Ausgabe 
27.12.1927
 
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würdige Zangen, Kohlenschaufeln, Haken, Spieße, Jagdtrompeten, Schwerter usw. und alles ist voller schimmelnder Romantik, Poesie und grauester Ueberlieferung.

Etwas weiter auf dem Wege, nach Norden zu, da kenne ich noch einige Dörfer, die aus lauter 500jährigen Häusern bestehen mit ganz niedrigen, breiten Fenstern, mit Butzenscheiben, mit bis zur Erde reichen­den Dächern und ganz hohen Schornsteinen. So um die Mittagszeit am 24. Dezember muß man von London losfahren querfeldein durch Surrey, das wie ein einziger großer Park ist, über Henley, Maidenhead, Windsor, Oxford usw. bis man dann gegen Abend in jenem Dörfchen, das ich meine, angelangt ist und dort schon lange erwartet wird. Wir treten in die kleine, warme Stube eines eulenhaft-geduckten Häuschens, bewundern den Mistelzweig an der Decke, wärmen unsere Hände vor dem Kaminfeuer, setzen uns auf einen der bequemen, niedrigen Schemel, wer­den über London unddie Welt da draußen" ausgefragt, erhalten einen kräftigen Punsch vorgesetzt, trinken einen Schluck und noch «inen und noch einen, lauschen dem Heimchen, das hinter dem Herde zirpt, und fangen bald, sehr bald an, von all den tausend Geräuschen eines alten englischen Landhauses unmerklich eingelullt, irgend etwas Unbestimmtes, Verschwom­menes, Süßes zu träumen. Und wenn es soweit ist, ja, dann kommt Vater Dickens leise zur Tür herein, setzt sich zu uns an den Kamin und erzählt uns «ine seiner heitersten, herrlichsten Weihnachtsgeschichten ...

Christfest.

Von Joseph Freiherrn von Eichendorfs.

Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gaffen, Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandrc aus den Mauern Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heil'ges Schauern! Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen, Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen O du gnadenreiche Zeit!

Droben im W«?d.

Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen.

(Schluß.)

Ein Schauer durchrüttelte ihm die Glieder.Im Wald?" stieß er wie ein Aufwachender hervor,und du bist bei mir?" Dann hielt er inne und fuhr erst nach einer Pause halb murmelnd fort:

Ja, ich weiß, ich ging im Wald. Da stand er im Dämmern mit einem. Beil; ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Aber er hatte den Baum ange­hackt, und als ich drunter fortging, fiel der Stamm dicht an mir nieder, und ein Ast traf mich hier; oder war's das Beil, das er nach mir ge­worfen?" ' j

Seine Hand glitt deutend über eine hochaufgeschwollene, schmerzhafte Beule am Hintertopf; doch plötzlich sprang er jetzt, nach seiner ihm noch um die Schulter hängenden Büchse greifend, kraftvoll vom Boden und rief:Wo ist er, daß er nicht auch dir und den Kindern!"

Aber glückselig war die junge Frau ebenfalls emporgefahren und hielt : ihn.Du träumst noch, Alf; Gott sei gedankt, du bist unversehrt! Der Ast i hat dich nur gestreift und betäubt und dir den Kopf mit Phantasien gefüllt."

Glaubst du, Hanna? Du hast wohl recht, es war eine närrische Ein­bildung." Er hatte nach und nach volle Besinnung wiedererlangt und schlang freudig die Arme um fein junges Weib.Ist heute nicht Weih­nachtsabend? Mir ist, als wärest du mir eben erst geschenkt."

Das weckte ihr Gedächtnis.Die Kinder! Sie werden sich schrecklich im Dunkel ängstigen, die Marianne ist ja auch fort!"

So laß uns rasch heimgehen!" Doch die Füße schwankten ihm noch erwas von dem Sturz und der Betäubung, und, seine Gedanken sammelnd, frug er jetzt verwundert, wie es chr möglich geworden, die Stelle zu fin­den, wo der Baum ihn getroffen. Sie erzählte, wer ihr Führer gewesen, und beide streichelten dankbar den zottigen Kopf des vor ungebändigter Freude laut bellenden Hundes. So kamen sie auf dem schneeverdeckt ab­schüssigen Weg unter den finsteren Bäumen nur allmählich vorwärts, doch ihr Ziel war nicht allzufern, und sie konnten nicht mehr weit sein.Dein Schrei weckte mich aus der Bewußtlosigkeit auf," sagte der Förster,hättet ihr mich heute abend nicht gefunden, wäre ich wohl nicht mehr zur Be­sinnung gekommen und im Schlaf erstarrt."

