Ausgabe 
27.12.1927
 
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WeihnachLsbilder aus England.

Von George P o p o f f.

London, im Dezember.

Man braucht ihn nicht erst heraufzubeschwören den Geist des guten, alten Charles Dickens. Er ist in diesen Weihnachtstagen, in diesem Lande alter Traditionen und Ueberlieferungen, mitten unter uns und in Km altmodischen Radmantel, seinem hohen Zylinderhut und dem ehr» n Stock mit dem Silberknauf in der Rechten geht er jetzt täglich durch Londons belebte, fröhlich-lärmende Straßen, durch Westend, das Mertel der Reichen, durch Castend, das Armenquartier und durch das ganze, weite Land, wo die Leute in diesen Tagen alle nur daran denken, recht munter und sorglos zu sein, recht nachdrücklichgood old-fashioned Christinas" zu feiern und all dieses so trefflich zu tun, daß Vater Dickens daran seine Helle Freude hätte ...

Wenn man auf dem Dach eines Autobusses sitzend, durch Brampton oder Cromwell Road fährt, so kann man leicht in die erleuchteten Häuser rechts und links des Weges blicken und gewahren wie gut sie es alle haben. Die meisten Leute hier verdunkeln ihre Fenster nicht, die Wohn­

ließ das Hündchen frei, welches mit unendlicher Lust zur Ergötzung vieler Personen hin und her sprang und namentlich mir viel Aufmerk­samkeit bezeigte. Ms'der Mann das Tier wieder aufnahm, trat ich hinzu imb klopfte es, da sagte er zu mir: ich hab's um fünf Sechser gekauft und geb's wieder her. Auf der Stelle gab ich ihm einen Gulden und trug das schöne Geschöpf nach Hause. Hier angekommen, fragte ich meine Frau: hast du deinen Sindsal in dieser Gestalt gesehen? und sie sagte: 3a r'

Daß Gottfried Kellers so berühmter wie herrlicher RomanDer «rime Heinrich" im Grunde die Lebens- und Entwickelungsgeschichte des Dichters selbst enchielt, werden auch die Leser der ersten, scheinbar un­persönlichen Fassung (1854/55) schon gefühlt haben, lange bevor die endgültige Ausgabe dann in der Ichform, als der wefensgsmähen, Vor­tag (1880/81). Wir haben also jedenfalls keinen Grund, insbesondere den zweiten Teil, der über die Erlebnisse des noch unfertigen, unbestimmt nach dem größeren Leben sich sehnenden Jünglings handelt, als weniger kelbstbiographifch zu nehmen, zumal auch alle Daten und sonstigen kleineren Züge mit den objektiven Berichten übereinstimmen. Kellers Mutter, mit dem erst fünftährigen Gottfried und einem dreijährigen Töchterchen allzufrüh verwitwet, hat den Knaben bis zum 18. Jahre die Schule besuchen lassen, um ihn dann auf eigenen Wunsch zu einem sogenannten Kunstmaler in die Lehre zu geben; genau die Phase zuvor, wo Heinrich sich freut, daß auch dergeistliche Unterricht", der letzte, nun zu Ende geht, schildertDas 'Konfirmationsfest", als zwölftes Kapitel des zweiten Teiles, und da dieses Fest dort in der schweizerischen Heimat «wöhnlich auf Weihnachten fällt, so ist hier allerdings die doppelte Freude und Feierlichkeit schuld, daß sie nun beschrieben werden:

Am Weihnachtsmorgen muhten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um nun das Abendmahl zu nehmen. 3ch war schon in der Frühe guter Laune; noch ein paar Stunden und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der Vogel in der Lust! Ich nahm jum ersten- und letztenmal den Männerstuhl in Beschlag, welcher zu unserem Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte.

Er war seit dem Tode des Vaters, also viele Jahre leer geblieben, ober vielmehr hatte sich ein armes Männchen, das sich keines Grund­besitzes erfreute, darin angesiedelt. Als er herankam und mich in dem Gehäuse vorfand, ersuchte er mich mit kindlicher Freundlichkeit,seinen Ort" räumen zu wollen, und fügte belehrend hinzu, in diesem Reviere Ken alles eigengehörige Plätze. Ich hätte als ein grüner Junge füglich n bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten tm Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune; auch wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen, und endlich tat ich dieses nur in dem Bewußtsein, daß der Abgewiefene otsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne, und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt, und ihn ganz verblüfft und traurig eine ent­fernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen iah, nahm ich mir vor, ihm am anderen Tage anzudeuten, daß er sich mnnerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich denselben nicht brauche. Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es mein Bater getan. Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferem Mute, in­dem er den großen und guten Geist, welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah, alsdann besonders fühlte und verehrte ...

