dritten. Acht Tage lang gab es Konservengulasch und Schiffszwieback zu jeder Mahlzeit. Alle Räume rochen nach Konserosngulasch. Es war eine Erholung, in die Maschine zu gehen. Dort roch es wenigstens nach Schmieröl und dem durcheinandergeschüttelten Sod. Am zehnten Tage war auch das Konservengulasch zu Ende. Ratlos rutschte der Koch zwischen zer- schlagenen Konservenkisten in der Proviantkammer umher. Dann raffte er sich auf, ging zum Bootsmann und schrie ihm die Frage ins Ohr, was er kochen solle. Der Bootsmann ging zum zweiten Leutnant, der zweite zum ersten, der erste zum Kommandanten, immer hübsch auf dem Dienstweg.

Der Kommandant zuckte die Achseln.Können wir den Leuten nicht, aus der Offiziersmesse abgeben?"

Wir haben noch zwei Dosen Kondensmilch, ein kleines Säckchen Kaffee, eine halbe Schachtel Zucker, drei Dosen Sardinen, eine gepökelte Zunge, ein paar Kilo Kartoffeln und eine Kiste Bier", meldete der erste Leutnant.Das reicht nicht für eine einzige Mahlzeit für die Leute."

Haben wir keine Bohnen an Bord, keinen Speck, keinen Reis?"

Run ging es mit dreißig Knoten gegen Süden. Sonnenaufgänge aus offener See, funkelndes Entbrennen! Weihe Orgelküste, aufgebäumt aus ' tiefblauem Meer! Sonnenuntergänge in offener See, zischendes Er­löschen der goldenen, glitzernden, dreimal rotglühenden Wunderherrlich- leit! In der Abenddämmerung gingen wir in einem engen Kanal zwischen , mattgrünen Inseln vor Anker. Eine Fischerbarke kam längsseits. Wir i erhandelten etliche Bottiche voll des frischen Fanges, silberglänzende Fische, die mir auf der Kohlenschaufel im Kesselfeuer brieten und freihändig ver- ! zehrten. Luftiges Piratenleben! Die Kehrseite? Hol' der Henker alle Kehr- | feiten! Ich war damals neunzehn Jahre alt und mit Leib und Seele dabei. ;

Am nächsten Tage bei sinkender Sonne liefen wir in den blauen, lang- s gestreckten Fjord von Cattaro ein. Aus schmalem Uferstreifen blühten s Orangen- und Mandelbäume, breiteten Pinien die weitschattenden Kronen, < wiesen Zypressen wie dunkle Zeiger hinauf zu den schneebedeckten Hängen : wilder Gebirgszüge. Mit geballter Faust drohte der Lovcen, das Bollwerk der Schwarzen Berge. Aus verkommenen Fischerdörfern, nahe dem Ufer, traten hier und dort Warmorfassaden altvenezianischer Billen. In Teodo legten wir an und ergänzten noch in der Nacht die Kohlenvorrüte. Was die Bunker faßten, wurde hineingestopft: schwarze Briketts, die von Hand i zu Ha»d geflogen kamen, Stück für Stück zehn Kilogramm schwer, ge­worfen, twfgefangen. Weitergeworfen da spürst du deine Muskeln, Junge! Kohlengeschwärzt, mit roten Zungen über rote Mäuler leckend, schwarz bis in den Schlund hinab wie die leibhaftigen Teufel, mit roten Augen, weihe Schweißbahnen über Stirn und Brust, tränten wir gierig , aus den Blechkannen lauwarmes Wasser, spülten den Dreck hinunter, schassten weiter, brüllend, singend, lachend, immer schwärzer. Nachher gibt es Süß wasser und Seife, aber in den Augenwimpern, da bleibt es tage­lang hängen. Du kriegst einen interessanten Blick, wie in Pola dort oben aus dem Etwa Capitolino die Mädchen, die an Landgangstagen mit den Seeleuten schäkern. Nur nicht drängen, je>der kommt dran! Das ist auch Dienst, mein Lieber! Dagegen ist Kohlenschleppen das reine Kinderspiel, sagt der Bootsmann, sagt der Maschinenmeister, sagt der zweite Leutnant, sagt der erste Leutnant, sagt der Kommandant, und alle fünf lachen, weil wir's nun geschafft haben. Am Hydranten auf dem Molo unter der - Bogenlampe stehen wir nackt und reiben einander gegenseitig mit Sand und Seife. Armdicke Strahlen Seewassers speit die Dampfpumpe über Deck. Barfuß, die Hosenbeine bis über die Knie hinaufgerollt, watet dort der Bootsmann umher und jagt nach Kohlenspuren.

