Ausgabe 
28.6.1927
 
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Ein ganz früher Morgen. Roch steht in .gülden gewundenen Gassen und Gäßchen, besonders aber in Lenen, die in hundert Trepven zur Donau Her zum Inn abstürzen, ein blauer Rebel. Da und dort schießt die <sonne schräg hindurch und läßt an Len gelben Häuserfronten goldene Vierecke aufglühen. Um die Madonn-enstatu-en, um die «wogten Mär­tyrer, um die Brunnengruppe schimmern Heiligenscheine. Wie still es Loch morgens in Passau ist! Die Flüsse dampfen. Die Gassen schwanken. Ssist den Bogen, die quer über die Gassen gemauert sind, Wächst Moos und Gras, Farns hängen gerat», und das feuchte Gras glitzert und leuchtet im Licht. Und was all die Balkönchen anbelangt, Lis da, zierlich geschmiedet und locker mit Blumen überwuchert, im Morgendunst schweben, so machen die Mcherigen Sonnenstrahlen wahre Märchengebilde aus ihnen, der Tau funkelt am Gitter, die tiesen Farben Purpur, Blau, Zitronengelb, tropfen ob, die Blätter werden durchsichtig, ein ganz winziger Wind atmet vorbei und erweckt einen Taumel von Glanz und Buntheit.

Aber allmählich verschwindet die Feuchte, die Farben verlieren ihre Kraft, der Dunst verwandelt sich in Klarheit, und da steigt denn die eigetirliche Stadt, steigen die Architekturen blaß herauf und beginnen zu leben und zu schwingen, die Glocken läuten durcheinander, das Barock erwacht.

*

O ihr geistreichen uyd frechen 'Baukün.stler des siebzehnten, des acht­zehnten Jahrhunderts mit euren graziösen Händen! O ihr heiteren Bischöfe, die ihr eure liebe Residenz Passau gar so himmlisch machtet! O ihr christlichen Bürger, die ihr euren geistlichen Oberen in allen Stücken folgtet! O du Helle, trunkene, leichte, tanzende Stadt!

Nun ist es Mittag.

Ich wandere in Hassan umher. Bald klettere ich in einem Gäßchen empör, bald dränge ich mich durch gewölbte Gänge, bald schlendere ich unter -lustigen Arkaden hin. Aber fein Gebäude ist so fest gefügt, daß nicht die Schnörkel über Len Fenstern sich ineinanderschlängen, daß nicht dje Portale mit ihren grotesken Säulen ein seltsames Leben hätten, daß nicht die schmiedeeisernen Gitter, nicht die Girlanden, die Putten, die Flöten- und Schalmeienbündel sich regten und schaukelten. Die über­raschendsten Licksteinfälle, die tiefsten Schatten schießen durcheinander. Da steht der Dom, ein gotisches Langschiss, ein gotischer Chor, indessen man ist unbekümmert mit barockem Gelächter in die düstere Inbrunst gefahren urch hat aus der Gotik, aus dem Schwarz und Grau das fröhliche Spiel gelber Arabesken, runder Fenster, gebrochener Türme herausspringsn lassen. All die Türme Passaus springen wie breite Fontänen gegen den blauen Himmel, wirr in sich zurückfallend. Alle die Häuser flimmern und wiegen sich behutsam. An allen Ecken blitzt von unten der Widerschein -des Wassers die Gassen herauf, die Tore hindurch, die Wölbungen entlang.

Mm ist es Mittag. Und wie ich umherwandere, geschieht es, daß sich die Bewegtheit leise in Musik auflöst. Ob nun ein Klavier aus dem lang­gestreckten Priesterseminar heraus-klingt, ob nun ein Mädchen zaghaft in e)nem kleinen Gärtchen, verborgen hinter Geisblatt und Goldregen, an= St zu singen, ob nun in einem Haufe am Residenzplatz eine Streich-

k laut wird, ob nun eine Flöte aus dunkler Stube dringt und sich hier draußen im Glast verliert, ob nun aus einer Kirchentür zugleich mit allerlei Goldglanz ein gedämpftes Orgelspiel dringt, ob nun die Glocken Wieder durcheinanderläuten . . . Musik da und dort, sich verflüchtend im -flirrenden Aether. Und die Sonne glüht. Leise rauschen die Flüsse.