Ein letzter Schauer überlief den Rücken Johannas, nun bogen sie um eine finstere Tannenwand in ihre kleine, heimatliche Mulde ein. Doch im selben Moment stutzten sie beide jäh zurück; ein funkelnd blendendes Ge­leucht brach ihnen durch die Nacht entgegen, und, in den Knien wankend, schreckvoll starrend, stieß Eisenhut aus: ;

Barmherziger Gott, unser Haus steht in Flammen!" 1

Auch die junge Frau hatte im ersten Augenblick einen Schrei von den Lippen gestoßen; allein sie beherrschte schneller ihre Sinne, als ihr Mann die noch leicht verwirrbaren seines Kopfes und rief hastig drein:

Nein, es ist der Weihnachtsbaum! Seine Lichter brennen! Wie ist es möglich?"

' Nun sahen es beide deutlich. Ein halbes Hundert blitzender Kerzen warf aus den Fenstern der Staatsstube seinen Strahlenschein auf den Schnee heraus. Ohne ein Wort mehr liefen sie atemlos bis ans Haus und stürzten hinein. Da saßen die Kinder jubelnd, lachend zwischen ihren umher ver­streuten Spielsachen am Boden unter dem funkelnden Weihnachtsbaum. Sie waren weder über das Fortbleiben der Eltern verwundert gewesen noch über ihr jetziges Kommen; der kleine Wolfgang hielt ihnen müh- fam auf beiden Armen ein mächtiges Schaukelpferd entgegen und jauchzte: Sieh hott hott! Willst du drauf reiten, Papa?"

Es dauerte etwas, ehe die Mutter auf ihre staunende Frage, wer denn die Lichter angezündet, aus der emsig beschäftigten kleinen Johanna di« Antwort herausbrachte:Der fremde Mann."

Welcher Mann?" fragte sie ungläubig.

Der im Schnee kam, als du mit Melac fortliefst, um den Papa zu holen."

Und wo ist der Mann geblieben?"

Weg", sagte das Mädchen, nach der Tür deutend. Aber da sie bas sprachlos verwunderte Gesicht ihrer Mama wahrnahm, ließ sie einen Augenblick die Hand von ihrer schon halb ausgekleideten Puppe und fügte hinzu:Er weinte so, als er fortging; er bekommt gewiß heute nichts zu Weihnacht."

Da stieß der Förster plötzlich einen lauten, doch ihm seltsam vor dem Munde zitternden Namensruf aus:Wolfgang Machwitzl" Er starrt« aus einen Tisch unter dem Weihnachtsbaum, auf dessen brauner Platte der Name mit Kreide in großen, unsicheren Buchstaben geschrieben stand, und er wiederholte mit einem Ton, der an seine Betäubung im Walde ge­mahnte:Wolfgang Machwitz, er war hier, es ist seine Hand!"

Dann stand er bei seiner Frau und redete leise mit ihr. Sie blickte ihn anfänglich zaghaft an, doch als er schwieg, sagte sie:Nein, du hast recht, und auf dem Wege habe ich keine Angst um dich."

Er kann in der Nacht nicht weit gekommen sein", fiel Eisenhut ein. Es war ein Weihnachtsabend, an dem ich unwillentlich schlimmes Un­recht tat; mich bedünkt's ein Himmelsgeschenk, wenn's mir beschert wird, an diesem dran gutzumachen, was noch möglich ist."

Er drückte Johanna fest die Hand, nahm [eine Büchse und schritt zur Haustür. Der Hund sah verwundert zu ihm auf, daß es noch wiederum in den Wald davonging; draußen hatten Himmel und Luft sich etwas verändert. Der Wind sprang gen Ost über und kam jetzt in Stößen vom Rheintal herauf, vom Rande des lückenhaft zerrissenen, fliegenden Ge­wölkes aber ging ein silberner Schein aus, der den dahinter aufsteigenden Mond verkündet«. Der Förster wanderte mit vorgebücktem Kopf um bas Haus, bis fein Blick zwei breite Fußtavfen im Schnee antraf, die sich aufwärts fortsetzten. Da sagte er, niederdeutend:Such', Melac!"