Ja, der Bootsmann! Seiler hieß er und war aus Baden bei Wie». Sie hatten ihn, den Tunichtgut, seinerzeit als Schiffsjungen in die Ma­rine gesteckt. Noch auf Segelschiffen hatte er den Dienst gelernt. Jetzt ver­stand er ihn. Wenn er nüchtern war, sprach er die derbste niederöster­reichische Mundart; war er aber besoffen, so konnte er nur italienisch. Außer ihm und mir bewohnten die winzige Maatsmesse im Achterschiff noch der Torpedomeister Horvath und Bukovic, der Geschützmeister. Der Ungar war ein schmucker Bursche, der sich darauf verstand, in jedem Hasenplatz spätestens eine Stunde nach der Landung eine Bekanntschaft zu haben. Ernst und bedächtig war der Kroate, tüchtig, verläßlich, im Dienst ergraut. Er besaß drei schöne Töchter, schwor auf die Tugend feiner Kinder und war auf der Suche nach Ehemännern für sie unter den längerdienenden Unteroffizieren mit guter Konduiie.

Als wir sauber waren, war es schon Morgen. Graue Nebelschwaden krochen die Berge herab, und es begann zu regnen. Wir hatten Order, sofort wieder auszulaufen und auf Hoher See vor der montenegrinischen und albanischen Küste zu kreuzen. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich als Blockadsdrohung. Während wir durch die Bucht hinausfuhren, war noch alles ruhig. Als wir aber Punta d'Ostro passiert hatten, merkten wir die Bescherung. Mit flatterndem Wolkenburnus tarn er dahergejagt, Afrikas Samum, Sirokko, der Wüstenwind. Wie eine Kavalkade heran­brausender Araberhengste stoben die Wellen in seinem Gefolge. Wie Blitz und Rauch von Schüssen stäubte es aus windzerfetzten Wellenkämmen. Die bewimpelte Lanze des Mastes hochgereckt, stürzte sichUhlan" in das Reitergefecht. Wie Sand der Wüste prasselten die Regentropfen an des : Renners stählerne Flanken. Rechts oder links tief ans dem Sattel sich * beugend, hieb der graue Reitersmann mit der Schneide des Vorderstevens die Feinde mitten auseinander ober rannte sie durch und durch, daß ihm der Gischt von den Kaminen troff. Dem ersten aufgeregten Ansturm der leichten Streitkräfte folgten die schweren, langen, tiefausgreifenden Wogen. Nun ging's hinauf und hinab, immerzu hinauf und hinab, zwölf Tage lang. Dabei immer sechs Stunden Dienst unb sechs Stunden frei, ab­wechselnd, Tag und Nacht, zwölfmal vierundzwanzig Stunden, zwei-

Dem ersten Leutnant war nichts davon bekannt. Bermutlich schwam­men diese Nahrungsmittel, wenn sie uns zugedacht gewesen waren, noch in Pola auf einer Lastschute umher. Man holte den Lieferschein des Prooiantmagazins. Darauf stand nichts von Speck, Bohnen ober Reis, Aber zehn große Laibe Edamer Käse muhten an Bord sein.

Na also," sagte der Kommandant,müssen die Leute halt einen Dag von Käse leben. Morgen ist ohnedies Karfreitag, und am Samstag dürfen wir wieder einlaufen. Meinetwegen können sie unser Bier und unsere Kartoffeln dazu haben."