Als es Nacht wurde, stieg ich von der Jlz her auf die Feste Oberhaus. Der Weg schimmerte grau durch die Dunkelheit. Ich stieg durch Schier- lin-gwiesen und Blumen von mystischer Bläue höher und höher. Das Tal versank, ein paar armselige Lichter schienen heraus. Nicht lange, dann schritt ich vorsichtig durch finstere Torgänge, dann durch Gewölbe, dann durch Höfe, schwarze Mauern trugen sich empor, so >daß ich nur ein kleines Stückchen Himmel sehen tonnte, dann wieder ein Tor, wieder ein Hof, Wasser tropft« an den Wänden herab, dann ein größeres Geviert mit blühenden- Kastanien und Sternen. Düster schlurfte ein Wachtposten auf und nieder, ohne sich um mich zu kümmern.

Seitwärts flämmerte ein rotes Fensterchen. Ich tastete mich immer weiter. Mit einem Male war da eine Art Bastei mit allmächtigen Linden bestanden. Und als ich hinaufging, sank da der Fels jäh weg mit Zacken und Gebüschen, und ganz da unten lag Passau zwischen den Flüssen.

Was für eine Stadt! Was für eine visionäre Stadt!

Ein silbriger Dunst stand über dem Häuserhaufen. Und die Kirchen und Türme nahmen sich so unwirklich aus, so bleich und gläsern. Nur der Dym war dunkel, ein dunkles Gespenst. Aber ringsherum dämmerten helle Straßenfronten aus milchigein Glas, Allerlei Lichter, groß« und kleine, glühten durchsichtig, wie grünes Seidenpapier, auf den Plätzen zusammen. In der Ferne verloren sich, die Donau hinauf, die Lichterketten der Eisenbahn. Und die Flüsse ließen weißes und rötliches Gefunkel auf ihren Wellen hüpfen. Manchmal strömte die Donau dahin wie geschmol­zenes Gold und der Inn wie dumpfes Blei. Aber der zarte Nebel verwischte alles. Rundum war die Nacht und oben die Stern«.

Passau, ein silbriger Nebel, erfüllt mit leisem Gebraufe, eine undeut­liche Bision, ein Traum, eine geträumte Stadt.

Neues Ergebnis.

Bon Arnold Zweig.

An der Wand eines bürgerlichen angenehmen Wohnzimmers mit be­quemen Möbeln steht, wie ein zusammengeklapptes Spinett vergangener Zeiten, eine braunpolierte, hochbeinige Lade, auf ihr, wie ein schönes neues Musikinstrument oder ein Spielzeug erwachsener Kinder, der mit grünem Draht rhombisch bespannte Ma'gnhonirahmen. An Schnüren liegen die beliebten Kopfhörer auf dem Tische aus. Sogleich wird kraft dieser Apparatur der Aether musizieren.

Erschütternd ist für jedes Kind die erste Bekanntschaft mit jenem zauberhaften Ding, das aus einem schwarzen Kasten und nickelblitzendem Hörrohr die Stimme der entfernten Mutter hören läßt: dem Telephon. Unheimlich, verehrungswürdig, nur mit großem Bogen zu umkreisen steht es im kindlichen Erlebnis, bis es sich daran gewöhnt und es einordnen kann ins Hingenommene. Diese Existenz, Telephon, brach am stärksten