Dieses feierte ich nun auch in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den Bater noch lebend vorftellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte; und als die Gemeinde fein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied: Dies ist der Tag, den Gott gemacht!" anstimmt«, sang ich es für meinen Bater laut und froh mit, obgleich ich Mühe hatte, den richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein alter Kupferschmied, links ein gebrechlicher Zinngießer, metdje mich mit den seltsamsten Arabesken von der rechten Bahn zu locken suchten und dies um so lauter und kühner, je standhafter ich blieb ..."

In diesem Zusammenhänge möchten wir nicht verfehlen, auf noch einige große Dichter des Auslandes hinzuweisen, denen Weihnachten sogar den Stoff zu ihren teils innig-heimlichsten, teils bekennerisch-auf- wuhlendsten Schöpfungen lieferte. Wir denken da besonders an D i ck e n s Weihnachtsgeschichten", in denen noch einold merry England* lebt, und Strindbergs zwei weihnachtliche Dramen:Advent* undFröh- vche Weihnacht*, die aber nur dem tieferen, religiösen Grübelsinn Freude machen dürsten.

zimmer liegen zu ebener Erde, und daher kann der Vorübergehende leicht, ohne indiskret zu sein, in das Innere von Hunderten und Tausende« dieser vornehmen Bürgerhäuser schauen. Die Räume sind alle ausnahms- los mit vorbildlichem Geschmack eingerichtet. Von der Decke, in der Mitte des Zimmers hängt der unvermeidliche Mistelzweig. In vielen Häusern erstrahlt auch der deutsche Weihnachtsbaum im Glanze seiner bunten, kleinen Lichter. Man fährt den langen exklusiven Cromwell Road eine ganze Weile entlang oder schlendert stundenlang durch die stillen, vornehmen Squares und sieht überall das gleiche, dem Auge schmeichelnde Bild.

Unter dem Mistelzweig, vor dem lodernden Kamin, in tiefen be­quemen Sesseln sitzen sie behaglich ausgestreckt die distinguiert geklei­deten englischen Ladies mit ihren feinen, zarten Zügen und männlichen Bewegungen und di« Smoking oder Frack tragenden Gentlemen mit der Pfeife im Munde und dem Weinglas in der Hand. Als lebende Ver­körperung eines soliden Reichtums und geordneter Verhältnisse sitzen sie da und führen (man hört es förmlich ...) leise dahinplätschernde, ange­nehm nichtssagende Gespräche oder schweigen mitunter stundenlang, was man dann erst recht eineconversation anglaise" nennt.

Wahrscheinlich ist es aber heule, daß sie sich über die vielen, kostbaren Geschenke unterhalten, die sie sich gegenseitig gemacht haben. All die letzten Wochen hindurch waren die großen Geschäftsstraßen, wo die Leute von Westend einkaufen Regent Street, Haymarket, Piccadilly, Bond Street brechend voll gewesen und die Bevölkerung von London hat in den vier Weihnachtswochen dieses Jahres für nicht mehr und nicht weniger als zwei Milliarden Goldmark Geschenke eingekauft! Dieses ist wohl der beste Beweis dafür, daß der Reichtum, der noch heute in England herrscht, in der Tat ganz ungeheuer ist. Und die Mehrzahl der Engländer liebt eben nur ganz solide, ganz gute und ganz alte Sachen. Altes Silber, edle feine Goldschmiedearbeit aber ist am beliebtesten, und damit treiben die besser situierten Engländer von heute, ganz wie ihre Vorfahren, einen wahren Kultus.