Das war in doppelter Hinsicht christlich gesprochen und einfach gesagt. Wo aber waren die Käse? In der Proviantkammer waren sie nicht, dar griff ein Blinder. In den Mannschaftsräumen und in den Messen waren sie auch nicht, dort wurde von der halben Bemannung eifrig gesucht. In der Maschine ober in den Kesselräumen? Unmöglich! Nun war guter Rat teuer. Nacheinander verschwanden der Geschützmeister in der Munitions­kammer, der Bootsmann im Bootsmannsdepot, der Torpedomeister in seinem Revier, der Maschinenmeister sogar in den stark gelichteten Kohlen­bunkern. Mit roten Köpfen erschienen sie nach einer Weile wieder. Keiner hatte Käse gefunden. Der Bootsmann meldete den Mißerfolg dem zweiten Leutnant, der zweite dem ersten, der erste dem Kommandanten. Der fluchte nur deshalb nicht das Blaue vom Himmel herunter, weil nichts Blaues am Himmel war. Er sagte, jetzt gehe er selber suchen, und ließ sich von der Brücke ablösen. Im triefenden Oelzeug kletterte er zuerst ins Bootsmannsdepot hinab. Kaum war er unten, rief er schon:Seiler!"

Befehlen, Herr Kommandant!" antwortete der Bootsmann und kletterte ihm nach.

Da liegen doch die Käse!"

Das das sind Käse?"

Na, was denn sonst?" x

Das sind doch Bojen!"

Seiler, Sie sind ein Rindvieh. Wenn es Ihnen nicht recht ist, daß ich Sie so genannt habe, dann beschreiten Sie den Beschwerdeweg! Das sind Käse. Aber wie sehen denn die aus? Nehmen Sie Ihre Bojen einmal auf Deck hinauf!"

Schnaufend vor Aerger und Verlegenheit erschien der Bootsmann und hißte in einer Hängematte die zehn Kugeln empor, die in unwahrschein­licher, funkelnder Röte glänzten, gleißten und spiegelten, als wären au» der Lucks zehn rote Sonnen aufgegangen.

Rindvieh," murmelte Seiler sehr gekränkt vor sich hin,Rindvieh hat er gesagt Bojen Käse Rindvieh Käse Bojen"

Ostereier," sagte der Kommandant, der lachend den Kopf aus der Luke streckte.Glauben Sie, daß der Osterhase die im Galopp in Ihrem Depot verloren hak, oder geht Ihnen endlich eine Gasfabrik auf? Zeit wäre es allmählich!"

Formaggio, formaggio! Ecco il formaggio!11 schrie der Koch und kam aus der Kombüse geschossen. Das lange Messer über dem Kops schwingend, führte er aus dem hin- und herrollenden Deck einen wilden Kriegstanz um die Gruppe aus.Pittura, pittura! jubelte er, als er den glänzend gefirnißten roten velfarbeanstrich erkannte, mit dem der Bootsmann die vermeintlichen Korkschwimmer hatte versehen lassen, weil sie ihm vorher so unansehnlich erschienen waren. Wie ein Blitz fuhr die Waffe nieder und spaltete eine von Seilers Bojen mitten durch. Noch zwei Schnitte, und mit graziöser Verbeugung überreichte der Koch dem Kommandanten »nd dem Bootsmann je eine Kostprobe.

Lachend und kauend erstieg jener wieder die Brücke. Es lachte der erste Leutnant, der zweite Leutnant, der Maschinenmeister, der Geschütz­meister, der Torpedomeister, die ganze Bemannung nach Rang und Dienstweg. Der Koch bemächtigte sich der Beute und verlangte zwei Mann Hilfe zum Farbeabkratzen. Seiler warftuff". Grollend saß er allein in der Ecke der Messe, wo wir das Fäßchen Lissaner seefest belegt hallen. Bojen Rindvieh Ostereier Käse Himmelkreuzbombenetement Fixiaudonhallelujah Corpo di Bacco Crepa bestia! Guai! Va in malora! Formaggio Boje Formaggio" Nachdem er also die Sprachgrenze überschritten hatte, beruhigte er sich allmählich.

Aus Kohlenmangel liefUhlan" in der folgenden Nacht in Teodo ein, und am Karfreitag kriegten wir doch noch Stockfische mit Kartoffeln, wie das in der k. u. k. Kriegsmarine am Karfreitag immer der Brauch gewesen ist von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende.

Verantwortlich: Ur. Hans Thyriot. Truck und Verlag: Drühl's^> iluiversllStL-Buch- und 6teinbtudetei, 2L Lange, Gießen-