Witternd folgte dieser sogleich der Fährte, und fein Herr ging achtsam hinterdrein. Er hatte seine volle Kraft und Sinnesschärfe wiedergewonnen, nur das Herz schlug ihm stürmisch erregt mit heißklopfender Hast an die Brustwandung. Nun drängten sich die anfänglich weit ausholenden Fuß­spuren näher zusammen, wurden unsicherer und hatten schleifend den Schneerand abgeschürft. Der Hund schnob eiliger und stieß einen knurren­den Ton aus. Und jetzt schoß er, zornig bellend, gegen einen Felsblock vor.

Zurück, Melac!" gebot sein Herr, doch zugleich stand er selbst kalt- überlaufen still. Etwa ein halb Dutzend Schritte vor ihm lag an dem Felsen ein langer, dunkler Körper in den Schnee hingefallen und hob bei dem Gebell und Anruf des Hundes den barhäuptigen Kopf. Darauf fiel, aus einem Wolkenriß klar hervortretend, der Glanz bes Vollmondes, und in feinem rinnenden Licht wandte sich dem Herankommenden ein geister­haft fahles Antlitz entgegen und sprach mit klangloser Stimme:

Bist du's, Adolf Eisenhut? Ich wollte dir und deinem Haus« Böses tun, deshalb war ich hier. Nimm deine Büchse und schieße dem bösen Tier das Blei durch die Brust! Und tust du's nicht zur^Bergellung, so denke noch einmal an die alten Tage, als wir Freunde waren, und ku's darum; ich will's dir danken!"

Wolfgang Machwitz," rief der Förster, im Innersten erschüttert,bist du am Weihnachtsabend zu mir gekommen, um meinen verlassenen Kin­dern die Freudenlichter anzuzünden?"

Ein lautes Stöhnen rang sich von den Lippen des Angesprochenen, und er stieß den Arm des neben ihm Niederknienden heftig zurück.

Was willst du? das ist eines Mörders Hand!"

Nicht doch, die eines Unglücklichen, der ich eine Schuld abzubüßen habe", sagte Eisenhut in weichem Ton.Vergib du mir um der alten Freundschaft willen, Wolfgang Machwitz!"

Doch dieser bog sich noch mit krampfhaftem Beben seiner Glieder zu­rück.Deine Hand? Nimm sie fort! Wenn du wüßtest, mit welchen Ge­danken ich zu deinen Kindern kam"

Still!" flüsterte der Förster und legte ihm sanft die Hand auf den Mund,ich weiß nichts. Komm!"

Er richtete ihn kraftvoll auf, stützte und führte den schlotternden Mann durch den Schnee. Willenlos und wortlos ließ derselbe sich fortschleppen; erst als plötzlich das glitzernde Gefunkel des Weihnachtsbaumes dicht vor ihm durch die schwarzen Tannen brach, stockte er jählings, riß sich los und stotterte:

Wohin? Zu ihr? In dein Haus? Niemals!"

In eine Heimat, zu Menschen, die um dich getrauert haben", ant­wortete Adolf Eisenhut liebreich. Ein eigentümlicher Klang kam dazu un­erwartet durch die Luft; der ostwärts gedrehte Wind trug einen Augen­blick ganz deutlich den fernen Schall der festlichen Dorfglocke aus dem Rheintal herauf, und der Förster fetzte lächelnd hinzu:

Horch! Weihnachtsabend! Du bist weit gegangen, Wolfgang, ruh« dich aus und bleibe bei uns, solange du dich unter Freunden bei uns fühlst!"

Und die Haustür öffnend, rief er laut und fröhlich vorauf:

Johanna, rüste zu für einen Heben Weihnachtsgast und vergiß nicht ein paar gute Würste für Melac, er hat sie heute doppelt verdient!"

(Copyright by Emil Feller, Berlin.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.