SietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M? Samstag, den 2d. Januar Nummer 8
Brrrbara Allsn,
Von Theodor Fontane.
Es war im Herbst, im bunten Herbst, wenn die rotgelben Blätter fallen.
da wurde John Graham vor Liebe krank, vor Liebe zu Barbara Allen.
Seine Läufer liefen hinab in die Stadi und suchten, bis sie gesunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, komm, Lady, mach ihn gesunden."
Die Lady schritt zum Schloß hinan, schritt über die marmornen Stufen, sie trat ans Bett, sie sah ihn an: „John Graham, du ließest mich rufen." „Ich ließ dich rufen, ich bin im Herbst und die rotgelben Blätter fallen. Hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen."
„John Graham, ich hab ein letztes Wort, du warst mein All und Eines;
du teiltest Pfänder und Bänder aus, mir aber gönntest du keines.
John Graham, und ob du mich lieben magst, ich weiß, ich hatte dich lieber, ich sah nach dir, du lachtest mich an und gingest lächelnd vorüber.
Wir haben gewechselt, ich und du, die Sprossen der Liebesleiter, du hist nun unten, du hast es gewollt, ich aber bin oben und heiter."
Sie ging zurück. Eine Mell' oder zwei, da hörte sie Glocken schallen;
sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn, für ihn und für — Barbara Allen.
Lieb Mutier, mach ein Bett für mich, unter Weiden und Eschen geborgen; John Graham ist heute gestorben um mich. Und ich sterbe um ihn morgen."
Winterlsben im Vogelsberg.
Georg E n g e l b a ch (1823—1884) war von 1855—1865 Pfarrer in Stumpertenrod. In einem 1881 erschienenen Büchlein „Pfar r- leben in einem Gebirgsdorfe" hat er anziehende Bilder aus seiner Vogelsberger Pfarrei entworfen. Prof. Ur. jur. et phil. Karl Esselborn hat vor kurzem diese volkskundlich wertvolle Schrift in Nr. 5 der „Hessischen Volksbücherei" im Verlage der C. F. Winterschen Buchdruckerei in Darmstadt neu herausgegeben (Preis ungeb. 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk.). Wir geben hier einen Abschnitt des Büchleins wieder. — 872.
Haft du, lieber Leser, schon einmal den Ausdruck vernommen: „es wustert"? Ich vermute, schwerlich. Bist du ober je in der Lage gewesen, in winterlicher Zeit, wenn der Tag zur Rüste ging und der Abend dunkel- wolkig heraufzog, auf hochgelegener, kahler Heide und sturmumsausten Höhen ein „Wusterwetter" auszuhalten, dann vergissest du es nimmer. Wenn es dir einmal bestimmt ist, einsam und nichts Schlimmes ahnend „hoch da droben" einherzuschreiten, wenn dann auf einmal nach einigen kurzen Stößen wie ein schnaubendes Untier der Südost, Schneegestöber vor sich her werfend, über die Heide fegt, wenn in kürzester Frist alles, was dich umgibt, Himmel und Erde, Hohes und Tiefes, ein einziges millionenfach zerstäubtes, alle Aussicht zerstörendes Schneegeflimmer zu jein scheint, wenn du vergebens dich bemühst, deine Augen gegen die yJttjriabeir der andringenden kleinen Eisgeschosse offen zu halten, wenn der Pfad, der nach vor zehn Minuten festgetreten vor dir lag, ver- ichwunden und der Wald, den du auf Schußweite schautest, wie von Geisterhand entrückt ist, wenn du genötigt bist, im Zickzack zu schreiten, bald nicht mehr weißt, woher du kamst und wohin du sollst, wenn Angst- jchweiß aus deinen Poren quillt und die Frage deine Seele stürmt:
$ T?in Heim erreichen?" — dann meist du, was ein „Wüster- A?,.er ist. Töricht der Mann, der winters — wofern nicht stiller, ver- ragttcher Frost eingetreten und die klaren Sterne an Dem Himmel stehen — 6er Abendzeit allein durch das Gebirge wandert. Tückisch ist der alte,
menschenmordende Geist der Berge, und mancher ist schon seinem gewal- tigen Griffe erlegen.
Es stellt sich oft ein, dieses unholdeste aller unholden Wetter. Manch- mal dauert es zwei bis drei Tage, fast ohne Unterbrechung. Kann man von warmer Stube aus dem grausen und tollen Spiele Zusehen, ruft die Pflicht nicht hinaus und kann man's abwarten, dann ist's nicht ohne Reiz, die entfesselten Naturkräfte zu beobachten, zu sehen, wie ost in doppelter Mannshöhe die Schneewehen sich auf türmen, oder mit Lachen wahrzunehmen, wie der Nachbar, der über den Hof geht, um beim nahen Krämer etwas zu holen, nach wenigen Augenblicken, die er im Freien weilt, von Haupt zu Füßen schon überpudert ist. — Eines Tages kam es vor, daß der „blonde Martin", der im oberen Dorfende in einem medrigeu Häuschen wohnte, gegen Mittag aus der Schneeblockade form, lich herausgeschaufelt wurde. Das Fensterlein seiner Schlafkammer war gänzlich zugeschneit, kein Morgenlicht war in diese gedrungen, und er, den Schlaf des Gerechten schlummernd, hatte, als schon die Els-Uhr-Glocke das nahe Mittagsmahl verkündigte, noch fänftiglich weiter geruht, in der Meinung, der Morgen fei noch nicht angebrochen.
