Urtb indem sie einander di« großm Schöpfungen ihrer Künstler zureichen, ohne den störenden Interpreten, wird das Klima zwischen ihnen milder werden. Vorläufig singen sie, um allgemeingültig zu sein, Weber» all verstehen sie Musik. Deutsche, italienische, französische, russische — rührendes Tasten nacheinander in einer neutralen gefälligen Zone.
In ein Berliner Wohnzimmer bricht der ungeheure Aether ein. Auf dem Drahtrhombus der Antenne musiziert die Zukunft menschlicher Beziehungen. Es war schon ganz richtig, daß der Hörer beklommen, fast erschüttert auf den hantierenden Wirt des Abends sah: ein neuer Schritt ist geschehen. Unter dem Gewehrfeuer der Störungen, unterm Fauchen und Krachen der Atmosphäre, tastet ein neues Organ der Menschheit in den von dunklen Strahlen durchtränkten, schwach erhellten Raum, den der Planet Lurchkreist, durchwirbelt.
Das eimg Männlichs.
Von Per H a l l st r ö m.
(Fortsetzung.)
Vor ihr leuchteten im Schein der Tischkandelaber alle erdenklichen Neuigkeiten und Luftschlösser, aber sie konnte nicht zu ihnen hingelangen, weil zwei Wege hinführten. Ihre ehrliche Seele stöhnte mitten in der Freude und Munterkeit, und je weiter die Mahlzeit vorschritt, desto zerstreuter wurde sie. Was sie litt, war alle Unruhe der echten Liebe, ohne daß sie auch nur int Traume Ersatz suchen konnte, denn sie wußte ja nicht, in wen sie verliebt war.
Es wurde den beiden Vettern klarer denn je, daß sie sich gegenseitig im Wege standen, und dieses Bewußtsein drängte sich auch anderen, auf.
Der Hütenherr, der bei jedem Mittagessen, an dem er teilnahm, von der herrschenden Behaglichkeit so herzenswarm und begeistert wurde, daß er alle Anwesenden sogleich für den nächsten Tag zu sich nach Norrbo einlud, damit man einander doch nicht vergesse, fam beim Kaffee auf die jungen Barone zu, umarmte sie mit der Schale in der rechten Hand und der Untertasse in der Linken und brachte sein Anliegen vor. Er liebte junges Volk und alte Namen, und niemand hatte mit einer solchen Doppelgefahr im Rücken Herz und Mut, nein zu sagen.
„Lieber Karl," sagte er, „in aller Einfachheit, wie eben bei einem alten Onkel und Junggesellen. Ein warnendes Beispiel, -hahaha! Keine Hindernisse vorfchützen! Ich weiß, wer nicht kommt, wenn du nicht kommst! Kannst du erraten, du Schelm?"
Karl hatte eben den Vetter auf die wortwörtlich gleiche Aufforderung eine ausweichende Antwort geben gehört, was als ungewöhnlicher Witz aufgefaßt worden war. Er hatte sich darüber ein wenig geärgert und klopfte darum dem Einladenden so herzlich auf die Schultern, daß er hörte, wie das Porzellan klapperte, und spürte, wie der warme Trank an ihm herunterlief.
„Vermutlich Gustav", sagte er mit dem kühlsten Seitenblick, der noch zwischen den beiden Männern vorgekommen war.
Der Hütte-nherr schlug eine noch geräuschvollere Lache auf. „Gustav! Hahaha. Hörst du, was er sagt, Gustav?"
Aber als er sie beide vor sich sah, umwölkte er sich beim Anblick ihrer Mienen und war höchst betrübt über den Gedanken, der sich ihm erst jetzt a-ufbrängte, daß zwei so prächtigen, gutgestellten und herzensguten Jungen, die er anfwachsen gesehen, etwas so Unbehagliches passieren konnte.
„Hm, hm," sagte er, ,,also du kommst? Es wird so gemütlich und nett sein. Alles, was ein alter Junggeselle bieten kann . . ."
Hier wurde er wieder verlegen und noch mehr, als er entdeckte, was mit dem Kaffee geschehen war. Er zog sich in das Rauchzimmer zurück. Für diesen Abend war ihm die Laune verdorben.
Später kam der Hauptmann und erbat sich mit bescheidenem und aufrichtigem Ernst eine Unterredung mit den beiden in einem der Herrenzimmer unter einer Jagdtrophäe, bestehend aus ein paar gewaltigen Eichhörnern und einer Luchshaut, auf der alle erdenklichen Waffen auf» gehängt waren.
„Meine Herren," sagte er, „ich -kenne euch, seit ihr s o groß wart." — Und er gab das Maß an der Wand dicht neben ein paar Pistolen an, zögerte dann, seine Erinnerung durchforschend, aber k-am zu seiner ersten Angabe zurück. — „S o groß?'
