Ausgabe 
27.12.1927
 
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nicht richtig, sagte Papa, und da mußte er umgemalt lverden und der dritte Napoleon, der Louis mit den schönen Cent gardes.

Ich habe jeden einzelnen von ihnen geliebt und liebe ihn noch. Es gab auch Bleisoldaten in Zivil. Publikum war der technische Ausdruck. Mit denen habe ich nicht minder begeistert gespielt, sogar einmal Ibsens Nora' mit ihnen aufgeführt, bis meine erschreckte Mutter das verderben­schwangere Reclamheft aus meinen Händen riß und mit dieser übereilten Handlung mein reinhardtisches Regietalent im Keime erstickte.

SBic oft habe ich schaudernd die Weihnachtstische kleiner Freunde be­trachtet. Da waren Eisenbahnen und ähnliches, was man bloß aufziehen und besehen kann, womit es aber unmöglich ist, zu spielen. Ganz blöd« steht man dabei. Man muß unbedingt ein Unglück anstiften, damit die langweilige Fahrerei etwas lebendiger wird. Ich habe später ein sehr kunstreiches Autochen gesehen; da hatte der findige Fabrikant der Phan- tnsie der Kinder auch noch das Unglück entrissen: Das Uehrlein ging von selbst entzwei, wenn man ein gewisses Federchen aufzog. Und das ist an ben Bleisoldaten liebe, was ich an ihnen so ungemein schätze und was ich ihnen danke: sie regten die Phantasie an.

Mädels haben ihre Puppen und Puppenstuben, der Junge hat nichts Gleicywertiges, wenn er nicht Bleisoldaten hat. Ich rede nicht davon, daß man bei diesen winzigen Kriegern eine Menge Geschichte wahrhaft piekend lernt; als ich ein Achtjähriger einst eineSchlacht" ge­schenkt bekam von friderizianischen Soldaten und ihren weißberockten Feinden, hielt ich die Gegner Preußens natürlich für Oesterreicher, und nie habe ich mich so geschämt, als mich der Onkel Fritz auslachte, denn es waren doch Franzosen, die man durch kleine Roßbacher Höschen noch überdies kenntlicher gemacht hatte. Doch dies beiseite.

Auf die Kameraden, die mit Papierkugeln nach den bemalten Zinn- jcheiben schossen Katapulte nannten sie gewichtig ihre Mordwerkzeuge . haben wir verächtlich herabgesehen. Das war kein Soldatenspielen. Die Katapulte beschädigten überdies die schönen Monturen der Stürzenden. O nem! Erstmal mußten mit Richters Ankersteinbaukasten ein oder zwei Dörfer gebaut werden. Stanniol deutete einen Bachlauf an, und später kamen richtige grüne Hügel aus Papiermache dazuTerrain" nannte der Kenner diese Bodenwellen. In dieser friedlichen Landschaft war zu- nachst nurPublikum" zu sehen, das sich über die Not der Zeit so tauschend unterhielt, als hätten wir 1914 bis 1926 geschrieben und nicht J?94- -öts dann auf einmal tvapptrapp eine Kaoalleriepatrouille öic Landstraße heruntergaloppiert kam und das Publikum nach Weg und Steg fragte, worauf sie mehr oder weniger frohe Antwort bekam. Ja, es munkelte auch manchmal Verrat herum. Sie Patrouille galoppierte roeiter, bis sie hinter den Hügeln Feuer bekam und zurückpreschte.

"Na nun ging's los. Bum und Krach. Hin und her wogte der Kampf bis über der Walstatt die Sonne sank und über dem Tisch die Lampe angezundet wurde. Wir waren großzügig, wir scheuten vor Jena nicht zu- nfIctmälrr ^unrerst)?rf- Wie's eben traf und wie's uns kleinen Göttern als, Wechsel erfreulich schien. Und wie die Olympischen kannten wir jedes Männlein. Noch entstnne ich mich des (Befreiten Müller IV. Er stieg aus der Masse, unbekannt, uns selbst zum Erstaunen, empor, denn eigentlich sollte er aussortiert, zur zweiten Garnitur geworfen werden, zu den Humplern ,, weil ihm ein bedeutendes Stückchen Farbe abgeplatzt war. Aber siehe, eines Tages hatte er mit feiner Sektion eine Kanone stürmen- E Hand erobert. Und die bestürzten Götter neigten sich vor tüchtiger Mannlichkett. Muller IV. hat es bis zum Oberst gebracht! Wir liebten ibn unbändig, wegen feiner schlichten, heldenhaften Pflichterfüllung, ob­schon er doch wissen mußte, daß er aussortiert werden sollte, und so ließen wir ihn sich wandeln in unfern bisherigen Liebling, den Leutnant von Zeschwitz. der darob fallen mußte; denn also beschlossen die Götter im hohen Rat.