Eine gute Gelegenheit, all das schöne alte Silberzeug zu zeigen und zu bewundern, gibt derChristinas Dinner", wenn der korrekte, glatt­rasierte Diener die Herrschaften zur Tafel ruft. Auf der spiegelblank polier­ten Mahagoni-Tischplatte stehen vier silberne Queen-Anne-Leuchter und ihr unaufdringliches Licht spiegelt sich wieder im matten Silber der Bestecke, der Brot- und Fruchtkörbe, der Senf- und Salzdosen und all der tausend silbernen Bagatellen, an denen eine gepflegte englische Tafel so reich ist. Der Mahlzeit erhabener Höhepunkt ist der Weihnachts» t r u t h a h n, den der Hausherr voller Weihe tranchiert und der mit seiner Ingwer-Füllung und all den anderen Jngredenzien für einen kontinen­talen Magen ein recht schwer verdauliches Gericht ist. Dasselbe läßt sich vom duftenden und dampfenden Weihnachtspudding sagen, bet dessen Einzug die Kerzen ausgelöscht werden, wonach das Tafelsilber, nur von der garten Spritflamme des Puddings erleuchtet, noch um eine Nuance vornehmer als zuvor funkelt. Mittendurch und vorher und nadp her trinkt man recht viel von all den guten Weinen, die John Bulm Lieferanten ihm von allen Enden der Welt zutragen. Und nach deren reichlichem Genuß stellt sich dann von selbst die befriedigende Gewißheit ein einen recht fröhlichengood old-fashioned Christinas* Abend ver­bracht zu haben ...

England ist seit jeher dafür bekannt, daß der Gegensatz zwischen arm und reich in diesem Lande ganz besonders groß, ganz besonders schreiend ist. Das war schon zu Charles Dickens' seligen Zeiten so und das ist heute nicht viel anders geworden. Daher ist es kein Wunder, daßgood old-fashioned Christmas* in Castend nur ein Bild von Elend, Misere und Armut, in schmutzigen, dunklen, mit trunkenem Volk angefüllten Stra­ßen und Gassen darstellt.

Die Zahl der Public-Bars ist hier doppelt so groß, wie in Westend an jeder Straßenecke ist eine. Die klapprigen Türen gehen dauernd auf und zu: man sieht in vollgerauchte, stickige Stuben, vollgepfropft mit trun» Jenen Frauen und Männern, deren Kleidung um vieles armseliger, zer­lumpter ist, als die des kontinentalen Proletariats gleicher Stufe. Vor den Türen der Bars drängen sich stets einige eingeschüchterte, halbver­hungerte Kinder, die auf ihre, im Inneren sich betrinkenden Mütter harren. Das istold merry Christmas" dieser Leute. Traurig fürwahr ...

Etwas Fröhlichkeit in diese Welt der Unsauberkeit und Trunkenheit bringen nur die zahlreichen Straßensänger und Musikanten hinein, die besonders um die Weihnachtszeit London förmlich überschwemmen. Kleine Buben, sog.Carol singer" singen zu drill und zu viert und sind beson­ders beliebt. Nigger gröhlen zur Laut« und tanzen einen Step dazu. Auch sieht man viele schottische Dudelsack-Pfeifer, die immer zu zweit auftreten und gleichzeitig mit dem Musizieren allerhand ulkige Sprünge vollführen. Die Schotten sindold-fashioned", und das Volk in Castend liebt, genau so wie die Reichen, alles wasold-fashioned" ist, nur daß bei ihnen auch die schreiende Armut und das graue Elend dazu gehören ...

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Weihnachten in Westend und Castend sind beide in ihrer Art für Eng­land charakteristisch. Will man aber den wirklichen, anheimelnden Hauch der englischen Weihnachtspoesie auf sich einwirken lassen, sd muß man aufs Land gehen, nach Surret), Esser, Worcestershire oder noch weiter. Man fährt dorthin allerdings nicht mehr in der alten, hohen, mm sechs Pferden gezogenenChristmas-Coach", aber ein xbeliebiges Auto bringt einen trotzdem in eine völlig verschlafene, stille Welt eine Wett, wo die Helden Dickensscher Weihnachtsgeschichten noch alle lebendig finfc und stets mit Freuden jeden Gast in ihrem frohen und zechenden Streif« aufnehmen.

Da kenne ich in der Nähe von Oxford eine alte Schenke, die reichlich seit 500 Jahren schon den müden Wanderer mit allerhand Spirituose« labt. Hier würde ich gerne einmal die Weihnacht verbringen. Die ge» täfelten Wände und die Balken der Decke sind von der Zeit völlig go- schwärzt. Die Räume sind niedrig und klein, aber voll unaussprechlich« Behaglichkeit. Der alte Kamin ist ein köstliches Monstrum, das hier no* mit Holz geheizt wird. Rings herum liegen auf dem Steinboden mm hängen an der Wand allerhand altertümliche Kamin-Rüstzeuge: metfr