ein in die Gewohnheiten der Europäer, nicht in die praktischen, in die seelischen vielmehr. Bon allen Durchquerungen des Raumes war sie die neueste. Und es beweist die Richtigkeit Bergsonfcher Intuition, den Men­schen als das Werkzeug machende Tier einzuordnen in die Welt, daß keine größere nachbildende Seelenerschütterung von dieser neuen aben­teuerlichen Waghalsigkeit des technisch-elektrischen Tuns ausging. Den ethischen Antrieb -des Pentateuch: halte deinen Nächsten wert wie dich selbst noch heute hat ihn die Welt nicht Eingenommen anders als oben­hin, noch heute erschüttert er im Augenblick seiner Verwirklichung die Umgebung mit Krämpfen. Das Technische aber ist selbstverständlich i-m Augenblick, wo man es erprobt hat. Der Mensch fühlt sein Werkzeug, es sei großartig wie immer, als das ihm zugeordnete; sein ethisches Erlebnis immer als das ihm übergeordnete.

Dennoch sitze ich mit der leisen Beklemmung zentraler Seelenorgane, die sich vor dem Unerprobien einstellt, zwischen -meinem Kopfhörer. Der Herr des Hauses, -gelassen, gewohnt, dennoch mit der Spielsreude eines großen Jungen, beginnt die Zeiger manometerähnlicher Zifferblätter zu bewegen. Er stellt ein. Berlin haben wir vorhin gehört. Aus dem Laut­sprecher quoll näselnd, leicht kitschig umwittert, die edle Stimme gut- ge-sungener Opern. Jetzt holen wir Europa in die bürgerliche Wohnstube. Chorkonzert, deutsche Romantik, wahrscheinlich; das ist Breslau. Dann spricht jemand, und ein anderer antwortet; Verse, dramatischer Dialog Breslauer Universität steigt auf; die Lam-bertskirche, das Rathaus von Münster in seiner gotischen Fassade an Breslau gemahnend, damals, als ich das erstemal davorstand die Wiesenkirche, furchtbare Käfige oben am Lambertsturm, der Drostepalast, weite Plätze, das ist Münster. Sie lassen Nch willig koordinieren. Es ist noch kein Wunder für -mich, Schlesien -und Westfalen, katholische Lande, tief unterströmt von religiöser Ketzerei, das geht noch an. Frankfurt tritt hinzu, Operette, Offenbach, spaßig und bezaubernd wirft sich -der Orchesterkl-ang an mich, aber plötz­lich musiziert jemandMeistersinger", das ist schon London. Englisch ge­sungen, man versteht die Worte nicht, kommt diese deutsche Musik, und man glaubt, daß sie übers Meer kommt; denn jetzt meldet sich energisth die Atmosphäre: Jnfanteriefeuer, die rasend ausgeschütteten Salven, Ketten­feuer, wahnsinnige Maschinengewehre, Hagel, kleine Erinnerung an Verdun. So prasselt, pfeift, zischt, klappert ein Element, -das ist nicht mehr bloß heimische Luft, hier bricht -der Kanal ein, die Nordsee. Un­geheuerlich stark wird vor meinem geschlossenen Auge die Suggestion von diesen Tönen, diesem Rasseln, Hellen Poltern, Knirschen, Schütten von Kies auf Blechdächer, vor dem geschlossenen Auge sehe ich tue gespenstisch kahlen, zersetzten, von Klauen -durchpflügten Bodensilhouetten, Verdun­höhen, Schluchten. Grünes, fahles Raketenlicht geht m einiger Ent­fernung darüber hin (ununterbrochen töntMeistersinger -Musik hinein in diese Hölle); es ist -ungeheuerlich. Nichts fehlt als die Hauptsache, der P-a-u-kenwirbel der Geschütze, das rasende Anfauchen, Schleifen, Krachen der Einschläge über unserm Köpfen. Und immer noch diese Musik! Ich muh sie mir aus dem Hinter-grund des Erlebnisses förmlich wieder her­vorholen, so sehr überwältigt sie der Einbruch der Geräusche dieser Geräusche.