In Berücksichtigung der großen Gefahr, die dem nächtlich Verirrten droht, Hai man in jener Gegend die Einrichtung geteroffen, daß während der Wintermonate jeden Abend von acht bis halb neun Uhr ununter, brachen geläutet wird. Mancher, der draußen umherirrte bange Stunden lang, ist durch den trauten, in solcher Sage wie Himmelston erklingenden Schall zu den ersehnten Wohnungen der Menschen geleitet worden. Eigentümliche Gefühle erfüllen die Seele, wenn man im wohnlichen und warmen Heim, im Kreise der ©einigen, dieses nächtliche Geläute vernimmt und an die Möglichkeit denkt, daß draußen ein Mensch umherirre und die Glockenklänge vielleicht eher verstummen, als er die rettende Behausung erreicht habe. „Auch kann es ja geschehen" — so sagt man zu sich selbst —, „daß die Kraft schon erschöpft und der Todmatte nieder- gesunken ist, so daß ihm auch der klarste und aus der Nähe kommend« Glockenruf nicht mehr helfen kann." Wehmütig gedenke ich heute noch
Elchen Falles. Ein Helpershainer schon älterer Mann hatte in abendlicher Stunde dem nach Ulrichstein heimkehrenden Landgerichts, diener Amend auf dessen Bitte das Geleite gegeben. Di« Entfernung von Helpershain nach Ulrichstein betrug drei Viertelstunden. „Bis halbwegs" — hatte der Gerichtsdiener gesagt — „gehst du mit, bann kann ich nicht mehr irren, und du gehst zurück." Guten Muts waren sie hinausgewan- dert in die schneebedeckte nächtliche Landschaft. Sie Nacht rückte vor, aber der Mann kam nicht zurück nach Helpershain. Die Angehörigen be» ruhigien sich und meinten: „er wird mit nach Ulrichstein gegangen fein und dort übernachtend Der andere Tag brachte erschütternde Aufklärung. Im nahen Wiesengrunde, kaum fünf Minuten von [einem Dorfe war öer von der Richtung Abgekommene und, wie die Spuren zeigten be- ftanbig tm Kreise Herumgegangene nach Verbrauch seiner letzten Kräfte zusammengesunken und erfroren. Die Schuhe hatte er ausgezogen, um Dichter zu schreiten, den Schnee um sich hemm hatte er zerwühlt tm Todeskampfe. Vielleicht hatte er noch das Glöcktein vernommen, das ihm fein „Komm, komm!" jurief. Aber was half ihm die Glocke, so nah und doch fo fern!? Sie sollte ihm zum Eingang in die kalte Behausung des Todes tauten.
Wie selbst der Ortskundigste durch das winterliche Ausschen der Gegend unsicher und verwirrt gemacht wird, davon noch ein Beispiel. H-er handelte cs sich gottlob nicht um den Verlust eines Menschenlebens, aber doch um arge Schmerzen, tödliche Angst eines bekümmerten Frauen, herzens. Etwa drei Viertelstunden aufwärts von Stumpertenrod, weithin in der Umgegend sichtbar, tag kahl, nur von einem einzigen, nicht hohen Baum flankiert, ein kleiner bäuerlicher Hof, der Wannhof genannt, be« tefjenb aus einem geringen Wohnhaus« und einem größeren Oekonomie- gebaube. Der Eigentümer wohnte zwei Stunden entfernt in dem wohl- labenden Dorfe Windhausen und hielt sich auf jenem Hose einen Schäfer, der dort jahraus, jahrein mit seinem Weibe und seinen Kinderchen häufte. Um ihn mit Milch zu versorgen, waren ihm eine Kuh und eine Ziege überwiesen worden. Alles sonst zum Beben Erforderliche, Brot, Mehl, Fleisch, Del usw., holte sich der Mann regelmäßig alle vierzehn Tage beim Eigentümer des Hofes ab. Ein gar idyllisches, friedlich stilles Leben führte er des Sommers. Den ganzen Tag aber weidete seine Schafherde ost ohne Aufsicht, deren sie kaum bedurfte, auf der großen, ausgedehnten Vergkuppe, an die der Hof sich anlehnte. Köstlich rein war die Luft in dieser Höhe, summende Bienen schwärmten durchs Heidekraut, und wenn es abends in den Tälern schon dunkelte und die blaue Färbung dort unten intensiver wurde, warf noch die scheidende Sanne, milde Glut aus- gießend, ihren feurigroten Schein aus die Höhe. Manchmal stand ich um diese Stunde noch neben dem guten Schäfer, der dem Pfarrer in Ansehung seines Taufmandats ein regelmäßiger Kunde war. Denn so ziemlich alle sieben Vierteljahre wurde er durch einen Familienzuwachs erfreut und kam dann noch Stumpertenrod, um mich in feiner stets heiteren und herzlichen Weise für den nächsten Sonntag zu sich hinaufzubitten. Eine gar gemütliche Stunde verlebte ich dann droben, wenn nach dem heiligen