„Gewiß, Onkel", antworteten sie, und sie erinnerten sich, wie er sie Jagen gelehrt und sein munteres Halali unter ihren Fenstern früh in der Morgendämmerung geblasen hatte. Auf andere, weniger feierliche Weise durfte nie geweckt werden. Die Poesie des Ganzen stand vor ihren Augen, der -blaue Morgemrebel, -das eilige Ankleiden, beflügelt von der Angst, nicht vor der Sonne hinauszutommen, die Spannung und die Freude, fertig zu sein. Unterdessen wartete der Hauptmann geduldig und vergnügt bei den Hunden im Hofe, die er mit Liebkosungen beruhigte, „Gewiß, Onkel." Und der Tonfall war sehr herzlich.
„Ihr beiden seid unterdessen gewachsen und ein paar prächtige Jungen geworden. Ich" — und er stieß bei dem Worte einen kleinen Seufzer aus — „stehe, wo ich stand."
„Ja, es wäre auch beunruhigend, wenn Sie weiter mit uns Schritt gehalten hätten, Onkel", sagten sie lächelnd und begegneten seinem weh- nratiaen Blick. „Die Natur hat uns alle drei gleich lang gewollt."
Ser Hauptmann nahm die Fra-ge nicht auf.
„Ich kenne Fräulein Ebba, feit sie s o klein war", fuhr er fort und beugte sich hinab, um das Maß exakt wiederzuflnden, ein Stück unter -6em Luchsichwanz.
Die Vettern lächelten noch immer, obgleich sie merkten, daß ein verhängnisvoller Ernst nahte. „Sie ist nicht so stärk gewachsen wie wir", lächelten sie. Der Hauptmann -fuhr einfach fort:
„Sie hatte die süßesten Kleidchen, wenn sie nach dem Frühsttick hwunterkam. Ich küßte ihre Hände wie die -der Gräfin und wurde ihr Ritter. Ich pflückte ihr Anemonen und derlei zu Sträußchen, und Nüsse, wenn es Sie Zett war. Das war das einzige, was ich für sie tun konnte. Sie nahm sie sehr niedlich und würdevoll entgegen. Ich bin ihr sehr
gut," fügte er mit einem bestimmten Kopfschütteln hinzu, „aber euch habe ich auch gerne."
Die jungen Männer waren gerührter, als sie es sich selbst zugestehen wollten, und zeigten ihre Dankbarkeit in der angemessensten Weise, indem sie ihm Worte ersparten, die ihnen schwer fielen.
„So ist es", sagten sie. „Sie haben es also gemerkt, Onkel. Was zum Henker soll man in unserer Lage tun? Wir hindern einander nur, und keiner gewinnt um eine Pferdelänge. Sagen Sie es uns, und wir werden gehorchen."
„Da ist nichts anderes zu tun, soviel ich sehe," sagte der Hauptmann treuherzig) „als daß einer von euch das Feld räumt. Eine kleine Reiss, beispielsweise ... Ja, es ist ja gleichgültig, wohin, wo es eben am unter» hallendsten ist."
Sie kauten ärgerlich an ihren Schnurrbärten.
„Eine sehr scharfsinnige Lösung und eine sehr -lockende Aussicht, dies« Unterhaltung! Soviel haben wir schon jeder auf eigne Faust heraus» geflügelt. Aber wer soll diese nette kleine Reise solo unternehmen und wer die andere?"
Der Hauptmann bedauerte, sich nicht tiefer in das Problem hineingedacht zu haben.
„Letzteres", murmelte er, „ergibt sich aus dem ersteren; aber hier, ich gestehe es, liegt eine gewisse Schwierigkeit, und jetzt kann ich euch nut bitten, mir zu verzeihen, daß ich so . . . Seht ihr, ich dachte an sie."
Hier muhten sie wieder lächeln. „Das tun wir auch, Onkel, und barinit ist es eben so schwer."
Der Hauptmann sah sie an, ganz gedemütigt von -der Erkenntnis, wie wenig er imstande war, Menschenherzen zu erforschen.
„Ja, ja", sagte er. „Ja freilich, ihr seid verliebt, ihr auch. Sps ist eben die Schwierigkeit. „Aber", fügte er mit männlicher Entschlossenheit -hinzu, „ein Ende muß es doch haben." Damit ging er grübelnd, zu taktvoll, um sich in die Beratung zu mischen, die seiner Ansicht nach jetzt folgen muhte.