Auch andere Tragödien gab es, unter denen wir selber litten. Die Geschichte vom edlen Brill er hieß wirklich Brill will ich gar nicht erst erzählen, der Leser mochte darüber tiefsinnig werden; es war da etwas mit einem Mädchen, das zweie liebten genug. Wir Knirpse durch- kbten und durchbebten kleine Schicksal«, die wir selbst schufen, an den Mittwoch- und Sam s ta gn achmittagen, wenn Detter Karl zum Spielen

IIito Ostern! Ostern war die große Parade über des Heeres größten Teil Da taten sich Onkels Kasten auf, da wurde Waterloo ausgestellt. Großpapa gab fein Arbeitszimmer her und Großmama die Tischplatten. Und nun wurde aufgebaut, nach den Karten des Generalstabswerkes, ver­steht sich. Da rückten sie an, die alten Garden gegen Hougomont und bei Dlancenoit brach's blau aus dem Bois de Paris. Freilich, das war kein Spiel, wir gingen scheu um das große blitzende Geschehen dieser kleinen Männerchen und deuteten still auf Michel Ney, der doch wenig darauf blutend vor einer Mauer liegen sollte, in Zivil; mir hätten ihm gegönnt, daß 'hn hier eines Bergschotten Kugel träfe. Und da war General Scharn- borst, und Blücher lachte, und Cambronne fluchte, und es schwieg der Kaiser im starrenden Karee. Wer hätte da laut reden wollen ...

Weihnachten im Leben unserer Dichter.

Mitgeteilt nach den Quellen von Sr. Ernst Ameln s.

Bon allen Schöpfungen Schillers hat bekanntlich die Wallenstein- tnlogie die intensivste Materialbeschäftigung und längste Zeitdauer bean- jprucht, so daß man, wenn man von der Anregung durch die Studien zumDreißigjährigen Krieg" ausgeht, beinahe ein Dezennium dafür ansetzen kann. Auf die eigentliche Ausführung der drei Teile entfallen allerdings nur etwa zweieinhalb Jahre, von Ende 1796 bis zum Frühjahr 1799;aber wiederum hat der erste, äußerlich kleinste TeilWallensteins Lager" fast zwei Jahre davon nur für sich allein erfordert, während der bamit sogleich am 18. Oktober 1798 erzielte riesige Theatererfolg in Weimar auf den Fortgang des Ganzen jetzt offenbar entscheidend ein« gewirkt hat. Zunächst nämlich so günstig auf die Ausführung derPicco- lomini", daß deren fünf lange Akte etwas, das Goethes höchstes Cr- ftaunen hervorrief, der öfter an dem Fertigwerden desWallenstein" überhaupt gezweifelt hatte! nach kaum zwei Monaten, am Heilig­abend 1798 fertig vorlagen; freilich unter welchen auch äußeren

Bedrängnissen" davon erzählt Schillers Brief an Goethe, von Jena aus, eben an demselben

24. Dezember 1798.

»2ch setze mich mit einem sehr erleichterten Herzen nieder, um Ihnen ju schreiben, daß die Piccolomini soeben an Jffland*) abgegangen sind. Er hat mich in seinem Briese so tribuHert und gequält, zu eilen, daß ich heute meine ganze Willenskraft zusammennahm, drei Kopisten zu­gleich anstellte, und (mit Ausschluß der einzigen Szene im astrologischen Zimmer, die ich ihm nachsende), das Werk wirklich zustande brachte. Eine recht glückliche Stimmung und eine wohl ausgeschlafene Nacht haben mich sekundiert, und ich hoffe, sagen zu können, daß die Eile dem Geschäft nichts geschadet hat. So ist aber auch schwerlich ein hei­liger Abend auf dreihigMeilen in der Runde voll­bracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst, nicht fertig zu werden. Jsfland hat mir seine Not vorgestellt, wenn er in den zwei nächsten Monaten der eigentlichen Theaterzeit nichts hätte, wodurch er die Opern, welche frei gegeben werden, balancieren könnte, da er, in seiner Rechnung auf das Stück, auch an nichts anders gedacht hätte, und gab mir den Verlust bei dem versäumten Tempo auf vier­tausend Thaler an ..."

Nachdem dann am 30. Januar 1799 diePiccolomini" zum erstenmal in Weimar und fast gleichzeitig mit Berlin über die Bühne ge­gangen waren und ebenfalls Beifall gefunden und Begeisterung geweckt hatten, war bann in wieder nur zwei Monaten auchWallensteins Tod" im Manuskript beendigt, am 20. April desselben Jahres aber bereits auf den Brettern.