Vorüber! Vorüber! Walpurgisnacht anderer Art taucht auf. Durch das Pfeifen und Fauchen der Atmosphäre kommt bezaubernd süß, mmg geigend, «roße Musik, das ist Rom ... Die Alpen? Nichts. Distanzen, M-eereshöhen, Unterschiede gar nichts. Wir reifen ja nicht mehr mit der Atmosphäre. Für unsere Ohren find Berge ja so durchlässig geworden wie für dunkle Strahlen. Uns musiziert der Aether. Bequem durchsausen ferne Schwingungen die Räume zwischen den Molekülen der hilflosen groben Masse, Stein oder Luft. Dann meldet sich vom (Eiffelturm eine südländische Stimme, jemand spricht, hält eine Rede, der Klang ist romamscy, der Tonfall wunderbar befremdend. Von (Eiffelturm wird spanisch gesprochen, sagt das Programm. Und immer zwischen der Stimme braust und brodelt Walpurgisnacht. Entladungen, Erschütterungen, Helle Stöße, immer wieder das lange, silberne Fauchen unsichtbarer Sirenen. Der Rückweg: Prag musiziert. Der Klang strenger und süßer Geigen, das edelste des Abends, böhmische Musikalität. Dann ruft mich plötzlich das Telephon nach Hause.

Ich -habe einen langen Weg durch die Nacht, güt, um viel zu bedenken. Heute abend haben die Ohren den Rausch neuer Organe bekommen. Sie gehen" gewissermaßen. Der Mensch, homo Jaber, hat dem Organ em» neues Instrument angeschlossen, neue Dimensionen zucken heran. Die Völker find auf der Erde nicht mehr allem. So erschütternd wie diesmal hat die Erkenntnis, -daß Sprachen überwunden werden müssen, mir noch nie leib- und smnhaste Deutlichkeit erobert. Wenn man euch Londoner in Rom hört, lernet sprechen, daß man euch auch verstehe! Von diesem Auaenblick an als die ersten Radiostationen einander erreichten, wurde die Weltsprache, jene Hilfssprache, die die natürlichen Sprachen ergänzen muß, wie das Fahren ergänzend Das Gehen verlängert und verbessert, eine -lebensnotwendige Forderung. Die Technik bncht in Die Politik. Sie reißt neue Dimensionen auf auch-der Natur. Denn hier ist weit mehr als Zivilisation im deutschen Sinn am Werke. Viel mehr tritt m Erscheinung jene Zivilisation Der Engländer Zivilisation Der Franzosen, die mit einem Worte -Das technische Bessermachen und Das menschliche Höflicher-, Seiner-, Wertvollermachen umreißen. Vorläufig helfen wir uns mit der Musik, wir Menschen, Denen Die Sprachen zum Streitwagen dienen. Gesungenes und der große Klang der Jnftrumentengruppen überbrücken vorläufig; aber es genügt nicht. Dies ist kein Instrument zum Spaß, dieses Radio. Es hat ernsteren, größeren Rang in sich als bloß die Unterhaliung halb- müder ÜlbenDgäfte. Wenn jemals die inneren Gesetze der Gegenstände Forderungen richteten an den Menschen, so hier das unglaubliche Ge­schenk der Technik: im Grunde setzt es einen reiferen, weiseren, mensch­licheren Status voraus, als ihn der heutige Mensch auf bringt. Die Arbeit des Geistes, der einsame, von den Schreibtischen der Schriftsteller, Der Dichter, Der Philosophen gelenkte Strahl der Helligkeit bekam einen un­geheuren Bundesgenossen. Künftig werden Die Menschen aneinander appellieren können, sie werden nicht mehr in Den Mauern ihrer Grenzen sich gegenfeitig mißverstehen müssen, wenn Verwicklungen zu Kata­strophen ausreifen.