Zu einer solchen kam es jedoch nicht, denn keiner der beiden Herren hatte die Stirn, -dem andern vorzuschlagen, sich zu opfern, oder die Neigung, es selber zu tun. Sie sahen flüchtig die Pistolen an, aber fertigten den Gedanken, den sie erregten, sogleich mit einem Kopfschütteln ab: nein, -diese Zeiten waren vorbei! Unmittelbar daraus standen sie beim Laute der Tanzmusik auf und gingen, ihre Dame ausfordem. Kommt Zeit, kommt Rat, dachten sie. Vielleicht geschieht heute abend etwas Entscheidendes. Aber es geschah nichts. Denn walzte der eine besser, so war der andere Meister in der Polka, und das hob sich auf. In ihrer Unruh« über Sie Unhaltbarkeit der Lage peitschten sie sich beide zu einer wilden Fröhlichkeit auf und waren nie so einnehmend gewesen. Fräulein Ebba lachte so, daß ihr die Tränen in die Augen tarnen, und lachte weiter, bis sie wieder trocken waren, ohne Gelegenheit zu haben, jenen ergreifenden Herzenston zu hören, der sie sogleich bestimmt hätte.
„Ich bin ein oberflächliches, eitles, wertloses Geschöpf", dachte sie, „und verdien« keinen von ihnen." Und da dem nun so war, machte sie sich kein« Skrupeln, den Augenblick zu genießen und so viele als möglich zu bezaubern.
Die übermütige Laune der Kavaliere hielt noch an, als sie auf der Treppe standen und ihre Schlitten aus der Reihe vorfahren sahen, mit flaräugigen Laternen unter klatschenden Peitschen. Ein fatalistisches Ge- ühl bemächtigte sich ihrer, ob es nicht ebenso gut wäre, in ben ersten besten einz-usteigen und die Rolle, die dazu gehörte, auch für den Rest seines Daseins weiterzuspielen. Baron Karl warf entsclstossen die Zigarre in den Schnee und flüsterte dicht in den Biberkragen des Vetters: „Wir fahren um di« Wette über den See: ich setze alles darauf ein. Du auch?
Baron Gustav drehte den Kopf und sah den Mick des Rivalen jo bremienb, daß es ihm vorkam, als könnte er seine Zigarre daran am zünden, wenn er wollte. Er ließ sie jedoch ebenfalls fallen, denn er hatte die ganze Bedeutung der Worte verstanden.
„Gut," erwiderte er, „wir machen einen kleinen Umweg, um di« anderen loszuwerden, und treffen uns 'dann in der Bucht unter der Meierei. Fünf Minuten?" — „Fünf Minuten."
Dann wandten sie sich wieder der Umgebung zu und tauschten -Ab- schiedsgrühe und Scherze. Der Hüttenherr, der mit neuerdings ausflam- mender Gastfreunschast auf sie zukam und Bescheid auf seine Einladung haben wollte, erhielt einen orakelhaft dunklen.
„Danke, danke, einer von uns wird kommen, und es wird sehr an» genehm sein."
„Hm," stammelte er, welcher?"
„Der nicht verhindert ist. Regimentssachen, Onkel, fugten sie hmM, um seine Grübeleien zu beschwichtigen. Und damit fuhren die SHmtsN davon, unter den schwarzen Zweigen 'der Linden und allen ratselyasikn Sternen der Nacht. Als sie ein wenig abseits gekommen waren, streckte der erste seinen Arm aus und fegte den Kutscher hinter sich in den Schnee, während er Sie Zügel ergriff. ...
„Geh nach Hause, Johannson," sagte er, „g eh nach Hauses Das ist dir zuträglicher. Du machst dir zu wenig Bewegung, JoMnnson.'
Johannson konnte nur schwer diese plötzliche Besorgnis für -feine Gesundheit begreifen, währenb er sich da im Schnee route. „Pardon, Herr Baron?" fragte er.
„Du bist schwerer, Johannson, als der andere, oder vielleicht seichter. Ihr könnt euch gegenseitig Gesellschaft leisten. Sieh dich mal um!" ..
Er tat es und sah zu seinem Erstaunen, wie sich dasselbe Manöver auf dem anderen Schlitten wiederholte.
„Zu Befehl, Herr Baron." Und er klopfte sich den Schnee ab und knöpfte den Rock auf, um es nicht zu warm zu haben. Der andere tat -das gleiche, und als sie -damit fertig waren, gesellten sie sich zueinander und tauschten ihre Gedanken aus. Da waren ihr« Herren schon den Abhang hinunter verschwunden.
Dort unten hielten sie unter den Weiden und sahen über den See hin.
(Schluß folgt.)
Verantwortlich i.V.: vr.Fr.W. Lange.—Druck u-nd Verlag: B ruhl' s ch e'Ä ni v e rsnt a t s - Buch- und 6 t e inbr utferet, tRißan-ge,