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Jean Paul, der uns ja in fast allen feinen Werken Autobiogra­phisches genug gegeben hat, nur in jenen keineswegs für alle Leser so leicht entzifferbaren Runen und Symbolen eines immer eigenen phan­tastischen Stiles, konnte, wie einer seiner Nachkommen, Ernst F ö r st e r, berichtet, die einmal bereits begonnene regelrechte Erzählung des eigenen Lebens niemals zu Ende sichren. Sie blieb schon bei derKinder­geschichte" stecken, denn ihnerschöpfte und ermüdete jede Darstellung ohne Erfindung". Derselbe Förster hat nun aber direkt nach den persön­lichen Erinnerungen der beiden überlebenden Töchter, sowie aus den Familienpapieren, jenen kleinen Torso von ihm selbst:Aus Jean Pauls Leben; erste, zweite und dritte Vorlesung und drei Beilagen" zu ergänzen gesucht und in der Reimerschen ersten Gesamtausgabe Jean Pauls bildet diese Biographie den letzten, nämlich 34. Band und dort lesen wir von einer der Töchter auch diesen Bericht über Jean Pauls Weihnachten:

Unser Hauptfest war Weihnachten, in das der Vater früher noch den Heiligenschein des bescherenden Christkindchens warf. Schon vierzehn Tage' vorher ließ er einzelne Lichter daraus über die Bretter gehen. Waren wir den Tag über recht gut gewesen und er kam abends aus der Harmonie, so brachte er oft einige Stücke Marzipan mit und sagte uns:Heut, Ihr Kinder, ging ich in den Garten die Harmonie (in Bayreuth) hat einen hinaus, und wie ich da den Himmel anfehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen und da sitzt das Christkindchen drauf und sagt mir, weil Ihr heut so gut gewesen seid, wolle es Euch auch was schicken". Oder er rief auf einmal mitten im Erzählen, wo wir auf seinem Kanapee hockten in ber finstern Stube:Habt Ihr nichts gehört?" Nein, sagten wir.Ich aber, das Christkindchen roars"; und da langte er zum Fenster hinaus und ein wenig Marzipan herein. In der Weihnachtswoche ging er selber auf den Markt und kaufte ein. Wenn wir ihn nun zurückkommen sahen und der Mantel mehr als ihn um­schloß, was sich durch die Höcker und Ecken, in die seine Paar Falten ausgefpannt waren, verriet, und wir die Treppe hinunter dem Vater entgegenrannten und uns an ihn anhängen wollten, so rief er listig zornig:Seins rührt mich an!", und, nachdem er im verschlossenen Zimmer alles versteckt, aber doch absichtlich wieder ein rotes oder Gold­papierchen hatte liegen lassen, ober einen bunten Span, durften wir hinein. Am heiligen Abend selber kannte er das Bescheren nicht erwarten. So­bald es dämmerte, mußten wir fort, und mit der Dunkelheit wurden wir schon gerufen und bann konnten wir uns nicht genug für ihn freuen."

In Friedrich HebbelsTagebüchern", (die auch sonst von so viel Liebe gerade zu Tieren erzählen), findet sich aus den Weihnachtstagen des Jahres 1859 Hebbel lebte damals in Wien folgende hübsche Geschichte:

Den 23. Dezember 1859, morgens 10 Uhr: Komme eben von einer schweren Arbeit. (Hebbel arbeitete damals amder Nibelungentrilogie.) Beim Kaffee erzählt meine liebe Frau, sie habe im Traum den kleinen Sind- sal, unser armes, blindes Hündchen, in neu verjüngter Gestalt gesehen; mit glänzenden Augen und schönen langen Ohren habe er bittend mit seinen zierlichen Pfötchen bei mir auf dem Sofa gesessen. Nach dem Frühstück fragt mich die Marie, ob sie es der gnädigen Frau sagen dürfe, sie habe den kleinen Sindsal heute morgen in feinen Tüchern t»t gefunden. Es tat mir sehr weh und ich habe ihn in eine Schachtel gelegt und in ein weißes Tuch gewickelt, sowie mit dem bißchen Grün, -das sich im Haus« oorfanb, bedeckt, im Keller begraben, nicht ohne ihm die vier kleinen Pfötchen noch einmal zu drücken und seinen steifen, kalken Körper mit den Lippen zu berühren. Nie gab es ein treueres, anhänglicheres Sier; wer das als Mensch wäre, was er als Hund gewesen ist, von dem würde nicht mehr verlangt werden.

Den 25. Dezember 1859. So schrieb ich am 23. Als ich am ersten Weihnachtstag, nach froh im alten Kreise verlebtem Christabend, das Haus verließ, um vor Tisch ein wenig spazieren zu gehen, bemerkte ich in der Kärnlhnerstratze einen Mann, der einen großen Christbaum und zugleich ein allerliebstes Hündchen von der Farbe des unsrigen trug. Mich rührte der Anblick und ich folgte ihm nach, weil mein Weg mich ohnehin vors Tor führte. Draußen setzte er seinen Baum nieder und

*) den Berliner Theaterdirektor.